Ethan und die Schwerelosigkeit des Glücks

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Januar 2018
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-22082-2 (ISBN)
 
»Alles, was geschehen kann, geschieht auch. Und genauso kann man alles vermasseln und trotzdem ein guter Mensch sein.«

Der zwölfjährige Ethan hat ein paar ungewöhnliche Talente. Physik und Astronomie sind für ihn so selbstverständlich wie Lesen und Schreiben, und er sieht die Welt auf eine Weise, die anderen Menschen nicht begreiflich ist. Die wichtigste Person in seinem Leben ist seine Mutter Claire, aber je älter Ethan wird, desto öfter fragt er nach seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Er weiß nicht, dass er als Baby beinahe gestorben wäre und sein Vater in der Folge verurteilt wurde. Doch dann setzt ein unerwartet eintreffender Brief eine dramatische Kette von Ereignissen in Gang ...

Die Hardcover-Ausgabe erschien unter dem Titel »Die relative Unberechenbarkeit des Glücks« bei Blanvalet.

  • Deutsch
  • 0,87 MB
978-3-641-22082-2 (9783641220822)
3641220823 (3641220823)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Antonia Hayes wuchs in Sydney auf, verbrachte ihre Zwanziger in Paris und lebt heute in San Francisco. Ihre Texte wurden in zahlreichen Magazinen veröffentlicht, außerdem arbeitete sie als Publizistin in der Verlagsbranche und als Buchhändlerin. »Ethan und die Schwerelosigkeit des Glücks« ist ihr Debütroman.

2

Zeit

Ethan nahm seine Mutter bei der Hand und zog sie durch die Unterführung. Graffiti zierten die Wände: grüne und silberne Adern, Muster und Symbole, die Geschichten erzählten wie die Wandmalereien in urzeitlichen Höhlen. Bizarre Figuren, seltsame Worte, schiefe Lettern, die Ethan an Formeln und Gleichungen erinnerten. In der Luft hing noch der Geruch von Spraydosengas, aber weit und breit war niemand zu sehen.

»Los, komm, Mum.« Ethans Stimme hallte in der Tiefe des Tunnels wider. »Beeil dich, sonst verpassen wir es.«

Sie traten auf der anderen Seite des Tunnels in die Dunkelheit und hasteten unter dem steinernen Torbogen der Viadukte hindurch in den Jubilee Park, weiter den Fußweg entlang durch das Mangrovenwäldchen, am Jubilee Oval und dem Cricketgelände vorbei und weiter über die moosbedeckte Brücke in Richtung Blackwattle Bay. Gerade herrschte Ebbe - die Überläufe waren ausgetrocknet, und am Ufer verlief ein breiter Schlammstreifen, wo das Wasser an die Kaimauer schwappte. Auf der anderen Seite der Bucht erhob sich die Anzac Bridge mit den gewaltigen Pfeilern, an denen sich die Drahtseile wie Harfensaiten spannten. Die Lichter der Straßenlaternen spiegelten sich in orangefarbenen Streifen im dunklen Wasser.

Ethan runzelte die Stirn. »Es ist viel zu hell. Wir hätten ins Landesinnere fahren müssen.«

Seine Mutter lächelte müde. »Wir können von Glück sagen, dass wir überhaupt hier sind. Es ist zwei Uhr früh. Du hast morgen Schule, und ich muss zur Arbeit. Wir leben mitten in der Stadt, deshalb werden wir uns wohl damit begnügen müssen.«

Direkt an der Promenade breitete sie eine Decke aus, auf die sie sich, beide im Schlafanzug, setzten. Der Park war still und menschenleer. In der Luft hing der Geruch von feuchtem Gras und Salz. Ethan konzentrierte sich und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Der Nachthimmel war klar, der Mond noch nicht aufgegangen - eigentlich die perfekten Bedingungen, um einen Meteoritenschauer zu beobachten, der heute Nacht seinen Höhepunkt erreichen sollte. Hinter ihnen tauchte das Lichtermeer der Skyline von Sydney den Horizont in bernsteinfarbenes Licht. Ethan hatte befürchtet, die helle Beleuchtung könnte zu stark sein und die Geheimnisse des Himmels einfach verschlucken.

»Da!« Ethan deutete nach oben. »Siehst du die drei Sterne da? Das ist der Oriongürtel. Und dort ist Rigel, der hellste Stern dieses Sternbilds. Das bedeutet, dass der Orionschauer dort drüben stattfindet. Sieh nur!«

Aber seine Mutter blickte nur ihn an. »Und wann gehen wir wieder ins Bett?«

»Heute Nacht regnet es zwischen 25 und 50 Meteoriten pro Stunde, sogar Staub vom Halleyschen Kometen dringt in unsere Atmosphäre. Die Luftreibung entzündet sie, sodass sie zu glühen anfängt, und dann - schhh, verdampfen sie.«

Seine Mum ließ sich zurücksinken. »Also warten wir hier, ja?«

»Genau.« Ethan kuschelte sich an sie, legte den Kopf in ihre Armbeuge, blickte nach Nordwesten und verband in Gedanken die Punkte des Orion-Sternbilds. Einer seiner hellsten Sterne - Beteigeuze, der ebenfalls zu den Roten Überriesen gezählt wird - schwebte neben dem Gürtel. Als Rote Überriesen werden die größten Sterne des Universums bezeichnet, wobei Beteigeuze so riesig ist, dass er, würde man ihn in unser Sonnensystem stecken, bis über die Bahn des Jupiters hinausreichen würde.

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Ethan den vagen rosa Punkt. Beteigeuze war ein sterbender Stern, der irgendwann einmal unter seinem eigenen Gewicht zerbersten würde. Ethan malte sich aus, wie der rote Stern in einer Supernova explodierte, Plasma in einem gleißend hellen Feuerball aufglomm und die gesamte Galaxie unter den Stoßwellen erzitterte. Er sah förmlich vor sich, wie er in Flammen aufging. Doch so schnell würde das wohl nicht passieren . frühestens in ein paar hunderttausend Jahren, vielleicht sogar erst in einer Million Jahren.

In einer Million Jahren werden diese Sternbilder alle auseinanderbrechen, dachte er. Dann würde man neue Karten erstellen und andere Geschichten zu den ständig wechselnden Himmelskonstellationen erfinden müssen. Orion bekäme eine andere Form, das Kreuz des Südens könnte sich als Viereck zeigen. Ethan sah zu, wie die Sterne am Himmel weiterzogen wie ein Film auf einer riesigen Leinwand. Alles war in Bewegung, löste sich auf, setzte sich neu zusammen, verschwand und tauchte wieder auf. Etwas wie Stillstand existierte dort oben im großen Himmelsdschungel nicht.

Er zog die Knie an die Brust. »Denkst du jemals über die Zukunft nach, Mum?«

»Im Moment denke ich eher darüber nach, was ich morgen Abend zu essen machen soll.«

»Nein, das meine ich nicht. Ich rede von der echten Zukunft. Der Zukunft in einer Million Jahren. Oder in einer Milliarde.«

Mum lächelte. »Nicht oft, mein Schatz. In einer Milliarde Jahren bin ich schon längst nicht mehr am Leben.«

Ethan stützte sich auf die Ellbogen und sah seine Mutter an. »Aber ich will nicht, dass du stirbst. Was, wenn sie dich in einem Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit wegfliegen? Denn durch die Zeitdilatation fühlt es sich für dich wie ein Jahr an, für mich aber sind es zwanzig. Und wenn du auf die Erde zurückkehrst, sind wir dann praktisch gleich alt.«

»Ich will aber keine zwanzig Jahre von dir getrennt sein.«

»Ich auch nicht von dir.« Ethan kratzte sich an der Nase. »Okay, und was wäre, wenn das Raumschiff uns beide mitnimmt? Wir könnten fast mit Lichtgeschwindigkeit herumfliegen, durch die Raum-Zeit, wo die Erdanziehungskraft es komplett verzerrt. Und wenn wir wieder auf der Erde landen würden, wären Millionen Jahre vergangen, aber wir würden trotzdem noch leben. Wir würden die Supernova von Beteigeuze und die Kollision der Milchstraße mit Andromeda mitkriegen. Vielleicht müssen wir auch niemals sterben, wenn wir bis in alle Ewigkeit durchs Universum zischen. Oder vielleicht könnten wir auch noch schneller als mit Lichtgeschwindigkeit fliegen. In der Physik muss es doch ein Schlupfloch geben, das es möglich macht, ewig zu leben.«

Seine Mutter musterte ihn mit derselben hypnotisierten Konzentriertheit, mit der Menschen Gemälde oder Sonnenuntergänge betrachteten. »Manchmal frage ich mich ernsthaft, woher du kommst, Ethan. Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

»Stimmt doch gar nicht. Du weißt es. Ich bin aus dir herausgekommen.«

»Du hast recht. Wie immer.« Sie rollte sich auf den Bauch.

»Soll ich dir mal was echt Verrücktes erzählen, Mum? Rein statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich überhaupt existiere, praktisch null. Wusstest du, dass du mit zwei Millionen Eizellen geboren wurdest? Aber wenn du dreißig bist, sind schon fast neunzig Prozent davon verloren, und mit vierzig sind nur noch etwa fünfzigtausend übrig. Daher lag die Chance, dass ich überhaupt geboren wurde, bei 0,008 Prozent. Ich bin eine von zwei Millionen Eizellen und eines von 250 Millionen Spermien . so viele werden bei jedem Samenerguss ausgestoßen.«

Mum sah ihn verwirrt an. »Woher weißt du all diese Dinge?«

»Wir haben doch Sexualkunde in der Schule. Mr. Thompson hat uns sogar einen Film mit einer echten Geburt gezeigt. Ich habe die Vagina gesehen und all das.« Ethan hielt inne. »Was meinst du, Mum . ob sie mich vermissen?«

»Wer?«

»Die anderen Eizellen. Meine Geschwister in deinen Eierstöcken. Bisher bin ich ja der Einzige, der es geschafft hat, sich zu einem Fötus zu entwickeln.«

»Oh«, sagte sie. »Na ja, die anderen Eizellen wären ja nur Schwestern. Erst durch das Y-Chromosom entstehen männliche Kinder. Im Moment sind aber alles noch Mädchen.«

»Also war ich auch mal ein Mädchen?«

»Du warst mal eine Eizelle.«

»Das muss ziemlich beängstigend für sie sein«, fuhr Ethan fort. »Jeden Monat macht sich eines von ihnen auf den Weg in den Eileiter und opfert sich sozusagen. Das ist ein bisschen wie bei den Hungerspielen. Und es sind nur noch ein paar übrig, bevor deine Fruchtbarkeit endgültig erlischt. Was, wenn den anderen Eizellen die Zeit ausgeht? Was passiert, wenn all meine Schwestern sterben, bevor sie die Chance bekommen zu leben, Mum?«

Sie tastete nach seiner Hand. »Akuter Fall von Überlebenden-Syndrom?«

»Nein«, erwiderte er knapp. Sie machte sich über ihn lustig. Doch einst war er eine dieser Eizellen gewesen, aus demselben Protein, und die anderen saßen immer noch dort drin fest, gefangen in der Ewigkeit, bevor ihr Leben auch nur hatte beginnen können. Ethan konnte sie nicht retten, und es ihnen nicht sagen zu können bedeutete mehr oder weniger, sie im Stich zu lassen. Seufzend ließ er die Schultern sacken.

»Ist irgendwas?«

Er konnte es nicht so genau sagen. Eigentlich wollte er gar nicht, dass seine Mum noch ein Baby bekam. Außerdem würde sie einen Mann dazu brauchen, der seine Chromosomen beisteuerte. Mum war schließlich kein Komodowaran-Weibchen, das sich auch ohne Beteiligung eines Partners fortpflanzen konnte. Doch beim Gedanken an Abertausende von Schwestern - eingepfercht in Mums Eierstöcken - überfiel ihn unvermittelt ein Gefühl tiefer Verlorenheit.

Er rieb sich die Augen. »Nein, mir geht's gut.«

»Du bist todmüde.« Mum drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. »Und mir ist kalt.«

»Aber der Meteoritenschauer!«

»Zehn Minuten noch, dann gehen wir nach Hause.«

Ethan beugte sich vor und nahm Orion ins Visier, der mittlerweile hoch oben am Horizont stand. Der Nachthimmel spannte sich in einem Gewirr aus...

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