Findelkind

 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2021
  • |
  • 386 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-0304-8 (ISBN)
 
Der Herzog von Sale ist seit seiner Geburt Vollwaise und wird von seiner aufmerksamen Verwandtschaft sehr behütet aufgezogen. Aber inzwischen hat der gutmütige junge Lord es satt, von allen bevormundet und verhätschelt zu werden - er sehnt sich nach einem Abenteuer! Als sein Cousin ihn um Hilfe im Zusammenhang mit einer Erpressung bittet, sieht der Herzog eine Chance, endlich aus seinem goldenen Käfig auszubrechen. Er verkleidet sich als einfacher Reisender und macht sich auf den Weg, um das schöne Findelkind Belinda aus den Klauen eines abgefeimten Gauners zu entreißen. Aber am Ende der gefährlichen Reise wartet auf den Herzog das größte aller Abenteuer - die Liebe.

"Findelkind" (im Original: "The Foundling") ist eine wundervoll leichtfüßige Regency-Geschichte der unvergleichlichen Georgette Heyer.

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"Eine modern-altmodische Scheherezade, die vergnüglich kurzweilige Lesenächte beschert." - Österreichischer Rundfunk
1. Aufl. 2021
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,40 MB
978-3-7517-0304-8 (9783751703048)

Kapitel 1


Als der junge Mann, der - sein Gewehr über der Schulter und gefolgt von einem betagten Spaniel - durch den Park schlenderte, in Sichtweite des Hauses kam, erkannte er, dass es bereits viel später sein musste, als er vermutet hatte, denn die Sonne war schon hinter dem großen Steingebäude verschwunden, und herbstliche Nebelschwaden stiegen vom Boden auf. Zwischen den Bäumen hatte man den Nebel kaum wahrgenommen, doch als der Gentleman nun aus ihrem Schutz auf eine Allee hinaustrat, die über sanft gewellten Rasen zur Südfront des Hauses führte, bemerkte er, wie dunstverhangen der Ausblick war, und gleichzeitig kam ihm zu Bewusstsein, dass er in seiner leichten Nankingjacke fröstelte. Er beschleunigte seinen Schritt ein wenig, aber statt den ursprünglich eingeschlagenen Weg beizubehalten, auf dem er sich der Vorderseite des Hauses mit der hübschen Kolonnade korinthischer Säulen und der über dem Mittelteil aufragenden Kuppel genähert hätte, bog er von der Allee ab und eilte, einen eleganten, mit verschiedenen klassischen Statuen geschmückten Blumengarten durchquerend, auf einen Nebeneingang im Ostflügel zu.

Das Haus, das nun die Stelle eines früheren, vor einem halben Jahrhundert abgebrannten Gebäudes einnahm, war ein verhältnismäßig moderner, in klassischem Stil in Stein und Stuckziegeln ausgeführter Bau, dem eine vierhundertfünfzig Fuß lange Vorderfront ein imposantes Aussehen verlieh, und da es außerdem über besonders angenehme Proportionen und eine gefällige Lage verfügte, wurde es in jedem Reiseführer als ein (natürlich nur an den Tagen, an denen sein hochwohlgeborener Eigentümer es der Schaulust der Öffentlichkeit preisgab) in jeder Hinsicht sehenswertes Objekt empfohlen. Der wissbegierige Besucher erfuhr überdies, dass ihn im Park und in den Lustgärten eine verschwenderische Fülle von Kunstwerken erwartete, wobei diese Art der Verschönerung jedoch weder aufdringlich wirkte noch im Widerspruch zu den Prinzipien moderner Gartengestaltung stand. Der dichte Park, der durch Wasserspiele zusätzlich an Reiz gewann, erstreckte sich über eine Fläche von ungefähr sieben Quadratmeilen, durch die sich eine drei Meilen lange Allee hinzog. Die weiten Gärten verrieten in ihrer gepflegten Mannigfaltigkeit die Hand eines wahren Meisters auf diesem Gebiet, dessen Gehilfen auch nicht dem kleinsten Unkrautpflänzchen erlaubten, den Kopf ans Licht zu stecken, geschweige denn einer Hecke oder Rabatte die Unart eines wilden Triebes. Streng symmetrisch angeordnete Beete zeugten von einem erlesenen Geschmack, und sogar die Wildnis jenseits des italienischen Gartens und der anschließenden Gruppe von Büschen erweckte den Eindruck, als wucherte dort wohl freie, aber doch sorgsam kontrollierte Natur.

»Sale Park«, konnte man im Reiseführer lesen, »der Hauptsitz Seiner Gnaden, des Herzogs von Sale, ist ein geräumiges Gebäude von bestechender Anmut. Seitenflügel und Mittelteil sind durch Kolonnaden verbunden, während ein großes Portal das reichverzierte Giebelfeld stützt.« Hieran knüpfte sich die Bitte, der Besucher möge eine kurze Zeit lang verweilen, um die Wasserspiele, den üppigen Wuchs edler Bäume und den bezaubernden Blick, den man von der Süd- und zugleich Vorderfront aus genoss, zu bewundern, bevor er sich der Betrachtung des stattlichen Herrenhauses selbst zuwandte und die ganze Pracht korinthischer Säulen, der Giebel und Kuppeln in sich aufnahm, deren architektonische Feinheiten wohl ein eingehendes Studium verdienten.

Danach folgte ein warmes Lob für den griechischen Tempel, den der fünfte Herzog mit einem enormen Kostenaufwand hatte errichten lassen, aber der junge Gentleman in Manchesterhosen und einem Nankingjagdrock ging an dem so Gepriesenen vorbei, ohne ihm einen Blick zu gönnen - ja, es hatte in der Tat den Anschein, als seien ihm Schönheit und Grandeur seiner Umgebung völlig gleichgültig, trat er doch ziemlich achtlos auf exakt gestutzte Graseinfassungen und gestattete zu allem Überfluss auch seinem Spaniel, nach Herzenslust durch die Blumenbeete zu streifen.

Sowohl in seinem Äußeren als auch in seiner Kleidung, an der nicht nur die auffallende Schlichtheit sondern auch ein Patronengurt bemerkenswert war (ein Attribut, auf das jeder Gentleman mit Rücksicht auf die Eleganz seiner Erscheinung schaudernd verzichtet hätte), konnte er sich mit diesem großartigen Hintergrund in keiner Hinsicht messen. Er war kaum mittelgroß, und seine schlanke Gestalt wirkte fast schmächtig. Hellbraunes, naturgelocktes Haar umrahmte zwar sympathische, aber durchaus alltägliche Züge. In dem feingeschnittenen, allerdings etwas blassen Gesicht überraschte vielleicht nur das leuchtende Grau der ausdrucksvollen Augen, aber dem Blick fehlte es an zwingender Kraft, um jene Faszination auszuüben, die echte Aufmerksamkeit erregt. Seine Haltung war im Grunde makellos, bis auf die Tatsache, dass sie das unbestimmte Flair vermissen ließ, das für gewöhnlich eine bedeutende Persönlichkeit umgibt - mit anderen Worten, es wäre leichter gewesen, ihn in einer Menge zu übersehen, als ihn von den Übrigen zu unterscheiden. Aus seinem Betragen sprachen eindeutig die Kultiviertheit einer vornehmen Erziehung und sogar eine gewisse Würde, aber ob es nun an dem Umstand lag, dass er erst vierundzwanzig Jahre alt war, oder an einem angeborenen Mangel an Selbstvertrauen, machte er alles in allem, ohne eigentlich schüchtern zu sein, einen so stillen Eindruck, dass man es fast schon als Zeichen äußerster Zurückhaltung hätte auffassen können. Daraus mag sich wohl auch erklären, warum gelegentlich auf ihn hingewiesene Besucher es geradezu unglaublich fanden, in einem derart bescheidenen Wesen dem Eigentümer von so viel Reichtum und Pracht gegenüberzustehen, und doch war er seit vierundzwanzig Jahren nicht nur der rechtmäßige Besitzer von Sale House, sondern auch von einer Stadtresidenz in der Curzon Street in London und acht weiteren Landsitzen, angefangen von einem in Somerset bis zu einem zugigen Schloss im schottischen Hochland, denn nicht umsonst war er der erlauchte Adolphus Gillespie Vernon Ware, Herzog von Sale und Marquis von Ormesby, Earl von Sale, Baron Ware von Thame, Baron Ware von Stoven und Baron Ware von Rufford, und alle diese hochtrabenden Titel trug er seit dem Augenblick seiner Geburt. Er war ein nach dem Tod des Vaters geborenes Kind, der einzige lebende Nachkomme des sechsten Herzogs und seiner sanften, unglücklichen Frau, die schließlich, nachdem sie ihrem Gemahl zuerst zwei totgeborene und dann drei Kinder geschenkt hatte, die noch im Säuglingsalter starben, bei der Niederkunft eines Knaben im siebenten Monat ihrer Schwangerschaft verschieden war. Das Baby war so schwach und winzig, dass man ihm allgemein prophezeite, es würde noch vor Ablauf eines Jahres neben seinen Geschwistern in der Familiengruft ruhen. Aber das Glück bei der Wahl einer guten Amme und die aufopfernde Pflege der ersten Kinderfrau trugen gemeinsam mit den unermüdlichen Bemühungen der Ärzte, dem strengen Regiment seines Onkels und Vormunds, Lord Lionel Ware, und der zärtlichen Fürsorge seiner Tante dazu bei, den siebenten Herzog mit Erfolg durch jede bedrohliche Krise zu schleusen, und so hatte er trotz einer beschwerlichen Kindheit - er neigte nämlich wegen seiner zarten Konstitution nur allzu leicht zu Erkältungen und darüber hinaus zu einer verhängnisvollen Anfälligkeit für alle ansteckenden Krankheiten - nicht nur überlebt, sondern war auch zu einem durch und durch gesunden jungen Mann herangewachsen, der zwar nicht gerade einem Herkules glich oder die urwüchsige Zähigkeit seiner Onkel und Cousins besaß, aber doch robust genug war, um seinen Ärzten herzlich wenig Grund zur Besorgnis zu geben. Der Doyen dieses mehrköpfigen Konsortiums hatte ohnehin des Öfteren versichert, er hielte den kleinen Herzog für wesentlich widerstandskräftiger, als man es ihm zutraute - das habe er immerhin durch die Hartnäckigkeit, mit der er sich bis jetzt ans Leben klammerte, hinlänglich bewiesen. Diese Meinung wurde jedoch von den besorgten Verwandten, Erziehern und Bediensteten, in deren Obhut sich der Herzog befand, keineswegs geteilt. Es lag nun schon einige Jahre zurück, seit er das letzte Mal ein wenig gekränkelt hatte, aber seine Umgebung litt trotzdem noch immer unter der Überzeugung, man müsse ihn so behutsam behandeln wie ein rohes Ei.

Aus diesem Grund stellte der junge Herzog, als er den Ostflügel seines Hauses erreichte, auch ohne eine Spur von Überraschung fest, dass man offensichtlich auf sein Erscheinen gewartet hatte. Bevor er noch den Fuß auf die erste Stufe der Steintreppe setzen konnte, die zum Eingang emporführte, wurde das Tor bereits weit aufgerissen und gab den Blick auf ein im dahinterliegenden Flur versammeltes Empfangskomitee frei - allen voran der Butler, eine höchst respekteinflößende Figur, dessen Miene der Eingeweihte unschwer entnehmen konnte, dass es, wenn Seine Gnaden schon unbedingt eine für seinen Rang gänzlich unwürdige Seitentür und den anschließenden schmalen Korridor benutzen wollte, nicht seine Sache sei, an einem so exzentrischen Benehmen Kritik zu üben. Er geleitete seinen...

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