Herrentag

Anwalt Fickels erster Fall (Thüringen Krimi)
 
 
DuMont Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. August 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8321-8749-1 (ISBN)
 
"Selten so über die Justiz gelacht." Kester Schlenz, STERN

Der Fickel steht als Rechtsanwalt am Meininger Gericht auf der Karriereleiter ganz unten. Er ist Terminvertreter (im Fachjargon »Terminhure«) und springt in Verhandlungen ein, wenn der >richtige< Anwalt verhindert ist. Dass so einer Verteidiger in einem Mordverfahren wird, kann nur in einem Nest wie Meiningen passieren: Sylvia Kminikowski, designierte Amtsgerichtsdirektorin, wird ermordet im Englischen Garten aufgefunden. DNA-Spuren führen zu René Schmidtkonz, dem Enkel von Fickels Vermieterin. Also gibt der Fickel sich einen Ruck und vergräbt sich in den Fall. Obwohl er sich im Strafrecht nicht besonders gut auskennt, stößt er schon bald auf Ungereimtheiten, die seinen Mandanten entlasten könnten. Ein massives Problem jedoch bleibt: die Oberstaatsanwältin Gundelwein, die im Allgemeinen auf Männer nicht gut zu sprechen ist und im Besonderen auf den Fickel. Sie ist Fickels Exfrau und sähe nichts in der Welt lieber, als dass er sich in seinem ersten großen Fall bis auf die Knochen blamiert .

*Fickel: Ableitung der Koseform »Fick« zum Rufnamen Friedrich (1387 Fyckel, 1388 Viggel, 1508 Fickel). Außerdem bedeutet Fickel umgangssprachlich so viel wie Ferkel: Wenn jemand beim Essen gern kleckert, ist er eben ein Fickel.

Anwalt-Fickel-Reihe:
Band 1: Herrentag
Band 2: Der Bobmörder
Band 3: Das Schlossgespinst
Band 4: Grillwetter
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,57 MB
978-3-8321-8749-1 (9783832187491)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Hans-Henner Hess verbrachte seine Jugend im Schatten der Berliner Mauer mit Tagträumen, Nachtwandeln sowie dem Züchten von winterharten Zierkakteen. Als nach Einführung des Westgelds wichtige Absatzmärkte wegbrachen, sah er sich gezwungen, einen ehrlichen Beruf zu erlernen, und entschied sich irrtümlich für die Juristerei. Beim Verfassen seitenlanger Schriftsätze gewann er Gefallen am Fabulieren und schulte kurzerhand um auf TV-Autor. Seine Erfahrungen im Justizalltag sowie eine angeborene Affinität zu Thüringer Klößen verarbeitet er in der bei DuMont erscheinenden Krimireihe um den relaxten Meininger Anwalt Fickel. Bislang erschienen >Herrentag< (2013), >Der Bobmörder< (2014) und >Das Schlossgespinst< (2016).
https://www.facebook.com/Anwalt-Fickel-1879865495672387/

I

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Fickel als Anwalt noch mal groß rauskommt. Im Grunde niemand, am allerwenigsten er selbst. Doch aus gewöhnlich gut informierter Quelle ist durchgesickert, dass morgen ein viel gelesenes Boulevardblatt mit einem riesigen Foto seines Charakterschädels aufmachen will. Und da wird es natürlich einige geben, die sich grün und blau ärgern, weil sie einem Winkeladvokaten wie dem Fickel solch einen Erfolg nicht gönnen. Die Oberstaatsanwältin Gundelwein zum Beispiel.

Dabei hätte der Fickel um ein Haar einen anständigen Beruf gelernt, Pharmazeut oder Optiker etwa, aber keineswegs Jurist. Schließlich gab es vor der Wende gerade mal ein Dutzend akkreditierter Anwälte in der näheren Umgebung, wenn überhaupt. Und das, obwohl Meiningen historisch gesehen nicht nur ein wichtiger Umsteigebahnhof auf der zwischen Schweinfurt und Erfurt verkehrenden Main-Rhön-Bahn war, sondern stets auch ein bedeutender Banken- und Justizstandort, zumindest für Südwestthüringer Verhältnisse. Aber aus gewissen, nicht näher zu beleuchtenden Gründen hat man sich in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegenseitig noch nicht so häufig vor den Kadi gezerrt wie heutzutage, sodass selbst die wenigen einheimischen Rechtsanwälte seinerzeit nie ganz ausgelastet waren und meistens schon am Vormittag die Cafés und Kneipen in der Georgstraße bevölkerten. Dies wiederum mag dazu beigetragen haben, ihren Beruf für den jungen, orientierungslosen Fickel nicht direkt unattraktiv erscheinen zu lassen.

Rückblickend betrachtet, herrschten damals wahrhaft paradiesische Verhältnisse für Juristen. Jedenfalls wenn man bedenkt, wie die Konkurrenz in der Branche inzwischen zugenommen hat, selbst in einem eher überschaubaren Gerichtsbezirk wie Meiningen. Inzwischen sind die Anwälte ja fast mehr mit Akquirieren und Fortbildung beschäftigt als mit ihren Akten! Burn-out vorprogrammiert.

Andererseits macht diesen Zirkus auch nicht jeder mit. Erst neulich hat der Fickel mal bei einer Skatrunde mit den Kollegen von der Wachtmeisterei nach dem sechsten oder siebten Pils nicht ohne einen gewissen Stolz erklärt, dass er nicht einen einzigen Paragrafen von BGB oder StGB auswendig kann. Justizwachtmeister Rainer Kummer wollte das zuerst gar nicht glauben, weil es nicht in sein Weltbild passte, aber irgendwo konnte er schlecht das Gegenteil beweisen.

Natürlich bleibt solch ein Verhalten auch nicht ohne Folgen, denn der Fickel steht auf der Karriereleiter des Amtsgerichts ganz unten; in der Fresskette der Juristen bildet er gewissermaßen das Plankton. Schließlich ist er Vertreter eines Berufszweiges, den man in der Fachsprache etwas herablassend als »Terminhure« bezeichnet. Wobei sich hinter dem Begriff eine keineswegs unseriöse Spielart der Anwaltstätigkeit verbirgt, nämlich die des Springers, der sich stets bereithält, falls der eigentliche Rechtsbeistand einer Partei beim Prozess aus irgendeinem Grunde verhindert sein sollte.

Um sein Terminhurengeschäft zu betreiben, muss der Fickel praktischerweise nicht einmal ein eigenes Büro unterhalten, geschweige denn eine Sekretärin, er hockt sowieso den lieben langen Tag in einem von der Justizkasse gesponserten, auf angenehme zweiundzwanzig Grad geheizten Anwaltszimmer im ersten Stock des Gerichts, trinkt Kaffee, liest Zeitung und wartet darauf, dass ein Kollege eine Autopanne hat oder plötzlich Halsschmerzen bekommt und ihn als Vertreter in eine Verhandlung schickt.

Selbstredend hat der Fickel von dem Fall, der dann vorn am Richtertisch verhandelt wird, nicht die geringste Ahnung. Ihm ist es egal, für wen er einspringt und um was es dabei geht. Seine einzige Aufgabe ist es, den Klage- oder Abweisungsantrag zu stellen und nach Möglichkeit während der Verhandlung nicht einzuschlafen, obwohl das auch schon vorgekommen sein soll. Zumeist haben die Anwälte in ihren Schriftsätzen sowieso schon im Vorfeld ihr ganzes juristisches Pulver verschossen, den Rest besorgt der Richter dann nach Aktenlage. Im Grunde könnte den Job jeder machen, sogar der Rainer Kummer. Leider fehlt ihm dazu die Anwaltszulassung.

Das Komfortable an dem Beruf ist, dass der Fickel als Terminvertreter seine Gebühr stets vom Mandanten bekommt, egal wie die Sache ausgeht. Ein bisschen mehr als eine echte Hure vielleicht, aber reich wird man damit nicht. Dabei kann der Fickel wirklich jeden Euro gebrauchen, vor allem seit seiner Scheidung von der Oberstaatsanwältin Fickel-Gundelwein, die seit dem vorzeitigen Ende ihrer Ehe aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen wieder allein ihren Mädchennamen führt. Doch auch wenn der Fickel vielleicht ein armer Schlucker ist, für ein kleines Dachgeschosszimmer zur Untermiete in der Altstadt mit gelegentlicher Verköstigung langen seine Einkünfte allemal. Viel braucht so ein Anwalt ja nicht zum Leben, und der einzige Luxus, den er sich gönnt, ist die heruntergekommene Datsche mit dem ökologisch korrekt verwilderten Garten an der Werra, wo er viel Lebenszeit auf der Hollywoodschaukel verprasst und Kakteen züchtet.

Nur in Ausnahmefällen ist es bislang vorgekommen, dass der Fickel mal in einem Strafverfahren einspringen musste. Zumeist ging es dabei um Bagatelldelikte wie Fahrraddiebstahl, Nötigung im Straßenverkehr oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Den Höhepunkt seiner Karriere bildete zweifellos das Strafverfahren gegen den Vorsitzenden des Skatvereins »Pik Sieben« wegen angeblicher Veruntreuung der Mitgliedsbeiträge. Dank einer brillanten Beweisführung konnte der Fickel seinerzeit jedoch darlegen, dass die Gelder nicht zweckentfremdet, sondern in diversen Lokalrunden völlig im Einklang mit der Vereinssatzung verwendet worden waren.

Die absolut unglaubliche und für einige Beteiligte sogar verhängnisvolle Kausalkette, die Fickels Anwaltslaufbahn einen unverhofften Schwung verleihen sollte, nahm ihren Anfang an einem der ersten wirklich warmen Frühlingstage im Mai. Die Wiesen auf der Rhön dampften, und die Werra brachte nur noch wenig, dafür aber klares Wasser aus den Höhen des Thüringer Waldes mit. Der Fickel hatte den Tag genutzt, um den Garten auf Vordermann zu bringen und die Scharniere der Hollywoodschaukel zu ölen. Am liebsten hätte er in der Datsche übernachtet, doch just an diesem Abend fand im Sächsischen Hof, dem feinsten Haus am Platz, ein Festbankett für die scheidende Amtsgerichtsdirektorin Driesel statt, die nach zwanzig Jahren unermüdlichen Einsatzes für die Gerechtigkeit ihre wohlverdiente Pension antreten sollte. Zu dem Bankett waren alle wichtigen Vertreter der Meininger Justiz geladen, zu denen sich auch einige erfolgreiche Anwälte gesellten - sowie eben auch der Fickel.

Die Amtsgerichtsdirektorin Driesel verkörperte seit über zwei Jahrzehnten so etwas wie die gute Seele des Amtsgerichts. Obwohl sie nach der Wende eigentlich nur vom Rechtsstaat übernommen worden war, weil sie es während ihres Studiums als eine der wenigen aus irgendeinem Grund verpasst hatte, den Aufnahmeantrag für die SED auszufüllen. Und als 1990 die Gerichte abgewickelt wurden, war sie als Einzige im Richterkollegium nicht »vorbelastet« und wurde vom Justizministerium ohne weitere Prüfung übernommen, Eignung und Kompetenz mal außen vor.

Längst pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass die Driesel ihre Stellung als Direktorin nur bekommen hatte, damit sie mehr mit Administration beschäftigt war und in der Praxis nicht so viele Fehlurteile produzieren konnte. Denn als gelernte Diplomjuristin [1] kannte sie sich mit dem ganzen Kladderadatsch wie BGB und ZPO anfänglich naturgemäß noch nicht so gut aus. Und es gibt sogar Kollegen, die behaupten, daran habe sich in all den Jahren nicht viel geändert.

Irgendwie hatte es die Driesel gedeichselt, dass ihr gleich nach der Ernennung zur Direktorin im Geschäftsverteilungsplan neben einem kleinen, fast zu vernachlässigenden Posten Zivilrecht das Betreuungsrechtsdezernat zugeschanzt wurde, in dem es, wie Eingeweihte bestätigen, fachlich und aufwandsmäßig eher übersichtlich zugeht.

Alles in allem hatte die Driesel es für eine Diplomjuristin nicht schlecht getroffen. Daher strahlte sie auch stets eine innere Zufriedenheit und Gelassenheit aus, von der viele ihrer Kolleginnen nur träumen konnten. Allein das Privatleben war bei der Direktorin in all den Jahren etwas zu kurz gekommen, vor allem mit dem anderen Geschlecht hatte es nie so recht geklappt. Die Männer ihrer Generation kamen wohl mit ihrer starken Persönlichkeit nicht so gut zurecht.

Der Fickel hatte sich selbst am meisten darüber gewundert, als die Einladung vom Direktorat des Amtsgerichts in seinen Briefkasten flatterte, aber da sich »Bankett« irgendwie nach einem warmen Essen anhörte, dachte er sich, dass er bei der Veranstaltung ruhig vorbeischauen könnte. Zumal er inzwischen überhaupt nicht mehr wusste, wie man im Sächsischen Hof heutzutage so kochte. Denn dort verirrte sich seit Jahren kein vernünftiger Mensch mehr hin, bei den horrenden Preisen, die sie in dem Laden verlangten! Früher hatte sich in dem Gebäude ein Intershop [2] befunden, aus dem es immer so exotisch gerochen hatte, dass dem Fickel beim Vorbeigehen jedes Mal das Wasser im Maul zusammengelaufen war. Aber mehr als Vorbeigehen war schon damals nicht - und daran hatte sich nicht viel geändert. Das Problem war nach wie vor: zu wenig Westgeld in der Tasche.

Dass die Driesel den Fickel zum Festbankett eingeladen hatte, war mit ihrem besonderen persönlichen Verhältnis zu erklären, denn beide hatten einst in Jena an derselben juristischen Fakultät studiert, auch wenn...

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