Die Sprache der Blumen

 
 
Mystic Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. April 2020
  • |
  • 312 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-947721-45-0 (ISBN)
 
Eine Frau erwacht ohne Gedächtnis in einem unbekannten Wald. Sie weiß nicht wer sie ist und woher sie kommt. Ihre einzige Gesellschaft ist ein wenig hilfreicher, sprechender Schimpanse. Sie trifft auf bizarre Pflanzen, die versuchen mit ihr zu kommunizieren und merkwürdige Wesen, welche sie verfolgen. Gefährliche Begegnungen nehmen ihr fast den Mut in die Geheimnisse dieses Waldes vorzudringen, doch ist fest entschlossen das Rätsel dieser beängstigenden Welt zu ergründen. Sie will Antworten auf die Fragen wer sie ist, wo sie sich befindet und wer für ihr Schicksal Verantwortung trägt.

Sven Haupt, wurde 1976 in Bonn geboren. Er hat eigentlich Biologie studiert und 2008 in kog-nitiver Hirnforschung promoviert. Da einem da-für aber niemand Geld gibt, arbeitet er stattdes-sen als IT-Experte für ein Software-Unternehmen. Seit seiner Jugend schreibt er Blogs, Lyrik und Kurzgeschichten. 2016 be-schloss er in Zukunft auch an Literatur-Ausschreibungen teilzunehmen und seine Texte tatsächlich zu publizieren. Gerüchten zufolge hat er ein Talent, die Struktur von Geschichten zu erkennen und gerade zu biegen. Deswegen fin-det man ihn im Verlag bevorzugt im Vorlektorat wieder.
  • Deutsch
978-3-947721-45-0 (9783947721450)

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Alles in allem, dachte der Schimpanse, ist man als Affe deutlich besser dran. Wenigstens muss ich mich nicht für alle Zeiten mit diesem Unsinn herumschlagen.

Er beobachtete die Frucht nun schon seit mehreren Monaten und sein Unbehagen hatte mit jedem Zentimeter Umfang des großen Gewächses weiter zugenommen. Der mächtige Ast, an dem sie hing, neigte sich seit einigen Tagen immer tiefer über den darunter verlaufenden Astpfad. Nun berührte er schon fast die Rinde des Weges.

Der Affe starrte eine Weile konzentriert, dann seufzte er und brach mit dem Fuß eine Banane von der Staude, welche neben ihm hing. Er schälte sie versonnen, ohne die große Frucht aus den Augen zu lassen. Das seltsame Gewächs hatte annähernd Kugelform und besaß wahlweise eine tiefrote bis dunkelviolette Färbung, je nachdem, aus welchem Winkel man es betrachtete.

Warum ausgerechnet hier?, fragte sich der Affe zum hundertsten Mal. Weiter oben gibt es viel mehr Licht.

Die Sonne konnte man auf den tieferen Ebenen nicht sehen, dafür wuchs dort das Blattwerk weniger dicht als nahe der Krone. Hier unten herrschte das ewige Zwielicht des tiefen Waldes, wo verirrte Lichtstrahlen scheinbar aus allen Richtungen gleichzeitig kamen. Es war den ganzen Tag über gespenstisch ruhig, und brach dann unvermittelt die Nacht herein, sank die Temperatur wie ein Stein und die Welt verwandelte sich in eine trübe Suppe verwaschener Grautöne. Selbst die Geschöpfe des Waldes mieden diese Gegend. Nur die großen Zeitrufer mit ihren kräftigen, weittragenden Stimmen verirrten sich gelegentlich auf diese Ebenen, wo sogar der Schwarm dünner wurde und die Astpfade weniger sorgfältig kontrollierte als oben.

Der Affe sah nachdenklich auf die große Frucht hinab.

Vielleicht ist das ja ein Grund.

Er befand sich auf einer der abgelegensten und einsamsten Ebenen des Waldes, auf die gerade noch genug Licht herabfiel, um das Wachstum von Früchten überhaupt zu ermöglichen. Und was für ein beeindruckendes Wachstum es in diesem Falle war. Im Gegensatz zu allen anderen Gewächsen, wie etwa den Bananen, die so weit unten deutlich kleiner ausfielen, erreichte diese Frucht eine Größe, die alles überstieg, was der Schimpanse bisher kannte. Dabei lebte er hier wahrhaftig schon lange genug, um eine ganze Menge Merkwürdiges gesehen zu haben.

Als er die Frucht das erste Mal bemerkte, war er mal wieder auf der Flucht vor dem Schwarm gewesen. Er hatte zu lange geschlafen und der Weg nach oben in die Krone kam nicht mehr in Frage. Es blieb ihm also nur noch der Weg in die Tiefe. Er eilte gerade auf allen vieren den breiten Astpfad entlang auf der Suche nach der nächsten Spirale, die ihn in die Tiefe bringen würde, als er sie über sich im Dickicht verborgen unter einem dicht belaubten Ast glänzen sah. Damals strahlte sie in einem helleren Ton und ihre Größe glich seiner geballten Faust. Sie schien aus ihrem Inneren heraus zu glühen. Wie vom Blitz getroffen war er stehen geblieben und hatte mit offenem Mund lange in die schimmernde Tiefe der kleinen Kugel gestarrt. So lange, dass ihm der Schwarm fast noch den Weg nach unten abgeschnitten hätte.

 

Diese Begegnung lag nun schon mehrere Monate zurück und seine anfängliche Neugierde entwickelte sich zu einer Obsession. Die schiere Geschwindigkeit des Wachstums der Frucht war atemberaubend. Er sah sich selbst nicht als kleinen Vertreter seiner Art und vor den im Wald lebenden Geschöpfen musste er sich nicht verstecken, aber selbst wenn er sich auf die Hinterbeine stellte und die Arme nach beiden Seiten ausstreckte, konnte er die Frucht schon seit einigen Wochen nicht mehr umfassen.

Ein Ton, der klang wie ein trauriges Hupen, riss ihn aus seinen Gedanken und er schaute auf. Neben ihm, auf einem kleinen Ast, der sanft unter dem Gewicht wippte, saß ein Flatterball aus blauem Gras. Oder eine geflügelte blaue Blume, je nachdem, welche Perspektive man bevorzugte. Der Schimpanse hielt beim Kauen inne und stöhnte. Die große Kugel war rundherum von kurzen, blauen Blättern bedeckt und klammerte sich mit krallenbewehrten Füßchen, die wie frische grüne Zweige aussahen, an den wippenden Ast. Kleine Augen in Form von rosa Blüten sprossen aus einem knubbeligen Kopf und bewegten sich unabhängig voneinander in alle Richtungen. Den Schnabel bildete ein langer, offener Blütenkelch. Mit ihm konnte das merkwürdige Wesen Früchte vom Baum pflücken, die es dann vollständig hinunterschluckte. Der trompetenförmige Schnabel eignete sich darüber hinaus bestens für das getragene, traurige Hupen, mit dem der Nachtrufer den Untergang der Sonne begrüßte. Als großer Liebhaber des Dämmerlichtes hielt er sich tagsüber mitunter auf den tieferen Ebenen auf. Dazu passte seine Vorliebe für kleine bittere Beeren, welche hier überall wuchsen. Seine vier biegsamen, hellgrünen Flügel lagen nach hinten an den Körper gefaltet und zeigten das feine durchscheinende Adergeflecht junger, grüner Blätter.

Der Blick des Schimpansen ruhte düster auf dem Geschöpf.

Es gibt, dachte er, zahllose Möglichkeiten, einen Wald unauffällig und vor allem leise zu bevölkern. Aber nein, stattdessen entwickeln sich zahllose unterschiedliche Arten fliegender Grasbüschel und allesamt sind sie besessen von Uhrzeiten und Ereignissen. Morgenrufer, Abendrufer und Nachtrufer. Außerdem noch Sonnenrufer, Mondrufer und Regenrufer. Er grunzte genervt. Wie wäre es mal mit einem Bananenrufer? Er bemühte sich beständig, seine Gefühle für all diese Wesen möglichst demokratisch unter ihnen aufzuteilen. Er hasste sie alle gleichermaßen.

Der Nachtrufer hupte eine melancholische Begrüßung in seine Richtung und legte dazu seinen großen Blütenkopf schief. Mit einem seiner Augen schien er sich selbst in den Schnabel schauen zu wollen. Wortlos starrte der Schimpanse ihn an, bog dann einen nahen Zweig weit zurück und ließ los. Der zurückschnellende Zweig traf das Wesen und warf es rückwärts. Der Grasball klammerte sich jedoch fest an den Ast, sodass der Flatterball nun kopfüber nach unten hing. Derweil kaute der Affe gelassen weiter an seiner Banane. Der Nachtrufer trötete eine resignierte Tonfolge und pumpte kurz seinen grasbedeckten Körper auf, sodass er aussah wie ein stacheliger blauer Igel. Seine vier Flügel erwachten sirrend zum Leben und trugen das Geschöpf im Zickzack fliegend durch das Blattwerk davon. Sein trauriges Hupen verklang in einiger Entfernung. Der Schimpanse schloss die Augen und schnaufte.

Zumindest weiß man immer genau, welche Tageszeit gerade ist.

Die Morgenrufer hatten ihren Dienst schon lange aufgenommen und ihre Rufe wurden langsam leiser. Vereinzelte Mittagsrufer ließen sich hören, es wurde langsam Zeit für ihn.

Der Schimpanse zitterte leicht und versuchte die morgendliche Kälte zu ignorieren, die heute nicht weichen wollte. Er mochte die tiefen Ebenen nicht. Die ersten Stunden des Tages waren hier immer unangenehm und trugen oft den Geruch von Regen mit sich. Natürlich regnete es hier nie im eigentlichen Sinne, aber auf den höchsten Ebenen hatten sich heute Nacht die Regenblüten geöffnet und mehrere Stunden lang Wasser in die Tiefe ergossen.

Noch ein Grund hoch oben zu leben. Man bleibt von Belästigungen wie fallendem Wasser verschont.

Das Konzert der Regenrufer dauerte oft die ganze Nacht und verstummte erst im frühen Morgengrauen. Wenigstens in dieser Hinsicht hatte er heute Glück gehabt. In seinem Nest in den obersten Wipfeln, ein gutes Stück über den letzten Blüten, machte ihm das Wasser nichts aus. Er hasste Regen fast noch mehr als die Mistviecher, die ihn besangen.

Sein Blick glitt über das dichte Blätterwerk und er starrte konzentriert in das Chaos aus Licht und Schatten in den unzähligen Variationen von Grün, die ihn auf allen Seiten umgaben.

Gleich muss es soweit sein.

Die Sonne blieb hinter dem dichten Blätterdach verborgen, aber wenn jemand so lange im Wald gelebt hatte wie er, dann konnte man sie spüren. Er schob sich das letzte Stück Banane in den Mund und warf die leere Schale achtlos von sich. Sie segelte am Astpfad unter ihm vorbei und verschwand im dichten Blattwerk der unteren Ebenen. Sie würde eine Weile fallen und schließlich auf einem anderen Astpfad landen. Vielleicht trifft sie auch einen der dämlichen Flatterbälle am Kopf, überlegte der Affe. Er spähte noch einen Moment sinnierend in den Abgrund, dann seufzte er, brach noch eine weitere Banane von der Staude und ließ sich mit geschickten Bewegungen langsam auf den Astpfad herab. An dieser Stelle war der Weg breit und vollkommen frei von anderen Gewächsen. Keine der Büsche oder Bäume mit zahlreichen Lianen, die sich sonst an die großen Wege klammerten. Darum kümmerte er sich persönlich. Seit Wochen hatte er das Stück Weg, welches unter der Frucht lag, sorgsam gepflegt

Der Affe schlenderte, die Banane in der Hand und sich mit der freien Hand am Boden abstützend, langsam zu dem großen Gewächs hinüber. Vorsichtig trat er an die Oberfläche heran und strich mit der Hand sanft über die feste, wächserne Haut. Die Frucht fühlte sich warm an und schien unter der Berührung zu pulsieren. Aber vielleicht bildete er sich das nur ein. Er lehnte sich zur Seite und spähte konzentriert an der massigen Kugel vorbei in das Blätterdach des Waldes über ihm. Er sah Astpfade, die sich in verschiedene Richtungen durch das endlose Grün des Waldes zogen. Manche verliefen horizontal, andere fielen steil zu tieferen Ebenen hinab oder stiegen in Spiralen aufwärts. In der Ferne konnte er den immer präsenten, dunklen Schatten des großen Stammes gerade noch erahnen. Der...

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