Die Schachspielerin

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 142 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81163-6 (ISBN)
 
Im Leben von Eleni ist eigentlich alles in bester Ordnung: Sie führt eine glückliche Ehe mit Panos, dem Besitzer der Autowerkstatt, hat zwei wohl geratene Kinder und liebt ihren Beruf als Zimmermädchen im Hotel Dionysos auf Naxos. Doch dann stößt Eleni eines Morgens bei ihrer Arbeit aus Versehen die Figur einer unbeendeten Schachpartie um. Wohin gehört die kleine Holzfigur? Eleni versteht nichts vom Schach und stellt den Springer verlegen neben das Brett.
In den Tagen darauf wird sie den Gedanken an das geheimnisvolle Spiel nicht mehr los, hinter dem sich für sie eine neue, ungeheuer aufregende Welt verbirgt. Aber gehört es sich für ein einfaches Zimmermädchen, das vielleicht älteste und komplizierteste Spiel der Welt zu lernen? Darf sich eine gewöhnliche Frau auf Naxos einen ungewöhnlichen Traum erfüllen?
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,98 MB
978-3-455-81163-6 (9783455811636)
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Bertina Henrichs wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Literatur- und Filmwissenschaft und lebt seit langem in Paris, wo sie als Schriftstellerin und Filmemacherin arbeitet. Ihr Debüt Die Schachspielerin (2006) wurde mit dem Corine-Buchpreis ausgezeichnet und fürs Kino verfilmt. Bei Hoffmann und Campe erschienen außerdem That's all right, Mama (2009), Ein Garten am Meer (2011) und Das Glück der blauen Stunde (2013).

Als sie endlich mit ihren schweren Einkaufstaschen nach Hause kam, wurde sie vom demonstrativ missgelaunten Panos empfangen, der auf sein Essen wartete. Eleni entschuldigte sich nicht, sondern eilte direkt in die Küche, um die Mahlzeit vorzubereiten, die schweigend eingenommen wurde. Kaum hatte Panos den letzten Bissen geschluckt, stand er auf, küsste Eleni und Dimitra auf die Stirn und murmelte:

»Bis nachher, ihr beiden.«

Dann verließ er das Haus. Eleni nickte, stand ebenfalls auf und räumte den Tisch ab. Beim Abwaschen hörte sie die schmachtenden Lieder im Radio.

Bis zu Panos’ Geburtstag waren es zwei Wochen. Sie musste ein besonders schönes Schachspiel finden. Dann überlegte sie sich, dass es nicht einfach sein würde. In Hora, wo jeder jeden kannte, waren Gerüchte schneller als der Wind. Eleni hatte diese vertrauliche Atmosphäre immer gemocht, in der jedes Ereignis mit Neugier und Wohlwollen kommentiert wurde. Jetzt aber störte es sie, und sie wäre der Überwachung gern entgangen.

Undenkbar, dass sie ein Geschäft in der Altstadt betrat, um ein Schachspiel auszuwählen. So etwas Ausgefallenes konnte sie nicht kaufen, ohne Aufmerksamkeit zu wecken. Panos würde es noch am selben Tag erfahren, und die Überraschung wäre dahin.

 

Am nächsten Tag ging Eleni in einen Souvenirladen am Hafen, dessen Besitzer sie nicht kannte, weil die Einheimischen nur selten in diesen Geschäften einkauften. Sie sah sich möglichst unbeteiligt um, fand aber kein Schachspiel. Den Verkäufer zu fragen wäre riskant gewesen. Auch wenn er sie nicht persönlich kannte, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass er mit jemandem aus ihrer Umgebung zu tun hatte. Sie musste das Geschäft mit einem freundlichen Lächeln verlassen, ohne das Gewünschte gefunden zu haben.

Sie setzte sich in ein Café, bestellte ein Frappé und überlegte. Wen konnte sie ins Vertrauen ziehen? Ihr Bruder wäre der Geeignete. Leider hatte er Naxos vor langer Zeit verlassen, um auf Santorin landwirtschaftliche Geräte zu verkaufen. Ihre Beziehung war herzlich, aber sie trafen sich nur zwei-, dreimal im Jahr, um religiöse oder Familienfeste zu begehen.

Während Eleni ihren süßen Eiskaffee durch den Trinkhalm saugte, ging sie die anderen nahe stehenden Personen durch, aber niemand schien geeignet. Frauen waren von vornherein ausgeschlossen. Blieben nur ihre männlichen Bekannten oder die Kinder. Yannis wollte sie nicht schicken: Er würde ihr Anliegen so ungewöhnlich finden, dass er außerstande wäre, das Geheimnis für sich zu behalten. Die sanfte Dimitra, ihre geliebte Tochter, stets bereit, jemandem einen Gefallen zu tun, konnte ihr bei diesem Unterfangen nicht behilflich sein. Ob ihre Tochter oder sie selbst, das kam auf dasselbe heraus. Nein, das war keine gute Idee.

Ihre Gedanken wurde von Katerina unterbrochen, die zufällig vorbeikam. Begeistert von dem überraschenden Zusammentreffen, setzte sie sich zu ihr und begann sofort, ihr alle möglichen Geschichten zu erzählen. Eleni bemühte sich zwar, dem Wortschwall zu widerstehen, verlor aber bald den Faden ihrer Gedanken.

Anders als erhofft bot auch der Abend keine Gelegenheit, einen Plan zu entwickeln. Panos beschloss zu Hause zu bleiben. Er war guter Laune und zum Reden aufgelegt. Eleni musste ihre Überlegungen auf den nächsten Tag, einen Mittwoch, verschieben.

 

Mittwoch war ein günstiger Tag für die Lösung des Problems, denn Dimitra kam erst abends nach Hause. Eleni beeilte sich mit der Arbeit im Hotel. Dann nahm sie den Bus nach Halki. Dem Armenier, den sie an der Haltestelle traf, erzählte sie, dass sie ihre alten Eltern besuchen würde, das war das Natürlichste der Welt. Er beauftragte sie, ihnen einen Gruß auszurichten, was Eleni versprach.

Der Bus fuhr durch Flachland und Berge. Sonst genoss sie immer die Fahrt, weil sie träumen konnte, während die Landschaft an ihren Augen vorbeizog, aber diesmal kam sie ihr sehr lang vor. Sie wollte schnell erfahren, ob sich der Plan, den sie in der Nacht entworfen hatte, verwirklichen ließ.

In ihrem Heimatdorf schlug sie nicht den üblichen Weg entlang der Olivenhaine ein, der zum Haus ihrer Eltern führte, sondern nahm eine kleine gepflasterte Gasse. Sie beeilte sich, denn die Essenszeit war der beste Moment für einen Besuch.

Nachdem sie eine Weile gesucht hatte, fand sie endlich das kleine ockerfarbene Steinhaus in einem ausgedorrten Garten. Plötzlich bekam sie Angst und zögerte. Wie würde sie nach so vielen Jahren empfangen werden? Fast wäre sie umgedreht, ohne ihre Mission erfüllt zu haben, da hörte sie Schritte, die sich der Tür zu nähern schienen. Eleni holte tief Luft und drückte auf die Klingel.

Ein alter, sehr magerer Mann in Hemdsärmeln öffnete fast sofort. Er kniff die Augen zusammen und brauchte ein paar Sekunden, ehe er sie erkannte. Dann trat zu Elenis großer Erleichterung ein Lächeln in sein Gesicht. Sie deutete auch ein Lächeln an und sagte:

»Guten Tag, Professor Kouros. Entschuldigen Sie die Störung.«

Der alte Mann führte sie in sein Wohnzimmer. Auf dem mit einer Zeitung geschützten Tisch stand ein Teller Bohnensuppe. Ohne sie zu fragen, goss der alte Mann Eleni ein Glas Weißwein ein und bot ihr einen Stuhl an. Sie fühlte sich unbehaglich und setzte sich ganz vorn auf den Rand. In dieser Position musste sie ihr Gewicht auf die Beine verlagern, damit sie nicht umkippte. Das war sehr unbequem, aber sie traute sich nicht, eine andere Haltung einzunehmen.

Der Alte ignorierte ihre Verlegenheit, setzte sich ebenfalls und aß weiter seine Suppe. Er bot auch Eleni davon an, aber sie lehnte höflich ab. Sie trank in kleinen Schlucken ihren Wein und überlegte, wie sie die Bitte formulieren sollte, die ihr plötzlich ganz unpassend vorkam.

Um sich zu sammeln, ließ sie den Blick durch das halbdunkle Zimmer schweifen, in dem verschiedene Holzmöbel und ein mit abgewetztem rotem Stoff bezogener Sessel standen. Nur ein paar exotische Reisesouvenirs störten den äußerst einfachen, ja geradezu asketischen Eindruck, den die Wohnung machte. Zwei afrikanische Masken über der Tür zur Diele starrten Eleni finster an. Ein naives Wandbild asiatischen Ursprungs stellte schwarze Gestalten dar, die in ihren Barken einen kleinen Fluss hinabfuhren. Auf einem Wandbrett stand eine große dunkelgelbe Tonschale mit Früchten. Ein schwacher Duft von Rasierwasser lag in der Luft, ein Hauch männlicher Eitelkeit, die im Gegensatz zur nüchternen Erscheinung des Lehrers stand. Der Duft erinnerte Eleni an das würzige Parfum, an dem sie im Zimmer der Pariser gerochen hatte. Wenn Kouros gern reiste, war er womöglich auch in Paris gewesen. Die Frage brannte ihr auf den Lippen, aber sie hatte nicht den Mut, sie zu stellen.

Eleni hatte das Haus des Lehrers noch nie betreten. Sie hatte ihn nie anders als hinter seinem Tisch vor einer Klasse lebhafter Schüler erlebt. Er war gerecht gewesen, gleichzeitig liebenswürdig und abwesend, immer gleicher Stimmung, zumindest hatte er so gewirkt.

Er trug die gleiche schwarze Hose, die sie damals an ihm gesehen hatte. Seine ebenfalls schwarze Jacke hing über einer Stuhllehne.

Kouros brach das Schweigen und erkundigte sich nach Elenis Gesundheit. Geduldig hörte er sich die Antwort an, lächelte und konzentrierte sich wieder auf seine Suppe. Er wusste aus Erfahrung, dass seine einstigen Schüler mit wenigen Ausnahmen ein konkretes Ziel hatten, wenn sie ihn besuchten, und dass sie eine gewisse Aufwärmzeit brauchten. Meistens baten sie ihn, einen Behördenbrief zu verfassen oder ihnen die komplizierten Begriffe eines offiziellen Schreibens zu erklären, das sie erhalten hatten. Oft betraf es eine Erbschaft oder eine gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Nachbarn um die Grundstücksgrenzen.

Eleni war vor dreißig Jahren seine Schülerin gewesen, und wenn er ehrlich war, hatte sie keinerlei Spuren in seinem Gedächtnis hinterlassen. Ihre schulischen Leistungen waren sicher mittelmäßig gewesen, und auch ihr Äußeres hatte nichts Auffälliges. Er meinte sich zu erinnern, dass sie ein kleines Mädchen ohne Besonderheiten gewesen war.

 

Eleni schwieg weiter und sah sich immer noch um, als könnten ihr die Gegenstände im Raum zu Hilfe eilen. Aber die Dinge verharrten in grober Gleichgültigkeit und ließen sie ohne Eingebung.

Schließlich raffte sie sich auf.

»Professor, ich möchte gern, dass Sie ein Schachspiel für mich kaufen«, sagte sie und erschrak über die plötzliche Direktheit, mit der sich die Worte aus ihr gelöst hatten.

Der alte Mann hob den Kopf und sah sie an. Er versuchte seine Überraschung zu verbergen.

»Ein Schachspiel?«, wiederholte er, um Zeit zu gewinnen.

»Ja, genau«, entgegnete Eleni, ohne an weitere Erklärungen zu denken.

Kouros griff nach der Weinkaraffe und goss ihnen beiden nach. Irritiert machte er sich auf die Jagd nach weiteren Informationen.

»Schach ist ein sehr schönes Spiel. Es gehört zu den ältesten der Welt«, sagte er ausweichend. »Das Königsspiel, kann man sagen. Schwer, aber schön.«

Eleni verriet sich: »Sehr schwer?«, fragte sie mit einem kleinen Zittern in der Stimme.

Der Lehrer reagierte auf diese plötzliche Verzagtheit mit einer Lüge.

»Nein«, sagte er, »nicht allzu schwer.«

Er hatte etwas wahrgenommen, irgendwas war aufgeblitzt, das ihm zur Vorsicht riet.

»Für wen möchtest du das Spiel kaufen, Eleni?«, fragte er.

Kouros hatte die Gewohnheit bewahrt, seine ehemaligen Schüler zu duzen, sozusagen in Erinnerung an die Verbindung, die früher zwischen ihnen bestanden hatte. Eleni antwortete hastig, es sei für den Geburtstag ihres Mannes. Der Lehrer wunderte sich über die plötzliche Leidenschaft des Autoschlossers Panos für das...

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