Zurück im Zorn

Thriller
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2020
  • |
  • 344 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-6360-0 (ISBN)
 
Gollwitz. Brandenburg. Im Winter 1995 tötet ein Feuer beinahe eine ganze Familie. Die einzige Überlebende ist die zwölfjährige Anna Majakowski. 20 Jahre später erhält Anna mysteriöse Drohbriefe, denen sie in ihrem Heimatdorf nachspüren will. Doch Gollwitz heißt sie nicht willkommen, denn die Erinnerung an damals steht dem erhofften Aufschwung im Weg. Nur Willy Urban, Polizist im Ruhestand, kann die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Mit ihm begibt sich Anna auf eine Reise, die sie immer tiefer in eine Welt aus Obsessionen und Gewalt zieht .
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christoph Heiden ist in Berlin-Lichtenberg geboren. Er verpasste es, einen ordentlichen Abschluss zu machen, und arbeitete in verschiedenen Aushilfsjobs - Küchenkraft, Baumpfleger, in einer Videothek, im Tierpark, als Kanu-Verleiher, zuletzt in der Holzwerkstatt eines Jugendklubs. Neben Kriminalromanen schrieb er das Theaterstück "Vergraben", das in Weimar aufgeführt wurde, und adaptierte Safran Foers "Tiere essen" für die Bühne. Christoph Heiden lebt noch immer in Lichtenberg und schreibt unbeirrt weiter.
Webseite: christophheiden.com
Instagram: instagram.com/christoph_heiden

Blinde Kuh


Aus versteckten Boxen plärrte Irish Folk, wie er in jedem x-beliebigen Pub gespielt wurde: Akkordeon, Mandoline und Fidel, dazu eine Stimme, die an das Zermalmen von Kohle erinnerte. Im Kamin glomm das Holz, während zwei Kerle stumm, triefäugig und Guinness trinkend in die Glut starrten. Die Gäste an den vorderen Tischen sprachen weiter, als hätte sich die Eingangstür keinen Millimeter gerührt; vielleicht war es unter ihrer Würde, einen Neuankömmling wenigstens mit einem Nicken zu begrüßen. Willy stützte sich am Türrahmen ab und verharrte in lautlosem Protest.

Die Aufmerksamkeit aus der hinteren Sitznische war ihm dagegen gewiss; dort im Halbdunkel saßen jene, die mit der Finsternis Geld verdienten: Besitzer einer Pension oder Wanderführer, Hobby-Ornithologen oder selbsternannte Spezialisten für Sonne, Mond und Sterne.

Links am Tisch die Eheleute Kallabis, die ungefähr in Willys Alter waren. Lasse hatte sein Leben lang in der Putenmast gearbeitet, wo er seiner Frau begegnet war. Die Ammoniakdämpfe vom Vogelkot hatten Claudia offenbar das Hirn vergiftet; sie stierte Willy aus geröteten Augen an, den Rücken gekrümmt, das Doppelkinn zur Hälfte im Bierglas. Daneben hockten Eugen und Constanze Kramer, zwei Berliner, die hier ein Haus gekauft hatten und nun alles Erdenkliche taten, um sich in die Horde zu integrieren. Arschlecken deluxe. Den Großteil der Runde machten die Einheimischen aus. Die Jüngsten unter ihnen, Kevin Hübner und Danny Schmidt, hatte Willy aufwachsen sehen, die Älteren hatten mit ihm die Schulbank gedrückt; aus Leidensgenossen waren Nachbarn geworden, aus Nachbarn irgendwann Fremde.

Er blieb an der Tür stehen und witterte das würzige Aroma, das über den Köpfen, Biergläsern und speckigen Tischen schwebte. Das Rauchverbot, das Friesack wegen der Touristen und ihrer neumodischen Ansichten durchgesetzt hatte, galt nicht für Johann Beck. Soweit Willy sich erinnern konnte, hatte der Alte nie auf seine Pfeife verzichten müssen, weder hier noch in den Ställen der Genossenschaft. Gleich einem Silberrücken hockte Beck inmitten der Horde, linkerhand sein Sohn, rechterhand seine zweite Frau, vor sich ein Guinness. Willy spürte, wie Beck Junior ihn taxierte.

»Hey, altes Haus«, rief ihm der Wirt vom Tresen aus zu. Sein Dauergrinsen und das Geschirrtuch auf seinen Schultern sollten Lässigkeit vortäuschen, doch mit jeder weiteren Sekunde, die Willy unterm Türsturz ausharrte, krümmten sich Friesacks Mundwinkel tiefer. Garantiert hatte Erdbeermütze Angst, er würde ihm das Geschäft versauen. Die handzahmen Astronisten mochten keinen Stunk, sie verbrachten ihre Zeit lieber mit Explosionen, die Millionen Lichtjahre entfernt waren. Friesack kam hinter seinem Tresen hervor, wanzte sich an Willy heran und raunte:

»Verzieh dich aus meinem Laden.«

»Wie bitte?«, entgegnete Willy.

»Du bist hier nicht willkommen.«

»Das ist 'n freies Land. Ich kann hingehen, wo ich will.« Ein dummer Spruch aus noch dümmeren Filmen, jetzt fand Willy ihn allerdings originell. »Oder siehst du das anders?«

»Schon mal was vom Hausrecht gehört?«

»Oh, der Herr hat sich belesen.«

»Los, mach 'nen Abgang.«

»Ich will nur 'n Päckchen Zucker.« Er hielt seine Hand wie ein Bettler auf. »Für meine Pflaumen.«

»Ist das 'ne Verarsche?«

»Über Pflaumen würde ich niemals Späße machen.«

Aus der hinteren Sitznische wurde eine Runde geordert, und der Wirt brüllte zurück, dass er sofort käme. Willy merkte, wie seine Abneigung gegen Friesack unter dem ursprünglichen Anlass seines Besuches ein tieferes Bedürfnis freilegte. Er winkelte die Ellbogen an, hakte die Daumen in die Westentaschen und sagte:

»Entweder lässt du mich durch oder du erlebst gleich 'ne Supernova.«

»Willst du mir wieder 'nen Stein ins Fenster werfen?«

»Das hättest du wohl gern.«

»Du warst damals schon neidisch.«

»Hä, auf dich?«

»Auf mich und meinen Pub.«

»Für so 'n Loch wäre mir selbst 'ne Handvoll Kötteln zu schade.«

»Wart nur ab«, drohte Friesack. »Die Quittung wirste noch kassieren.«

»Erst mal will ich 'n Päckchen Zucker. Kapiert?«

Von hinten dröhnte erneut die Bestellung, diesmal in strengerem Tonfall.

»Bist du taub?«, fragte Willy. »Das klang nach 'nem Marschbefehl.«

Mit sichtlich genervter Miene wandte sich Friesack um. Zwei Männern näherten sich der Tür. Sie und Friesack nickten einander zu, dann kroch der Wirt ohne ein weiteres Wort hinter den Tresen, wo er sich selbst einen Doppelten einschenkte.

»Unser Hüter von Recht und Ordnung.« Robert Beck, Sohn vom alten Silberrücken, lächelte so breit, als hätte er einen alten Freund entdeckt. Er und Danny Schmidt trugen Cargohosen und Thermopullover, Beck Junior dazu eine mit Lammfell gefütterte Weste und ein Halstuch.

»Ihr sollt bestimmt den Dreck rauskehren«, sagte Willy.

»Warum so aggressiv?«, fragte Beck.

»Ich will bloß 'n bisschen Zucker.«

»Und ich möchte nur mit dir reden.«

Robert Beck war Inhaber einer Tischlerei und der jüngste Ortsvorsteher, den die Gollwitzer je gewählt hatten. Mit seinem Vater war Willy lange befreundet gewesen, doch seit sich die Gegend »Sternenpark« nennen durfte und ein bisschen Geld in die Kassen floss, hatte sich irgendwas zwischen sie gedrängt.

»Was willst du hier?«, fragte Beck.

»Sag mal, bin ich 'n Papagei?«

Beck strich sich mit Daumen und Zeigefinger über den Schnurrbart. »Hey, wir wollen keinen Ärger.«

»Sprichst du etwa für alle?«

»Ich spreche für deine lieben Mitbürger«, entgegnete er. »Und du, Willy? Für wen sprichst du?«

Aus den Boxen säuselte eine melancholische Nummer, und Willy bemerkte auf unangenehme Weise, wie die Wirkung des Alkohols abflaute. Hätte es ihm sein Stolz erlaubt, wäre er an den Tresen gelatscht, um sich neuen Mut anzusaufen. Geschenkt, dachte Willy. Erdbeermütze würde ihm sowieso kein Pint zapfen oder es zumindest mit hauseigenem Rotz garnieren.

»Okay«, bat Beck in ruhigem Tonfall. »Mach bitte keine Szene.«

Eine Aussage, die sich für Willy wie eine Zeile aus einer Seifenoper anhörte; er empfand sich aber weder als enttäuschten Liebhaber noch als hysterische Geliebte. Er war ein handfester Typ und hatte sein Lebtag dementsprechend gehandelt: Ohne die geringste Ankündigung drückte er seinen Handrücken gegen Becks Unterarm und wollte ihn beiseiteschieben.

»Hey, lass das«, sagte Beck.

»Du hast mir gar nichts zu befehlen.«

»Alter Mann«, höhnte der Ortsvorsteher nun. »Schlaf deinen Rausch aus und komm morgen wieder. Eva hätte dasselbe gewollt.«

In dem Moment, in dem er den Namen seiner Frau vernahm, packte er Becks Arm, um ihn nach Polizeimanier auf dessen Rücken zu hebeln. Beck befreite sich aus der Klammer, scheinbar mühelos, und Willy wurde das ganze Ausmaß seiner Erbärmlichkeit demonstriert. Zunächst hoben die beiden Kerle am Kamin ihre Blicke, dann drängte Beck ihn gegen den Türpfosten, worauf alle anderen Gäste verstummten.

»Ey«, rief Willy ihnen zu. »Gaffen steht unter Strafe.«

»Bleib locker«, flüsterte Beck.

»Was hast du gesagt, hä?«

In den Gesichtern der Gäste saß eine Scham, wie sie nur peinliche Greise verursachten. Danny Schmidt und Robert Beck tauschten die Positionen und der sonst eher geschwätzige Schmidt fixierte Willy am Türrahmen. Schmidts Lippen waren blutleer, hart und versiegelt; Willy hingegen verspürte keinerlei Interesse, still zu sein.

»Ihr könnt mir nicht den Mund verbieten.« Seine Stimme überschlug sich. »Das Schwein kommt raus, das wisst ihr alle.«

»Reiß dich zusammen«, sagte Beck.

»Ich kann ihn in den Knast bringen, wirklich.«

»Das hättest du vor 20 Jahren tun sollen.«

»Ich hab jetzt das Foto. Das beweist alles.«

»Wir werden das auf unsre Art regeln.«

»Verdammt, denk an die Brandnacht«, brüllte er Beck ins Gesicht. »Oder willst du das nächste Mal deine eigenen Kinder begraben?«

Auf Willys Geschrei hin hatte Friesack die Lautstärke der Musik aufgedreht. Die Glut im Kamin verwandelte sich in ein wildes Geflacker, und Willy suppte der Schweiß ins Hemd. Er setzte zur Gegenwehr an, was Schmidt jedoch im Ansatz erstickte: Er schlug ihn nicht, er trat ihn nicht, stattdessen umklammerte er ihn von hinten und bohrte ihm sein spitzes Kinn ins Rückgrat. Willy war über die Methode schier verblüfft, bis sein gesamter Körper vor Schmerz erstarrte. Schmidts Kinn schien direkt seine Nervenbahnen zu reizen, und während Willy nichts blieb, außer die Zähne zusammenzubeißen, schubsten sie ihn nach draußen.

Sie stolperten die Eingangsstufen abwärts, und noch ehe sie unten waren, gesellten sich Lasse Kallabis und Kevin Hübner hinzu. Die vier Männer zerrten ihn aus dem Lichtkreis des Schaufensters und weiter die Dorfstraße entlang. Willy hatte jede Kraft eingebüßt, um ernsthaften Widerstand zu leisten; er schwankte von Beck zu Schmidt, von Hübner zu Kallabis und wieder zurück, taumelte zwischen ihnen wie die blinde Kuh im Kinderspiel.

Die Gruppe gelangte zu einem verwaisten Grundstück. Zwischen zwei Scheunen brach sich ein Streifen Ödland in die Nacht; der Schnee war an dieser Stelle alt und unberührt, spröde und hart. Willy beschwor die Männer, seinen Worten Glauben zu schenken, er lallte etwas von Idioten und blinden Fischen, er sagte, der Teufel lache immer als Letztes. Aber...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

11,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen