Toskanisches Erbe

Kriminalroman
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2020
  • |
  • 311 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-6546-8 (ISBN)
 
Pfarrer Justus Fischer ist in sein Amt als katholischer Pfarrer am Bodensee zurückgekehrt. Doch wie könnte es anders sein: Die Idylle der paradiesischen Region trügt. Fischer hat alle Hände voll zu tun, denn in seiner Konstanzer Gemeinde gibt es viele Sorgenkinder. Als ein junges Mädchen verschwindet, lüftet Fischer mithilfe seiner Schwester Sarah ein düsteres Geheimnis. Derweil wird Carlo Scarivari in Florenz verhaftet. Er wird beschuldigt, Fischers Freundin Giulia Franca lebensgefährlich verletzt zu haben. Kann der Pfarrer das Rätsel um Giulia endgültig lösen?
2020
  • Deutsch
  • Meßkirch
  • 2,39 MB
978-3-8392-6546-8 (9783839265468)
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Uta-Maria Heim, 1963 in Schramberg geboren, lebt als Hörspieldramaturgin, Dozentin und Autorin in Baden-Baden. Sie studierte Literaturwissenschaft, Linguistik und Soziologie in Freiburg und Stuttgart und arbeitete ab 1983 als Journalistin, Kritikerin und Schriftstellerin. 2017, 2018 und 2019 erschienen im Gmeiner-Verlag die Toskana-Krimis "Toskanische Beichte", "Toskanisches Feuer" und »Toskanisches Blut«. Die Autorin erhielt zweimal den Deutschen Krimi-Preis, außerdem den Förderpreis Literatur des Kunstpreises Berlin, ein Stipendium der Villa Massimo in Olevano Romano sowie den Friedrich-Glauser-Preis. Sie ist Mitglied des PEN.

1


Ich werde sterben wie wir alle, das ist mir abstrakt klar, auch wenn ich es gerne verdränge. Es kommt mir unwirklich vor, nicht mehr da zu sein, weil es doch mein Bewusstsein ist, das die Welt erschafft. Ohne die Gewalt meiner Sinne herrschen nur Leere und Schwärze um mich her, und alles ist zur Gänze verstummt. Vielleicht ist es so, wie man sich das Universum vorstellt: kalt, düster, endlos. Blickdicht und luftleer. Dabei beständig. Und dann treibe doch wieder ich in der Mitte, treibe einen Schlund hinunter, einen Trichter, einen Brunnen. Einem Licht entgegen. Selbst im Tod bin ich nicht totzukriegen, weil ich es mir einfach nicht vorstellen kann, nicht zu sein. Schon als Kind war ich überzeugt, dass sich ein Leben nur lohnt, wenn es ewig währt, aber ich spürte nichts in mir, was bleibende Spuren hinterlassen könnte. Weder hatte ich große Begabungen noch Tugenden. Beizeiten fühlte ich in mir das Mittelmaß, unter dem ich gar nicht unbotmäßig litt. Das Erdulden des Durchschnitts gehörte zu meinem Spießertum. Am Ende schaffte ich nicht mal meinen Hochschulabschluss, Germanistik und Kunstgeschichte, ich brach das Studium einfach ab und ging nach Italien. Damit war die letzte Hoffnung auf Nachruhm beerdigt, denn aus mir wurde eine Hausfrau, verheiratet mit einem florentinischen Zahnarzt, und nacheinander bekam ich zwei Söhne, Diego und Simone. Sie sind ausgezogen, meine Ehe ist längst geschieden, Tommaso hat eine neue Familie, und mein Lebensgefährte Roberto ist tot. Er wurde erschossen, ich war dabei. Meine betagte Mutter und ich waren Zeuginnen eines Mordanschlags, der nun ein Vierteljahr zurückliegt und bislang nicht aufgeklärt wurde. Obwohl sich das Ganze auf dem belebten Bahnhofsvorplatz von Firenze Santa Maria Novella abspielte, hat niemand den Schützen gesehen. Eigentlich war Roberto schon zweieinhalb Jahre früher für tot erklärt und feierlich bestattet worden, aber daran habe ich nie wirklich geglaubt. Ich habe immer gefühlt, dass er noch am Leben ist.

Roberto starb mit einem ungläubigen Staunen im Gesicht, als sei er gänzlich unvorbereitet. Das konnte eigentlich nicht sein, weil sie schon jahrelang hinter ihm her waren. Wenn ich »sie« sage, dann kann ich das nicht näher bezeichnen. Ich weiß nicht, wer »sie« sind. Ich nehme an, die Mörder gehören zur toskanischen Mafia, zur Fraternità, und es waren vermutlich mehrere Männer an der Tat beteiligt. Frauen sind eher nicht darunter. Aber auch das weiß ich nicht sicher. Ich nehme an, dass Carlo, mein ehemaliger Büropartner, ebenfalls zu diesen Leuten gehört. Und nun soll auch ich sterben - und das womöglich schon vor der Heiligen Woche.

Vierzehn Tage ist es jetzt her. Es war am Valentinstag. Eine Frau, die sich nicht näher zu erkennen geben wollte, hat mich gewarnt. Sie hat mich auf meinem Telefonino angerufen und mir mitgeteilt, dass ich ganz oben auf der Liste stehe, auf der Todesliste der Fraternità. Die hiesige Mafia hat die Madonna als Schutzpatronin und gebärdet sich streng katholisch. Es gehe darum, sagte die Unbekannte, dass ich Mariä Verkündigung noch mitnehmen, doch das Auferstehungsfest des Erlösers nicht mehr erleben solle. Das heißt, mein anvisiertes Sterbedatum würde auf Ende März bis Mitte April fallen. Damit wurde die Bedrohung, die ich seit bald drei Jahren gespürt hatte, endlich konkret. Komischerweise war ich überhaupt nicht verwundert. Kein bisschen schockiert. Im Gegenteil, ich fühlte mich geradezu erleichtert. Da es offenbar unabwendbar war, würde ich mich meinem Schicksal stellen.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass dieser Spuk irgendwann aufhört, aber das ist natürlich eine Illusion. Es wird erst Ruhe sein, wenn Carlo tot ist oder wenn ich tot bin oder wir beide. Dabei ist das Drama vollkommen überflüssig. Ich weiß nämlich nichts, und ich verstecke auch nichts. Es gibt nichts, was man unter Folter aus mir herauspressen kann, und kein Geheimnis, das geschützt wird, wenn man mich eliminiert. Vielleicht würden sie mich auch umbringen wollen, wenn sie das wüssten. Aus schierer Wut darüber, dass bei mir nichts zu holen ist. Kann sein, dass das schon reichen würde. Ich weiß nicht mal, hinter was sie her sind. Dass Carlo und Roberto in mafiöse Geschäfte verwickelt waren, habe ich erst erfahren, als beide verschwunden sind. Ich habe nicht geahnt, dass sie sich näher kannten.

Die Frau sprach fließendes Italienisch mit Akzent. Es war kein deutscher Akzent, eher was aus dem Osten. Osteuropa. Von wo genau, hat sich mir nicht erschlossen. Ich habe versucht, der Unbekannten begreiflich zu machen, dass meine Auslöschung nichts nützt, und sie händeringend gebeten, meine Unzuständigkeit an das Himmelfahrtskommando weiterzugeben. Selbst in dieser prekären Situation habe ich noch Humor bewiesen, was freilich daneben war und obendrein geschmacklos. Die Frau beendete das Gespräch, ohne auf meine Bitte einzugehen. Kurz dachte ich daran, meine Mutter anzurufen, aber das hätte wenig Sinn gehabt, denn auch sie würde mir nicht glauben, dass ich in nichts involviert bin. Es war besser, wenn sie nichts von der Warnung erfuhr. Sie ist und bleibt tough. Sie würde meine Lage als akute Gefährdungslage einschätzen und entsprechend handeln. Ich hatte Angst davor, dass die Situation dann sofort eskaliert. Lieber nahm ich mein Schicksal selbst in die Hand.

Es war schon seltsam, dass ich ganz ruhig blieb. Nachdem ich das Telefonino zurück in die Tasche gesteckt und sich das leise Zittern meiner Finger gelegt hatte, kehrte in mir eine Ruhe ein, die ich zuletzt als Kind gespürt hatte. Wenn sich mir damals eine Macht näherte, der ich nicht gewachsen war, nahm ich die Drohung als unabwendbar hin, versuchte aber gleichzeitig, mich ihr zu stellen. Der Unterschied zum Heute lag allerdings darin begründet, dass die potenziellen Angreifer durchaus habhaft waren. Zumindest rein theoretisch wusste man früher, mit wem man es zu tun hatte. Und gegen wen man kämpfen musste. Praktisch zeigte sich hingegen keiner.

Der einzige Mensch, den ich kannte und dem ich zugetraut hätte, dass er mir eine Waffe besorgt, war der Anwalt Alfonso Cazzotto aus Porto Santo Stefano am Tyrrhenischen Meer. Aber der lebte nicht mehr, und deshalb war ich auf meine Intuition angewiesen. Ich fragte meine Freundin Camilla um Rat, die in Marina di Santo Stefano wohnt, direkt am Meer und ganz in der Nähe von dem Strand, an dem Roberto sein Ristorante hatte. Ich weihte Camilla nicht in die näheren Umstände ein, ich sagte ihr bloß, dass ich eine Waffe brauche, eine Pistole oder einen Revolver, ich kenne mich in diesen Dingen nicht aus. Sie stellte keine Fragen, und eine Woche später bekam ich ein Päckchen.

Es war eine Handfeuerwaffe von Heckler & Koch, wie sie in Deutschland von der Polizei beim Anti-Terror-Einsatz benutzt wird. Das habe ich gegoogelt, und im Netz fand ich auch eine Anleitung, wie man eine solche Waffe bedient. Man konnte sie nicht als zierlich bezeichnen. Sie war größer und schwerer, als ich mir das gewünscht hätte, aber sie fiel nicht auf in meinem Rucksack. Zunächst habe ich mich nicht getraut, damit Schießübungen zu machen, obwohl ich es unbedingt tun wollte. Ich war in die Umgebung unterwegs, Richtung Settignano, um außerhalb der Stadt auf Pinien zu schießen. Dann wurde mir jedoch der Rucksack geklaut, noch mitten in Florenz, auf der Via Nazionale im fließenden Verkehr, vom Gepäckträger meiner Vespa. War das Zufall? Oder hatte es mit meinem Vorsatz zu tun?

Ich habe nicht versucht, mich neu zu bewaffnen. Ich probiere nun eher, wachsam zu sein. Den Feind zu finden, ehe er mich überwältigt. Ich habe mein Apartamento in der ehemaligen Klosteranlage im San-Lorenzo-Viertel mit einer Alarmanlage ausgestattet, außerdem filmt eine Videoanlage den Kreuzgang. Ich kann die Bilder auch unterwegs abrufen. Da neben meiner Wohnung ein Bed and Breakfast untergebracht ist, erscheint die Kamera ziemlich sinnlos. Es gehen dauernd fremde Leute aus und ein, die offenbar einen Schlüssel haben, denn das Kloster ist durch zwei Tore gesichert, ein großes am Eingang und ein weiteres am Seitenaufgang. Obwohl es wenig bewirkt, meine ich, mich damit schützen zu müssen. Ansonsten bin ich ruhig. Alarmierend ruhig. Ich hätte nie gedacht, dass ich so besonnen reagiere. Beinahe gleichgültig. Wo ich doch immer Angst vor dem Sterben hatte, vor dem Nichts.

Nun werden sie mich finden. Jederzeit und überall. Ich werde mir nichts anmerken lassen. Auch gegenüber meiner Mutter nicht. Bis zuletzt werde ich so tun, als sei nichts. Und ich glaube erstaunlicherweise, dass ich sie zur Strecke bringen kann. Wer auch immer sie sind. Es wird mir nichts ausmachen, jemanden, der sein Zielfernrohr auf mich richtet, zu töten. Das ist eine abstrakte Idee, aber ich bin fähig dazu. An mir entdecke ich ganz neue Seiten. Und falls sie mich doch hinrichten und schlachten, werde ich zwar nicht berühmt, aber immerhin bekannt. Ich werde im Internet ein Nachleben haben. Als Opfer der Mafia. Mit Namen und ein paar Fehlern in der Biografie.

Diese machistischen Mafia-Rituale sind fast so alt wie die Menschheit. Sammler und Jäger. Jäger vor allem. Ein paar Hieroglyphen an der Wand: Feuer, Schlangen, Wildschweine. Die Welt geht unter, und wir leben noch immer in der Steinzeit. Klimakatastrophe, Verkehrschaos, Mobilitätswahn, Atomtod, verspätete Energiewende. Ungeziefer und Seuchen. Millionen Menschen ertrinken im Mittelmeer, werden in neue Kriege gejagt, rasen in die Menge oder sprengen sich in die Luft. Der Femminicidio - der Mord an Frauen, weil sie Frauen sind -, geschundene Tiere, von Klerikern massenhaft missbrauchte Kinder. Mafiahandel mit Plastikabfällen, verfolgte Völker, sterbende Vogelarten und ausgerottete Fische. Die unfassliche italienische Regierung, die...

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