Mittsommerleuchten

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Mai 2017
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1538-6 (ISBN)
 

Gloria dachte mit ihren 53 Jahren eigentlich, das Leben hätte keine Höhepunkte mehr zu bieten. Jetzt soll die schwedische Operndiva die Hauptrolle in »Carmen« übernehmen. Aber der Gedanke an die Proben versetzt sie in Panik - denn in den beiden männlichen Hauptrollen sollen ausgerechnet zwei ihrer alten Liebhaber auftreten.

Glorias Schwester Agnes dagegen führt eine stabile Beziehung. Aber irgendwann hält sie so viel Stabilität und Ereignislosigkeit nicht mehr aus, trennt sich von ihrem Mann und flüchtet zu Gloria. Gemeinsam gelingt es den beiden ungleichen Schwestern, das Gefühlschaos zu lichten. Gloria und Agnes entdecken, dass es nie zu spät ist, das Glück zu suchen - und zu finden.

weitere Ausgaben werden ermittelt
Åsa Hellberg wurde 1962 in Fjällbacka geboren. Heute lebt sie mit Sohn, Katze und ihrem Lebensgefährten in Stockholm. Sie arbeitete unter anderem als Flugbegleiterin, Coach und Dozentin, bevor sie mit dem Schreiben begann. Mit ihren Bestseller-Romanen schrieb sie sich auf Anhieb in die Herzen der Leserinnen.

Der erste Akt


Noch fünfzig Tage

Tag eins


Gloria schlief, wanderte rastlos in der Wohnung auf und ab, aß, hätte sich am liebsten übergeben, starrte das Telefon an, wollte ihre Schwester anrufen, versuchte zu lesen, ging in die Badewanne, schlief noch ein bisschen, betete, listete Ausreden auf, putzte sich die Nase, weinte, sortierte ihren Kleiderschrank, räusperte sich, putzte den Backofen, schlief und träumte, ihre Mutter würde sie verlieren.

Tag zwei


Gloria konnte nicht schlafen, nicht essen, musste sich übergeben, ging nicht ans Telefon, als ihre Schwester anrief, konnte nicht lesen, duschte, ging ins Bett, verfluchte Gott, konnte nicht weinen, räusperte sich grundlos, schlief schließlich ein und träumte, ihre Mutter würde sie absichtlich verlieren.

Tag drei


An der Ecke bei der Hamburger Börse blieb Gloria stehen. Von hier aus hatte sie den Bühneneingang im Blick. Die Gesamtprobe begann in genau vier Minuten, und noch hatte sie Dominic nicht kommen sehen. Vielleicht war er schon drin?

Gloria hatte sich heute schick angezogen, was bedeutete, dass sie die dicke rote Daunenjacke gegen den taillierten Wollmantel ausgetauscht hatte. Die Lederstiefel mit den hohen Absätzen und der knielange enge Rock wärmten überhaupt nicht, aber in Kombination mit den frisch frisierten Haaren und den stark geschminkten Augen verliehen sie ihr die äußere Selbstsicherheit, die sie jetzt so dringend brauchte. Ihre zitternden Knie und die schweißnassen Handflächen musste sie irgendwie ignorieren.

Sie war ein gefeierter Star und über fünfzig. Man hätte vielleicht vermutet, ihr reicher Erfahrungsschatz würde ihr Selbstvertrauen verleihen, aber als sie die Straße überquerte und auf den Eingang zuging, spürte sie nichts davon.

Sie war zwar kurz davor gewesen, aber sie konnte ihre Kollegen nicht im Stich lassen. Solange sie sich kein Bein, keinen Arm oder das Genick gebrochen hatte, musste sie dort reingehen und ihr Bestes geben. Egal, wie sie sich dabei fühlte.

Dieser Tag war bald vorbei. Darauf würde sie sich konzentrieren.

Bevor Gloria die Tür aufmachte, holte sie tief Luft. Es war an der Zeit, sich ihren Dämonen zu stellen.

Hundert Köpfe drehten sich zu ihr um, als sie die Bühne betrat, auf der ein mehrreihiger Halbkreis aus Stühlen stand. Hastig nahm sie ganz hinten zwischen den Chorsängern Platz. Hier fühlte sie sich einigermaßen sicher. Ob der Chor sich darüber wunderte, dass sie sich zu ihnen setzte, war schwer zu sagen. Sie starrte vor allem auf den Boden.

Die Letzte war sie jedoch nicht. Dominic traf kurz nach ihr ein. Ein Raunen ging durch die Menge, als er durch die Reihen schritt und natürlich ganz vorne Platz nahm. Gloria schnaubte leise. Typen wie er mischten sich nicht unters gewöhnliche Volk. Die Regisseurin Denise Williams stand auf und begrüßte ihn herzlich. Als auch die Intendantin sich erhob, begriff Gloria, dass dies ein wichtiges Ereignis war. Sie erschien nur zur ersten Probe, wenn Prominente im Haus waren, und sowohl sie als auch Denise schienen so beeindruckt von Dominic, dass Gloria sich fremdschämte.

Sie selbst war bei weitem nicht so feierlich empfangen worden, obwohl sie der Star dieser Aufführung war. Normalerweise wäre ihr das vollkommen egal gewesen. Sie gönnte es ihren Kolleginnen und Kollegen, im Rampenlicht zu stehen. Zu Beginn ihrer Karriere hatte Gloria es geliebt, wenn ältere Sängerinnen diese Demut ausstrahlten, und sie hatte sich bemüht, so zu werden wie sie.

Aber Dominic gegenüber?

Auf keinen Fall!

Wirklich nicht!

Sie senkte bewusst den Blick, während man ihn mit offenen Armen empfing, aber als sie aus dem Augenwinkel sah, dass er sich hingesetzt hatte, hob sie den Kopf wieder.

Kit hatte sie noch nicht entdeckt. Das lag wahrscheinlich daran, dass Gloria eingehend das Parkett studiert hatte, anstatt sich umzusehen. Die Inspizientin spielte eine Schlüsselrolle hinter den Kulissen, und diese Gelegenheit würde sich Kit mit Sicherheit nicht entgehen lassen.

Nachdem Gloria eingehend ihre Nägel betrachtet, ihre Hände in alle Richtungen gedreht und nach neuen Altersflecken Ausschau gehalten hatte, trommelte sie eine Weile mit den Fingerkuppen auf ihre Handtasche. Als die anderen ihr Blicke zuwarfen, holte sie einen kleinen Notizblick aus ihrer Tasche und zeichnete Männchen. Traurige Männchen mit dicken Bäuchen.

»Hört mal her. Ich heiße alle willkommen. Wir haben ein gewaltiges Projekt vor uns, und ich freue mich unheimlich auf die gemeinsame Arbeit.«

Gloria hatte sich lange gewünscht, mit Denise zusammenzuarbeiten. Die Inszenierungen der Engländerin waren legendär, und Gloria freute sich eigentlich nur auf sie. Was Denise am Royal Opera House in London zustande gebracht hatte, war reine Magie, sie hatte noch nie etwas Besseres gesehen.

Dominic hatte keine Rolle gehabt, sonst hätte Gloria die Vorstellung nicht gesehen. Sie hatte ihn seit zwanzig Jahren nicht singen hören. Vielleicht war er in den vergangenen Jahren richtig mies geworden. Man konnte nur hoffen, dass Denise nicht vor lauter Bewunderung ihre Arbeit vernachlässigte, wenn sie nun endlich mal in Stockholm war. So etwas war schon in den berühmtesten Opernhäusern vorgekommen. Gerüchte machten in dieser Branche schnell die Runde.

»Erlaubt mir, euch den Mann vorzustellen, der uns das perfekte Bühnenbild gezaubert hat.«

Vereinzelter Applaus ertönte, als er aufstand und verschiedene Modelle präsentierte.

Dann waren die Kostüme an der Reihe, und Gloria stellte befriedigt fest, dass sie genauso aufreizend gekleidet sein würde, wie sie es besprochen hatten. Für ihr Empfinden war es der Carmen angemessen.

Als sie die Rolle in jungen Jahren an der Opernhochschule gesungen hatte, war ihr Kostüm ähnlich freizügig gewesen, und damals hatte Dominic ihr ins Ohr geflüstert, sie treibe ihn in den Wahnsinn, und dann hatten sie sich in einer Abstellkammer auf einem Tisch geliebt, ohne sich auszuziehen.

Sie bohrte die Fingernägel in ihre Handfläche, um an etwas anderes als an seinen nackten Körper zu denken. Weder er noch sie sahen so aus wie damals.

Sie jedenfalls nicht.

Soweit sie erkennen konnte, war sein Haar immer noch pechschwarz, aber es war bestimmt gefärbt. So sorgte jedenfalls sie dafür, dass ihre Haare dunkel blieben. Die ersten grauen Strähnen hatte sie bereits mit fünfunddreißig bekommen, und mittlerweile wäre sie vermutlich komplett silbergrau, was ihr allerdings im Traum nicht einfiel.

Dominics Figur konnte sie von hier aus nicht erkennen, aber zu der Zeit, als sie noch jeden Quadratzentimeter seines Körpers in- und auswendig kannte, war sie göttlich gewesen. Breite Schultern, flacher Bauch und lange muskulöse Beine. Da er dazu noch ein phantastischer Sänger war, stand einer Ausnahmekarriere nichts im Weg. Wenige Tenöre waren so talentiert wie er.

Nun war es Zeit, die Künstler vorzustellen, und Denise ergriff wieder das Wort. Selbstverständlich musste Gloria als Erste aufstehen und Beifall entgegennehmen.

Sie lächelte den Menschen in ihrer nächsten Umgebung zu, weigerte sich aber, ihren Blick bis zu den vorderen Reihen schweifen zu lassen.

Sonst wäre sie vielleicht vorbereitet gewesen, als der zweite männliche Hauptdarsteller angekündigt wurde und Sebastian Bayard sich erhob.

Er wandte sich sofort an sie und warf ihr eine Kusshand zu.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich auf dieses Abenteuer freue, Chérie.«

Gloria blieb nichts anderes übrig, als seine Geste zu erwidern und zurückzuwinken. Sie hoffte, dass niemand gesehen hatte, wie sehr ihre Hand zitterte, und ließ sie schnell wieder in ihren Schoß sinken.

War das ein Komplott gegen sie? Hatte jemand eine Liste der Männer in die Finger bekommen, mit denen sie zusammen gewesen war - sie selbst hatte natürlich eine -, und die Sahnestückchen rausgepickt?

Warum hatte ihr niemand mitgeteilt, dass Sebastian als Torero eingesprungen war? Sie war zwar in der vergangenen Woche nicht ans Telefon gegangen, aber man hätte ihr ja wohl . einen Brief schreiben können.

Diese Neuigkeit war überhaupt nicht erfreulich, sondern eine Katastrophe.

Die Opernleitung begriff nicht, was sie mit dem Engagement des Franzosen angerichtet hatte. Gloria hätte ihnen sagen können, dass sie damit die ganze Vorstellung aufs Spiel setzten.

Natürlich hätte sie den wahren Grund verschwiegen, nämlich dass sich Sebastian und Dominic quasi überlappt hatten und Dominic deswegen sieben Teller, drei Champagnergläser und ein Fenster zum Hof kaputtgeschlagen hatte, als er es erfuhr.

Dass sie die Beziehung zu Sebastian nur aus Rache eingegangen war und ihn nicht mit dem Hintern angeguckt hätte, wenn Dominic nicht beschlossen hätte, in London zu arbeiten, ging niemanden etwas an.

Sie versank so tief in ihrem Stuhl, wie es eben ging.

Ihr Herz klopfte gewaltig. Die Ader an ihrer Schläfe pochte so heftig, dass sie befürchtete, ein Gefäß würde platzen und das gesamte Ensemble mit Blut bespritzen. Sie wusste nicht, was schlimmer - oder in diesem Fall vielleicht das Beste - war: eine Hirnblutung oder ein Herzstillstand.

Nun stand Dominic auf und sah seinen zukünftigen Bühnenrivalen an.

Dann drehte er sich zu Gloria um und fixierte sie. Sie wollte sich abwenden, aber es gelang ihr nicht. Sein Blick bohrte sich trotz der Entfernung direkt in ihr Herz. Ihr Brustkorb...

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