Kinderkacke

Das ehrliche Elternbuch
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85082-6 (ISBN)
 
Kinder sind kleine Monster und sehr, sehr anstrengend. Ein so böses wie witziges Erfahrungsbuch. Das Sexleben liegt darnieder, die Schwiegereltern nerven, die Freunde melden sich nicht mehr, das Geld ist knapp und die staatliche Hilfe ein Witz. Von einem jungen Paar geschrieben, dem der betuliche, vereinnahmende, dumme Ton all dieser ach so pädagogisch wertvollen Elternratgeber unsäglich auf die Nerven geht.
Die radikale Veränderung im Leben eines Menschen passiert mit dem Elternwerden. Plötzlich sind sie da, diese so sehr geliebten Egozentrikpakete. Nichts ist mehr wie zuvor, jede Planung wird über den Haufen geschmissen. Hier geht es um das richtige Leben und nicht um den albernen Mythos, der um Vaterschaft und Mutterschaft gebaut wird. Kinder sind wunderbar, und sie sind das Größte, und sie sind nervig und anstrengend. Beides ist wahr und Letzteres ist das Problem. Kinderkriegen verändert Beziehungen gründlichst, zerstört sie oft, ruiniert Pläne und Träume der Eltern, stoppt Karrieren, entzweit Freunde. Das meiste müsste nicht so sein. Warum es nur ehrlich und mit Humor geht, das zeigt dieses Buch.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,47 MB
978-3-455-85082-6 (9783455850826)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Julia Heilmann, geboren 1975, studierte Kunstgeschichte. Nach Stationen in einem wissenschaftlichen Verlag und im Kunstbuchhandel arbeitet sie heute als Autorin.

I Fluchtreflexe


Der Familienwahnsinn beginnt

Mama allein zu Haus


Julia

Schüsse hallen durch die Luft. Krachend wird das Gewehr durchgeladen. Ich sehe, wie der Schütze wieder anlegt. Es knallt noch mal, brutal und trocken. Schreie gellen. Spitze Schreie. Mein Kind schreit. Der Rest passiert im Fernseher. Ich stelle den Ton leiser. Im Zweiten läuft Biathlon. Gerade hat der Sportler sich in den Schnee geworfen, gezielt und fünfmal ins Schwarze getroffen. Ich sitze auf dem Sofa und halte Quinn im Arm. Vor sechs Wochen ist er auf die Welt gekommen. Etwas zu früh. Und er leidet an Magen-Darm-Koliken. Ich habe es mit purem Kümmel versucht und mit Medikamenten. Es hilft nichts. Die Krämpfe halten an, und das Baby brüllt. Kein Mensch ohne Kinder kann sich das vorstellen. Wie das ist, wenn man den ganzen Tag und die ganze Nacht angeschrien wird. Draußen weht ein eisiger Februarwind, es nieselt. Keine Chance, hinauszugehen. Also sitze ich mit dem völlig fertigen Kerlchen vor der Glotze und gucke das ödeste Programm der Welt, etwas, das keine hohe Konzentration erfordert und nicht noch zusätzlich nervt. Die ständigen Wiederholungen der sportlichen Abläufe beruhigen mich, beruhigen das Baby.

Ich kenne das ganze Prozedere schon ein bisschen. Quinn ist mein zweites Kind, und ich weiß, die Devise heißt: Durchhalten, durchhalten, durchhalten. Es kann nur besser werden. Also, Ohrstöpsel rein, tief durchatmen, lächeln und weitermachen.

Das fällt mir zunächst vor allem deshalb schwer, weil mir das Baby die rechte Brustwarze wund gesaugt hat. Der Nippel leuchtet feuerrot, und ein kleiner Hautfetzen hat sich gelöst. Trotzdem muss mein Kind regelmäßig daran trinken. Als es die Warze sucht, gierig zuschnappt und saugt, bis sich das unvermeidliche Vakuum bildet, schreie ich vor Schmerzen. Die alarmierte Hebamme rückt mit Rotlichtlampe und Salbentiegel an. Nun sitze ich zweimal am Tag mit entblößter Riesenbrust und Sonnenbrille vor dem Strahler und fühle mich fast wie im Urlaub. Mein Mann lacht sich kaputt und schießt »entwürdigende Stillfotos«, wie er es nennt. Die werden dann im Computer lustig bearbeitet, und nur mit Mühe kann ich meinen Mann davon abhalten, sie an seine Freunde zu verschicken.

Ich sitz zu Haus, mein Mann geht aus

Mit der Zeit erholt sich meine Brust. Quinn wird immer größer, runder und – gottlob! – friedlicher. Die Rotlichtbilder hat mein Mann zwar nicht verschickt, dafür aber so ungeschickt versteckt, dass sein Freund sie zufällig mit einem Handgriff aus der Schreibtischschublade zieht. Dann machen sich die beiden auf zu einer Kneipentour. »Heute machen wir mal ruhig«, sagen sie noch, als sie zur Tür hinausgehen. Den Witz kenne ich. Das heißt, vor vier Uhr früh ist an Rückkehr nicht zu denken. Ich sitz zu Haus, und mein Mann geht aus. Er hat ja ab acht, wenn der Große im Bett ist, nichts mehr zu tun. Denn: Ich stille das Baby. Einen praktischeren und billigeren Babysitter als mich gibt’s nicht.

Kürzlich erst noch hat mir mein Süßer in den Ohren gelegen mit immer derselben Leier. Er habe keine echten Freunde, und überhaupt, was brächten die ganzen Partys für einen Gewinn? Das Gehocke und Gestehe in irgendwelchen schlecht belüfteten Räumen, die faden Gespräche und coolen Posen. Alles Lüge! Höre ich ihn mit seinen Freunden telefonieren, erfahre ich, dass es eigentlich immer sehr lustig zugeht. Ganz gern erzählt er von den unglaublichen Gesprächen über Niklas Luhmann, den seltsam asexuellen Soziologen, den er so liebt, oder über stark in die Jahre gekommene Musikergrößen wie den immer wieder gerngehörten Captain Beefheart. Überhaupt, sagt er euphorisch, werde man gerade selbst ein Popstar, eine Website existiere schon. Ich stöhne auf. Mein Mann hat im Gegensatz zu mir durch die Elternschaft wohl einen Energieschub erhalten.

Desperate Housewife, mal wörtlich genommen

Der Alltag sieht traurig aus. Bei einem Spaziergang mit Kinderwagen (wenn das Baby liegt und geruckelt wird, ist endlich Ruhe) stehe ich vor der Apotheke und starre ins Schaufenster. Ein Werbeplakat preist einen »natürlichen Stimmungsaufheller« an, Johanniskraut. Ich denke: Hol dir das, lasse es aber doch, weil die Apothekerin schief gucken könnte, wenn sie mich mit dem Kinderwagen sieht. Mir fällt ein, wie ich an einem Sonntag, der gar nicht zu Ende gehen wollte, schon am Mittag aus dem Flaschenregal wahllos vier verschiedene Schnäpse in mich hineingeschüttet hatte, weil ich es nicht mehr aushielt. Die abgrundtiefe Müdigkeit, die Langeweile, die Verantwortung. Ich wollte eigentlich nie Drogen nehmen, weil ich die Kontrolle über mich nicht verlieren wollte. Aber an jenem Wintertag wünschte ich mir, irgendetwas hülfe mir, den Alltag mit dem Baby zu überleben.

Mein Mann hingegen hat in den Monaten nach der Geburt unseres zweiten Sohnes, in denen ich als dauerstillender, kontaktarmer und humorloser Zombie durch die Gegend gelaufen bin, einen neuen Freundeskreis aufgetan. Es ist ja auch alles nicht mehr so aufregend, man hat schon ein Kind und kennt das meiste. War da eigentlich noch was, oder vielmehr – wer?

Da ist zum Beispiel noch die Süße, also ich, die sich jetzt um das Baby kümmert, vor allem am Abend und in der Nacht. Wenn mein Süßer am Wochenende gegen halb vier Uhr früh nach durchzechter Nacht stöhnend in die Kiste fällt, bin ich gerade dabei, Quinn zum dritten Mal zu stillen, und am Morgen stehe ich in aller Herrgottsfrühe wieder auf, um mich von den Kleinen durch den Tag jagen zu lassen, während mein Mann sich von den Strapazen der Nacht erholt. Schön war’s, als wir noch gemeinsam ausgingen und gemeinsam in die Falle fielen. Vorbei, keine Party. Auch vorbei der Alkohol, und nicht mal von der mexikanischen Kräuterschokolade mit der angeblich halluzinogenen Wirkung darf ich ein kleines Stückchen probieren, weil ich ja stille. Überhaupt bleibt mir als einzige Droge der halbentkoffeinierte Milchkaffee. Den kann ich mir aber nicht draußen bestellen, weil mir der Barkeeper dann ein mitleidiges Lächeln schenkt oder aber satte drei Euro berechnet, als Aufwandsentschädigung. Also zelebriere ich ihn zweimal am Tag in meinen vier Wänden, stoisch, unbeirrt, heldenhaft verteidigt gegen Sprüche wie: »Immer diese ganze Milchscheiße auf dem Herd!« Oder: »Quinn schläft nicht. Sicher wegen des ganzen Kaffees, den du ihm da reinpumpst!«

Wer bin ich, und wenn ja, warum nur Mutter?

Mal von vorn. Ich lebe in einer schönen, großen Stadt. Es gibt Wasser und zahlreiche Parks, Cafés, Galerien und Restaurants. Meine Freunde leben hier. Ich habe ein Fahrrad und lege damit weite Strecken zurück. In der Stadt habe ich Indogermanistik und Kunstgeschichte studiert. Ich war lange im Ausland, spreche fließend Spanisch. Ich begann, eine Doktorarbeit zu schreiben, arbeitete in einem kleinen Wissenschaftsverlag. Bald bekam ich einen Filialleiterjob in einer angesehenen Kunstbuchhandlung.

Ich bin dreißig, mittelgroß und sportlich, ich schaffe es immer mühelos, bei der Vorbeuge mit den Armen runter zu den Füßen zu gelangen. Ich hatte nie Pickel oder Gewichtsprobleme. Ich glaube, ich habe keinen Knall, jedenfalls bin ich einigermaßen lebensfähig, ich hefte meine Papiere und Unterlagen alle brav in zwei verschiedene Ordner ab. Viele Jungs hatten Interesse an mir, aber ich habe meistens nein gesagt. Meinen Mann habe ich in der Kantine kennengelernt und nach der Quarkspeise mit Dosenobst zum Kaffee eingeladen. Er schrieb mir eine halbe Stunde später eine verliebte Email. Zwei Wochen später waren wir ein Paar. Anderthalb Jahre später dachten wir uns, es wäre nett, Kinder zu haben. Es klappte sofort, und zwei Jahre später noch mal.

Mein etwas unmotiviertes, aber nicht erfolgloses Leben steht an einem Wendepunkt, wegen der Kinder. Früher wusste ich nicht genau, als was ich mich bezeichnen sollte. In Formularen schrieb ich unter »Beruf« Studentin, Galeristin und Buchhändlerin, Journalistin oder einmal Schrebergärtnerin. Mein Professor hatte die Gruppe Studenten und mich bei einem Glas Wein als intellektuelle Elite bezeichnet. Das hatte mich schwer beeindruckt.

Seit der Geburt meiner Kinder weiß ich, was ich in jedem Fall bin: Mutter. Der Krabbelkurs sagt es mir, die Werbung der Drogeriekette, die Vorabendserie, die Spielzeugindustrie und die Babynahrungskonzerne. Die Bäckerin um die Ecke und meine Eltern und Schwiegereltern. Leider auch gleichaltrige Mütter. Das Spiel mit den wunderbaren Möglichkeiten des Lebens hatte mir besser gefallen. Ich würde es gerne weiterspielen. Aber von meiner Umwelt gibt es so einen verdammten Fixierungswahn auf mein Muttersein. Als ob es nur die Alternative Mutter oder eben alles andere gäbe. Muttersein ist einzigartig und steht für sich, es verträgt sich nicht mit schlauen Gesprächen, einem Arbeitsalltag im Büro, einer Gehaltsdebatte, einer ordentlichen Sauferei am Vorabend. Es fragt einfach niemand mehr nach diesen Dingen, die mein Leben vorher bestimmt haben, als ob es dieses Leben selbstverständlich nicht mehr gibt. Die meisten Leute fragen mich ausschließlich nach meinen Kindern, und ihr verzücktes »Ah!« und »Oh!« bilden ein monotones, nie abreißendes Hintergrundrauschen. Jemand sagt: »Mit dem Lesen ist es auch erst mal vorbei.« Das Gefühl der intellektuellen Herabsetzung schleicht sich ein, was mir ganz und gar nicht gefällt. Also bemühe ich mich. Während des sechsmonatigen Stillens lese ich Guido Knopps Hitler-Biografie durch und versuche mich wie früher über den neuesten Underground-Horrorfilm aus Fernost zu unterhalten, der in einem kleinen Programmkino läuft. Aber die Fassade bröckelt. Als ich zum hundertsten Mal stoisch...

»ein stiller und witziger
Tröster, wenn es in allen anderen Familien mal wieder 'super' läuft und man
selbst am Rande des Wahnsinns steht«
 
»Ein genervtes Elternpaar berichtet«
 
»Kinderkacke. Das ehrliche
Elternbuch heißt die (zukünftige) Bibel aller Eltern, die auch mal als Paar
wahrgenommen werden wollen.«
 
»Das liest sich amüsant und macht locker für die nächsten 24 Stunden.«
 
»teils äußerst offen und radikal«
 
»Informativ und absolut lesenswert.«
 
»Ein böses wie witziges Erfahrungsbuch«
 
»es ist ein wirklich ehrliches Buch. Und unterhaltsam dazu«
 
»Julia Heilmann und Thomas
Lindemann nehmen kein Blatt vor den Mund.«
 
»Julia und Thomas haben sich
beim Eltern-werden und Eltern-sein gut beobachtet und ihre jeweils eigenen
Erfahrungen wunderbar zu Papier gebracht.«

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