Georg Büchner

Verschwörung für die Gleichheit
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Februar 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85057-4 (ISBN)
 
"Das Leben ist überhaupt etwas recht Schönes."

Georg Büchner starb im Alter von nur 23 Jahren im Zürcher Exil. Da hatte er ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen, vier Werke verfasst, die heute zur Weltliteratur zählen, und galt wegen seiner Mitarbeit am "Hessischen Landboten" als "Hochverräter", nach dem die Justizbehörden seiner Heimat steckbrieflich fahndeten. Sein Leben stand im Zeichen eines Traums: eine Gesellschaft, in der alle Menschen in gleicher Weise ihre Glücksansprüche verwirklichen können - dafür kämpfte er mit aller Konsequenz.
Jan-Christoph Hauschild recherchierte in zahlreichen Bibliotheken im In- und Ausland und legt nun über den vielgerühmten und vielgelesenen Autor eine Biographie vor, die sich zwischen spannender Nacherzählung und faktengestützter Rekonstruktion bewegt und die Person Georg Büchner auf besondere Art greifbar macht.
  • Deutsch
  • Hamburg
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  • Deutschland
  • 5,16 MB
978-3-455-85057-4 (9783455850574)
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Jan-Christoph Hauschild, geboren 1955 in Leinsweiler bei Landau (Rheinland-Pfalz). Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut der Landeshauptstadt Düsseldorf und freier Autor. Im Verlag Hoffmann und Campe sind zuletzt von ihm erschienen: Das Heine Liederbuch. Noten - Texte - Kommentare (hrsg. zusammen mit Babette Dorn), 2005; Heinrich Heine Kalender 2006; Heinrich Heine: Im Pavillon am Jungfernstieg. Eine literarische Reise von Helgoland bis in den Harz, 2006; Heinrich Heine Kalender 2007; Georg Büchner. Lektüre für Minuten, 2012; bei Hoffmann und Campe erschien von ihm zuletzt Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit und O wie lieb ich das Meer, ausgewählte Texte von Heinrich Heine über die Nordsee.

1 Dr. Georg Büchner, Dozent an der Universität Zürich, erkrankt und muss seine Vorlesung ausfallen lassen. Nachbarn und Freunde übernehmen seine Pflege.


Georg Büchner, 1710. 1813 – 192. 1837.

Bleistiftzeichnung von August Hoffmann, 1833/34

Ende Oktober ist in Zürich der erste Schnee gefallen. Straßen und Gassen sind weiß, aus den Kaminen steigt Rauch in Wirbeln und Säulen, senkrecht stehen sie über den Dächern, die schwarzen Silhouetten der entlaubten Bäume tragen weiße Polster.

Mitte November schwemmt Regen den dünnen Film fort. Von den Bäumen, den Dächern und Fenstersimsen plätschert und tropft es, man geht schlafen beim Geräusch des rinnenden Wassers und erwacht damit. Der Himmel ist ein graues Gewölbe, ohne einen Sonnenstrahl.

Ab dem 12. Dezember schneit es tagelang ohne Unterlass, bis rundherum alles weiß ist. Flockiger trockener Schnee bedeckt die Stadt, Wind jagt ihn durch die Gassen, stürzt und stäubt ihn von Dächern und Bäumen. Auf den gefrorenen Boden fällt neuer Schnee, Spaziergänger stampfen ihn zu einem festen Untergrund, die Räder der Droschken und Fuhrwerke ziehen darin tiefe Furchen. Nur auf dem See schmelzen die Flocken im schwarzen Wasser; am grauen Himmel kreisen Rabenvögel.

Am 5. Januar, etwa eine Stunde nach Mitternacht, wird in Zürich ein Meteor beobachtet, der in Gestalt eines hellen Feuers, ungefähr halb so groß wie der Vollmond, in südlicher Richtung vorüberzieht und den Himmel, trotz der nebligen Luft, für wenige Sekunden hochrot färbt.

In der Nacht des 10. Januar wütet ein heftiger Sturm, am nächsten Morgen spannt sich ein gleichmäßiger bleifarbener Himmel über der Stadt. Danach setzt Dauerregen ein. Lange Stunden fällt er dünn und gleichmäßig, verstärkt sich plötzlich, braust, fließt wieder dünner, als sei er ermattet, wird zum schwebenden Vorhang, den der Wind hin und her weht.

 

Mitte Januar muss Büchner seine Vorlesung »Zootomische Demonstrationen«, die er dreimal wöchentlich auf seinem Zimmer in der Steingasse hält, ausfallen lassen. Er habe sich verkältet und im Bett gelegen, schreibt er seiner Freundin nach Straßburg: Wenn man so ein wenig unwohl ist, hat man ein so groß Gelüsten nach Faulheit; aber das Mühlrad dreht sich als fort ohne Rast und Ruh. Heute und gestern gönne ich mir jedoch ein wenig Ruhe und lese nicht; morgen gehts wieder im alten Trab, Du glaubst nicht, wie regelmäßig und ordentlich.

 

In der Frühe des 24. Januar erschüttern zwei Stöße eines leichten Erdbebens den Kanton, am 25. folgt ein schwaches Nachbeben; abends ist ein Nordlicht zu sehen. Für zeitgenössische Wissenschaftler stellen derartige Erscheinungen schädliche Prozesse dar, die Wasser und Luft verderben und krankhafte Vorgänge in der organischen Natur auslösen können. Manche Ärzte bringen den Ausbruch einer Grippe-Epidemie in der Schweiz im selben Jahr in einen ursächlichen Zusammenhang mit den beobachteten Phänomenen. Auch für den Typhus, der in Zürich grassiert, werden als Ursache Witterungsveränderungen oder auch giftige Ausdünstungen der Erde erwogen. Dass die Krankheit durch ein Bakterium hervorgerufen wird, ist eine Entdeckung späterer Jahrzehnte.

 

Tagelang bewahrt der Himmel ein ebenmäßiges, kaum sich lichtendes Grau; Schnee und Hagel wechseln mit kalten Regenschauern. Am 2. Februar klart das Wetter auf, Stadt und Landschaft entschleiern sich, am Himmel ist erstes Blau zu sehen, mittags leuchtet die Wintersonne in blassem Rot.

Als am frühen Nachmittag Johann Jakob Tschudi, ein achtzehnjähriger Student der Naturwissenschaften, zur gewohnten Stunde auf das Zimmer seines akademischen Lehrers kommt, findet er diesen sehr aufgeregt in seinen Schlafrock gehüllt, mit einem dicken wollenen Schal um den Hals auf und ab gehend. Er bedaure, das heutige Kolleg absagen zu müssen, erklärt Büchner, aber er leide an einem heftigen Schnupfen und Kopfweh und fühle sich sehr unwohl. Trotzdem bittet er Tschudi, ihm die Stunde über Gesellschaft zu leisten und auch am nächsten Tag wiederzukommen.

Anschließend geht Büchner, obgleich ihm fieberisch zumute ist, hinüber zu seinen Wohnungsnachbarn, dem befreundeten Ehepaar Caroline und Wilhelm Schulz aus Darmstadt, wo er auf dem Sofa bald einschläft. Caroline überredet ihn, ins Bett zu gehen, was er, nachdem sie ihm gegen die starken Kopfschmerzen ein Fußbad mit Senf bereitet hat, auch bereitwillig tut. Falls er in der Nacht etwas benötigt, soll er an die Wand klopfen, die an ihr Schlafzimmer grenzt.

Am nächsten Morgen verwandelt Caroline Büchners Zimmer in eine Krankenstube, indem sie an den Fenstern grüne Vorhänge anbringt, die für ein beruhigendes Dämmerlicht sorgen. Sie gibt ihm ein Rosshaarkopfkissen, das er als besonders wohltuend empfindet.

Als am Nachmittag Tschudi wieder zur Kollegstunde erscheint, wird er von Büchner erneut im Schlafrock empfangen. Er fröstelt, seine leicht geröteten Augen glänzen. Weil er sich kränker fühlt als tags zuvor, auch unter Schwindelattacken leidet und sich hinlegen will, verlässt Tschudi ihn bald.

Am nächsten Morgen ist Büchners Fieber leicht gestiegen, ohne dass es Anlass zu Besorgnis gibt. Der Kranke nimmt etwas Suppe und Obst zu sich und versichert, dass es ihm ganz wohl in seinem Bette sei. Aufmerksam hört er zu, als Caroline aus Darmstadt angekommene Briefe ihrer Angehörigen vorliest.

Am 5. Februar klagt Büchner erstmals über Schlaflosigkeit, ist dabei aber geduldig und ruhig. Tagsüber leistet ihm Carl Schmidt aus Gießen Gesellschaft, sein liebster Freund, während die Schulzens an diesem Sonntag einige auswärtige Besuche absolvieren. Nach ihrer Rückkehr fällt ihnen bei Büchner eine nervöse Überempfindlichkeit auf, die in den folgenden Tagen noch zunimmt und nicht leicht zu ertragen ist, denn man kann ihm kaum etwas recht machen.

Fastnachtsdienstag schickt Emilie Sell, eine nach Zürich verheiratete Cousine von Büchners Darmstädter Mitschüler Karl Stamm, ihrem Landsmann einen Topf Suppe; abends leistet ihm sein Freund Wilhelm Braubach aus Butzbach Gesellschaft.

Am 8. Februar zeigt sich eine leichte Besserung, der Kranke fiebert kaum. Von seiner Freundin in Straßburg sind Briefe gekommen, deren Lektüre ihm jedoch wegen der feinen Handschrift Schwierigkeiten bereitet. Das Angebot von Caroline, sie an seiner Stelle zu beantworten, lehnt er ab.

Tags darauf ist das Fieber weiter zurückgegangen, dennoch ist Büchner kleinmütig gestimmt. Wieder klagt er über Schlaflosigkeit, obgleich sich Schulz während einer längeren Nachtwache vom Gegenteil hat überzeugen können. Mittlerweile ist er auch von seinem Hauswirt Dr. Zehnder ärztlich untersucht worden, einem der besten und gefragtesten Ärzte in der Schweiz. Auf seine Verordnung bereitet ihm Caroline Mandelmilch, die ihn sehr erquickt, und wie jeden Abend legt man ihm eine durchblutungsfördernde Senfkompresse auf die Waden.

 

In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar friert der See zu; das Takelwerk der Schiffe ist glasiert und mit Eiszapfen behangen.

Weil ihm seine Freunde raten, tagsüber ein wenig aufzustehen, um in der Nacht besser schlafen zu können, verlässt Büchner am Nachmittag des 10. Februar erstmals seit Tagen sein Krankenlager und geht hinüber zu den Schulzens, wo er sich daranmacht, die Briefe seiner Freundin zu beantworten. Doch kaum dass er die Feder ergriffen hat, erklärt er, nicht schreiben zu können. Als Caroline ihm abermals anbietet, es in seinem Namen zu tun, willigt er ein und setzt einige Worte hinzu.

Auch Büchners Eltern in Darmstadt werden informiert; in kurzen Abständen gehen ihnen Briefe mit Berichten über den Fortgang der Erkrankung ihres Sohnes zu.

Obgleich nichts darauf deutet, dass Büchners Leben in Gefahr sein könnte, wird nun rund um die Uhr ein Wachdienst organisiert, bei dem sich Schulz und die anderen Freunde abwechseln.

Für den 11. Februar notiert Caroline in ihrem Tagebuch: Büchner hatte viel Schleim im Hals und musste oft auswerfen. Der schwache Tee, den er morgens genossen, und die Suppen, die ich ihm selbst kochte, schmeckten ihm recht gut –, doch fiel uns eine Art Unempfindlichkeit an ihm auf. Ich fragte ihn an diesem Morgen, ob es ihm angenehm wäre, wenn ich mit meiner Arbeit mich zu ihm setzte, was er gerne zu haben schien. Da er viel Schleim im Munde hatte, fiel ihm das Sprechen schwer und er drückte sich oft durch Gebärden aus. An einigen Äußerungen, die er an diesem Tage tat, bemerkte ich, dass sein Geist nicht ganz helle war. Es sind die für Typhus charakteristischen Delirien, die sich jetzt, am zwölften Krankheitstag, zeigen. Sie wechseln mit klaren Bewusstseinsmomenten, in denen Büchner sich von der Irrealität seiner Phantasien überzeugen lässt und sie wie die eines Dritten kritisch analysiert.

Den Vorschlag, mit Dr. Schönlein, Professor für Klinische Medizin an der Universität, einen zweiten Arzt zu konsultieren, lehnt Büchner als übertrieben ab, gibt seinen Widerstand aber schon am nächsten Tag auf. Als man Schönlein rufen lässt, stellt sich heraus, dass er verreist ist. Den Krankenbesuch übernimmt sein Assistent, der die von Dr. Zehnder verordnete Therapie gutheißt.

Zur...

»Es empfiehlt sich daher, vor oder nach dem Theaterbesuch die großartige Biografie von Jan-Christoph Hauschild zu lesen [...] Geradezu mitreißend geschildert.«
 
»Hauschild legt eine Biografie vor, die sich zwischen spannender Nacherzählung und faktengestützter Rekonstruktion bewegt und Georg Büchner auf besondere Art greifbar macht.«
 
»Jan-Christoph Hauschild lässt
sich detailliert auf die Biografie ein. Er ist bemüht, zu einem zeitgemäßen
Büchner-Bild zu finden.«
 
»Glänzend geschriebene Biografie! Wer von einem der profundesten Kenner erfahren will, wie Büchner lebte, dachte und arbeitete, wird an diesem Buch nicht vorbei kommen.«
 
»Schön und anschaulich erzählt,
für Leser, die sich an Büchner herantasten wollen, ein idealer, souveräner,
ergiebiger Wegweiser.«
 
»Hauschild ist ein routinierter Biograph und geschickter Erzähler. Er schöpft souverän aus allen verfügbaren Quellen, verwandelt Verhörprotokolle in lebendige Dialoge.«
 
»Ein empfehlenswertes und
teilweise fesselnd geschriebenes Buch über den Dichter. «
 
»Der Autor präsentiertin dieser
brillanten Biografie nur gesicherte Fakte. präsentiert, las daraus zwei
Fragmente.«
 
»Hochspannend, wie Jan-Christoph
Hauschild [.] von dessen [Büchners] Aktivitäten erzählt.«

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