Weiskerns Nachlass

 
Christoph Hein (Autor)
 
Suhrkamp Verlag AG
2. Auflage | erschienen am 12. September 2011 | 319 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76220-2 (ISBN)
 
Rüdiger Stolzenburg, 59 Jahre alt, hat seit 15 Jahren eine halbe Stelle als Dozent an einem kulturwissenschaftlichen Institut. Seine Aufstiegschancen tendieren gegen null, mit seinem Gehalt kommt er eher schlecht als recht über die Runden. Er ist ein prototypisches Mitglied des akademischen Prekariats. Dieser »Klasse« fehlt jede Zukunftshoffnung: Die selbst gesetzten Maßstäbe an die universitäre Lehre lassen sich nicht aufrecht erhalten; die eigene Forschung führt zu keinem greifbaren Resultat. Für das Spezialgebiet des Rüdiger Stolzenburg, den im 18. Jahrhundert in Wien lebenden Schauspieler, Librettisten und Kartografen Friedrich Wilhelm Weiskern, lassen sich weder Drittmittel noch Publikationsmöglichkeiten beschaffen. Und dann erweist sich das angeblich sensationelle neue Material aus dem Nachlaß von Weiskern auch noch als Fälschung. Seine Bemühungen, eine ihn ruinierende Steuernachforderung zu erfüllen, machen ihm endgültig deutlich: die Welt, die Wirtschaft, die Politik, die privaten Beziehungen - alles ist prekär. Sie zerbrechen, sie setzen Gewalt frei, geben in großem Ausmaß den Schein für Sein aus. Christoph Hein hat mit Rüdiger Stolzenburg eine Figur geschaffen, in der sich prototypisch die Gefährdungen unserer Gesellschaft und unserer Zivilisation am Ende des ersten Jahrzehnts des zweiten Jahrtausends spiegeln. Christoph Hein ist damit der aktuelle, realistische, literarisch durchgeformte Gesellschaftsroman gelungen.

Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle Der fremde Freund / Drachenblut.
Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis.

Deutsch
1,82 MB
978-3-518-76220-2 (9783518762202)
3518762206 (3518762206)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle Der fremde Freund / Drachenblut. Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis.

1 - Cover [Seite 1]
2 - Informationen zum Buch/Autor [Seite 2]
3 - Impressum [Seite 4]
4 - Weiskerns Nachlass [Seite 5]
4.1 - Eins [Seite 7]
4.2 - Zwei [Seite 12]
4.3 - Drei [Seite 22]
4.4 - Vier [Seite 52]
4.5 - Fünf [Seite 58]
4.6 - Sechs [Seite 73]
4.7 - Sieben [Seite 89]
4.8 - Acht [Seite 101]
4.9 - Neun [Seite 122]
4.10 - Zehn [Seite 137]
4.11 - Elf [Seite 151]
4.12 - Zwölf [Seite 175]
4.13 - Dreizehn [Seite 191]
4.14 - Vierzehn [Seite 213]
4.15 - Fünfzehn [Seite 225]
4.16 - Sechzehn [Seite 234]
4.17 - Siebzehn [Seite 243]
4.18 - Achtzehn [Seite 256]
4.19 - Neunzehn [Seite 277]
4.20 - Zwanzig [Seite 296]
4.21 - Einundzwanzig [Seite 307]

Zwei


Ein Geräusch weckt ihn. Das vorsichtige Schließen einer Tür, dann die leisen, lärmvermeidenden Schritte eines Menschen. Noch bevor er die Augen öffnet, bemerkt er einen Lichtschein. Seine Freundin steht neben dem Bett. Sie hält irgendetwas in der Hand, was er nicht erkennen kann, und im Haar trägt sie einen Blätterkranz, auf dem eine brennende Kerze thront. Eine schwedische Festgestalt, erinnert er sich, eine Lichtergöttin oder eine Sommerschönheit, er will nicht darüber nachdenken. Er streckt die Hand aus, streichelt ihren nackten Schenkel, lächelt erschöpft.

»Patrizia«, flüstert er, »du.«

»Herzlichen Glückwunsch«, sagt sie. Sie geht vorsichtig in die Hocke, damit die brennende Kerze nicht umfällt, und küsst ihn auf die Wange.

»Alles Gute«, flüstert sie ihm ins Ohr, »ich freue mich, dass ich heute bei dir bin, Rüdiger. Und ich hoffe, du freust dich auch.«

»Es ist schön, sehr schön«, erwidert er und schließt die Augen.

»Unser Frühstück ist fertig. Komm auf den Balkon.«

»Gleich. Einen Moment noch.«

»Schau mal. Das ist für dich.«

Er öffnet ein wenig die Augen, er sieht etwas Dunkles, Schwarzes. Ein Pullover, vermutet er, oder ein Hemd.

»Schön«, sagt er, schließt die Augen wieder und wendet den Kopf ab, »nur einen Moment noch, fünf Minuten, bitte.«

Die junge Frau geht leise aus dem Zimmer.

Eine Viertelstunde später erscheint Stolzenburg im Bademantel auf dem Balkon. Er gähnt ausführlich, reckt die Arme in den Himmel, streckt sich. Schließlich küsst er die Frau auf die Stirn. Er betrachtet den gedeckten Tisch, den aus Zweigen und Kastanienblättern geflochtenen Kranz. Er nimmt das mit einer roten Schleife verzierte schwarze Leinen hoch und löst die Schleife. Es ist ein japanischer Morgenmantel, ein mit einem einzigen weißen Schriftzeichen bedruckter Kimono.

»Sehr schön«, sagt er, »danke.«

Er setzt sich und hält ihr seine Kaffeetasse hin.

»Neunundfünfzig«, sagt er, »stell dir vor, ich bin neunundfünfzig. Dabei wollte ich nie so alt werden.«

»Kein Fett, keine Falten, ich weiß gar nicht, worüber du dich beschwerst. Du siehst gut aus. Der bestaussehende Mann, den ich je hatte.«

»Du bist wirklich ein Schatz«, und nach einer kleinen, einer winzigen Pause fügt er ihren Namen hinzu: »Patrizia«.

»Entschuldige, dass ich dich geweckt habe, aber ich wollte noch mit dir frühstücken.«

»Nicht so schlimm«, knurrt er und greift nach einem Brötchen.

»Du warst schon beim Bäcker? In aller Frühe?«

»Ja, ich wollte dich überraschen. Zum Geburtstag muss es doch frische Brötchen geben.«

»Fein.«

»Aber jetzt muss ich gehen, ich komme sonst zu spät«, sagt sie und steht auf.

»Du bist ein Engel.«

Er greift mit beiden Händen nach ihrem Hintern, zieht sie zu sich und presst sein Gesicht gegen ihren Bauch.

»Schön, dass du da bist.«

»Sehen wir uns heute Abend?«

»Heute Abend?«, wiederholt er. Er streichelt ihren Hintern und fasst sie zwischen die Beine.

»Morgen habe ich eine Veranstaltung in Basel«, sagt er, »da muss ich vor Tau und Tag los.«

»Ich könnte dich zum Flughafen fahren.«

»Ich weiß noch nicht. Wir telefonieren, meine Kleine. Wenn ich aus der Uni zurück bin, rufe ich dich an.«

Als er die Wohnungstür ins Schloss fallen hört, lehnt er sich zurück.

»Ja, es ist schön«, sagt er laut, »und sie ist ein nettes Mädchen.«

Er dachte daran, dass er sie, als sie an sein Bett kam und ihn weckte, mit ihrem Namen angesprochen hatte. Noch im Halbschlaf und gleich den richtigen Namen, das ist schon eine gute Leistung. Gewöhnlich flüchtete er sich in eine unverbindlichere, allgemeine Anrede, meine Liebe, zum Beispiel, oder Schatz oder Spätzchen, das erspart Ärger. Ein einziger falscher Name kann leicht den ganzen Vormittag kosten, die Dame würde nicht aufhören, ihm die Verwechslung eines Vornamens unter die Nase zu reiben. Er gießt sich Kaffee nach, greift nach den zwei Zeitungen, die Patrizia für ihn gekauft hat, bleibt eine halbe Stunde auf dem Balkon sitzen, geht dann unter die Dusche.

Bevor er sich auf das Fahrrad schwingt, um ins Institut zu fahren, setzt er sich an seinen Schreibtisch, sieht die E-Mails durch, schaut sich sein Konto an in der unsinnigen Hoffnung, eine unerwartete Überweisung vorzufinden, vielleicht einen Bankirrtum zu seinen Gunsten als Geburtstagsgruß, und geht danach die Papiere durch, die er für das Seminar benötigt. Als es Zeit wird, sich auf den Weg zu machen, steckt er die Unterlagen, sein Laptop und das Handy in den Rucksack und kämmt sich ein zweites Mal die Haare. An der Wohnungstür blickt er in den Spiegel, studiert sorgfältig sein Gesicht, tritt einen Schritt zurück und dreht sich ins Profil, um einen prüfenden Blick auf seinen Bauch zu werfen.

»Neunundfünfzig«, murmelt er und schüttelt den Kopf.

Er ist nicht unzufrieden mit seinem Aussehen, er hält sich für durchaus attraktiv, gutaussehend, ein junger Mann jedoch ist er nicht mehr. Der bestaussehende Mann, den ich je hatte. Nun ja, nett gesagt, aber ein zweifelhaftes Kompliment. Er weiß nicht, mit wem sie vor ihm zusammen war.

Noch in der Wohnung setzt er sich den Fahrradhelm auf, ein Monstrum, ein lächerliches Teil. Fritz von der Billardrunde meinte, er sehe damit aus wie ein Sternenkrieger oder die Monster aus einem Fantasyfilm. Mit dem Helm empfindet er sich kostümiert, kommt sich vor wie eine grotesk entstellte Figur, und jedes Mal und noch bevor er vom Rad steigt, nimmt er rasch den Helm ab, doch er ist so vernünftig, ihn trotzdem aufzusetzen, er weiß, er ist in einem Alter, in dem man selbst den kleinsten Sturz nicht folgenlos übersteht. Er fürchtet körperliche Gebrechen und ist daher vorsichtig geworden, viel vorsichtiger als noch vor wenigen Jahren.

Zwanzig vor zehn ist er am Institut und schließt sein Rad sorgsam an ein Verkehrsschild. Im Gang des ersten Stocks stehen Studenten, die ihm zunicken. Er geht ins Sekretariat, um die Briefe und Nachrichten aus seinem Postfach zu holen, doch als er das Zimmer betritt und Sylvia grüßt, steht sie auf, kommt um den Tisch herum, reicht ihm fast förmlich die Hand und gratuliert ihm.

»Ja, schon wieder einmal«, sagt er verlegen, »schon wieder ein Jahr herum. Dank für deine Wünsche, ich kann sie gebrauchen.«

Er blättert mit dem Daumen das kleine Bündel von Papieren durch, zieht den einzigen Brief, der handschriftlich adressiert ist, heraus und öffnet ihn.

»Dann wird es heute Abend eine kleine Feier geben?«, fragt Sylvia.

Er sieht sie überrascht an. In ihrer Stimme klingt etwas mit, das er nicht entschlüsseln kann. Vielleicht weiß sie etwas, eine unangenehme Nachricht, schließlich sitzt sie im Vorzimmer des Institutsleiters und bekommt dadurch auch jene Sachen mit, die nicht für ihre Ohren bestimmt sind. Oder sie erwartet eine Einladung, zu einem Glas Sekt oder gar zu einer Geburtstagsfeier, er weiß es nicht. Er hat sich nie mit den Kollegen des Instituts privat getroffen, er lehnt es grundsätzlich ab, das Berufliche mit dem Privaten zu mischen. Schließlich sagt er beiläufig: »Nein, ich glaube nicht. Was gibt es da zu feiern? Ich bin ein Jahr älter geworden, das ist kein Verdienst, keine Leistung. Ein Jahr älter, da solltest du mir kondolieren, Sylvia.«

»Kokettiere nicht, Rüdiger. Männer in deinem Alter sind in den besten Jahren. Da geht es euch besser als uns Frauen. Wir werden alt, ihr dagegen werdet reif.«

Schlösser, der Chef, tritt aus seinem Zimmer und enthebt ihn der misslichen Verpflichtung, der Sekretärin mit einer charmanten Floskel zu antworten.

Schlösser sieht ihn kurz an und nickt, dann legt er einen Brief vor Sylvia auf den Tisch und bittet sie, ihn zu beantworten.

»Ich möchte eine ebenso freundliche wie klare Ablehnung«, sagt er, »Das kriegst du schon hin.«

Die Sekretärin flüstert ihm etwas zu, Schlösser versteht nicht und fragt nach, sie flüstert wiederum etwas und lenkt den Blick Richtung Rüdiger.

»Danke, ach ja«, sagt Schlösser. Er kommt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren.

Rüdiger Stolzenburg bedankt sich nicht, er schweigt und sieht ihn erwartungsvoll an. Schließlich fragt er: »Und? Nichts weiter?«

»Was meinst du? Ich weiß nicht, wovon du jetzt sprichst.«

»Oh, früher hast du immer noch etwas angefügt, einen winzigen Satz, eine nette, völlig folgenlose Bemerkung. Schon vergessen? Noch vor einem Jahr konnte ich diesen hübschen Satz hören.«

Schlösser schaut ihn verstört an.

»Nun, dass ich nicht ewig auf dieser halben Stelle...

Schweitzer Klassifikation
BISAC Classifikation

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen