Abels letzter Krieg

Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Dezember 2018
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43452-2 (ISBN)
 

Ein Mann versucht, die Welt zu retten - und sich selbst

Für Abel Kaplan läuft es alles andere als gut. Seine Frau Eva trennt sich, er verliert seinen Job an der Schule. Vielleicht ist es immerhin die Zeit, endlich das eine ganz große Buch zu schreiben. Als ihm das unbekannte Tagebuch eines Lagerinsassen in die Hände fällt, wittert Abel seine Chance: Er will und kann aus der Vergangenheit Lehren ziehen, er will sich gegen Verfolgung und eine Gesellschaft stemmen, die diese zulässt. Was am Schreibtisch beginnt, setzt sich schnell fort ins Leben, plötzlich setzt Abel alles daran, einen jungen Flüchtling vor der Abschiebung zu bewahren. Ein mitreißender Roman über einen Mann im Ausnahmezustand und die Frage, wie man in dieser bedrohten Zeit überhaupt noch verantwortlich handeln soll.

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Daan Heerma van Voss geboren 1986, Nachfahre des Industriellen und Pioniers der modernen Luftfahrt Sybrand Heerma van Voss, ist Autor und Journalist. Er verfasst Beiträge für internationale Zeitungen, darunter >The New York Times<, die amerikanische >Vogue< und >Svenska Dagbladet<. >Abels letzter Krieg< ist sein erster Roman in deutscher Übersetzung.

3.


Durch die Musik des Streichertrios hindurch hörte man den Wind um die großen Fensterscheiben der Etage pfeifen. Das Bootsrennen war beendet, auf einem Katamaran wurde gefeiert, die anderen trieben weiter.

Es war halb zwölf, richtig betrunken würde er nicht mehr werden, und gerade mal ein bisschen angeschickert reichte ihm nicht. Gäste machten sich fertig zum Gehen. Innerhalb einer Stunde würde das Zimmer leer sein, die Putzkräfte würden sich ranhalten, den Raum innerhalb einer halben Stunde wieder sauber und vorbildlich aussehen zu lassen.

Früher hatte sie nichts schöner gefunden als eine überraschend verlaufene Nacht, mit lauter lockeren Begegnungen, Drama, Zigaretten und Wein. Früher drückte sie ihre Zigaretten - die sie konsequent Kippen nannte - in herumliegenden Kaffeebechern aus. Frühestens in anderthalb Stunden würden er und seine Ex allein sein.

Jetzt begann der schlimmste Teil des Abends: als Letzter übrig bleiben.

Ein Ehemann geht nicht vor dem letzten Gast. Herumstehen, allen zum Abschied zunicken. Früher hätte es die Hoffnung auf eine Nacht mit ihr gegeben, die das Herunterzählen - noch fünf Gäste, vier, drei - erträglicher gemacht hatte.

Ihm bekannte Gesprächsfetzen trieben vorüber. Seit sie richtig gut verdiente, spendete sie, wie es das jüdische Gesetz vorschreibt, zehn Prozent ihres Einkommens für gute Zwecke. Das war etwas, worüber sie mit ihren Gesprächspartnern reden konnte; Unterhaltungen über die Bedeutung von Traditionen, über Respekt, über Gerechtigkeit. Natürlich hatte er sie nie auf ihre gegenwärtige Großzügigkeit angesprochen, er behielt seine unvermeidliche Schlussfolgerung lieber für sich: Eva war eine Frau, die erst freigiebig wurde, als sie es sich leisten konnte.

Die Vorstellung, dass Frank Trustfull ihr neuer Liebhaber sein könnte, erwies sich im Nachhinein als unsinnig. Sie ärgerte sich ganz offensichtlich über seine Bemerkungen, die er über die Art, wie Trustfull sich bewegte, gemacht hatte: ein wenig hölzern, pseudomännlich. Mindestens zehn Gäste waren jetzt noch da.

Dass er an diesem Abend doch wieder gekommen war, hatte seine Verhandlungsposition natürlich weiter geschwächt. Er griff nach einem neuen Glas, schon längst hatte er aufgehört, sie zu zählen. Er bezweifelte, dass er unter diesen Umständen im Bett noch zu irgendetwas in der Lage sein würde.

Daaaarling, warf der steinerne Fußboden zurück. Er schaute sich zuerst gar nicht um, aus Furcht vor dem, dem diese Begrüßung galt. Während in seinem Rücken geselliges Treiben herrschte, starrte er regungslos nach draußen. An einer der Grachten hatte ein Lastwagen angehalten und verursachte einen Stau und fernes Gehupe.

Wer kam noch um diese Zeit? Und warum bemerkte er bei Eva, die mit offenen Armen an ihm vorbeiging, keine Spur von Irritation angesichts der späten Stunde? Es war noch schlimmer, stellte er nach einigen stechenden Blicken fest. Trotz ihrer Rituale und ihrer Pünktlichkeit schien sie wirklich erfreut, den neuen Gast zu begrüßen.

Das musste er sein. Der neue Finger auf der Waagschale.

Seines Wissens war sie nie fremdgegangen. Dafür fehlte ihr die Kreativität, und vor allem, das musste er ehrlich zugeben, die Verlogenheit. Sie war treu geblieben, auch als sie ihn nicht mehr liebte. Sie brauchten keine Untreue, um einander zu verletzen. Von Widerwillen erfüllt, drehte Kaplan sich um.

Die zehn Anwesenden standen in einem Halbkreis um den späten Gast herum. Kaplan kannte sein Foto aus der Zeitung, aber zum Glück war er ihm noch nie begegnet. Glänzendes blondes Haar, hollywoodgrau an den Schläfen. Wie hieß er doch gleich, Den Duyvel? Duifman? Was machte der Kerl hier?

Es konnte durchaus sein, dass dieser Bursche der neue Liebhaber seiner Frau war. Er war nicht hässlich, besaß jene auffällige Art Charisma, zu der machtbewusste - »ambitionierte« - Frauen sich hingezogen fühlen. Als nach einigen Minuten wieder Ruhe eingekehrt war, ging Kaplan zu Eva. Sie sah ihn kommen und schnitt das Gespräch ab, das sie gerade führte.

»Was gibt's?«, fragte sie, wobei sie mit dem linken Arm den rechten stützte, wie ein Modell aus den Zwanzigerjahren.

»Ist es Duifman?«

Ihr Gesicht erstarrte augenblicklich. »Ach, lass mich doch in Frieden.«

»Ich werde dir keine Szene machen«, sagte er. »Bitte. Ist es Duifman?«

»Mein Gott«, sagte sie zermürbt. »Nein, wir sind nicht zusammen. Und er heißt Hein. Hein Duyf. Mit einem y.«

»Okay.« Er trank einen Schluck Champagner. »Wie er heißt, ist mir natürlich vollkommen egal, wie du dir denken kannst.«

»Dumm nur, dass er dein neuer Chef ist.«

Als er das hörte, verschluckte Kaplan sich fast. Sofort sah er den Vertrag vor sich, den er seinerzeit unterschrieben hatte, die Strichellinie, der seltsame Anfall von Opportunismus, für den er immer noch nicht bestraft worden war. Er versuchte, an ihrem Gesicht abzulesen, ob ihr sein Erschrecken aufgefallen war; sie ließ sich nichts anmerken. Morgen früh musste er den Vertrag finden, das einzige Exemplar, es durfte auf gar keinen Fall einfach so offen herumliegen. »Darüber bist du also informiert?«, fragte er mit beherrschter Stimme.

»Natürlich. Ich weiß doch, wen ich einlade.«

»Hast du ihn extra deswegen eingeladen, um mich zum Affen zu machen?«

»Don't flatter yourself. Willst du ihn kennenlernen? Hein ist ein sehr interessanter Mann.« Ein Pärchen machte sich auf den Heimweg, der Mann in einem langen grauen Regenmantel, die Frau mit einer Mütze aus Fuchspelz. Sie winkten, Eva warf ihnen eine Kusshand zu und blinzelte mit einem Auge. Sie sah ihn wieder an. »Willst du?«

»Ich glaube nicht an Menschen, die sich damit großtun, interessant zu sein.«

»Natürlich nicht«, sagte sie matt.

Im Augenwinkel sah Kaplan, dass die junge Frau im roten Kleid sich mit Duyf unterhielt. »Nettes Mädchen«, sagte er. »Aber nicht attraktiv.« Es war wirklich nicht so, dass er nach Eva keine Frau mehr attraktiv finden konnte oder so etwas Pathetisches. Es hatte Frauen gegeben, fleischgewordene Gegenreaktionen, zuerst auf Eva, danach auf die Verflossenen. Kaplan hatte sich auf die merkwürdige Dialektik eingelassen, die guten Eigenschaften der einen Frau in den schlechten einer späteren zu spiegeln und umgekehrt. Eine Frau, die ihrer Vorgängerin in nichts ähnelte, könnte vielleicht in ihm etwas sehen, was den anderen entgangen war. Aber keine blieb lange genug an seiner Seite, um zu bemerken, dass er älter wurde.

In einem der ersten Monate in seinem Einpersonenapartment hatte er seine erste und einzige Asiatin ins Bett gekriegt, eine Frau in den Dreißigern namens Wing. Herr Kuiper, dessen Adern am Hals dick und blau wurden, wenn er sich aufregte, hatte die ganze Nacht mit dem Besen an die Decke gewummert. Auf jede Bewegung Kaplans, auf jedes Quietschen des Bettes folgte das nervende Klopfen des Nachbars von unten. Es hatte seine sämtlichen Anstrengungen in jener Nacht wertlos gemacht.

Im Talmud steht, dass ein Mann, der keine Frau hat, ohne Freude, Segen und Sanftmut lebt. Zurzeit hatte er Judith, die ihn wie keine andere seit zehn Jahren erregen konnte. Aber dennoch: Lust, die alles verschlang und alle Gedanken ausblendete, war äußerst selten geworden. Sein Körper konnte die Lust eines andern absorbieren und zurückwerfen, aber er war nur ganz selten noch selbst ein Quell der Lust.

»Wer?«, fragte Eva.

»Deine Assistentin. Die du beauftragt hast, mich im Auge zu behalten.«

»Macht der Gewohnheit«, sagte sie lächelnd. »Wieso solltest du sie übrigens attraktiv finden?«

»Das wäre nett gewesen«, sagte er. »Aber sie ist noch ein Kind.«

»Immer noch Probleme mit Vaterkomplexen?« Sie kaschierte den Vorwurf mit einer süßlichen Stimme.

»Warum sagst du das jetzt?«

Sie sah ihn erstaunt an. »Sorry«, sagte sie. »Das hätte ich nicht sagen dürfen. Manchmal vergesse ich, wie ich mit dir reden muss.«

»Macht nichts«, sagte er leise. »Geht mir genauso.«

Erneut verließ ein Paar die Wohnung. Es war Mitternacht. Noch immer wusste er nicht, was er von Duyf halten sollte.

»Soll ich heute hier übernachten?«

»Heute passt es mir ganz schlecht.«

»Dann holen wir das bald nach.« Er konnte seine plötzlich aufkommenden Zweifel nicht mehr unterdrücken und schob ein unsicheres »Einverstanden?« hinterher.

»Mal sehen.« Während der Stille, die folgte, wanderte ihr Blick immer wieder zu Duyf. Kaplan erwog einen Seitenhieb auf das Tamtam, mit dem Duyf versucht hatte, seinen Karriereschritt glorios aussehen zu lassen, nachdem er kürzlich durch die Stadtverwaltung als Interims-Schuldirektor abgestellt worden war. Nun könnte er sich endlich »an der Basis mit der alltäglichen Politik und den echten Problemen der Straße auseinandersetzen«. Derart schreckliche Dinge hatte dieser zweitklassige troubleshooter im Radio und der Lokalpresse geäußert. Aber Kaplan fiel nichts Schlagfertiges ein, er war angetrunken und todmüde. »Soll ich dann mal gehen?«, fragte er.

Sie reagierte nicht.

»Darf ich, früheren Zeiten zu Ehren, sagen: Schlaf gut, Schatz?«

»Lieber nicht.«

»Ich ruf dich demnächst wegen eines Termins an, ja?«

Sie schluckte sichtbar. »Ich sagte: Mal sehen.«

»Okay. Soll ich jetzt gehen?«

»Ich sage den andern, du hast noch eine späte Verabredung.«

»Tu, was du nicht lassen kannst.« Er winkte der Garderobiere, gab ihr den Zettel mit seiner Nummer. Wer engagierte denn eine Garderobiere für die eigene Wohnung? »Gib's zu, ich habe mich gut benommen, oder?«

Ihr Lächeln war echt. »Du hast gut mitgespielt. Danke...

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