Collin

Stefan-Heym-Werkausgabe
 
 
C. Bertelsmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27841-0 (ISBN)
 
Heyms schonungslose Abrechnung mit der stalinistischen Vergangenheit der DDRZwei sterbenskranke Männer haben miteinander gewettet, wer von ihnen seine Krankheit überstehen und den Widersacher überdauern wird. Der eine, Schriftsteller und Staatspreisträger, will überleben, um seine Memoiren zu schreiben und eine alte Schuld zu tilgen, die schwer auf ihm lastet. Der andere, ein Stasifunktionär, will das Erscheinen dieser Memoiren verhindern, weil darin etwas über ihn offenbart würde, was er lieber im Dunkel weiß. Stefan Heym inszeniert in »Collin« eine rückhaltlose "Suche nach dem Verlorenen, den Leichen im Keller, den von den Planierraupen der Parteiräson Zermalmten, nach den >Sünden der Väter<.« Der SPIEGELHeyms provokantester und hellsichtigster Roman über die Nachwirkungen des Stalinismus macht deutlich, warum die DDR ein Jahrzehnt später scheitern musste. Bei C. Bertelsmann erstmals 1979 erschienen, als Penguin-TB endlich wieder lieferbar!
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
C. Bertelsmann
  • 2,68 MB
978-3-641-27841-0 (9783641278410)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1953 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 in Israel. »Collin« erscheint im Rahmen dieser Werkausgabe erstmals als E-Book.

3


Sie hatten sich auseinandergelebt.

Wann fängt so etwas an und womit, und ist das Ende schon durch den Anfang gegeben? Zu große Erwartungen vielleicht, zu hohe Ansprüche? Lag es an ihm, an ihr?

Das erste böse Wort, die erste falsche Geste, eine Auseinandersetzung worüber, genau erinnerte Christine sich nicht, es war einer relegiert worden wegen irgendeiner falschen Äußerung, Andreas hätte aufstehen sollen in der FDJ-Leitung, für den Jungen eintreten, oder beim Dekan protestieren, ich bin kein Erzengel, hatte er gesagt, und sie, du denkst immer nur an dich, dein Vater hätte da ganz anders gehandelt, und er, ich bin aber nicht mein Vater, du hättest meinen Vater heiraten sollen. Was wollte sie, einen Ritter, der sie zu sich aufs Roß hob und mit ihr davonritt, die Drachen dieser Welt zu erschlagen? Die Zeit der Ritter war vorbei, sie war eine selbständige Person, die sich ihre selbständigen Gedanken machte, ihr zukünftiger Schwiegervater, der ihr Bürge gewesen war bei ihrem Eintritt in die Partei, hatte in seinem Brief geschrieben: Christine Neher stellt Fragen und prüft, setzt sich dann aber auch ein für das, was sie als richtig erkannt hat. Sie war eine selbständige Person, und sie hatte im Betrieb gearbeitet, pharmazeutische Produkte, sie kannte die abstumpfende Gleichförmigkeit der Bewegungen, den Schweißdunst, das Flirren vor den Augen, und erst dann war sie zum Studium delegiert worden, von ihrem Betrieb, es hieß, sie wäre begabt und zielstrebig, lauter schöne Eigenschaften, die ihr da bestätigt wurden.

Später bilden sich Verhaltensweisen, man weiß, wie der andere reagieren und wie man selber ihm erwidern wird; dazwischen liegen Perioden, jeweils immer kürzer werdend, in denen man versucht, versöhnlich zu wirken, auszugleichen, Gefühle von einst zu restaurieren; plötzlich dann, erschreckend, ein Ausbruch, mein Gott, klang das nicht schon wie Haß; und schließlich die obligate grundsätzliche Aussprache samt Analyse der Fehler, meiner, deiner, und dem festen Entschluß, auf Grund der gewonnenen Erkenntnisse ein Neubeginnen. Aber da hat sich wohl schon zuviel angehäuft; Veränderungen sind eingetreten im Wesen des Mannes und im eigenen, was gestern noch wegwischbar war, hat sich heute eingefressen in die Seele.

Unerquicklich das Ganze, weil so alltäglich, und wir möchten doch glauben, ein jeder von uns, daß wir nicht zu den Alltäglichen gehören. Und dann hatte es sie doch berührt, wo sie nicht mehr berührt werden wollte: der graue Saal, der schlecht gewischte Fußboden, die trüben Fenster, die Bänke und Tische mit den Spuren der Jahre, und die Richterin, eine gütige Person, mahnend im Falle Roth gegen Roth, können Sie nicht doch, Herr Doktor Roth, Frau Doktor, denken Sie an das Kind. Er tat einen halben Schritt auf sie zu, und einen Moment lang sah sie den Mann, dessen nackte Haut sie gespürt hatte unter ihren Fingerspitzen.

Christine stellte den Nähkorb zur Seite, Wölfchens Jeans noch einmal geheilt, echte Jeans, echt verblichen, sein kostbarstes Kleidungsstück, da hatte er feste Meinungen. Gerade weil sie an den Jungen gedacht hatte, der nicht unter den Spannungen zwischen ihr und Andreas leiden, nicht mit gespaltenen Gefühlen aufwachsen sollte, hatte sie abgelehnt: es ist wohlüberlegt, hatte sie der Richterin erklärt, mein Mann wird es bestätigen, wir haben es abgesprochen, wir gehen ohne Streit auseinander, es sind nützliche Jahre gewesen, aber jetzt wünschen wir die Trennung, einen sauberen Schnitt, mein Mann ist Chirurg, es ist sein Ausdruck, jetzt, nicht später, jetzt sind wir noch in den Jahren, in denen man wieder anfangen kann, mein Mann war sehr großzügig, er hat sich einverstanden erklärt, daß das Kind mir bleibt und damit die Wohnung, selbstverständlich kann er Wölfchen besuchen kommen.

Sie sind intelligente Menschen, hatte die Richterin gesagt, Sie müssen wissen, was Sie tun. Christine lauschte den Schritten im Vorraum. Sie legte die geflickten Jeans zusammen, das blaugestreifte Nickihemd. Andreas klopfte. »Komm rein.«

Er trat ins Zimmer. »Ich will dir nur das Geld geben, für den Jungen, für die Miete, für den ganzen anteiligen Kram«, und legte ein paar Scheine auf den Tisch.

»Tee?«

»Immer.«

Sie goß ein. Er zog einen Stuhl heran, setzte sich ihr gegenüber, blies auf seinen Tee, betrachtete sie. »Nein, es ist noch immer nichts. Im Krankenhaus sagen sie, vielleicht nächstes Jahr.«

»Hör zu, mein Lieber, manchmal habe ich das Gefühl, du bemühst dich gar nicht. Du fühlst dich ganz behaglich hier, und jede Veränderung ist dir zuwider, das war schon immer so.«

»Sobald es wärmer ist, ziehe ich wieder an den Paetz-See. Aber du wirst nicht von mir erwarten, daß ich zu dieser Jahreszeit in einer Datsche hause, die nicht zu heizen ist.«

»Und was ist mit den Versprechungen deiner Kaderabteilung?«

»Der Seitenflügel wird gebaut, irgendwann. Aber wie soll ich mich stark machen wegen einer Dienstwohnung, solange die Patienten auf dem Korridor liegen. Es ist bei uns nicht so wie bei dem vornehmen Herrn Gerlinger, der einen Patienten pro Zimmer hat oder höchstens zwei.«

Sie biß sich auf die Lippe. Andreas Roth als Fürsprecher der Elenden und Unterdrückten; er hatte eine herrliche Art, sie ins Unrecht zu setzen. »Und das Wohnungsamt? Ärzte werden bevorzugt versorgt, heißt es, Ärzte werden gebraucht, Ärzte dürfen nicht verärgert werden.«

»Hinter der Fluchtwelle steckt eine Organisation, das weißt du.«

»Organisation, gewiß; aber warum gehen die Ärzte?«

»Was fragst du mich?«

»Du bist in der Parteileitung, du hast doch die Antworten.«

Er lachte, beugte sich über sie. Sie entzog sich ihm. »Ich bin dir doch wahrhaftig keine Last«, sagte er. »Ich mache mein Zimmer sauber, ich wasche selber ab, wenn ich mir was koche, und ich kümmere mich um den Jungen.«

»Eben«, sagte sie und dachte an Wölfchens unsichere Freude beim Wiedereinzug des Vaters; gerade hatte sie ihm mit großer Mühe klargemacht, was das ist, Scheidung, und warum und wieso; man kann doch die Gedanken und Gefühle eines Kindes nicht immerzu umpolen. Oder die eigenen. Da war die Nacht gewesen, man saß zusammen und redete, harmlos genug, aber Andreas trank und später auch sie, und sie zog sich doch wieder für ihn aus; er tat außerordentlich erregt, wie in den besten Zeiten, nur fror sie auf einmal und lag praktisch fühllos, bis er von ihr abließ. »Eben«, wiederholte sie, »du schaffst nur Konflikte.«

Er zuckte die Achseln und blickte sich um, worüber ließ sich noch sprechen, und bemerkte das Buch auf dem Tisch und fragte: »Collin? Liest du ihn wieder?«

»Ich habe angefangen.«

»Sie haben diesen Collin zu sehr hochgejubelt. Wenn einer zur Pflichtlektüre ernannt wird in den Schulen und seine Bücher als Prämien verteilt werden zusammen mit Blümchen und Urkunden mit geprägtem Siegel, ich weiß nicht. Ich hab nichts gegen ihn. Im Gegenteil, mich hat er immer beeindruckt, diese Berliner Arbeiter, die er geschildert hat, wie sie sich herumschlugen mit der SA, und Spanien dann, die Menschen dort, Guadalajara, Madrid du Wunderbare, und später die Sache mit dem Chemiewerk, Ost West, wie anders die Leute sich entwickeln, die Problematik hat er schon erfaßt, aber vielleicht doch ein bißchen einseitig das Ganze, manchmal meine ich, es ist nicht mehr unsere Welt.«

»Und wieso nicht?«

»Seine Welt ist in Ordnung, sein Schema stimmt noch. An den Niederlagen sind immer die anderen schuld. Er stellt nichts in Frage.«

»Und was stellst du in Frage?«

»Da ich keine Bücher schreibe, kann ich mir sparen, das jeweils Gültige anzuzweifeln.«

Sie betrachtete ihn, das verflachte Gesicht, die Züge ohne Prägnanz; was war aus dem Mann geworden, der einst so große Erwartungen in ihr erzeugt hatte. »In deiner Welt geht es nicht einmal um irgendeine Ordnung oder Unordnung«, sagte sie. »In deiner Welt strebt man nur danach, glatt über die Runden zu kommen. Das war auch, glaube ich, mein eigentlicher Scheidungsgrund. Die Weibergeschichten wären zu ertragen gewesen.«

»Das hast du von deinem Pollock?«

»Er ist nicht mein Pollock. Und deine Person war kaum je Gesprächsthema zwischen ihm und mir.«

»Was streiten wir uns?« Eine Handbewegung. »Und noch dazu wegen Collin. Woher überhaupt dein plötzliches Interesse an dem Mann?«

»Wir haben ihn in unsrer Klinik.«

»Infarkt?«

»Wie kommst du auf Infarkt?«

»Die, bei denen die Welt in Ordnung ist, verdecken zumeist nur das eigene Chaos. Ich kenne die Menschen, ich schneide sie auf. Sie haben im Innern alle das gleiche Gekröse.«

»Es war aber kein Infarkt.«

»Dann kommt er eben noch.«

Sie ärgerte sich. »Immerhin hat der Mann einmal gekämpft. Wirklich gekämpft, so wie dein Vater damals. Darum interessiert er mich. Und vielleicht weiß er sogar -«

»Weiß er was?«

»Ein paar Antworten auf ein paar von den Fragen.«

»Wenn er sie weiß, wird er sie dir nicht sagen. Vielleicht sagt er sie nicht einmal sich selber.« Er erhob sich. »Tschüs, Engel. Grüß Wölfchen von mir.«

»Willst du ihm nicht selbst gute Nacht sagen?«

»Du wolltest doch, daß ich Distanz halte.«

Sie blickte ihm nach, er hatte die Zimmertür offengelassen: er zog sich den Mantel an und trat vor den Garderobenspiegel, um den Seidenschal korrekt zu knoten. »Du besuchst Helma?« fragte sie.

Er lächelte.

Der elegante Herr Dr. Roth; seit der Scheidung pflegte er sein Äußeres...

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