Atta Troll

Versuch einer Analyse - Stefan-Heym-Werkausgabe
 
 
C. Bertelsmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
 
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978-3-641-27844-1 (ISBN)
 
Heyms wegweisende Magisterarbeit über Heinrich HeineAls zwanzigjähriger Student der Germanistik und Philosophie emigrierte Stefan Heym in die USA. In Chicago schloss er seine Studien ab. Das Thema seiner Abschlussarbeit war Heinrich Heines Versepos »Atta Troll. Ein Sommernachtstraum«. Der junge Stefan Heym nähert sich Heinrich Heine so sensibel wie hellsichtig. Und bringt die Tragik von Heines Leben, die auch die seines eigenen Lebens in unterschiedlichen politischen Systemen werden wird, auf den Punkt: »Heine war in der tragischen Situation eines intellektuellen Revolutionärs ohne Bewegung, die ihn tragen könnte. Und darum bekommt er die Schläge von rechts und gemäßigt links - nicht, weil er in der Mitte zwischen beiden, sondern weil er vor ihnen steht, Parteiungen voraus ist.«Stefan Heyms visionäre Analyse von Heinrich Heines Versepos »Atta Troll«, bei C. Bertelsmann erstmals erschienen 1983, endlich wieder lieferbar als Teil der digitalen Werkausgabe.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
C. Bertelsmann
  • 2,94 MB
978-3-641-27844-1 (9783641278441)
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Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1952 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 in Israel.

II. Kapitel


Vom Journal zum Verleger

Die Buchausgabe erschien im Jahre 1847. Der Atta Troll hatte seine Aktualität in den vier Jahren seit der Erstveröffentlichung in der Zeitung für die Elegante Welt nicht verloren. Das nächste Jahr, das Jahr der mißglückten Revolution von 1848, sollte die Berechtigung von Heines kritischem Skeptizismus so vielen »Zeitideen« gegenüber beweisen.

Aber Atta Troll behielt auch seine alten Schwächen, er blieb auch in der Buchausgabe ein Bruchstück, uneinheitlich, voll von Gedankensprüngen. In der Vorrede zum Atta Troll schreibt Heine:

Ich hegte die Absicht, in späterer Vervollständigung das Ganze herauszugeben, aber es blieb immer bei dem lobenswerten Vorsatze, und wie allen großen Werken der Deutschen, wie dem Kölner Dome, dem Schellingschen Gotte, der preußischen Konstitution etc., ging es auch dem Atta Troll - er ward nicht fertig. In solcher unfertigen Gestalt, leidlich aufgestutzt und nur äußerlich geründet, übergebe ich ihn heute dem Publico, einem Drange gehorchend, der wahrlich nicht von innen kommt.11

Der »Drang, der wahrlich nicht von innen« kam, waren vertragsmäßige Verpflichtungen, die Heine seinem Verleger Campe gegenüber hatte. Der Verleger drängte den Dichter, das Manuskript zu liefern - die Änderungen, die Heine vornahm, waren daher nur oberflächlich. Im November 1846 schreibt Heine an Campe:

In Bezug auf den »Atta Troll« melde ich Ihnen nur, daß ich, obgleich Sie damit füglich warten konnten, dennoch jeder Verpflichtung gegen Sie mich sobald als möglich zu entledigen suchte und damit eilte, das Gedicht für den Druck bereit zu machen; es ging aber weniger schnell, als ich glaubte, ich mußte vieles umändern, mehrere neue Stücke hineindichten, und in diesem Augenblick hat es mein Abschreiber, so daß ich nach erneuter Durchsicht das Gedicht selbst in acht Tagen zuschicken kann, damit Sie es unverzüglich in Druck geben.12

Viel größere Änderungen, als die der Dichter tatsächlich vornahm, waren geplant gewesen.13 In einem Brief vom Dezember 1844 schon, nach einer unerquicklichen Auseinandersetzung mit Campe, finanzielle Regelungen und die Lieferung des Atta Troll-Manuskriptes betreffend, schreibt der Dichter an seinen Verleger (und dieser Brief ist besonders bezeichnend dafür, wie die äußeren Lebensumstände, das Verhältnis zum Verleger zum Beispiel, das Schaffen des Dichters beeinflussen):

Ich zögerte mit dem »Atta Troll« [bezieht sich auf die Buchausgabe], weil ich einige Stücke hinzufügen und dieses auf dem Schauplatz des Gedichtes, in den Pyrenäen, dieses Frühjahr schreiben wollte. Epische Gedichte müssen überhaupt mehrmals umgearbeitet werden. Wie oft ändert Ariost, wie oft Tasso! Der Dichter ist nur ein Mensch, dem die besten Gedanken erst hintennach kommen. Das »Wintermärchen« ist auch in der jetzigen Gestalt unvollendet; es bedarf bedeutender Verbesserung, und die Hauptstücke darin fehlen. Ich habe den heißesten Wunsch, diese so bald als möglich zu schreiben und Sie zu bitten, eine umgearbeitete und stark vermehrte Ausgabe des Gedichtes zu veranstalten. Sie werden sehen, wie es dadurch vollendet sein wird, und welcher Nachjubel entsteht. Während ich aber nur an die Poesie denke, sind Sie nur auf geldliche Vorteile, ja, auf Übervorteilung bedacht. - Ich wünschte, Sie glaubten ein bißchen an Gott!14

Heine hat sich keinen großen Illusionen über die Buchausgabe des Atta Troll hingegeben. Er wußte ganz genau, daß die Bruchstückhaftigkeit, die schon Laube getadelt hatte, nicht beseitigt worden war. »Vier Kapitel habe ich neu hineingeschrieben«, teilt Heine dem Verleger mit, »und manches stark variiert, so daß ich jetzt für das Gedicht wohl auf einen Succès d'estime rechnen kann.«15 Ein Succès d'estime, ein Achtungserfolg - nicht mehr.

Es hätte noch eine Möglichkeit gegeben, den Atta Troll zu vollenden; das war 1851, als Heine die Redaktion seiner Gesammelten Werke übernahm. Aber da war die »Heiterkeit seines Geistes« schon in der Matratzengruft abgestorben; auch stand der Dichter innerlich wohl schon der Zeit zu fern, wo der Atta Troll ihm eine geistige Notwendigkeit gewesen. Trotzdem empfindet er das Stückhafte an dem Epos noch als so peinlich, daß er die Schuld an der Nichtvollendung auf Campe abzuwälzen sucht - nicht ganz ohne Berechtigung.

Der »Atta Troll« ist in der Tat zu dünnbeinig, um einen Band zu füllen. Aber ich habe schon bei der letzten Herausgabe das Möglichste getan, durch Umarbeitung, durch Hinzufügung von sechs neuen Stücken, einer Vorrede insgleichen, wozu ich mich keineswegs verpflichtet hatte, was ich ganz der Sache wegen tat, ganz uneigennützig, indem ich auch wirklich kein einziges Wort der Anerkenntnis von Ihnen dafür empfing. Später, als ich in schöner Muße in Montmorency lebte, hatte ich die Absicht, den »Atta Troll« um wenigstens ein Drittel zu vermehren, und ich skizzierte bereits die köstlichsten Partien; doch auf meine Anfrage bei Ihnen, ob ich diesen Plan ausführen sollte und gewärtig sein könne, daß ich für diese neue große Arbeit honoriert werde, empfing ich von Ihnen keine Antwort. Bei epischen Gedichten kann man nicht das Ganze gleich geben, und so ein Opus wächst mit den Jahren. Jetzt, wo die Heiterkeit meines Geistes gebrochen, ist nun an die Vollendung des »Atta Troll« gar nicht mehr zu denken, zu meinem und zu Ihrem Schaden. So hat Ihr langjähriges Stillschweigen mißlich gewirkt; durch besprechendes Verständnis hingegen, wie Sie in der jüngsten Zeit gesehen haben werden, gelangen wir beiderseitig zu größerem Vorteil. Ein freudiger Gedanke ist es mir, daß ich Sie nächstes Jahr vielleicht wieder in Paris sehe. Alsdann will ich Ihnen auch meine großen, schematisierten Trolliaden zeigen, die jetzt verloren gegangen. Die Spanne Leben, die ich noch habe, will ich für wichtigere Dinge, als für Altflickerei, anwenden .16

Die Trolliaden, die »skizzierten köstlichen Partien«, sind, bis auf ein paar unwesentliche Verse17, nicht auf uns gekommen.

11Werke, II, 105.

12Brief an Campe vom 12. XI. 1846. Werke, IX, 291.

13Die wichtigsten Unterschiede zwischen Buchausgabe und Erstdruck in der Zeitung für die Elegante Welt seien hier kurz registriert. Der Zeitungsdruck ist kurz 1. Fassung, die Buchausgabe 2. Fassung genannt.

In der 2. Fassung finden wir drei neue Schlußstrophen im Kaput II, aus den sechs Schlußstrophen des Kaputs in der 1. Fassung wurde das Kaput III der 2. Fassung durch Erweiterung entwickelt.

Die Kapita VI, VII und VIII (das Kaput VI verhöhnt die gleichmacherischen Tendenzen der bürgerlichen Radikalen, Kaput VII befaßt sich symbolisch mit dem plumpen Bärentanz des Atta Troll, Kaput VIII bringt das Gespräch zwischen Vater und Sohn Troll, in dem der Alte den Jungen ermahnt, nur ja recht gottesgläubig zu bleiben) sind neu in der 2. Fassung hinzugefügt worden. Nur die Strophen 3 bis 5 des Kaput VII - über das »sauersüße Menschenlächeln« - waren in der ursprünglichen Form des Kaput XXIII schon enthalten, wenn auch etwas verändert.

Dieses Kaput, das in der 2. Fassung die Nummer XXIII trägt, folgt in der 1. Fassung jenem Kaput (X der 2. Fassung), in dem Atta Troll seinen Sohn zum hannibalischen Schwur der ewigen Feindschaft gegen die Menschheit auffordert.

Nach dem Kaput XXII der 2. Fassung, das die Mops-Episode beendet, folgte in der 1. Fassung ein Kapitel über die sprechenden Vögel, besonders über jenen Vogel Hut-Hut, der von König Salomo und Königin Balkaisa berichtet, wie sie sich Rätsel aufgaben, unter anderen auch jenes Rätsel, wer der größte Lump in allen 36 deutschen Bundesstaaten sei.

Die vier Schlußstrophen des Kaput XXIII der 2. Fassung fehlen in der 1. Fassung, wo das Kaput zwischen den Kapita X und XI (Numerierung der 2. Fassung) eingeschoben war.

Statt der drei Schlußstrophen des Kaput XXIV haben wir in der 1. Fassung vier andere, die gleichfalls mit dem Kernsatz »Kein Talent, doch ein Charakter« enden. In der 1. Fassung sind in diesen drei Strophen Anspielungen auf Liszt (Franz Liszt, 1811-1886, berühmter Klaviervirtuose und Komponist) und Fanny Elßler (1810-1884, bekannte Tänzerin) neben denen auf König Ludwig von Bayern enthalten. Die 2. Fassung ironisiert den König allein.

Der Schluß des letzten Kaput (XXVII) ist in der 2. Fassung verändert. Zwar besteht dieselbe Tendenz, doch ist sie in der 1. Fassung direkter. Der aktuelle Schlachtruf der deutschen Überpatrioten »Die Gallier kommen!« sowie der Seitenhieb auf den neugebackenen Hofrat Tieck sind in der 2. Fassung herausgenommen.

14Brief an Campe vom 19. XII. 1844. Werke, IX,...

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