Mit dem letzten Schiff

Der gefährliche Auftrag von Varian Fry
 
 
Nagel & Kimche (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Januar 2013
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-312-00563-5 (ISBN)
 
Frankreich, August 1940: Der junge amerikanische Journalist Varian Fry erhält vom Emergency Rescue Committee in Marseille den Auftrag, 200 verfolgten Künstlern die Ausreise in die USA zu ermöglichen. Die Arbeit Frys ist illegal und brandgefährlich, denn das Vichy-Regime hat sich verpflichtet, Gegner des Nationalsozialismus an die deutsche Regierung auszuliefern. Unter Einsatz seines Lebens verhilft er im Verlauf eines Jahres fast 2000 Menschen, vor allem Künstlern und Intellektuellen, aber auch vielen Unbekannten, zur Flucht vor den Nazis. Eveline Hasler erzählt die Geschichte dieses "amerikanischen Schindlers" und seiner Helfer mit großer Eindringlichkeit - ein mitreißendes Geschichtsdrama.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 1,72 MB
978-3-312-00563-5 (9783312005635)
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Eveline Hasler wurde in Glarus geboren, studierte Psychologie und Geschichte in Fribourg und Paris und war einige Zeit als Lehrerin tätig. Heute lebt sie im Tessin. Sie schreibt vor allem historische Romane, aber auch Lyrik, Kinderbücher, Kolumnen, Reportagen sowie Radio- und Zeitschriftenbeiträge. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schubart-Literaturpreis, dem Meersburger Droste-Preis für Dichterinnen und dem Justinus-Kerner-Preis. 1990/91 war sie Guest Lecturer am German Department der City University in New York. Ihre Bücher wurden bisher in zwölf Sprachen übersetzt.

New York, Hotel Commodore,
25. Juni 1940


Varian Fry sah Erika Mann vorn am Referententisch im Commodore sitzen - für die bevorstehende Tagung war das ein gutes Omen.

Die junge Frau hielt den schmalen Kopf mit dem kurzgeschnittenen dunklen Haar in die Hand gestützt, zwischen den Fingern die brennende Zigarette. Fry mochte ihre herzförmigen, stark geschminkten Lippen. Noch besser gefiel ihm, dass sie kein Blatt vor den schönen Mund nahm, wenn sie im Rundfunk oder am Rednerpult sprach - fast die einzige Stimme, die das lethargische Amerika vor Hitler warnte.

An der Versammlung sprach sie als Erste. Sie vertrete ihren Vater Thomas Mann, auf dessen Vorschlag hin man sich ja heute im Commodore versammelt habe. Seit drei Jahren genieße der deutsche Schriftsteller in den Vereinigten Staaten Gastrecht. Sie überbringe seine Grüße. Berichtete dann von den Hilferufen verzweifelter Kollegen, die täglich an ihn, den Nobelpreisträger, gelangten, von antifaschistischen Künstlern und Wissenschaftlern in Internierungslagern oder in den Fängen der Gestapo. «Es sind unsere besten kreativen Kräfte, in Europa ist eine Kultur dabei, unterzugehen!», rief sie. Ihre Stimme war voller Emotion, vom vielen Rauchen leicht brüchig.

Man lauschte ihr aufmerksam. Nach einer langen Zeit der Zurückhaltung hatte zehn Tage zuvor eine Nachricht aus Übersee ganz Amerika aufgerüttelt: Die Nazis hatten am 14. Juni Paris erobert. Dann hatte General Pétain in Vichy den Friedensvertrag unterzeichnet mit dem berüchtigten Artikel 19: Frankreich verpflichtete sich, auf Verlangen Nazigegner an die deutsche Regierung auszuliefern.

Im Commodore äußerte man sich empört über die Verletzung des Asylrechts. Zehntausende von Antifaschisten, die sich nach Frankreich gerettet hatten, waren jetzt in Lebensgefahr! Von Paris aus versuchten sie nach Süden zu fliehen, in die noch unbesetzte Zone, und stauten sich, da der Schiffsverkehr in den verminten Gewässern eingestellt war, in Marseille.

Deshalb war man an diesem 25. Juni 1940 nach einem Aufruf von Thomas Mann und unter dem Patronat der First Lady Eleanor Roosevelt in New York zusammengekommen. Es sollte ein Komitee gegründet werden mit dem Zweck, den verfolgten Künstlern und Intellektuellen zur Flucht in die Vereinigten Staaten zu verhelfen. Emergency Rescue Committee (ERC) nannte sich dieses neue Gremium, es benötigte Affidavits und Notvisa, Geld für Transitgenehmigungen und Schiffspassagen.

Durch Erika Manns Aufruf wurde klar: Ein Vertreter des Komitees musste hingeschickt werden, über den Ozean, mitten in den Hexenkessel von Marseille.

Eine nicht ungefährliche Aufgabe.

Die meisten der Anwesenden, wie der eben zum Chairman gewählte Frank Kingdon, verfügten über sichere Posten an Universitäten und anderen Institutionen und zeigten wenig Lust, diesen riskanten Auftrag zu übernehmen.

Da wurde Varian Frys Name genannt.

Der Harvard-Absolvent habe sich als Journalist seit Jahren mit den Mechanismen der Diktaturen beschäftigt. Fry sei ein Experte in alten Sprachen, beherrsche Französisch und Deutsch und besitze ausgezeichnete Kenntnisse der zeitgenössischen Literatur.

Man sah sich nach Fry um, er erhob sich. Ein großgewachsener Mann Anfang dreißig, gepflegt und gutaussehend auf eine amerikanische Art, mit dunklen Haaren und einer modernen, doch nicht zu modischen Hornbrille. Seine Stimme war ruhig, seine Ausdrucksweise etwas steif und reserviert, nichts gab zu erkennen, wie sehr er darauf brannte, diesen Auftrag anzunehmen.

Wenn kein besserer Kandidat sich melde, sagte er, wolle er sich gerne überlegen, die Aufgabe zu übernehmen. Als einer, der sich für Kunst und Literatur begeistere, verehre er die betroffenen Künstler und Wissenschaftler sehr und wolle, wenn es dem Komitee genehm sei, nach Möglichkeit zu ihrer Rettung beitragen.

Während der Kaffeepause bildeten sich kleine Gruppen. Im Gespräch bezeichnete man Fry da und dort als introvertiert und eigenwillig. Konnte ihm eine solche Aufgabe anvertraut werden?

Ein älterer Vertreter der Harvard-Verwaltung gab im kleinen Kreis seine Erinnerungen an den als Student eher konventionellen, als Mensch aber rebellischen Varian Fry zum Besten. Auf eine eigenbrötlerische, fast etwas verdruckste Art habe er die Direktion mit Ausbrüchen antiautoritären Einschlags geärgert: «Mit seinem Packard ist er vor dem Universitätsgebäude durch eine Absperrung aus Ketten gedonnert. Hat im Zorn das Telefon im Flur des Sekretariats aus der Wand gerissen und aus dem Fenster geworfen. Später auch noch eine Tafel mit der Aufschrift For Sale geklaut und sie im Rasen vor der Villa des Rektors eingepflanzt! Harvard hat ihn für ein paar Monate ausgeschlossen, doch sein Examen hat er glänzend bestanden.»

Nach der Pause meldete sich Thomas Manns Sohn Klaus zu Wort. Der scheue, melancholisch aussehende junge Mann zeigte sich für gewöhnlich, im Gegensatz zu seiner Schwester, kaum in der Öffentlichkeit. Er wohnte meist im New Yorker Bedford Hotel und erregte in literarischen Kreisen Aufsehen mit seinen brillanten Essays über die deutsche Kultur im Exil. Amerika müsse Hitler ernst nehmen, mahnte er. Hitler strebe nach der totalen Herrschaft. Falls die USA in den Krieg eintreten, melde er sich jetzt schon an, um als amerikanischer Soldat gegen den Naziterror zu kämpfen.

«Als erklärter Homosexueller dürfte er die Aufnahme in unsere Armed Forces kaum schaffen», flüsterte in der Reihe vor Fry ein Veteran mit einer Navymütze.

Dann kam die Rede nochmals auf den Kandidaten. Ein deutschstämmiger Kaufmann aus Washington erwähnte, Fry habe als junger Journalist schon Zivilcourage gezeigt. Als er 1935 für die Zeitung The Living Age in Berlin gewesen sei, habe er auf dem Kurfürstendamm mit angesehen, wie wehrlose jüdische Bürger von Nazitrupps zusammengeschlagen wurden. Noch in derselben Nacht habe er einen aufrüttelnden Leitartikel für die New York Times geschrieben: «Der erste Augenöffner jenseits des Ozeans über die Zustände im neuen Deutschland!»

Direktor Frank Kingdon verkündete, dass in den kommenden Tagen entschieden werde, wen man nach Frankreich schicke. Man stelle auch das Pflichtenheft dieses Delegierten zusammen und eine Liste mit den Namen derer, die er retten solle. Der Gewählte erhalte demnächst Nachricht. Dann schloss Kingdon die Sitzung.

 

Fry hatte seine Frau Eileen gebeten, den ersehnten Brief des Komitees gleich zu öffnen, falls er nicht zu Hause sei. So erfuhr Eileen in ihrer Wohnung am Irving Place an einem Julimorgen als Erste von dem positiven Entscheid. Da sie ihren Mann unweit im Gramercy Park wusste, eilte sie mit dem Brief zu der kleinen grünen Oase zwischen altmodischen Backsteinhäusern, wo sich Fry bei der Lektüre fremdsprachiger Literatur und der Beobachtung von Vögeln zu entspannen pflegte. Von einem Mitglied des ornithologischen Vereins hatte er den Schlüssel zu dem für die Öffentlichkeit geschlossenen Park bekommen.

Eileen fand Varian mit dem Fernglas in der Hand auf seiner Lieblingsbank, neben sich ein Roman von André Gide. Lieber hätte sie Varian beim Baseball gesehen, doch sie hatte gelernt, seine eigenwilligen Beschäftigungen zu tolerieren.

«Varian, sie schicken dich!», rief sie ihm entgegen.

Er stand von der Bank auf und umarmte sie schweigend.

«Nun», sagte sie lachend, als er sie wieder losließ, «drüben wirst du deine Künstlervögel beobachten und zu retten versuchen! Schick uns die besten über den Ozean, man wird ihnen hier goldene Volieren bauen!»

Er zog erst sein Taschentuch aus der Brusttasche und reinigte die von der freudigen Emotion beschlagenen Brillengläser. «Volieren?», murmelte er und lächelte. «Was Vögel brauchen, Eileen, das ist Freiheit.»

 

Ausgestattet mit dreitausend Dollar und der Namensliste von zweihundert Menschen, die er retten sollte, doch ohne Vorstellung, wie das praktisch zu bewerkstelligen sei, erreichte Varian Fry am 16. August 1940 Marseille.

Er schritt die monumentale Treppe vor dem Bahnhof Saint Charles hinunter, die Marmorstufen hatten die Schwere und Kühle von Grabplatten.

Im Taxi nannte Fry das Hotel Splendide.

«Haben Sie dort reserviert?», fragte der Chauffeur.

Fry verneinte.

«Marseille quillt über von Reisenden und Emigranten, in den großen Hotels finden Sie heute garantiert keinen Platz!» Und er fuhr den Gast zu einem kleinen Hotel mit dem Namen Suisse. Dessen Zimmer waren sauber, aber zu klein für Frys Aufgabe. Ein Safe war nicht vorhanden, besser also, er trug seine Kostbarkeiten mit sich: in die Taschen eingenäht einige Tausend Dollar, in einer Mappe die Namensliste. Fry fiel auf bei seinem Erkundungsgang durch die Straßencafés an der Canebière, mit seinem neuen Maßanzug aus New York und den zielstrebigen, elastischen Schritten. An der Rezeption des Splendide gelang es ihm, für den übernächsten Tag zwei Zimmer zu reservieren.

«Für wie lange?»

«Ein Monat dürfte reichen.»

Dann machte er sich auf zum Büro des amerikanischen Konsulats an der Place Saint-Ferréol. Dort wies ihn eine nicht sehr höfliche, wasserstoffblonde Frau darauf hin, dass sich das Visa-Büro im Konsulat selbst außerhalb der Stadt befinde, doch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in einer Viertelstunde bequem zu erreichen sei.

Das Konsulat, eine hübsche, in einem Park gelegene Villa, war weiß und wirkte wie aus dem Ei gepellt. Vor dem Tor zu dieser heilen Welt stand eine graue Warteschlange von Emigranten. Fry beobachtete betroffen die von Entbehrung und Enttäuschung gezeichneten Gesichter. Er ging um die Schlange herum und nahm die Treppe zum...

"Eindringlich, bewegend und unpathetisch schildert die Schweizer Autorin Eveline Hasler Verzweiflung und Ängste der Flüchtlinge, die aufopfernde Arbeit Frys sowie Hoffnung und Menschlichkeit in Zeiten des Grauens." Guy Lang, Sonntagszeitung, 10.02.13

"Ein spannendes Porträt - und ein bedrückendes Zeitbild. Die Autorin versteht es, einzelne Schützlinge Frys scharf, fast karikaturhaft herauszuarbeiten (.) und ein komplexes Handlungsgeflecht leicht lesbar zu machen." Tina Uhlmann, Berner Zeitung, 31.01.13

"Eveline Hasler setzt in ihrem neuen Buch dem Amerikaner Varian Fry ein Denkmal." Rolf App, St. Galler Tagblatt, 04.02.13

"Eveline Hasler ist bekannt für die Aufarbeitung historischer Stoffe. Sie tut dies auch hier faktengetreu. (.) Und es gelingt ihr, dieses dunkle Kapitel der jüngeren Geschichte in Romanform - spannend, leicht lesbar und trotzdem berührend - zu beleuchten. Für alle, die es nicht vergessen wollen." Sonja Kolb, dapd, 14.02.13

"Wie mit früheren Werken trägt Eveline Hasler erneut bei zur Aufarbeitung eines Stücks europäischer Geschichte." Elisabeth Haussmann, Schweizerische Depeschenagentur, 28.01.13

"Eveline Hasler hat diesem "introvertierten Rebellen" Varian Fry ein beherztes Denkmal gesetzt." Alexander Sury, Der Bund, 07.02.13

"Eveline Hasler greift einzelne Persönlichkeiten heraus, schildert deren Situation, schlüpft regelrecht in ihre Köpfe und lässt damit ihr Publikum unmittelbar am Geschehen teilnehmen." Luzia Stettler, SRF1 Buchzeichen, 27.01.13

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