Eisflut 1784

Historischer Kriminalroman
 
 
Emons Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. November 2021
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96041-770-5 (ISBN)
 
Ein faszinierender Kriminalroman inmitten der größten Naturkatastrophe der frühen Neuzeit.

Cöln 1784: Mitten im härtesten Winter seit Menschengedenken geht ein Serienmörder in der Stadt um. Amtmann Henrik Venray und die eigenwillige Apothekerwitwe Anna-Maria Scheidt begeben sich auf die Jagd nach ihm und müssen nicht nur gegen eine Bestie in Menschengestalt, sondern auch gegen Kälte und Hunger kämpfen. Zu allem Überfluss droht eine Schmelzwasserflut von unvorstellbarem Ausmaß über Cöln und das Rheinland hereinzubrechen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • NRW: Köln
  • 3,84 MB
978-3-96041-770-5 (9783960417705)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2

Die junge Frau rannte, wie es ihre Beine hergaben. Schmerz und Grauen entstellten ihr verdrecktes Gesicht. Blonde Strähnen kamen unter ihrer Haube hervor, klebten auf den tränennassen rot gefärbten Wangen. Panisch blickte sie zurück zur Scheune, aus der sie eben entflohen war. Die Holzpantinen verfingen sich im Saum ihres Kleides. Es riss sie zu Boden. Im Schnee liegend, weinte die junge Frau herzzerreißend und laut. Von Todesangst getrieben, richtete sie sich wieder auf. Kaum achtete sie darauf, dass die Fetzen, die ihr Kleid, aus grobem Stoff gewebt, gewesen waren, sie nur notdürftig bedeckten. Dabei verlor sie einen Holzschuh. Barfuß setzte sie ihre Flucht fort.

Im Scheunentor, keine zwanzig Schritt hinter ihr, tauchte ein Mann auf. Er trug eine abgewetzte dunkelbraune Redingote. Ein krauser, ungepflegter Bart beschattete sein Gesicht, das im Dunkel des Tores kaum zu erkennen war. Der Dreispitz auf seinem Kopf war mit einem Federbusch verziert, dessen Rot kräftig leuchtete. Kaum war er im Tor aufgetaucht, richtete er den Lauf seines Gewehrs auf die Fliehende. Ebenso schnell erfolgte der Schuss. Sein Knall hallte weit durch das Tal.

Selbst für ungeübte Schützen wäre die junge Frau ein leichtes Ziel gewesen. Es blieb ihr keine Gelegenheit, Schutz zu suchen. Die Kugel bohrte sich in ihren Rücken. Die Wucht des Schusses ließ sie herumwirbeln, als risse eine unbekannte Macht mit aller Gewalt an ihr. Erneut stürzte sie in den Schnee. Dieses Mal stand sie nicht wieder auf.

Der Mann mit dem Federbusch spuckte verächtlich aus, dann verschwand er wieder im Dunkel der Scheune.

Henrik Freiherr van Venray, Amtmann für policeyliche Wohlfahrterei im Dienst des bergischen Herzogs, ließ das Fernrohr sinken. Kaum konnte er glauben, was er gerade mitansehen musste. Vielerlei Verbrechen hatte er in den langen Jahren als Amtmann erlebt, doch dieser feige Mord kam einer Hinrichtung gleich. Bis auf den Knall des Gewehrs war es lautlos und schnell vonstattengegangen. Das Weinen und Wimmern der jungen Magd hatte Venray in der Vergrößerung des Fernrohrs nur erahnen können.

Wütend legte er seine Muskete an. Doch anstatt zu schießen, besann er sich eines Besseren und löste langsam den Zeigefinger vom Abzug. Schließlich legte er das Gewehr ganz beiseite. Auf die Entfernung hätte er keinen Treffer erzielt. Außerdem hätte es dem Mann mit dem Federbusch seine Position und darüber hinaus die Anwesenheit der Policey verraten.

»Wir sehen uns noch«, presste Venray zwischen den Zähnen hervor. Grimmig biss er aufs Mundstück seiner Pfeife und drehte sich auf den Rücken. Er lag, hinter einer Schneewehe verborgen, auf einer Anhöhe im Wald oberhalb des Weilers, den er mit seinen Männern umstellt hatte, und sah in die blätterlosen Bäume über sich. Die dürren Äste griffen in den matten, wolkenverhangenen Himmel über dem Oberbergischen Land. Er blickte den Schwaden seines Atems hinterher. Zur Ruhe kam er nicht. Das Bild der ermordeten Magd würde er sein Lebtag nicht mehr vergessen.

Was ging nur in solchen Menschen vor? Was trieb Verbrecher an? Warum hatte der Federbusch einer davonlaufenden wehrlosen Frau in den Rücken geschossen? Welche unvorstellbar schlimme Tat müsste die junge Frau zuvor begangen haben, um diesen Schuss auch nur im Ansatz zu rechtfertigen? Venray versuchte, sich in die Gedankenwelt des Mörders zu versetzen, seine Beweggründe zu erforschen, die Hintergründe, die ihn zu dieser Tat angetrieben haben könnten, und stellte einmal mehr fest, dass es ihm nicht möglich war. Er war nicht willens. Er sah nur Feigheit und unnötige Brutalität darin. Und dagegen war er machtlos. Aber er konnte etwas anderes tun!

Entschlossen drehte sich Venray wieder auf den Bauch, spähte über den Rand der Wehe und betrachtete den unterhalb liegenden Bauernhof, um sich alles gut einzuprägen. Auf der gegenüberliegenden nördlichen Seite des Tals floss ein Bach, der Dhünn genannt wurde. Aufgrund des Schnees sah man das Gewässer nicht. Es gab das Gutshaus, eine mehrstöckige, große Wohnscheune, zwei kleinere Scheunen und Lager, ein Gebäude am Fluss, das eine Mühle sein konnte, sowie ein kleines Wohnhaus. Der Weiler mit seinen im Tal verstreuten Gebäuden sah an sich friedlich aus. Läge nicht mitten auf dem Hof eine halb nackte Frauenleiche, von deren Ermordung er, Venray, soeben Zeuge geworden war.

Eine unbekannte Anzahl marodierender Soldaten und anderes Gesindel hatten sich zu einer Räuberbande zusammengeschlossen. Seit Wochen zogen sie raubend und mordend durchs Bergische Land. Diese und andere sinnlose Gewalttaten mussten ein Ende haben, deshalb war Venray hier. Außerdem wurde es ihm in der Amtsstube oftmals einfach zu eng.

Fast zwei Klafter weit rutschte er die Schneewehe hinunter und stand kurz darauf zwischen seiner fünfzehnköpfigen Policeytruppe. Eine Schar aus Landreitern, Vögten, Bütteln und anderen Ordnungskräften, die er für diesen Einsatz rekrutiert hatte. Bis auf seine Landreiter wirkten die übrigen Männer, die alle aus der Umgebung kamen, nervös. Gewaltverbrecher zu stellen, die im Weiler die Gegend unsicher machten, war sonst nicht ihre Aufgabe. Dabei sah manch einer genauso hinterhältig und durchtrieben aus wie die Räuber, die sie jagten. Das traf nicht auf das Landreitercorps zu, das unter seinem direkten Befehl stand. Doch das Oberbergische galt als besonders rau und wild. Die Höfe waren abgelegen. Die Menschen blieben unter sich.

Insgesamt bestand das bergische Landreitercorps aus hundertfünfzig Reitern, die keine einheitliche Uniform trugen. Das Corps war paramilitärisch organisiert. Pferd und Waffen waren ihr höchstes Gut, der Herzog zahlte ein eher mageres Grundsalär. Einfache Soldaten, wie der junge Leutnant Carl, mussten sich durch Verhaftungen Geld dazuverdienen. Die Anfälligkeit für Bestechung oder andere Gefälligkeitsdienste war daher enorm hoch und ganz normale Praxis.

Landreiter Carl kam gerade mit verfrorenem Gesicht und in Begleitung eines anderen jungen Mannes auf ihn zu. »Der hier hat eine Frage an Euch, wenn Ihr erlaubt«, sagte er.

Von dem anderen wusste er, dass er Gerichtsdiener im oberbergischen Städtchen Altenberg war. Ihm nickte er auffordernd zu.

»Mit Verlaub, darf ich fragen, was habt Ihr gesehen, Euer Hochgeboren?«, sagte er.

»Wir nennen im Feld keine Titel«, entgegnete Venray hart, »oder willst du mich zur Zielscheibe machen?« Dann drückte er seinem Landreiter das Fernrohr in die Hand und sagte zu beiden: »Geht rauf und seht selbst! Kein schöner Anblick. Und haltet verdammt noch mal eure Köpfe unten!«

Der Gerichtsdiener blickte Venray überrascht an. Doch der Landreiter zog ihn mit sich und meinte: »Gaff den Kommandanten nicht so blöde an! Jetzt weißt du, warum ich so gern mit Venray reite.«

Der Gerichtsdiener nickte eifrig, froh darüber, dass ihr Kommandant ihnen diese Erlaubnis erteilt hatte. Augenblicklich robbten die zwei die Schneewehe hinauf und blickten über den Rand auf den Weiler.

Als sie kurz darauf wieder zurückkamen, bemerkte Venray den veränderten Gesichtsausdruck des Gerichtsdieners. »Du kommst aus der Gegend hier, nicht wahr? Kanntest du die Frau?«

Der junge Mann nickte stumm, die Tränen konnte er kaum beherrschen.

»Sprich!«

»Else war ihr Name. War Magd beim Ludwig. Auf dem Jahrmarkt hat sie allen Kerlen den Kopf verdreht.«

Er klang, als wäre er selbst einer der Kerle gewesen.

Räuber, Diebe und Soldaten, die sich zu Banden zusammentaten, gab es zuhauf. Doch dieser Verbrecherhaufen hier fiel durch seine gottlose Skrupellosigkeit auf. In einem Nest im Sauerland hatten sie eine Müllerin ermordet und kaum einen Stüber erbeutet. Anderenorts zwei Bauernburschen für ein bisschen Butter erdolcht. Nun hielt die Bande den Großbauern Ludwig, dem der Weiler unter ihnen gehörte, mit seiner Familie und dem Gesinde, insgesamt knapp zwanzig Personen, in ihrer Gewalt. Keiner wusste Genaueres.

Venrays Entschluss stand. Das Risiko war hoch, aber es musste gewagt werden. Vielleicht konnte er noch Leben retten. Sie mussten den Schutz der einbrechenden Dämmerung ausnutzen. Seinem Leutnant Winand Prins gab er das Zeichen zum Angriff. Nach langen Dienstjahren und viel Erfahrung verstand Prins seinen Befehlshaber nahezu wortlos.

»Ladet eure Karabiner«, erhob Leutnant Prins seine Stimme, um der Truppe Order zu erteilen. »Wenn wir unten den Wald verlassen, zieht die Handschuhe aus, damit ihr erst einmal besser zielen könnt. Eure Finger werden dann schnell eisig und taub, das wird euch beim Schießen behindern. Und denkt auch immer daran: Den anderen geht es nicht besser als euch, auch der Gegner friert! Jetzt legt die weißen Laken um. Macht euch bereit. Wir stürmen.«

Venray zog an seiner Pfeife, doch die war schon seit Stunden kalt. Der kalte Rauch schmeckte bitter. Venray vertrat die Überzeugung, dass eine Pfeife nahezu jederzeit geraucht werden konnte. Nur nicht eben dann, wenn man Gefahr lief, Räubern dadurch seine Anwesenheit zu verraten.

Noch heute Morgen hatte er am Ofen gesessen und Zeitung gelesen. Nun stand er im eisigen Nirgendwo im Angesicht eines bevorstehenden Gefechts mit ungewissem Ausgang. Egal, wie gut man sich vorbereitete, wie routiniert oder gar abgebrüht man darin war, in den Kampf zu ziehen, es gab keine Gewissheit, ob man das Ende dieser Auseinandersetzung erleben würde. Ob er sich jemals wieder einer guten Pfeife samt Lektüre erfreuen würde. Das war eines der ungeschriebenen Policeygesetze, das eigene Risiko, das man in Kauf nehmen musste. Oder ob er dieses Risiko sogar suchte? In diesem Moment aber dachte er wehmütig an den heutigen Morgen zurück.

Eine Zeitung ohne Pfeife, das kam nicht in Frage. Es war noch nicht ganz Mittag...

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