»Hier stehe ich und kann nicht anders!«

Martin Luther, Martin Luther King und die Musik
 
 
Evangelische Verlagsanstalt
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im November 2017
  • |
  • 144 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-374-05017-8 (ISBN)
 
Martin Luther King, Jr. hat sich in seinem Engagement für die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA und in seinem gewaltfreien Widerstand gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit ausdrücklich auf seinen Namenspaten bezogen. Er folgte seinem Gewissen so, wie es Martin Luther vor dem Reichstag in Worms getan hatte. Der Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit ist als wichtige Traditionslinie der Reformation über Jahrhunderte lebendig geblieben und spiegelt sich nicht zuletzt im Medium Musik wider. Das Buch spannt einen Bogen vom gesellschaftlich-emanzipatorischen Potenzial der Reformation über die revolutionäre Wirkung der Musik Johann Sebastian Bachs bis hin zur schwarzen Protestbewegung, die Jazz als bedeutenden Teil ihrer politischen Gegenbewegung begriff.
  • Deutsch
  • Deutschland
  • Höhe: 23 cm
  • |
  • Breite: 15.5 cm
  • 1,18 MB
978-3-374-05017-8 (9783374050178)
3374050174 (3374050174)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Prof. Dr. Michael Haspel, Jg. 1964, ist Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen und Apl. Professor für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

VORWORT


Martin Luther hat mit der Weigerung, seine Thesen auf dem Reichstag zu Worms zu widerrufen, einen Akt des zivilen Ungehorsams geleistet, denn die individuelle Weigerung zielte auf eine gesellschaftliche Veränderung, die von einer bedeutenden Gruppe gefordert wurde. Aus Gewissensüberzeugung hat er sich gegen Kaiser und Reich, Papst und Kirche gestellt. Nur Argumenten aus der Heiligen Schrift und der Vernunft wollte er sich beugen - nicht der Macht der Obrigkeit. Damit hat er die individuelle Gewissensentscheidung als Motivation zu zivilem Ungehorsam - avant la lettre - als politisch-ethische Kategorie der Neuzeit etabliert. Mit seiner Lehre von den beiden Regimenten hat er dazu beigetragen, nicht nur weltliches und geistliches Regiment zu unterscheiden und im Laufe der Geschichte auch zunehmend zu trennen, sondern er hat damit auch zur modernen Ausdifferenzierung von Staat und Gesellschaft geistesgeschichtlich einen Beitrag geleistet. Diese Impulse der Reformation sind vielfältig wirksam geworden.

Unter anderem in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Nicht zufällig ist durch den Namen ihres bekanntesten Protagonisten Martin Luther King, Jr. der Bezug zur Reformation offensichtlich. Dabei ist besonders frappierend, dass Martin Luther King, Jr. diesen Namen gar nicht von Anfang an trug. Ursprünglich hieß er Michael. Nach einem Besuch in Berlin hat sein Vater sich selbst und seinen Sohn in Martin Luther umbenannt.

King hat darauf auch immer wieder Bezug genommen und betont, dass er zu seinen Positionen stehe, wie Martin Luther einst vor dem Reichstag. Auf der Basis der Einsicht, dass alle Menschen Gottes Ebenbilder sind und ihnen dieselbe Würde und die selben Menschenrechte zustehen, die auch von der Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert werden, hat er sich mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams, mit aktivem gewaltfreiem Widerstand gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, für Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit, nicht nur der Afroamerikaner, eingesetzt. In seiner Aktualisierung reformatorischer Impulse hat er einen wesentlichen Beitrag zu den Emanzipationsbewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geleistet. Daran kann und soll angeknüpft werden, und nach unabgegoltenen Potentialen und Aktualisierungsmöglichkeiten der Reformation für ein Engagement für Demokratie und Menschenrechte gefragt werden.

Hinzu kommt eine weitere Entsprechungsebene. Beide Emanzipationsbewegungen, die Martin Luthers und die Martin Luther Kings, nutzen den jeweils aktuellen Medienwandel, um die Anliegen ihrer Bewegung zu kommunizieren. In der Reformation war es der Buchdruck, im Civil Rights Movement das sich gerade entwickelnde Fernsehen. Darüber hinaus hat für die Wirkungsgeschichte der beiden Bewegungen die Musik eine prominente Rolle gespielt.

Für die Fortwirkung der Reformation war die Musik Johann Sebastian Bachs von eminenter Bedeutung. 200 Jahre nach Luther hat er dessen theologische Sprache musikalisch umgesetzt und zu neuer und nachhaltiger Wirkungverholfen. Insbesondere die Bedeutung des Individuums wird dabei kulturgeschichtlich betont. Dabei ist Bachs Musik in seiner Zeit avantgardistisch - in einem Maße, dass manche Musiktheoretiker ihn als ersten Jazzmusiker bezeichnen.

Die Bürgerrechtsbewegung hat im Wesentlichen zwei musikalische Kontexte, die für ihre Rezeption und Wirkung entscheidend waren. Zum einen war es die vorwiegend von Weißen produzierte und gehörte Folk-Musik der 60er und 70er Jahre. Zum anderen war die aus der Tradition der traditionellen schwarzen Musik der Spirituals und des Gospel sich entwickelnde Soul- und Jazz-Musik ein wesentlicher Teil der Kultur der schwarzen Protestbewegung, insbesondere der jüngeren Generation. In erheblichem Maße hat die musikalische Revolution den kulturellen Kontext der gesellschaftlichen Emanzipation geschaffen, die politischen Ansprüche alltagsweltlich anschlussfähig gemacht und so einen wesentlichen Beitrag zur Mobilisierung für die Emanzipationsbewegungen geleistet.

Daran anschließend war es das Ziel der Tagung »Hier stehe ich und kann nicht anders! Martin Luther, Martin Luther King und die Musik«, die vom 13. bis 15. November 2015 in Jena - veranstaltet von der Evangelischen Akademie Thüringen, der Landeszentale für politische Bildung Thüringen und der Jazzmeile Thüringen - stattfand, die gesellschaftlich-emanzipatorischen Dimensionen der Reformation und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung zu aktualisieren und nach bleibenden emanzipatorischen Potentialen für die Gegenwart zu fragen. Dabei war ein wesentlicher Aspekt, die Verwobenheit von musikalisch-kultureller und politischer Dimension zu rekonstruieren und für die Gegenwart fruchtbar zu machen, indem deutlich gemacht werden konnte, dass die jeweilige Musiktradition nicht nur schmückendes Beiwerk ist, sondern ihr musikalisch jeweils innovatives Potential zukommt, das emanzipatorisch erschlossen werden kann.

Dabei stehen Martin Luther und Martin Luther King, Jr. gleichsam als Ikonen für die Gewissensbegründung religiös motivierten politischen Engagements. Für beide ist das biblische Zeugnis grundlegend für ihre Gewissensentscheidung. Ihr Engagement steht im Kontext gesellschaftlichen Medienwandels. Die musikalische Dimension eröffnet eine weitere kulturell-mediale Perspektive.

In besonderer Weise sollte es dabei um die Begründung und Ausgestaltung zivilgesellschaftlicher Verantwortung und zivilgesellschaftlichen Engagements für Menschenrechte und Demokratie gehen, das auch zivilen Ungehorsam einschließt. Deshalb fand die Tagung in Jena statt. Jena war schon in der DDR ein Zentrum der Bürgerbewegung und des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Aktuell gibt es eine Tradition zivilen Ungehorsams gegen Demokratiefeindlichkeit und Rassismus, der auch von christlichen Gruppen mitgetragen wird. Dies bietet eine besondere Chance zur Aktualisierung der reformatorischen Impulse für die Gegenwart im Rahmen des Reformationsjubiläums.

In dem hier vorliegenden Band sind nun wesentliche Beiträge der Tagung dokumentiert. Die Aufsätze des ersten Abschnittes des Bandes beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Martin Luther und Martin Luther King, Jr. - und deren Bedeutung für heute. Die Hoffnung auf die Verbesserung der Welt, so charakterisiert Scott R. Riedmann in seinem Grußwort die Gemeinsamkeit von Martin Luther und Martin Luther King. Und er bezieht die bei beiden angelegte Verantwortung für die Mitmenschen aus Nächstenliebe auf die gegenwärtigen Herausforderungen, die mit verstärkter Migration einhergehen. Gerade das Erbe Martin Luther Kings verpflichte zum Widerstand gegen Intoleranz und Rassismus. Auch hinsichtlich der Bedeutung der Musik sieht er bei beiden Gemeinsamkeiten: Für Martin Luther war die Musik ein Geschenk Gottes - für Martin Luther King war die Vitalität des Jazz eine Kraft im Kampf für die Freiheit!

In seinem auf der Tagungspredigt basierenden Beitrag »Hier stehe ich und kann nicht anders! Martin Luther und Martin Luther King« erinnert Michael Haspel daran, dass King sich bei seinem Besuch in West- und Ost-Berlin 1964 explizit auf Luthers Diktum Hier stehe ich und kann nicht anders berufen hat. So wie Luther vor Kaiser und Reich 1521 aus Gewissensgründen seine Thesen nicht widerrufen konnte, so seien die Schwarzen ihrem Glauben und Gewissen gefolgt, als sie zunächst in Montgomery und dann landesweit gegen Segregation, Rassismus und Ungerechtigkeit aufbegehrt haben. Für King waren dabei immer sein Glauben und seine Theologie leitend. So zeigt Haspel auf, wie King an biblische Zeugnisse anknüpft und daraus Orientierung für sein politisches Handeln gewinnt. Besonders wichtig waren für ihn die Gerechtigkeitsforderungen der prophetischen Tradition, die er mit den Menschenrechts- und Verfassungsdokumenten verknüpft. Christliche und politische Existenz waren für King nicht zu trennen. Dies kann für uns heute eine Inspiration sein.

Daran schließt der Eröffnungsvortrag von Margot Käßmann an. Unter dem Titel »Gewissensfreiheit und ziviler Widerstand. Von Martin Luther bis Martin Luther King, Jr. und heute« macht sie die Spannung von Martin Luthers Gewissens- und Obrigkeitsverständnis im Zusammenhang mit Martin Luther Kings Engagement gegen Rassismus für den gegenwärtigen Kontext fruchtbar. Sie setzt ein mit der real an Luther gestellten Frage, ob Christen Kriegsdienst mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Indem sie Luthers Unterscheidung von Amt und Person kritisch rekonstruiert, gewinnt sie die Folie, vor der sie Martin Luther Kings radikalen Einsatz für die Gewaltlosigkeit entfaltet. Von Martin Luthers Gewissensbegriff zieht sie so eine Linie - gegen Luthers Obrigkeitsverständnis und die damit verbundene Legitimation von an Recht gebundener Gewaltanwendung - zu Martin Luther Kings Ansatz der Gewaltlosigkeit und des zivilen Ungehorsams. Im nächsten Schritt entfaltet sie, wie der Ökumenische Rat der Kirchen Kings Ansatz nach dessen Ermordung aufgenommen und im Anti-Rassismus-Programm weiterzuführen versucht hat. In der Konsequenz fordert sie, aus den Erfahrungen des Anti-Rassismus-Programmes zu lernen und heute gegen alle Formen des Rassismus vorzugehen - auch mit zivilem Ungehorsam. Und zuletzt verweist sie darauf, dass gerade für die gewaltfreien Proteste - in der Reformation und in der Bürgerrechtsbewegung - Musik je auf ihre Weise vitale Bedeutung hatte.

Georg Meusel macht in seinem Artikel »Der Thesenanschlag von Chicago. Martin Luther und Martin Luther King« auf eine weitere direkte Bezugnahme Kings auf Martin Luther aufmerksam. Martin Luther King, Jr. war im Januar 1966 mit seiner...

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