Das Geheimnis des zweiten Sommers

Roman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08927-6 (ISBN)
 
Eine alte Schuld. Eine neue Liebe. Ein Schicksal, das sich erfüllt ...

Beekensiel an der Nordsee, 1939. Der elfjährige Arjen lernt in den Dünen den Ausreißer Ruben kennen, der abenteuerliche Geschichten von einem Walfischknochen erzählt. Dieser soll Schicksale bestimmen können ... Es ist der Beginn einer einzigartigen Freundschaft - bis ein Sommertag alles verändert.

Jahrzehnte später reist Greta Rosenboom mit ihrem Großvater auf die Insel seiner Kindheit. Sie ahnt nicht, dass die windumtosten Strände Beekensiels eine alte Schuld bergen - und ein Geheimnis, das auch ihr Leben verändern wird .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 1,39 MB
978-3-641-08927-6 (9783641089276)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

SEPTEMBER 2012

Seit zehn Minuten hatte sich auf der Autobahn nichts mehr bewegt - einmal abgesehen von dem SUV, der Gretas mit einem Schlag winzig erscheinendem Mietwagen noch einen Zentimeter näher kam. Sollte der Fahrer dieses Monstrums das Gaspedal auch nur mit der Fußspitze berühren, würde es unweigerlich zu einem Zusammenstoß kommen. Greta ertappte sich dabei, wie sie gebannt in den Rückspiegel starrte und fest mit einem heftigen Ruck rechnete, der sie in den Anschnallgurt drücken würde. Ihr Brustkorb verengte sich in vorauseilendem Gehorsam, während gleichzeitig Adrenalin durch ihre Glieder jagte.

Bleib ruhig, noch ist nichts passiert.

Doch das Kopfkino ließ sich nicht so leicht unter Kontrolle bringen und spann das Schrecksszenario weiter: Nach dem Rums würde der Fahrer heftig an ihr Fenster klopfen, um ihr die Schuld für den Auffahrunfall in die Schuhe zu schieben, während sie zu durcheinander wäre, um sich zur Wehr zu setzen. Das wäre dann die Krönung dieses grauenhaften Tages am Ende einer grauenhaften Woche.

Schon am gestrigen Mittag, als Greta vor der Ausgabe des Autoverleihs stand, hätte sie den VW Fox am liebsten stehen lassen und stattdessen den Zug in Richtung Kiel genommen. Nur wäre es dann unmöglich gewesen, all ihre Sachen mitzunehmen. Erik hätte sie ihr hinterherschicken müssen, und genau das hatte sie um jeden Preis vermeiden wollen. Von Erik Brunner wollte sie nichts mehr hören und sehen, nicht einmal seine Handschrift auf einem Paketschein. Als sie die Kartons mit rasch hineingeworfener Kleidung, zwei Bonsais, jeder Menge Bücher und Krimskrams im Wagen verstaut hatte, war sie sich plötzlich armselig vorgekommen. Sie war achtundzwanzig Jahre alt, und alles, was sie besaß, passte in einen VW Fox, der ihr nicht einmal gehörte.

Dann gibt es wenigstens nichts, das deinen Neustart belastet, hatte sie sich selbst aufzumuntern versucht.

Nur hatte sich der Neustart von der ersten Sekunde an als Albtraum erwiesen. Denn Greta besaß zwar einen Führerschein, aber so gut wie keine Fahrpraxis. In Zürich, das in den letzten drei Jahren ihr Zuhause gewesen war, fuhr man mit der Straßenbahn, und in Berlin, wo sie zuvor gelebt hatte, war sie stets mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Durcheinander und überreizt, wie sie nun einmal war, stellte die Fahrt von Zürich in den Norden Deutschlands eine Herausforderung dar, die sie nur gerade so bewältigte. Als die Nacht eingebrochen war, hatte sie sich eingestehen müssen, dass ihre Idee durchzufahren nicht funktionieren würde. Und so hatte sie ein paar Stunden im Autositz geschlafen, nur um mit dröhnenden Kopfschmerzen aufzuwachen. Am schlimmsten war jedoch der Traum gewesen, der ihr realer erschienen war als das im Halbdunkel liegende Waldstück hinter der Windschutzscheibe. Es war auch gar kein richtiger Traum gewesen, dazu ähnelte er viel zu sehr dem Abend, an dem Greta nachgegeben hatte. Mit pochenden Schmerzen hinter ihren Schläfen erinnerte sie sich .

Erik lachte.

Sein Schauspielerlachen, dachte Greta wie so oft, halb fasziniert, halb abgestoßen. Ein Mann sollte nicht auf diese Weise lachen, ganz auf die Wirkung bedacht und in dem Wissen, dass keine Frau seinem Charme würde widerstehen können. Letztendlich bildete auch sie keine Ausnahme. Die Anziehungskraft dieses klangvollen Gelächters in Verbindung mit Eriks gut geschnittenem Gesicht war stärker als ihr Argwohn, und Greta fiel mit ein, auch wenn ihrem Lachen etwas Aufgesetztes anhaftete.

Und warum hätte sie auch in Grübeleien versinken sollen? Der Sommerabend war lau, Lichter spiegelten sich auf dem Zürichsee, und das Plätschern der Wellen verlor sich fast bis zu der Terrasse, auf der sie saßen.

»Ich bin so froh, dass du dich endlich dazu entschieden hast, bei mir zu leben«, sagte Erik. »Ich stand schon kurz davor, härtere Geschütze aufzufahren und deine gesamte Familie nach Zürich einzuladen, damit sie dir erklärt, dass es einem Nordlicht wie dir auch in der Schweiz durchaus gefallen kann.« Mit diesen Worten wollte er sie in die Arme schließen und küssen, der krönende Abschluss für seine Bemühungen.

Greta wich seinen Lippen jedoch aus, von einer plötzlichen Unruhe erfasst. Der moderne Bau, der Eriks ganzer Stolz war, schien plötzlich näher zu rutschen, als wolle er sie erdrücken. Es ähnelte der Reaktion, die sie bei den Bergketten rings um Zürich überkam, von denen sie sich - aller Vernunft zum Trotz - umzingelt fühlte. Kälte breitete sich zwischen ihren Schulterblättern aus, gegen die weder Eriks Umarmung noch die Sommernacht ankamen.

»Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob dieses Leben das richtige für mich ist«, flüsterte sie so leise, dass Erik sie nicht verstand. Aber vermutlich hätte er sie nicht einmal dann verstanden, wenn sie ihn angeschrien hätte .

Mit einem Stöhnen schüttelte Greta diese Erinnerung ab. Schließlich kannte sie inzwischen die Antwort auf diese Unsicherheit. Unsere Beziehung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, gestand sie sich ein, während das anbrechende Tageslicht immer mehr Unrat am Waldsaum zeigte. Der schäbige Parkplatz passte perfekt zu ihrer Stimmung. Mit Not unterdrückte sie die aufsteigenden Tränen und ließ den Motor an.

Ein Gutes musste sie der Autofahrerei ja zugestehen: Man kam kaum zum Nachdenken - zumindest wenn man eine so unerfahrene Fahrerin war wie Greta, der jeder Spurwechsel einen Schweißausbruch verursachte. Dann, kurz vor ihrem Ziel, geriet sie in diesen Endlosstau vorm Hamburger Elbtunnel. Zu Beginn war Greta noch erleichtert. Vielleicht war das ihre Chance, ihre Gedanken in Ruhe zu sortieren und einen Schlachtplan für ihre Ankunft in Meresund aufzustellen. Den würde sie nämlich auf jeden Fall brauchen, wenn sie ihrer Familie gegenübertrat - allein und sichtlich mitgenommen. Nachdem sie den Elbtunnel hinter sich gelassen hatte, konnte von einem Schlachtplan allerdings nicht einmal ansatzweise die Rede sein. Greta musste nämlich feststellen, dass Staus zwar Unmengen an Zeit kosteten, einen geistig aber trotzdem vollauf in Beschlag nahmen. Das galt besonders, wenn der Hintermann einen SUV fuhr und die Tatsache nicht akzeptieren wollte, dass der Stau für alle Teilnehmer galt.

»Selbst wenn ich mich in Luft auflösen würde, wärst du nur ein paar Meter weiter«, brummte Greta gereizt in den Rückspiegel.

Die Kühlerhaube des SUV sparte sich eine Antwort und begnügte sich damit, bedrohlich hinter ihrem Kleinwagen aufzuragen.

In Gretas Schläfen begann es erneut zu pochen. Zu gern hätte sie die übertrieben laute Radiomusik für den Druck in ihrem Kopf verantwortlich gemacht. Die sollte sie eigentlich unterhalten, aber ganz gleich, wie weit sie den Lautstärkeregler nach rechts drehte, die Musik erreichte sie nicht. Nichts erreicht mich, ich fühle mich vollkommen festgefahren.

Immer wieder tauchte ganz unvermittelt Eriks Gesicht vor ihren Augen auf: Vor Konzentration ganz eingefroren, wenn er Börsenkurse auf dem Handydisplay verfolgte, anstatt die Möhren fürs gemeinsame Abendessen kleinzuschneiden . Beim Schlafen entspannt und jung, trotz der vierzig intensiv gelebten Jahre, die sich hineingezeichnet hatten . Zu einer Maske erstarrt, sobald er sich in der Gegenwart von Gretas Freunden zu langweilen begann . Außer Kontrolle geraten, als sie ihm sagte, dass es vorbei sei.

Es fehlte nicht viel, und Greta würde in Tränen ausbrechen. Nicht auf eine malerische Weise, bei der einem ein stiller Fluss über die Wangen lief, während sich kein einziger Muskel im Gesicht rührte, und auch nicht auf eine Mädchentour, bei der man am Ende nur ein Taschentuch brauchte, um den Schaden zu beseitigen. Wenn sie sich nicht zusammenriss, dann würde sie heulend über dem Lenkrad zusammensacken, am ganzen Körper geschüttelt und außerstande, das Elend mit einem Sack voll Taschentücher aufzufangen. Anschließend wären ihre eh schon überanstrengten Augen so zugeschwollen, dass sie bestenfalls auf den Seitenstreifen ausscheren konnte, von wo aus die vorbeirollende Kolonne sie dann beäugen würde. Sie, die Frau mit dem verquollenen Gesicht, dem wirr abstehenden Blondhaar und der blutverkrusteten Schramme auf der Stirn.

Der Gedanke an die Schramme brachte Greta die dringend benötigte Ablenkung. Während sie die hässlich blau unterlaufene Linie im Rückspiegel betrachtete, überlegte sie ernsthaft, sich mit der Nagelschere einen Pony zu schneiden. Andernfalls würde sie zuhause erklären müssen, woher die Verletzung stammte, und sie verspürte nicht das Bedürfnis, gleich nach ihrer Ankunft mit dieser Geschichte herauszurücken. Die Verletzung stand für den Höhepunkt ihrer Auseinandersetzung mit Erik, den Höhepunkt nach einem extrem steilen Aufstieg. Gerade als sie, trotz des einschneidenden Gurts, nach ihrer Kosmetiktasche auf dem Rücksitz langte, klopfte jemand an ihr Fenster. Gut möglich, dass er schon länger klopfte - bei der Musik war das kaum auszumachen.

Einen Moment lang befürchtete Greta, es sei der SUV-Fahrer, dem es nicht länger reichte, unhöflich dicht aufzufahren, und der seine Frustration jetzt direkt an ihr ablassen wollte. Anstelle eines aufgebrachten Mannes stand dort jedoch eine typische Hanseatin, adrett bis in die Haarspitzen und vielleicht zehn Jahre älter als Greta. Die Frau lächelte sie an, während Greta das Radio ausschaltete und die Fensterscheibe...

"Spannende Saga mit viel norddeutschem Flair."
 
"Ein Geschichte über Liebe und tiefe Freundschaft, die uns zu Herzen geht."
 
"Liebevolle Geschichte mit Esprit."
 
"Die perfekte Strandlektüre!"
 
"Eine warmherzige Familiensaga, spannend bis zum Schluss."

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