Weil ich dich nicht vergessen will

Roman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25710-1 (ISBN)
 
Auch wenn du deine Erinnerung verlierst, wirst du doch nie die Liebe vergessen .Anna Forster ist erst achtunddreißig, als sie die erschütternde Diagnose Alzheimer erhält. Sie weiß, dass ihr Zwillingsbruder Jack nur ihr Bestes will, und dennoch tut es weh, als er ihr vorschlägt, in ein betreutes Wohnheim zu ziehen. Sie weiß außerdem, dass in der Einrichtung nur eine weitere Person in ihrem Alter lebt - Luke, mit dem sie so viel mehr verbindet als mit allen anderen Menschen, die sie kennt. Anna und Luke verlieben sich ineinander, doch nach einem tragischen Vorfall setzen ihre Familien alles daran, die beiden zu trennen. Nur eine Person kann dem Liebespaar helfen: die Köchin Eve, die selbst einen schweren Schicksalsschlag verkraften musste. Doch ist sie bereit, alles für Anna und Luke aufs Spiel zu setzen? Der Roman erschien im Blanvalet Hardcover unter dem Titel »Anna Forster erinnert sich an die Liebe«.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 1,32 MB
978-3-641-25710-1 (9783641257101)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sally Hepworth ist gebürtige Australierin, verbrachte jedoch viel Zeit damit, um die Welt zu reisen. Sie lebte in Singapur, Großbritannien und Kanada, wo sie als Eventmanagerin und im Personalwesen arbeitete. 2009 kehrte sie zurück nach Australien und wandte sich ganz ihrer großen Leidenschaft, dem Schreiben, zu. Sally Hepworth lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Melbourne.

Kapitel 1
Anna

Fünfzehn Monate zuvor .

Niemand traut dem, was ich sage. Wenn ich zum Beispiel darauf hinweise, dass der Toast verbrennt oder dass gleich die Sechsuhrnachrichten kommen, sind alle ganz erstaunt. Unfassbar! Jetzt kommen tatsächlich gleich die Sechsuhrnachrichten. Gut gemacht, Anna. Wenn ich nicht erst achtunddreißig wäre, sondern achtundachtzig, wäre es mir vielleicht egal. Oder auch nicht. Seit meinem Einzug ins Rosalind House, einem Heim für betreutes Wohnen, sehe ich die Nöte älterer Menschen mit anderen Augen.

»Anna, das ist Bert«, sagt jemand, als ein Mann mit seiner Gehhilfe vorbeischlurft. Man hat mir schon ein halbes Dutzend Leute vorgestellt, die alle mehr oder weniger wie Bert aussehen: alt, grau, gebeugt. Wir sitzen im strahlenden Sonnenschein auf Korbstühlen, und ich weiß, dass Jack mich hergebracht hat, um es für uns beide ein bisschen angenehmer zu machen. Ja, du ziehst in ein Altersheim, aber schau mal, es gibt einen Garten!

Ich winke Bert zu, aber mein Blick bleibt auf Ethan gerichtet, meinen fünfjährigen Neffen, der sich auf der anderen Seite des Rasens von einem Mann in einem blau-rot gestreiften Morgenmantel Geldstücke aus den Ohren ziehen lässt. Meine Laune hebt sich. Ethan witzelt immer, er sei mein Lieblingsneffe, und das stimmt, auch wenn ich es vor anderen abstreite. Er ist der jüngste von Jacks Söhnen und zweifellos der netteste.

Als er vier war, habe ich mal eine Runde auf meinem Motorrad mit ihm gedreht. Brayden oder Hank habe ich gar nicht erst gefragt; ich wusste, dass sie mir erklären würden, das sei zu gefährlich, um es anschließend ihrer Mutter zu petzen. Ethan hat nie gepetzt, soweit ich weiß. Brayden und Hank wissen, was mit mir nicht stimmt - ich erkenne es daran, wie sie ständig zu ihrer Mutter schielen, wenn sie mit mir reden. Ethan dagegen weiß es entweder nicht oder es interessiert ihn nicht. Mir ist egal, was von beidem.

»Und das ist Clara.«

Clara steuert in einem beachtlichen Tempo (verglichen mit den anderen Bewohnern) auf uns zu. Vermutlich ist sie über achtzig, aber sie wirkt kräftig und scheint besser beieinander zu sein als die anderen. Mit ihren flaumigen gelb-grauen Haaren erinnert sie mich an ein frisch geschlüpftes Küken.

»Ich freue mich schon die ganze Zeit darauf, Sie kennenzulernen«, sagt sie und gibt mir einen kratzigen Kuss. Eine Duftwolke hüllt mich ein. Normalerweise mag ich es nicht, geküsst zu werden, aber bei ihr wirkt diese Geste erstaunlich normal. Und neuerdings achte ich darauf, Leuten, die sich mir gegenüber normal benehmen, Respekt entgegenzubringen. »Sagen Sie es mir, wenn Sie irgendwas brauchen, Herzchen, egal was«, sagt sie, bevor sie zu einer riesigen Eiche weiterzieht. Dort angekommen, gibt sie dem Mann in dem blau-roten Morgenmantel einen Kuss auf den Mund, so als würde sie ihr Territorium abstecken.

Neben mir unterhält sich Jack mit Eric, dem Heimleiter - einem untersetzten, rotgesichtigen Mann mit einem buschigen Tom-Selleck-Schnurrbart und einem Kichern, wie man es eigentlich eher von einer Achtzigjährigen erwarten würde. Jedes Mal wenn ich es höre (und das ist ziemlich oft, er scheint jeden Satz damit zu beenden), zucke ich zusammen und halte Ausschau nach einem strickenden Altdamenkränzchen. Er und Jack unterhalten sich, und ich höre zu, ohne viel mitzukriegen. »Wir bieten eine Menge Aktivitäten an . dafür sorgen, dass sie aktiv bleibt . Pflege und Aufsicht rund um die Uhr . Erfahrung mit Demenz . die beste Unterbringung für sie .«

Bla, bla, bla. Erics geradezu verzweifeltes Bemühen, einen guten Eindruck zu machen, hätten Jack und mich vor ein paar Jahren einen bedeutungsvollen Blick wechseln lassen, aber jetzt schluckt Jack es einfach. Weder bemerkt er Erics falsches Lachen noch die etwas zu eng sitzende Chinohose noch den Blick, der alle paar Sekunden nach rechts (in Richtung meines Busens) wandert. Für Eric spricht bisher nur, dass er mich bei unserer Ankunft um Rat wegen einer alten Knieverletzung gebeten hat, die ihm Probleme macht (wahrscheinlich hatte er gehofft, ich würde ihm eine Massage anbieten). Was er brauchte, war ein Arzt, keine Rettungssanitäterin, und das erklärte ich ihm auch, aber ich freute mich, dass er gefragt hatte. Die interessantesten Gespräche, die ich heutzutage führe, drehen sich um meine Lieblingsfarbe oder mein Lieblingsessen. Ich finde es schön, wenn sich jemand daran erinnert, dass ich ein erwachsener Mensch bin, nicht nur ein Mensch mit Alzheimer.

Jack scheint es vergessen zu haben. Seit ich zu ihm und Helen gezogen bin, hat er aufgehört, mein Bruder zu sein, und angefangen, die Rolle meines Vaters zu übernehmen, was mehr als nervig ist. Er denkt, ich bekomme es nicht mit, wenn er und Helen in der Küche leise über mich reden. Dass mir der Blick nicht auffällt, den er jedes Mal mit Helen wechselt, wenn ich anbiete, die Jungs zur Schule zu bringen. Dass ich es nicht merke, wenn Helen im Auto hinter mir herfährt, um sicherzugehen, dass ich mich nicht verlaufe.

Jack hat das alles schon einmal durchgemacht - wir beide -, und ich weiß, dass er sich für einen Experten hält. Immer wieder muss ich ihn daran erinnern, dass er Anwalt ist und kein Neurologe. Außerdem ist die Situation anders. Mom wollte ihre Krankheit nicht wahrhaben. Verbissen kämpfte sie um ihre Unabhängigkeit, bis zu dem Punkt, an dem sie das Haus niederbrannte. Aber ich habe nicht vor, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen. Deshalb habe ich mich selbst in einem Heim für betreutes Wohnen angemeldet.

Das Gute an dieser Einrichtung, wenn ich es mal von der positiven Seite betrachte, ist, dass nicht jeder verrückt ist. Jack und ich haben uns eine ganze Reihe von auf Demenz spezialisierten Heimen angesehen, und sie hatten alle etwas von einem Zombiefilm, voller verrückter und ins Leere starrender Bewohner. Dieses Heim hier ist wenigstens auch für Leute, die einfach nur alt sind - die sich nicht mehr selbst um ihr Essen und ihre Wäsche kümmern können -, eine Art Seniorenhotel (für wohlhabende Senioren, den Nullen auf dem Scheck nach zu urteilen, den Jack heute Morgen ausgestellt hat).

Trotzdem hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Es war schon schlimm genug, als Jack mich in die »Tagespflege« schickte. Im Ernst, so nennt sich das. Ein Tagesprogramm für Leute, die so sind wie ich. Und für Leute, die nicht so sind wie ich, denn da nur fünf Prozent aller Alzheimer-Erkrankungen bei Leuten unter fünfundsechzig auftreten, gibt es nicht sehr viele wie mich. Aus diesem Grund ist meine Situation noch seltsamer. Ich ziehe nicht einfach in irgendeine Pflegeeinrichtung - oh nein. Wir sind den ganzen Weg von Philadelphia bis nach Short Hills in New Jersey gefahren, damit ich in einer Einrichtung wohnen kann, in der es jemanden wie mich gibt. Einen Mann, der ebenfalls an einer frühen Demenz leidet, jemand, auf den Jack durch das Demenz-Netzwerk gestoßen ist. Seit Jack von diesem Mann erfahren hat, hat er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich in derselben Einrichtung unterzubringen. Es ist gerade so, als würde er meinen, dass es aus einem Pflegeheim eine Art Ferienlager macht, wenn sich zwei junge Menschen an einem Ort voller alter Leute befinden.

»Möchten Sie Luke kennenlernen, Anna?«, fragt Eric, und Jack nickt eifrig. Luke muss dieser Mann sein. Ich frage mich, ob er sich aus einem Baum abseilen wird oder was in der Art. Er muss schon einen beeindruckenden Auftritt hinlegen, wenn sie erwarten, dass er sich positiv auf meine Stimmung auswirkt.

»Ich möchte zurück auf mein Zimmer«, sage ich.

Jack und Eric wechseln einen Blick, und ich merke, dass ihnen der Wind aus den Segeln genommen ist.

»Natürlich«, sagt Jack. »Soll ich dich hinbringen?«

»Nein. Das schaff ich schon.« Ich stehe auf. Ich will Jack nicht ansehen, aber er erhebt sich ebenfalls und steht dann so dicht vor mir, dass ich nirgendwo anders hinschauen kann. Seine Augen sind voller Gefühl und glänzen feucht, und für einen kurzen Moment kommt der weichherzige Mann zum Vorschein, der er früher war, bevor ihn die Erfahrung mit Demenz und Verlassenwerden hart gemacht hat.

»Anna«, sagt er. »Ich weiß, dass du Angst hast.«

»Angst?«, schnaube ich, doch dann fängt vor meinen Augen alles an zu verschwimmen. Ich habe Angst. Als Zwilling ist man nämlich daran gewöhnt, dass man immer jemanden an der Seite hat, wenn man will. Aber gleich wird Jack gehen. Und ich bin allein.

»Jetzt hau schon ab«, sagte ich schließlich. »In einer halben Stunde habe ich einen Termin zur Pediküre. Die haben hier einen eigenen Wellnessbereich, schon vergessen?«

Jack lacht und wischt sich eine Träne von der Wange. Früher war Jack immer braungebrannt, aber inzwischen hat seine Haut einen gräulichen Ton, fast so bleich wie meine. Ich vermute, das hat etwas mit mir zu tun. »Ethan! Komm her und verabschiede dich von Anna.«

Ethan stürmt über den Rasen und wirft sich in meine Arme. Er drückt mich so fest, dass ich fast keine Luft mehr kriege. »Wiedersehen, Anna Banana.«

Als er mich loslässt, betrachte ich den weißen Verband, der seine linke Wange bedeckt, und versuche, mich an die hässliche rote Brandwunde und die Blasen zu erinnern. Ich muss mich daran erinnern. Sie sind der Grund, warum ich hier bin.

Als ich das erste Mal gemerkt habe, dass mit mir etwas nicht stimmt, war ich im Einkaufszentrum. Ich schleppte meine Tüten zum Ausgang und stellte plötzlich fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, wo ich mein Auto abgestellt hatte. Das Parkhaus hatte sieben...

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