Flüchtiges Zuhause

Erzählungen
 
 
Rotpunktverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2018
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-85869-805-6 (ISBN)
 
Vom Balkon des Hauses gleich hinter dem Bahnhof kann man mit dem Großvater die vorbeiratternden Güterwaggons zählen. Großvater Oskar, der in der nahen Fabrik Aluminium goss, das bis nach Italien und in die ganze Welt ging, und dessen weiteste Reise eine nach Einsiedeln war.
Im abgelegenen Bergdorf hingegen, wo die Gassen so eng sind, dass die Kinder quer über die Dächer laufen, lebt einzig noch die Großmutter, die immer von einem anderen Leben träumte und des Nachts Gedichte schrieb. Die Zeiten, da man die Waren über Leitern am steilen Berg transportierte, sind längst vorbei. Heute geht es samstags mit dem Subaru zum Einkauf ins Placette. Als eines Tages der Großvater den Jungen bittet, ihn zum Winterschnitt in die Reben zu begleiten, wissen beide, dass nicht nur deren Tage gezählt sind.
Mit seinem ersten Erzählband betritt Rolf Hermann literarisches Neuland. Er blickt auf Kindheits- und Jugendjahre in einem Tal zurück, um das himmelhoch die Berge stehen. Mit Wärme und Feingespür, in einer bildstarken, präzisen Sprache entfaltet er die Lebenswelt dreier Generationen im Wandel der Zeit. Er erzählt - eine sanfte Melancholie, bisweilen auch einen stechenden Schmerz auslösend - von stillen Sehnsüchten und leisen Abschieden. Und von der Tätigkeit, die den Dingen und Menschen, die man liebt, Dauer verleiht: dem Schreiben.
1. Auflage 2018
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,41 MB
978-3-85869-805-6 (9783858698056)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Angaben zur Person: Rolf Hermann, 1973 in Leuk im Kanton Wallis geboren, lebt heute als freier Schriftsteller und Performer in Biel. Sein Studium in Fribourg und Iowa, USA, verdiente er sich als Schafhirt im Simplongebiet. Hermann schreibt Lyrik, Prosa und Spoken Word. Mitglied der Mundart-Combo Die Gebirgspoeten. Für sein literarisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet: u.a. Tübinger Stadtschreiber (2010), Literaturpreis des Kantons Berns (2015), Kulturpreis der Stadt Biel (2017). Zuletzt erschienen: "Das Leben ist ein Steilhang" (2017, Der gesunde Menschenversand).
  • Intro
  • Titel
  • Impressum
  • Widmung
  • Inhalt
  • Klingendes Geröll
  • Wir blickten auf die Schienenstränge
  • Winterschnitt
  • Das Knistern der Gletscher
  • Ein Sonntag
  • Flüchtiges Zuhause
  • Im Nebel
  • Über den Autor

Wir blickten auf die Schienenstränge


Die Zeit hatte eine Stimme, die nie verstummte, auch dann nicht, wenn alles stillstand: Sie blieb da und summte. Manchmal verzog sich das Summen in den Hintergrund, wurde übertönt vom Knacken in den Lautsprechern, der Ankündigung ferner Destinationen oder der Durchsage einer Verspätung. Und sogleich stellte sich der Summton wieder ein, bis er abermals überstimmt wurde, vom schrillen Schrei einer Lokomotive, vom ohrenbetäubenden Quietschen der Bremsklötze auf blankem Metall, vom Keuchen der zum Stillstand kommenden Wagenkolonne und vom Zischen abrupt aufklappender Türen. Gemurmelte Undeutlichkeit legte sich übers Bahnhofsgelände von Leuk und begleitete die rasch ein- und aussteigenden Passagiere, worauf die Choreografie mit einem Pfiff ihr Ende fand. Der scharfe Stoß in die Trillerpfeife signalisierte dem Zugführer die Abfahrt. Der Stahltross setzte sich wieder in Bewegung, quietschend und schnaubend, keuchend und ratternd, in vorgegebener Richtung, entweder talein- oder talauswärts, als gäbe es auch in unseren Leben bloß ein Entweder-oder.

Die beiden Schienenstränge, die nach Osten bis nach Mailand oder gar Budapest reichten, vereinten sich just vor dem Haus meiner Kindheit zu einer Spur, die westwärts nach Frankreich und ins südlichste Spanien führte. Der Klang der Ferne war zugleich stets präsent und doch nicht fassbar, das nahe Bahnhofsgebäude Hallraum von Permanenz und Flüchtigkeit.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu diesem Areal wuchs ich auf, in der Dachwohnung eines Hauses, an dessen Wände die vorbeibrausenden Züge Vibrationen hochschickten. Die Wohnung gehörte Tante Agnes, deren Sohn Armin die angrenzende Sägerei leitete. Agnes, die an Hüftproblemen litt, lebte im ersten Stock, Armin mit seiner Frau Margrith im zweiten und wir, also meine Eltern, meine Brüder und ich, im dritten. Unsere Wohnung bestand aus drei kleinen Zimmern mit Dachschräge und einer winzigen Küche, in der man nur am Herd aufrecht stehen konnte. Auf der Nordseite des Hauses gab es einen schmalen Balkon, der für die darunterliegende Wohnung mehr ein Schattenspender war, als dass er uns zu langen Aufenthalten im Freien diente. Dennoch erinnere ich mich, wie ich mit meiner Mutter winkend draußen stand. Manchmal winkten ein paar Passagiere lächelnd zurück. Manchmal kam es auch vor, dass ich allein auf dem Balkon war und Gesichter schnitt. Schaute ein Fahrgast verdutzt zurück, jubelte ich innerlich auf.

Sechsmal am Tag donnerte ein schwer beladener Güterzug am Haus vorbei. Ich lag meistens schon im Bett, wenn der letzte durchfuhr. Zuerst hörte ich ein leises, anschwellendes Sirren, dann ein Rattern und Grollen, das schließlich in ein aufwühlendes Poltern überging und das Haus leicht erzittern ließ. Im Winter, wenn sich Frost auf die Fahrleitungen gelegt hatte, knisterte der Widerschein gelbbläulicher Funken durch mein Zimmer und versetzte mich in helle Aufregung. Wäre es nach mir gegangen, wäre Leuk allabendlich in den tiefsten Winter versunken und die Güterzüge wären bis in die Morgendämmerung ohne Unterbruch an mir vorbeigerauscht.

Im Gegensatz zu meiner Mutter und mir, die wir fast täglich auf den Balkon hinaustraten, machten die anderen Mitbewohner kaum Gebrauch von dem ihren. Ihr Leben spielte sich ganz auf der Vorderseite des Hauses ab. Dort wurde Holz angeliefert, gelagert, geschnitten und abtransportiert. Dort wurden Kunden empfangen und auf dem Gelände herumgeführt, dort wurden Verträge geschlossen und Rechnungen aufgesetzt. Entwickelten die damals halbstündlich abbremsenden oder anfahrenden Regional- und Schnellzüge einen pulsartigen Takt, hatte diese geschäftige Welt etwas Chaotisches und Bedrohliches. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass Armin, der Cousin meiner Mutter, oft missmutig war. Immer wieder wies er seine fünf Arbeiter barsch zurecht, beschuldigte sie der Unfähigkeit und drohte, sie beim nächsten Fehler fristlos zu entlassen. Auch auf Margrith, seine Frau, die Büroarbeiten erledigte, entlud sich manchmal sein Zorn, indem er sie wüst beschimpfte. Doch weil Margrith ebenso starrköpfig war wie er, führten die Konfrontationen meistens zu einem keifenden Geschrei, das nur von Großtante Agnes geschlichtet werde konnte. Unter dem gedämpften Gelächter der Arbeiter packte Agnes die beiden Streithähne am Oberarm. Humpelnd und fluchend stieß sie die beiden vor sich her zurück ins Haus. Dort knallte sie die Tür zu und las den beiden noch im Treppenhaus die Leviten.

Als ich fünf war, kam Diego zur Welt, drei Jahre später folgte Florian, und wieder drei Jahre später sahen sich meine Eltern nach einem neuen Zuhause um. Von Anfang an war für sie klar gewesen, dass die Dachwohnung nur eine vorübergehende Bleibe sein würde. Zudem war die Filiale für elektrische Installationen, die mein Vater im Auftrag eines Unterwalliser Unternehmens aufgebaut hatte, stetig gewachsen und verlangte nun nach größeren Lokalitäten. Und inzwischen hatten meine Eltern genug gespart. Sie kauften Land im Dorf und begannen zu bauen. Fast jede freie Minute verbrachten wir auf der Baustelle. Vater verlegte Rohre und Leitungen, zog Mauern hoch, gipste, malte, deckte das Dach. Mutter half mit, wo sie konnte, und passte auf uns auf. An Samstagen verpflegte sie alle, die halfen, den Hausbau auch am Wochenende voranzutreiben: die beiden Großväter, die fünf Onkel, die sieben Cousins. Sie alle waren begnadete Handwerker und führten die Arbeiten in Windeseile aus. Sie kamen so schnell voran, dass es beinah gereicht hätte, meine Firmung im neuen Haus zu feiern. Doch so wurde dieser Anlass, der wie jede wichtige Kirchenfeier vor allem ein Familienfest war, zugleich die Abschiedsfeier von der Dachwohnung am Leuker Bahnhof.

Es war ein strahlend schöner Sonntag Mitte April. Trotz des Geruchs des Teeröls, der noch beißend in der Luft lag, da die Bahnarbeiter tags zuvor die Schwellen unter den Geleisen imprägniert hatten, warteten die Verwandten geduldig vor der Sägerei. Agnes, Armin und Margrith waren ebenfalls gut gelaunt mit von der Partie. Gemeinsam schritten wir die Straße hoch, zunächst am Primarschulhaus, dann an der frisch asphaltierten Einfahrt des neuen, mit kleinen Thujen umsäumten Zuhauses vorbei. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Zusammen mit Großpapa, dem Vater meiner Mutter, setzte ich mich in die dritte Reihe. Die Wahl meines Firmpaten war mir leichtgefallen. Großpapas ruhige und gütige Art hatte auf mich seit jeher einen ebenso starken Eindruck gemacht wie sein Übermut beim Kartenspiel, das ich von ihm zu lernen das Glück gehabt habe. Spielte er Karten, wich die Sanftmut einer lärmenden Ausgelassenheit, als würde sich wenigstens am Spieltisch kurz die Möglichkeit eröffnen, das Leben - mit viel Einfallsreichtum und etwas Glück - eigenhändig zu formen. Dann konnte er seine Karte augenzwinkernd auf den Tisch knallen, gurgelnd lachen und die gewonnenen Blätter mit einer weit ausgreifenden Geste zu jenen legen, die er bereits geholt hatte. Wann immer ich konnte, spielte ich an seiner Seite - und mit ihm habe ich nie ein Spiel verloren.

Der Kirchenchor sang sein Kyrie, das Gloria und noch ein Sanctus. Dazwischen stellte der Bischof ein paar Fragen, die Großpapa und ich allesamt mit Ja beantworteten. Dann gingen wir - seine Hand auf meiner Schulter - zurück an unseren Platz. Vor der Kirche machte der Dorffotograf von allen Firmlingen und ihren Patinnen und Paten ein Foto. Dann traten wir den Rückweg zum Haus neben der Sägerei an. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie Vater und Mutter es jeweils schafften, alle Verwandten in der kleinen Dachwohnung unterzubringen. Es müssen über dreißig Personen gewesen sein. Bis zu unserem Wegzug hatten dort immerhin drei Taufen, drei Erstkommunionen und diese Firmung stattgefunden. Und jedes Mal hatte Mutter, unterstützt von ihren vier Schwestern, für alle gekocht, aufgetischt und abgewaschen.

Am frühen Abend, als die Frauen mit Aufräumen beschäftigt waren und die Männer sich vor dem Fernseher oder zum Kartenspiel versammelt hatten, ging ich mit Vater und Großpapa, die sich beide eine Zigarette anzünden wollten, hinaus auf den Balkon. Wir standen am Geländer und blickten wohl ein letztes Mal von diesem Punkt hinunter auf die Schienenstränge. Plötzlich begann es zu vibrieren, dann zu kreischen. Und dann trat, aus Westen kommend, ein Güterzug in unser Blickfeld. Es war der Transport der Aluminiumbarren aus jener Fabrik, für die Großpapa seit vierzig Jahren arbeitete. Jeder für sich begannen wir zu zählen. . 32, 33, 34.

»34 Waggons«, sagte Großpapa. Vater und ich nickten. Seinen Blick noch immer an das alleinige Rücklicht des letzten Waggons geheftet, der nun in einer weiten Linkskurve hinter einem Berghang verschwand, fügte Großpapa an: »Schon komisch. Dieser Zug transportiert Metall, das auch ich geschmolzen und gegossen habe. Von hier nach Italien und von dort in die ganze Welt. - Und ich, ich bin nie weiter als bis nach Einsiedeln gekommen.«

Nach einer Weile tat er einen Schritt vom Balkongeländer zurück....

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