Die Augen der Vernunft -

Stefan-Heym-Werkausgabe - Vom Autor revidierte Übersetzung
 
 
C. Bertelsmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27842-7 (ISBN)
 
Ein packender Nachkriegsroman, der die tragische Zerrissenheit dieser Zeit eindrucksvoll spiegelt.Drei einst unzertrennliche Brüder kehren nach dem Zweiten Weltkrieg nach Prag zurück: Joseph Benda, Besitzer der elterlichen Glashütte und während des Krieges englischer Offizier, der Arzt Karel Benda, der das Konzentrationslager überlebte, und Thomas Benda, sensibler Dichter und Essayist, der in den USA im Exil war. Nun müssen sie erfahren, wie anders alles in der Tschechoslowakei geworden ist. Die drei Brüder gehen angesichts der Wirren im Land sehr verschiedene Wege. In ihren Auseinandersetzungen und Konflikten spiegelt sich die tragische Zerrissenheit jener Zeit. Stefan Heyms aufrüttelnder Roman über die Nachkriegszeit, bei List Leipzig erstmals 1955 erschienen, endlich wieder lieferbar als Teil der digitalen Werkausgabe.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
C. Bertelsmann
  • 3,19 MB
978-3-641-27842-7 (9783641278427)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1953 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 in Israel. »Die Augen der Vernunft« erscheint im Rahmen dieser Werkausgabe erstmals als E-Book.

Erstes Kapitel


Die Familie würde also wieder vereinigt sein.

Alles war in diesem Krieg in die Brüche gegangen - Wirtschaft, Land, Gesellschaft, Regierung. Aber solange die Familie noch bestand, war eine Grundlage vorhanden, auf der man wieder aufbauen konnte.

Das war ein gesunder und beglückender Gedanke. Aber auch erschreckend - gab es doch in der ganzen Tschechoslowakei kaum eine Familie, die nicht in den Konzentrationslagern oder Gefängnissen, bei Dünkirchen oder am Dukla-Paß oder auf den Barrikaden von Prag einen Angehörigen verloren hatte. Joseph Benda wußte es sehr wohl: er war einer von den fünfhundert Mann, die das tschechische Kontingent in der Royal Air Force gebildet hatten, und er war einer von den ungefähr achtzig Überlebenden. Senkt die Fahnen, dämpft die Trommeln, Schweigen!

Aber die Toten hatten kein Recht, diesen Tag heute zu stören. Karel lebte, Karel kam heim - der Bruder, den man längst als verloren, tot, in irgendeinem Massengrab verscharrt aufgegeben hatte. Und dennoch stand die Familie jetzt hier, als wären sie trauernde Hinterbliebene: Lida mit maskenhaft starrem Gesicht gegen ihre Müdigkeit ankämpfend; sein Bruder Thomas abgespannt und verhärmt; Kitty, die sich zur Selbstbeherrschung zwang. Petra war die einzige, die ihre Lebhaftigkeit bewahrt hatte. Sie konnte nicht still stehen, und selbst wenn sie einen Moment lang auf einer Stelle blieb, wippte sie auf ihren dünnen Beinen auf und ab.

Liegt wohl an der Hitze, dachte Joseph, drei Stunden in dieser Glut. Die Augustsonne wurde in der Bahnhofshalle kompakt und zähflüssig und ranzig. Die Menschen stießen und drängten einander in die Staubstreifen der gelben Strahlen, die schräg durch die großen, schmutzigen Fenster fielen. Sie stießen und drängten ihn und seine Familie.

Lida hatte vielleicht recht gehabt; man hatte sich ins Restaurant im Wartesaal setzen sollen. Aber Kaffee gab es ebensowenig wie Bier, nur trübes, lauwarmes Mineralwasser mit einem ekelhaften Schwefelgeruch. Und außerdem hätte man dort die Ansage überhören können, die den Sonderzug ankündigen sollte.

Irgend etwas mußte aber unternommen werden. Seine Frau und sein Kind und sein Bruder und die Frau seines Bruders erwarteten es von ihm; er war das Familienoberhaupt, und die Uniform, die er trug, verlieh ihm gleichfalls Autorität.

Joseph straffte sich, und sofort fühlte er, wie unbequem ihm die Jacke war. Sie kniff ihn in den Achselhöhlen. Er hätte sich noch in England eine neue kaufen sollen; aber damals ging der Krieg schon seinem Ende zu, und er hatte das Geld nicht ausgeben wollen. Es wäre besser gewesen, heute Zivil zu tragen.

Er ließ die Schultern wieder sinken und sagte: »Das ist doch wirklich wunderbar! Daß wir alle wieder zusammen sein werden - nach so einer langen Zeit!«

»Glaubst du, daß dieser Zug überhaupt jemals ankommt?« fragte Lida. »Könnte nicht jemand gehen und irgendwo nachfragen?«

Joseph erkannte, daß seine wohlgemeinte Bemerkung ihre Wirkung verfehlt hatte, und seufzte verärgert. Lida machte eine Bewegung, als ob sie selbst gehen wollte, aber er hielt sie zurück. »Ich bin schon bei der Auskunft gewesen - zweimal sogar; aber da weiß auch keiner was.«

»Ich versteh das nicht!« Lida tupfte ihr Taschentuch gegen ihre hohe und jetzt verschwitzte Stirn. »In seinem Telegramm steht doch: acht Uhr früh!«

Joseph betrachtete seine Frau. Er hatte einen jener Anfälle von Hellsichtigkeit, wie sie bei ihm häufig vorkamen, seit er vor drei Monaten aus dem Krieg zurückgekehrt war. Damals in England hatte er ihren Mund nicht als so klein und dünnlippig, ihr Lächeln als so gezwungen, ihre Augen als so mißtrauisch in Erinnerung gehabt. Ich kenne sie ja gar nicht mehr, dachte er deprimiert; vielleicht habe ich sie niemals richtig gekannt.

»Immerhin war es nett von ihm, das Telegramm mit >herzlichst< zu unterschreiben«, bemerkte Lida.

Joseph sagte: »Thomas und ich haben sechs Jahre darauf gewartet, Karel wiederzusehen. Wir werden auch noch ein paar Minuten mehr warten können.« Aber seine Worte taten ihm sofort leid. Er war nicht gern unfreundlich, besonders nicht zu seiner Frau, und besonders nicht an einem Tag wie heute.

Thomas griff ein: »Es ist doch kein fahrplanmäßiger Zug, Lida! Und du weißt doch, wie der Krieg den Eisenbahnen hier mitgespielt hat .«

»Ja, ich weiß«, sagte Lida spitz. »Ich war ja hier und hab's miterlebt.«

Thomas' voller, sinnlicher Mund preßte sich zusammen. Kitty kannte diesen Ausdruck. Beruhigend legte sie die Hand auf den Arm ihres Mannes und sagte zu Lida: »Wir sind doch nicht gern von hier fortgegangen.«

»Aber fortgegangen seid ihr«, erwiderte Lida.

Thomas fuhr auf. »Es war nicht gerade eine Vergnügungsreise! Was hätte ich nach deiner Meinung denn tun sollen?«

»Karel ist hiergeblieben!« sagte Lida.

»Karel war keine bekannte Persönlichkeit!« Joseph sah, daß die Leute sich umwandten und zu ihm und seiner Familie hinblickten. Er senkte seine Stimme. »Ich mag diese Zankereien nicht. Nicht heute! Und nicht auf dem Wilson-Bahnhof!«

»Du könntest hinzusetzen: Und nicht vor meinem Kind«, schlug Lida trocken vor.

Joseph warf einen raschen Blick auf Petra. Sie hörte mit weit geöffneten Augen zu. Er suchte nach ein paar harmlosen und freundlichen Worten, die er ihr sagen könnte.

»Wie sieht er eigentlich aus?« fragte Petra.

»Wer?«

»Onkel Karel. Wie sieht er aus?«

Joseph fühlte sich erleichtert. Offenbar hatte das Kind die Tragweite des Streites nicht begriffen. »Dein Onkel Karel - ja, weißt du .« Er stockte. Thomas müßte imstande sein, Karel zu beschreiben. Thomas konnte einen Menschen so darstellen, daß er aus den Seiten seiner Bücher geradezu auf einen zuzukommen schien. Aber Thomas stand mit verkniffenem Gesicht da, seine Lippen bewegten sich noch immer, als wollte er etwas sagen, um sich gegen Lida zu verteidigen.

Kitty hatte ihren Arm durch den seinen geschoben und hielt ihre Handtasche wie einen Schild vor sie beide. »Du kannst Karel nicht als Argument gegen Thomas benutzen!« wandte sie sich gegen Lida.

»Karel war ein Idealist«, antwortete Lida. Ihr Lächeln entblößte den Silberzahn in ihrem Munde. Schlechte Dentistenarbeit, Kriegsware. Sie hatte schon seit Wochen die Absicht gehabt, von Rodnik nach Prag zu fahren und sich eine Porzellankrone anfertigen zu lassen, aber immer hatte es an der Zeit gefehlt. Sie bemerkte, daß Kittys Augen sich auf diesen Zahn hefteten, und es ärgerte sie. »Ein großer Idealist, möchte ich betonen!«

Einen Augenblick lang war Kitty verdutzt: Seit wann fand Lida Idealismus so lobenswert, und Karels schon gar! Dann sagte sie: »Er hatte kein Verantwortungsgefühl - er war radikal - er verkehrte mit den falschen Leuten - er brachte es dahin, daß er verhaftet wurde, und er war schuld, daß du die Benda-Werke verlorst - das hast du doch immer behauptet, Lida, oder?«

»Ich kann mich nicht erinnern, daß ich so etwas je gesagt hätte«, erwiderte Lida und starrte ihre Schwägerin an - die schöne Kitty mit den rosigen Wangen, die noch gerundet waren vom Fett Amerikas, mit blanken Augen, die unberührt waren von dem, was andere Leute hatten durchmachen müssen, mit ihren amerikanischen Strümpfen, die die Form ihrer hübschen Beine zur Geltung brachten, und mit den Lippen, die bemalt waren wie die einer Dirne. »Aber ich kann mich wohl erinnern, daß er ein Idealist war!« fügte sie hinzu, und dann, ohne besonderen Nachdruck: »Der einzige Benda, der im Lande blieb!«

»Ich will wissen, wie er aussieht!« Petra war den Tränen nahe. »Ich habe ihn so lange nicht gesehen. Ich versuche immer, die Augen zuzumachen und mir sein Gesicht vorzustellen .«

Lida wandte sich ihrem Kinde zu; der Ausdruck um ihren Mund herum wurde weich. Dieser fragende Klang schnitt ihr immer noch ins Herz. Zuweilen schien es ihr, daß ihr der aggressive Ton, den Petra zur gleichen Zeit entwickelt hatte, lieber war. Das Kind wechselte unmittelbar von einem zum anderen über; beide waren Überbleibsel aus dem Kriege, aus den Jahren, wo Petra Essen verlangt hatte, das nicht zu beschaffen war, oder Fragen gestellt hatte, die sich nicht beantworten ließen; war man doch selber halb verrückt vor Angst: der einzige Polizeibeamte, dachte Lida, der von ihr bestochen war und von dem sie und Petra deshalb Schutz erwarten durften, hätte abgelöst oder sie und Petra hätten festgenommen oder ungeduldig werden können wie Karel und ins Pankrac-Gefängnis geschickt oder nach Deutschland, in ein Lager.

»Du hast doch sein Bild, Petra .«, sagte sie.

»Aber an seine Hände erinnere ich mich noch.« Petra zog die Stirn in Falten und wurde plötzlich ganz still.

Joseph fühlte sich auf sonderbare Art verlegen. »Arzthände«, sagte er.

Lida drang in das Kind. »Dann mußt du dich doch auch an sein Gesicht erinnern!«

»Eben nicht!« sagte Petra unglücklich.

Lidas und Josephs Blicke begegneten einander. »Sie trug Karels Bild immer bei sich, wohin wir auch fahren mußten. Ich hatte ihr auch eins von dir gegeben, aber das ging verloren.«

Joseph zwang sich zu lächeln. »Dein Onkel Karel war ein sehr gut aussehender Mann«, sagte er schließlich.

Lida stimmte zu. »Alle Bendas sind gut aussehende Männer.« Sie berührte die Ordensbänder auf Josephs Brust. »Du kannst sehr stolz auf deinen Vater sein, Petra.«

Joseph zuckte zurück. Aber Lida redete weiter, wies auf die Bändchen...

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