Lady Lavinia - unterwegs in gefährlicher Mission

 
 
Cora Verlag GmbH & Co. KG
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2020
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7337-4867-8 (ISBN)
 
London, 1871. Lady Lavinia ist in gefährlicher Mission unterwegs: Sie will einer lieblosen Pflegemutter ein Findelkind abkaufen, um es in ein Kloster zu bringen. Schon viele Kinder hat sie so vor einem grausamen Schicksal bewahrt. Doch diesmal gerät die schöne Adlige, obwohl kundig mit dem Degen, in einen Hinterhalt. Aus dem sie von Finn Trewlove, Bastardsohn eines Earls, gerettet wird! Groß, verwegen und gutaussehend, hat Finn ihr damals, als sie blutjung war, Herz und Unschuld geraubt. Aber warum ist er hier? Hat er sie nie aus den Augen gelassen? Und wie kann er es nur wagen, ihr einen ungeheuer schockierenden Vorschlag zu machen?
Lorraine Heath wurde in England geboren, zog jedoch als Kind mit ihren Eltern in die USA. Geblieben ist ihr eine tiefe Zuneigung zu beiden Ländern. Die Charaktere in ihren erfolgreichen Romanen werden oft als besonders lebensnah bezeichnet, was die New-York-Times-Bestseller-Autorin auf ihre im Psychologiestudium erworbenen Kenntnisse zurückführt. Lorraine Heath lebt mit ihrem Mann in Texas. Noch mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Homepage: www.lorraineheath.com

1. KAPITEL

Whitechapel

Anfang November 1871

Schaudernd zog sich Lady Lavinia Kent die Kapuze ihrer Pelisse über den Kopf. Die mitternächtliche Luft hatte erstmals etwas Frostiges an sich, und Lavinia war sich nicht sicher, ob dies dem Übergang des Herbstes in den Winter zu schulden war. Vermutlich lag es an der Gefahr, die ihr drohte. Sie war eine Frau mit einer Mission, schon seit August, als sie ihr luxuriöses aristokratisches Leben aufgegeben hatte, um sich etwas Erfüllenderes zu suchen als das Dasein, das ihr in die Wiege gelegt worden war, ohne sie oder ihre Wünsche zu berücksichtigen.

Obwohl ihre derzeitige Mission Gefahren barg, die unerkannt in schattigen Winkeln lauerten, verspürte sie keinerlei Angst. Was sie anspornte, war eine Berufung, die vor einem Jahrzehnt dank eines Jungen begonnen hatte, der an der Schwelle zum Mannesalter gestanden hatte. Sie hatte ihn kennengelernt, als sie selbst gerade erst zur Frau herangereift war.

Es hatte sich um den Bastard eines ihr unbekannten Lords gehandelt, der trotz seiner adeligen - wenn auch befleckten - Herkunft in jeder Hinsicht als ihrer nicht würdig angesehen worden war. Er wusste, wer sein Vater war, hatte ihr dies jedoch nie verraten. Noch heute erinnerte sie sich an die Traurigkeit in seiner Stimme, als er ihr gestanden hatte, dass er nicht das Geringste über die Frau wisse, die ihn geboren habe. Er habe keinerlei Erinnerung an sie, weil er ihr gleich nach der Geburt genommen worden und einer Pflegemutter übergeben worden sei. Seine Geschichten über seine Erfahrungen hatten sie mit einer Welt in Berührung gebracht, von der sie bis dahin nichts gewusst hatte, einer Welt, durch die sie sich nun bewegte. Sie schloss die unbehandschuhten Finger fester um den kalten geschnitzten Wolfskopf an dem Gehstock, der auf diesen nächtlichen Ausflügen ihr ständiger Begleiter war und ihr Mut machte. Durch besagten Jungen hatte sie die Wahrheit über Pflegemütter erfahren, die Profit aus der Aufnahme von Kindern schlugen, und welche Gräuel oftmals damit einhergingen. Sie hatte erfahren, dass die Frauen, gemeinhin Witwen, ihre Dienste per Annonce anboten. Seit Kurzem war sie dazu übergegangen, gezielt nach solchen Annoncen zu suchen, der betreffenden Frau zu schreiben, sich mit ihr zu treffen und ihr Geld anzubieten. Nicht etwa, damit sie ein Kind aufnähme, wie Lavinia zuvor in ihrem Brief angedeutet hatte, sondern um sie dazu zu bewegen, ihre derzeitigen Schützlinge in Lavinias Obhut zu geben. Mit dem Segen der Barmherzigen Schwestern, die sie aufgenommen hatten, brachte sie die Kinder in deren Findelhaus. Sie bedauerte, nicht die Mittel zu haben, um ein eigenes Heim gründen zu können, denn das Findelhaus würde bald voll sein - und was dann?

Die Frauen, zu denen sie Kontakt aufnahm, bestanden darauf, sich nachts mit ihr zu treffen, in den finstersten Gassen und Hinterhöfen, zu später Stunde, wenn die Straßen bedrohlich wirkten und nichts zu hören war, bis auf das Trappeln und Piepsen der Ratten, dann und wann ein von zu viel Bier verwaschenes Lied, gelegentlich ein grunzender Laut und manchmal ein schriller Schrei. Und ständig, immerzu, war da das Gefühl, beobachtet zu werden.

Prompt stellten sich ihr die feinen Nackenhärchen auf. Sie verharrte jäh und horchte. Den Wolfskopf umklammernd, hob sie blitzschnell den Stock, packte mit der anderen Hand das untere Ende und zog den Degen halb aus der geschickt getarnten Scheide, während sie herumwirbelte und mit wachsamem Blick die Umgebung absuchte. Niemand war zu sehen, bis auf einen Bettler, wie sie vermutete, der zusammengerollt in einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite lag. Sie erspähte ihn erst jetzt, weil er aus der Richtung, aus der sie gekommen war, in seiner Nische nicht zu erkennen gewesen war. Erst von hier aus konnte sie ihn sehen - und das auch mehr schlecht als recht. Sie wartete, beobachtete, lauschte und hörte ihn gelegentlich rasselnd schnarchen. Nachdem sie ihn für harmlos befunden hatte, schob sie den Degen zurück in die Scheide und setzte ihren Weg fort.

Sie war überglücklich gewesen, als sie die Waffe in einem Pfandhaus entdeckt hatte, und erleichtert darüber, dass der Pfandleiher als Bezahlung die Ohrgehänge akzeptierte, die sie an dem Tag getragen hatte, an dem sie hätte heiraten sollen. Mit neunzehn hatte sie Fechten gelernt, hatte die Herausforderung geliebt, und sie focht inzwischen recht versiert. Ihr Bruder hatte sie nur ein einziges Mal herausgefordert. Da er ein schlechter Verlierer war, hatte er es nicht gut aufgenommen, besiegt zu werden, wenngleich er ihr überrascht zugestanden hatte, dass sie den Sport meisterlich beherrsche. Für sie indes war es stets mehr als ein Sport gewesen. Für sie war es ein Weg gewesen, zu überleben und bei Verstand zu bleiben in einem Umfeld, das einen leicht um den Verstand brachte.

Sie schüttelte die unschönen Gedanken ab. Was zählte, war die Zukunft. Einen Schritt nach dem anderen zu machen. Zu vergessen, was sich nicht vergessen ließ. Also konzentrierte sie sich auf die Gegenwart und ihre Umgebung und hielt sich vor Augen, dass sie wachsam bleiben musste, wenn sie bei der anstehenden Begegnung Erfolg haben wollte.

Für gewöhnlich waren auf den Straßen Menschen unterwegs, die den Abend über in Pub oder Schenke gezecht hatten, aber das heutige Treffen war später als üblich angesetzt und sollte in einer Gegend stattfinden, die verlassener war, als es Lavinia behagte. Doch nichts konnte sie von ihrem Ziel abbringen. Es war alles, was sie noch hatte, alles, was sie wollte. Es gab ihr Auftrieb und Kraft sowie einen Grund, sich morgens aus dem Bett zu quälen.

Sie näherte sich der Kreuzung, die in dem Schreiben erwähnt wurde, in dem ihr Zeitpunkt und Ort des Treffens mitgeteilt worden waren. Die Kreuzung überqueren, rief sie sich ins Gedächtnis, eine ungute Ahnung unterdrückend. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit darauf, sich genauestens an die Anweisungen zu halten, die in kaum leserlichem Gekrakel niedergeschrieben worden waren. Danach in die erste Gasse links einbiegen und diese bis zur Mitte gehen .

Sie verharrte da, wo das Licht der Straßenlaterne endete. Weiterzugehen würde bedeuten, in undurchdringliche Schwärze einzutauchen. Ihr Mut und ihre Verwegenheit hatten Grenzen.

Möglichst verstohlen schaute sie sich in der engen Gasse um, eingezwängt zwischen Backsteingebäuden, deren Fenster dunkel und deren Räume vermutlich unbewohnt waren. Es war durchaus üblich, dass die Treffen in heruntergekommenen Gegenden stattfanden, in denen die Abwicklung ohne Zeugen erfolgen konnte. Für den Fall, dass sie beobachtet wurde, riss sie sich zusammen, um nicht zu zeigen, dass ihr mit einem Mal Bedenken wegen des Arrangements kamen.

Sie achtete darauf, ruhig zu atmen, obwohl ihre Handflächen feucht wurden und sie das laute Pochen ihres eigenen Herzschlags vernahm. Mehr als einmal hatten die Schwestern ihr davon abgeraten, allein auszugehen, aber sie konnte ihr Anliegen nicht umsetzen, wenn sie sich wie ein verschüchtertes Kind versteckte. Sie hatte in den vergangenen acht Jahren viel zu viel Zeit in Abgeschiedenheit verbracht und ihre wahren Wünsche und Sehnsüchte nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor anderen verheimlicht. Sie hatte es satt, hatte die Vergangenheit hinter sich gelassen. Nun fing sie neu an, fest entschlossen, ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen.

Aus ebendiesem Grunde hatte sie vor fast drei Monaten einen anständigen Mann vor dem Altar in St. George's stehen lassen. Für den Duke of Thornley hatte es sich durchaus bezahlt gemacht, dass sie ihn verschmäht hatte, denn jüngst hatte er eine Frau geehelicht, die er von Herzen liebte. Als Lavinia ihn das letzte Mal getroffen hatte - heimlich und um ihn um Verzeihung zu bitten -, war er über Gillian Trewlove regelrecht ins Schwärmen geraten. In seiner Stimme hatte die tiefe Hingabe eines Mannes gelegen, der einer Frau mit Haut und Haar verfallen ist. Es hatte Lavinia nicht verwundert, kurz darauf von der Vermählung der beiden zu erfahren. Mit Gillian Trewlove hatte er es besser getroffen als mit einer Frau, die er nicht lieben konnte, die er mit der Zeit gar verachtet hätte, wenn ihm erst die Wahrheit über sie zu Ohren gekommen wäre. Für ihre Fehler und Schwächen in der Vergangenheit verachtete sie sich oft genug selbst.

Sie hörte ein Scharren, dann Schritte. Als sie herumwirbelte, sah sie sich einer großen, korpulenten Frau gegenüber. Sie hatte sich ihren Hut, der dem eines Bauern ähnelte, tief in die Stirn gezogen, sodass er einen Gutteil ihres Gesichts überschattete. Das Trappeln weiterer Schritte ertönte, und noch zwei Frauen erschienen in der Gasse, die eine so dünn wie ein Zündholz, die andere baumlang. Mit nichts als dem undurchsichtigen Dunkel im Rücken fühlte Lavinia sich von den dreien bedrängt. Verabredet war sie mit nur einer Frau.

"Ich bin hier, um mich mit D. B. zu treffen." Sie war recht zufrieden mit sich, weil es ihr gelungen war, ruhig und fest zu sprechen.

"Letzte Woche haben Sie sich mit Mags getroffen. Gleich morgens is' sie eingelocht worden. Wird wohl als Engelmacherin baumeln", meinte die Korpulente.

Das musste bedeuten, dass die Obrigkeit sie bereits des Mordes an mindestens einem der ihr anvertrauten Kinder überführt hatte.

"Ich kenne keine Mags." Ihr waren nur die Initialen der Frauen bekannt. Ob Mags die M. K. war, die ihr vergangene Woche gegen fünf Pfund drei kleine Kinder übergeben hatte? Die meisten Pflegemütter, die kommerziell arbeiteten, erhielten einen einmaligen Pauschalbetrag, wenn der uneheliche Nachwuchs von einem...

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