Ich folge deinem Schatten

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. April 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11368-1 (ISBN)
 
Spurlos verschwand ihr Kind

Zwei Jahre ist es her, dass für Zan Moreland ein Albtraum begann: Am helllichten Tag wurde ihr kleiner Sohn Matthew im Central Park entführt. Die polizeilichen Ermittlungen und ihre eigene verzweifelte Suche blieben ohne Ergebnis. Doch ausgerechnet an Matthews fünftem Geburtstag tauchen Fotos auf, die damals im Park geschossen wurden. Sie zeigen im Hintergrund die Frau, die Matthew aus dem Kinderwagen stiehlt. Es scheint Zan selbst zu sein. Oder treibt jemand ein unmenschliches Spiel mit ihr?

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 13,48 MB
978-3-641-11368-1 (9783641113681)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Mary Higgins Clark, geboren in New York, lebt und arbeitet in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke sind ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führt Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie hat bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Einsam bist du und allein«.

2

Es war der 22. März. Wenn er noch am Leben ist, dann wird Matthew heute fünf Jahre alt, ging es Zan Moreland durch den Kopf, als sie die Augen aufschlug, minutenlang reglos dalag und sich die Tränen wegwischte, die im Schlaf oft ihre Wangen und das Kopfkissen benetzten. Sie sah zur Uhr auf der Ankleide. Es war 7.15 Uhr. Sie hatte fast acht Stunden geschlafen. Was daran lag, dass sie vor dem Zubettgehen eine Schlaftablette genommen hatte. Das gestattete sie sich nur selten. Aber wegen des anstehenden Geburtstags hatte sie fast die ganze zurückliegende Woche keinen Schlaf finden können.

Langsam erinnerte sie sich an Bruchstücke ihres stets wiederkehrenden Traums, in dem sie nach Matthew suchte. Diesmal hatte sie sich wieder im Central Park aufgehalten, hatte unermüdlich seinen Namen gerufen und ihn angefleht, er möge ihr antworten. Am liebsten hatte er immer Verstecken gespielt. In ihrem Traum hatte sie sich eingeredet, dass er gar nicht vermisst würde. Er würde sich bloß verstecken.

Aber er wurde vermisst.

Hätte ich an jenem Tag doch nur den Termin abgesagt, dachte Zan zum millionsten Mal. Tiffany Shields, die Babysitterin, hatte ausgesagt, den Buggy mit dem schlafenden Matthew so hingestellt zu haben, dass das Sonnenlicht nicht auf sein Gesicht fiel, dann hatte sie die Decke auf den Rasen gebreitet und war selbst eingeschlafen. Erst als sie aufwachte, hatte sie bemerkt, dass er nicht mehr im Buggy saß.

Eine ältere Zeugin hatte sich bei der Polizei gemeldet, nachdem sie die Schlagzeilen über das vermisste Kind gelesen hatte. Sie berichtete, sie und ihr Mann hätten im Park den Hund ausgeführt und dabei sei ihnen aufgefallen, dass der Buggy leer gewesen sei - und das eine halbe Stunde vor dem Zeitpunkt, an dem die Babysitterin laut eigener Aussage einen Blick auf den Buggy geworfen habe. »Ich habe mir nichts dabei gedacht«, sagte die Zeugin, die ihren Zorn kaum verbergen konnte. »Ich dachte mir, jemand, möglicherweise die Mutter, ist mit dem Kind zum Spielplatz gegangen. Mir ist noch nicht einmal in den Sinn gekommen, dass die junge Frau auf ein Kind aufpassen sollte. Sie hat ja wie eine Tote geschlafen.«

Und schließlich hatte Tiffany zugegeben, dass sie sich zudem nicht einmal die Mühe gemacht habe, Matthew festzuschnallen, da er tief und fest geschlafen habe, als sie die Wohnung verlassen hatten.

War er von allein herausgeklettert, hatte ihn jemand an der Hand genommen und war mit ihm weggegangen?, fragte sich Zan zum wiederholten Mal. Es gab Leute, die auf so etwas nur warteten. Bitte, Gott, lass nicht zu, dass so etwas geschehen ist.

Matthews Bild war in allen Zeitungen des Landes und im Internet veröffentlicht worden. Ich habe gebetet, jemand, der einsam war, habe ihn vielleicht nur mitgenommen und dann nicht den Mut gefunden, sich zu seiner Tat zu bekennen. Ich habe gehofft, der Entführer würde sich irgendwann stellen oder Matthew irgendwo absetzen, wo er gefunden werden konnte, dachte Zan. Aber auch nach fast zwei Jahren gibt es nicht den geringsten Hinweis auf meinen Sohn. Wahrscheinlich hat er mich mittlerweile längst vergessen.

Langsam setzte sie sich auf und strich sich die langen kastanienbraunen Haare aus dem Gesicht. Trotz ihrer regelmäßigen Fitnessübungen fühlte sie sich steif und verkrampft. Das komme von der Anspannung, hatte ihr der Arzt gesagt. Sie lebe damit Tag und Nacht. Sie schwang die Füße aus dem Bett, streckte sich und stand auf, ging zum Fenster und nahm den frühmorgendlichen Anblick der Freiheitsstatue und des New Yorker Hafens in sich auf.

Die Aussicht war der Grund gewesen, warum sie ein halbes Jahr nach Matthews Verschwinden diese Wohnung gemietet hatte. Sie musste weg aus dem Apartmentgebäude in der East Eighty-sixth Street, wo ihr das leere Zimmer mit seinem kleinen Bett und den Spielsachen Tag für Tag aufs Neue fast das Herz gebrochen hatte.

Zu diesem Zeitpunkt war ihr auch bewusst geworden, dass sie zumindest versuchen musste, so etwas wie Normalität in ihr Leben zu bringen. Daher hatte sie sich mit ganzer Kraft auf ihr kleines Innendesign-Büro gestürzt, das sie nach ihrer Trennung von Ted gegründet hatte. Sie waren nur so kurz verheiratet gewesen, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Trennung noch nicht einmal gewusst hatte, dass sie schwanger war.

Vor ihrer Ehe mit Ted Carpenter hatte sie als Assistentin beim berühmten Designer Bartley Longe gearbeitet. Schon damals hatte sie als aufstrebender Star in der Branche gegolten.

Ein Kritiker, der wusste, dass Longe ihr während eines ausgedehnten Urlaubs ein ganzes Projekt anvertraut hatte, war ausführlich auf ihre erstaunliche Fähigkeit eingegangen, Stoffe, Farben und Einrichtungsgegenstände so aufeinander abzustimmen, dass sie exakt den Geschmack und den Lebensstil des Hauseigentümers widerspiegelten.

Zan schloss das Fenster und eilte zum Schrank. Sie schlief gern im Kühlen, ihr langes T-Shirt aber schützte nicht vor dem Durchzug. Sie hatte sich absichtlich für heute einen engen Terminplan verordnet. So griff sie sich ihren alten Morgenmantel, den Ted so sehr gehasst und über den sie lachend gesagt hatte, in ihm fühle sie sich sicher. Er war für sie zu einem Symbol geworden. Wenn sie aufstand und in ihrem Schlafzimmer war es fröstelnd kalt, musste sie nur den Morgenmantel anlegen, und ihr wurde warm. Von der Kälte zur Wärme, von der Leere zur Überfülle; der vermisste Matthew, der wiedergefundene Matthew; der Matthew, der wieder bei ihr zu Hause und in ihren Armen war. Matthew hatte sich immer sehr gern mit ihr in den weichen Stoff gekuschelt.

Keine Versteckspiele mehr, dachte sie sich, blinzelte die Tränen weg, knotete den Gürtel fest und schlüpfte in ihre Flip-Flops. Hatte Matthew nur spielen wollen, als er aus dem Buggy geklettert war? Aber ein unbeaufsichtigtes Kleinkind hätte anderen doch auffallen müssen. Wie lang hatte es gedauert, bis jemand ihn an der Hand nahm und mit ihm verschwand?

Es war ein außergewöhnlich heißer Junitag gewesen, im Park hatte es von Kindern nur so gewimmelt.

Steigere dich nicht wieder hinein, ermahnte sich Zan, als sie durch den Flur in die Küche ging und sofort die Kaffeemaschine ansteuerte, deren Timer auf sieben Uhr eingestellt war. Die Kanne war bereits voll. Sie schenkte sich eine Tasse ein und holte aus dem Kühlschrank entrahmte Milch und den Obstsalat, den sie in einem nahe gelegenen Lebensmittelladen gekauft hatte. Dann stellte sie den Obstsalat wieder zurück. Nur Kaffee, dachte sie. Mehr will ich nicht. Ich weiß, ich sollte mehr essen, aber heute werde ich nicht damit anfangen.

Beim Kaffee ging sie ihre Termine durch. Gleich nach der Ankunft im Büro stand das Treffen mit dem Architekten eines neuen tollen Apartmenthochhauses am Hudson River an, wo sie drei Musterwohnungen gestalten sollte; es wäre der entscheidende Durchbruch, sollte sie den Auftrag bekommen. Ihr wichtigster Konkurrent war ihr alter Arbeitgeber, Bartley Longe, der es ihr äußerst übel nahm, dass sie ihr eigenes Büro aufgemacht hatte.

Du hast mir eine Menge beigebracht, dachte Zan, auf deinen Jähzorn aber kann ich gut und gern verzichten. Ganz zu schweigen von deiner üblen Anmache. Sie wollte jetzt nicht an den schrecklich peinlichen Tag denken, als sie in Longes Büro einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.

Sie nahm die Kaffeetasse mit ins Badezimmer, stellte sie auf den Toilettentisch und drehte die Dusche an. Das dampfende Wasser lockerte ein wenig ihre verspannten Muskeln, und nachdem sie sich Shampoo aufs Haar gegeben hatte, massierte sie es kräftig ein. Auch eine Möglichkeit, den Stress zu lindern, dachte sie verstimmt. Aber im Grunde gibt es für mich nur eine Möglichkeit, den Stress zu lindern.

Denk nicht daran, ermahnte sie sich erneut.

Als sie sich abrubbelte, fühlte sie sich schon etwas frischer. Energisch trocknete sie sich die Haare, dann, wieder im Morgenmantel, trug sie Mascara und Lipgloss auf, woraus ihr gesamtes Make-up bestand. Matthew hat Teds Augen, dachte sie, in diesem wunderbaren dunklen Braunton. Ich habe ihm immer dieses Lied vorgesungen, »Beautiful Brown Eyes«. Seine Haare waren damals noch blond gewesen, trotzdem hatte man schon ein paar Rottöne erkennen können. Vielleicht wird er auch so knallrot wie ich als Kind. Damals habe ich es gehasst. Ich würde aussehen wie Anne auf Green Gables, habe ich Mom gesagt, dürr wie eine Bohnenstange und geschlagen mit schrecklich karottenroten Haaren. Aber an ihm würde es entzückend aussehen.

Ihre Mutter hatte ihr damals gesagt, keine Sorge, Anne hätte mit zunehmendem Alter ihren Körper schon ausgefüllt, und auch ihre Haare wären zu einem warmen, tiefen Kastanienbraun nachgedunkelt.

Mom hat mich immer geneckt und mich Green Gables Annie genannt, dachte Zan. Auch daran wollte sie an diesem Tag nicht denken.

Ted hatte darauf bestanden, dass sie am Abend mit ihm zum Essen ging, nur sie beide. »Melissa wird es sicherlich verstehen«, hatte er ihr am Telefon gesagt. »Ich möchte unseres Jungen gedenken, zusammen mit dir, dem einzigen Menschen, der weiß, wie ich mich an seinem Geburtstag fühle. Bitte, Zan.«

Sie waren also um 19.30 Uhr im Four Seasons verabredet. Das einzige Problem, wenn man in der Battery Park City wohnte, waren die Staus von und zur Innenstadt, dachte Zan. Ich habe keine Lust, noch mal zurückzukommen, um mich umzuziehen, aber ich habe auch keine Lust, ein zweites Outfit mit ins Büro zu nehmen. Ich werde das schwarze Kostüm mit dem Pelzkragen anziehen. Das muss elegant genug für den Abend sein.

Eine Viertelstunde später war sie unten auf der Straße;...

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