Wenn es Nacht wird

Psychothriller
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Januar 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08808-8 (ISBN)
 
Ihre Vergangenheit ist tödlich, denn sie weiß zu viel .

Genevieve will ihren Traum von einem Hausboot erfüllen und hat sich deshalb auf einen lukrativen Nebenjob als Tänzerin eingelassen. Doch hinter den Kulissen des exklusiven Londoner Clubs spielen sich Dinge ab, von denen niemand erfahren darf - und Genevieve weiß zu viel. Überstürzt flieht sie aus der Stadt und fühlt sich in ihrem neuen Zuhause, einem Boot in einem ruhigen Themse-Hafen, vorerst sicher. Bis eines Nachts die Leiche ihrer Londoner Freundin Caddy im Wasser treibt. Für Genevieve besteht kein Zweifel: Ihre Vergangenheit hat sie eingeholt.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 1,14 MB
978-3-641-08808-8 (9783641088088)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Ich öffnete die Augen, und da war es wieder, dieses unbestimmte, unbehagliche Gefühl. Das Schaukeln des Bootes kündigte die Ebbe an, und der Südwind blies flussaufwärts und erwischte die Revenge of the Tide von der Seite.

Ich blieb lange im Bett liegen und lauschte auf die Wellen, die neben meinem Kopf an den Schiffsrumpf schlugen, den Stahl durchdrangen und nur von der Holztäfelung gedämpft wurden. Es war warm unter meiner Decke und schön, dort auszuharren. Direkt über mir befand sich die rechteckige Dachluke. Sie gab den Blick auf Schwärze frei, die sich langsam in Dunkelblau und Grau verwandelte. Ich sah Wolken über mich hinwegjagen, die mir das seltsame Gefühl gaben, ich jagte mit dem Boot dahin - so als bewegte sich das Boot und nicht die Wolken. Dann verspürte ich wieder dieses Unbehagen.

Ich war weder see- noch »flusskrank«. Nach knapp fünf Monaten, die ich mittlerweile aus London weg war, hatte ich mich daran gewöhnt. Fünf Monate auf einem Hausboot. Trotzdem war ich immer noch ein wenig überrascht, wenn ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte und den Weg zum Parkplatz nahm. Aber nach ein paar wackeligen Schritten hatte ich mein Gleichgewicht schnell wiedergefunden.

Der Tag war irgendwie grau - nicht gerade ideal für eine Party, doch daran war ich selbst schuld, weil ich sie für September geplant hatte. »Schulanfangswetter«: Der Wind pfiff über das Deck, als ich aufstand und den Kopf aus dem Steuerhaus steckte.

Nein, es war nicht die Ebbe und auch nicht der Gedanke an die Leute, die später auf mein Boot kommen würden. Da war noch was anderes. Ich fühlte mich, als hätte mich jemand gegen den Strich gestreichelt.

Folgendes hatte ich heute noch vor: das letzte Stück Holzverkleidung im zweiten Raum befestigen, der irgendwann als Gästezimmer dienen sollte. Das Schreinerwerkzeug wegräumen und es vorne im Bug verstauen. Das Boot fegen, ein wenig aufräumen. Dann schauen, ob ich eine Mitfahrgelegenheit zum Supermarkt bekommen konnte, um dort Essen und Bier für die Party einzukaufen.

Ich hatte nur noch eine einzige Wand vor mir, doch die hatte eine seltsame Form, weshalb ich sie mir für den Schluss aufgehoben hatte. Der Raum war voller Sägemehlstaub und Holzreste, Abschlussleisten und Schmirgelpapier. Ich hatte in der Nacht zuvor Maß genommen, betrachtete stirnrunzelnd meinen Zettel und beschloss, zur Sicherheit noch einmal alles zu kontrollieren. Als ich die Kombüse verkleidet hatte, hatte ich viel Holz verschwendet, weil ich meine eigenen Messungen nicht mehr verstanden hatte.

Ich schaltete das Radio ein, obwohl ich es wegen der Tischkreissäge kaum hören konnte, und machte mich an die Arbeit.

Um neun legte ich eine Pause ein, ging in die Kombüse und kochte mir einen Kaffee. Ich füllte den Kessel und stellte ihn auf den Gasherd. Das Boot versank im Chaos. Doch das fiel mir nur ab und zu auf. Ich sah mich um, warf einen Blick auf die Schachteln des Take-away-Essens, die ich schnell in eine Plastiktüte geworfen hatte und die nun darauf warteten, entsorgt zu werden. Schmutzige Teller stapelten sich im Spülbecken, Pfannen und andere Utensilien verpackt in Kartons auf Stühlen in der Essnische, die noch darauf warteten, eingeräumt zu werden - jetzt, wo ich endlich Schränke in die Kombüse eingebaut hatte. Dann stand da ein schwarzer Plastiksack mit Stoffen, die eines Tages zu Vorhängen und Kissenbezügen verarbeitet werden sollten. Das war alles nebensächlich, solange ich hier allein wohnte, doch in ein paar Stunden würde das Boot nur so wimmeln von Menschen, und ich hatte versprochen, die meisten Renovierungsarbeiten bis dahin so gut wie erledigt zu haben.

So gut wie erledigt? Nun ja, ein dehnbarer Begriff. Ich hatte das Schlafzimmer fertig, und auch das Wohnzimmer sah gar nicht mal so schlecht aus. Die Kombüse war auch fertig, musste aber noch aufgeräumt und geputzt werden. Das Badezimmer war - nun, funktionsfähig, aber das war auch das Netteste, was man darüber sagen konnte. Und was den Rest anging - den geräumigen Platz unter dem Bug, der eines Tages zu einem größeren Bad umfunktioniert werden sollte, mit einer Badewanne anstelle des Duschschlauchs, den großen Wintergarten mit einem Glasschiebedach (ein ehrgeiziger Plan, doch ich hatte so etwas in einer Zeitschrift gesehen und so toll gefunden, dass ich es unbedingt realisieren wollte) und vielleicht noch ein Extrazimmer oder ein Büro, ein Raum, der unglaublich gemütlich, ja magisch sein würde -, er diente momentan noch als Lagerraum.

Der Kessel begann leise zu pfeifen, und ich spülte eine Tasse unter dem Wasserhahn aus, gab ein paar Löffel, genau genommen zwei Löffel, Instantkaffee hinein: Ich brauchte das Koffein.

Auf Höhe des Pontons sah ich ein Paar Schuhe durch das Bullauge, und kurz darauf hörte ich, wie jemand vom Deck rief: »Genevieve?«

»Ich bin hier unten. Das Wasser kocht schon - willst du was trinken?«

Kurz darauf kam Joanna die Treppe herunter und in die Kabine. Sie trug einen Minirock, dicke Socken und schwere Stiefel mit offenen Schnürsenkeln am Ende ihrer dünnen Beine. Obenrum hatte sie zum Ausgleich einen dunkelblauen Pulli von Liam an, der voller Sägespäne, kleiner Zweige und Katzenhaare war. Ihr Haar hing in wirren, verschiedenfarbigen Locken herunter.

»Nein, danke - wir gehen sowieso gleich wieder. Ich bin nur vorbeigekommen, um zu fragen, wann wir kommen sollen. Was hältst du davon, wenn wir außer dem Käsekuchen noch eine Lasagne mitbringen? Liam meinte, dass er von der Grillparty noch ein paar Bier übrig hat und die auch mitnimmt.«

Sie hatte einen Bluterguss auf der Wange. Joanna schminkte sich nicht - sie machte sich nichts daraus -, und so prangte ein ins Violette spielender pfenniggroßer Bluterguss unter ihrem linken Auge.

»Was ist mit deinem Gesicht passiert?«

»Ach, hör bloß auf! Ich habe mit meiner Schwester gestritten.«

»Sag bloß!«

»Komm an Deck - ich brauche eine Zigarette.«

Der Wind pfiff immer noch, also setzten wir uns auf die Bank vor dem Steuerhaus. Die Sonne versuchte, sich durch die dahinjagenden Wolken zu kämpfen, doch es gelang ihr nicht. Auf der anderen Seite des Hafens sah ich Liam, der Kartons und Tüten in den zerbeulten Ford Transit lud.

Joanna zog ein Päckchen Tabak aus der Tasche ihres Minirocks. »Ich finde, sie sollte ihre verdammte Nase nicht in meine Angelegenheiten stecken«, sagte sie.

»Deine Schwester?«

»Sie hält sich für was Besseres, nur weil sie mit zweiundzwanzig schon eine Hypothek hat.«

»So toll sind Hypotheken auch wieder nicht.«

»Genau!«, sagte Joanna mit Nachdruck. »Das habe ich ihr auch gesagt. Ich habe alles, was sie auch hat, aber keine Schulden, und ich muss keinen Rasen mähen.«

»Und darüber habt ihr euch gestritten?«

Joanna schwieg einen Augenblick, ihr Blick schweifte zum Parkplatz, wo Liam die Hände in die Hüften gestemmt hatte, demonstrativ auf die Uhr sah und in den Wagen stieg. Über die Hafengeräusche hinweg - den Bohrer aus der Werkstatt, das Radio unten in der Kabine und das ferne Dröhnen des Verkehrs auf der Autobahnbrücke - war das Knattern eines angelassenen Dieselmotors zu hören.

»Verdammt, ich muss los!«, sagte sie. Sie verstaute das Päckchen Tabak in ihrer Tasche und zündete sich die schmale Zigarette an, die sie soeben selbst gedreht hatte. »Gegen sieben oder acht? Wann?«

Ich zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. So gegen sieben? Lasagne klingt gut, aber mach dir keine Umstände.«

»Ich mach mir keine Umstände. Liam hat sie zubereitet.«

Joanna winkte mir noch einmal zu, sprang eilig von der Brücke auf den Ponton und rannte trotz ihrer schweren Stiefel über die grasbewachsene Uferböschung zum Parkplatz hinauf. Der Ford Transit machte kleine Sätze nach vorn, so als könnte er es kaum erwarten wegzufahren.

Um vier Uhr war die Kabine endlich fertig. Ein leerer Raum, aber zumindest ein holzgetäfelter. Die Wände waren verkleidet, die Schlafkoje an der hinteren Wand unter dem Bullauge eingebaut. Dort, wo die Matratze hinsollte, befanden sich zwei Falltüren mit runden Öffnungen im Holz,, die zu einem Lagerraum führten. Der Rest war mit hellem Holz verkleidet, Fußleisten verdeckten Verbindungsstücke und Winkel. Wenn es erst mal einen richtigen Anstrich hat, wird es auch nicht mehr so nach Sauna aussehen, dachte ich. Schon nächstes Wochenende würde es einen ganz anderen Eindruck machen.

Die Beseitigung des Mülls meiner letzten Schreineranstrengungen dauerte länger als gedacht. Für das Werkzeug hatte ich Kisten. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, sie wegzuräumen, seit ich vor Monaten mit dem Schlafzimmer begonnen hatte.

Ich zerrte sie unter dem Bug hervor und durch eine Luke in den höhlenartigen Raum darunter. Drei Stufen. Ich achtete darauf, mir den Kopf nicht an der niedrigen Decke zu stoßen, und verstaute die Kisten am Rand.

Erst auf meinem letzten Gang, als ich den schwarzen Plastiksack mit den Stoffen aus der Essnische holte und ihn in den vorderen Bereich warf, ertappte ich mich dabei, wie ich nachsah, ob der Karton in der hintersten Ecke noch da war. Ich konnte ihn im Dämmerlicht ausmachen, das von oben aus...

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