Vollgas ohne Ziel

Rock 'n' Roll ist auch keine Lösung
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Oktober 2021
  • |
  • 292 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7543-5815-3 (ISBN)
 
Heiraten, Kinder kriegen, Reihenhaus, sicherer Job bei Siemens. Alles Lüge! So wollte Tim Vario nicht leben.

Gibt es Alternativen? In den 70er und 80er-Jahren beginnt die Suche, die Sucht nach einem anderen Leben.

Zwei Jahre völlig abgestürzt im Alkohol, wilde Drogenexzesse.
Sex mit vielen Frauen, einem Mann. Motorräder und Rock¿ n¿ Roll: Sänger und Songwriter in sieben Bands, unzählige Auftritte, zweimal nah am Durchbruch. Aus Versehen. Nur fast.

Es treten Weggefährten in sein Leben - und verschwinden: Selbstmord, Delirium tremens, ein Drogentod und zwei tödliche Motorradunfälle. Das Leben ist nicht immer Party.

Tim Varios authentischer und ungeschönter Blick auf die Vergangenheit enthält engagierte Beschreibungen epochaler Bands aus drei Jahrzehnten, von Progressive Rock bis Blues Rock, Punk und New Wave - gekrönt von seinem fachlichen Wissen aus dieser Branche.

Mittendrin im Zusammenprall der unterschiedlichen Welten von West und Ost erlebt Tim die Wende in Leipzig - und damit sein letztes Abenteuer in diesem Buch.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 3,90 MB
978-3-7543-5815-3 (9783754358153)
weitere Ausgaben werden ermittelt
"Tom Hartmann, der Typ ist Rock¿n¿Roll, ein Verrückter, ständig auf der Jagd nach dem nächsten, großen Ding, der lebt immer zwei bis drei Leben gleichzeitig"
(Randy Zimmermann, Schlagzeuger)

Tom Hartmann, geb. 01.03.1956, Kommunikationswirt, verheiratet, eine Tochter. Seit 1973 als Songwriter und Musiker aktiv, hat er unzählige Songs und Texte geschrieben, war Bandleader, Sänger von zehn verschiedenen Bands und hat seine Musik in Filmproduktionen und der Fernsehserie Marienhof untergebracht. Er hat eine Vinyl LP, zwei Singles und fünf CDs veröffentlicht. Neben unzähligen Auftritten in kleinen Clubs, auf Festivals und Open Airs und auf großen Bühnen, war der Auftritt als Support Act für "The Hooters" 2010 ein besonderes Highlight.

Sein Leben als Musiker und Motorradfreak lieferte fast automatisch die wilde, teilweise autobiografische, Vorlage für seinen ersten Roman "Vollgas ohne Ziel".

Vollgas ist auch sein Lebensmotto- er hat sein Geld verdient als Siebdrucker, Bauhelfer, Wachmann, Offsethelfer, Berufsmusiker, Fahrzeugaufbereiter, Hilfsarbeiter, Arbeitsloser, Fahrer, Radiosprecher, Werbesprecher, Fotomodell, Regisseur, Filmproduzent, Komponist, Druckereibesitzer, Werbeberater, Vertriebsberater, Unternehmensberater, Leiter Verfahren und Prozesse, Werbeleiter, Leiter Onlinemarketing, Fachbuchautor, Autor für Fachartikel, Dozent für Onlinemarketing und Seminarleiter. Aktuell ist er Inhaber einer Onlineagentur mit Schwerpunkt Videomarketing. 2020 hat er für den Stadtrat in Nürnberg kandidiert und für die SPD einen erfolgreichen Wahlkampf geführt. Er ist Vorsitzender der SPD Nürnberg für den Stadtteil Johannis. Seit 2020 beschäftigt er sich mit Schreiben, Malen und der Bildhauerei.

1 Duisburg, grau geboren (1956 - 1962)


Ich wurde auf die Welt geworfen ohne Rückfragen, konnte ja nicht sprechen, Widerstand zwecklos. Duisburg war immer grau. Die Vereinigten Stahlwerke, Thyssen, Krupp, Mannesmann, die Familie Haniel und ganz viel schmutzige Kohle, der größte Binnenhafen Europas. Rote, graue, schwarze Klinkersteinfassaden, die Farben gut versteckt. Im Winter der beißende Geruch der Kohleheizungen. Wenn Schnee, dann über Nacht braun vom Ruß. Nebel in Straßenschluchten. Der Sternbuschweg war die Piste für Lloyd Rennpappen, DKW, Ford, Opel und hier und da ein Mercedes. Mobilität war oft blau rauchendes Zweitaktknattern, Kabinenroller und Isettas, viele Motorräder. Es hat gestunken, es war laut. Fußgänger bildeten das Ende der Nahrungskette. Wer bremst, verliert.

Wir hatten eine kleine Wohnung in der Haroldstraße, vielleicht eine Viertelstunde Weg zur Oma. Drei Zimmer ohne Balkon. Wenn Badetag war, zog Mami in der Küche eine große, graue Blechschüssel unter der Spüle hervor. Dann wurde in einem Topf mehrmals Wasser heiß gemacht und ich musste in die Schüssel. Haarwaschmittel war damals Kernseife, also für harte Männer. War ich nicht. Damals nicht und das wurde ich auch nie. Als Kind habe ich wohl meine Lungen ausgebildet. Ich habe sehr viel und sehr laut geschrien. Nicht nur beim Baden. Eigentlich immer.

Die Arbeitsfläche der Möbel in der Küche war mit Resopal beschichtet. Irgendwo gebraucht besorgt und die Küchenfront von meinem Vater, dem Werner, gelb und weiß angemalt. Wir hatten kein Geld. Werner entdeckte damals den Alkohol als ständigen Begleiter. Ich war wohl drei Jahre alt, als ich einmal in der Nacht wach wurde vom Lärm in der Küche. Mami hat immer noch sein Essen warm gemacht, wenn er spät am Abend besoffen nach Hause kam. Ich weiß es noch wie heute. Ich stand bei der halb offenen Kinderzimmertür und schaute in die Küche. Werner saß da mit ins Gesicht hängendem Haar und lallte. Es gab Frikadellen, Rotkohl und Kartoffeln. Sie hat ihm wohl Vorwürfe gemacht, denn er wurde laut und wischte mit einer ungelenken Bewegung das ganze Essen vom Tisch. Der Teller zerbrach. Alles lag auf dem Fußboden. Mami hat mich wieder ins Bett gebracht und beruhigt.

Der Sternbuschweg hatte an der Ecke Holteistraße eine Attraktion. Eine Trinkhalle, ein ovaler Kiosk mit einem Dach rundherum, gerade so, dass es im Regen etwas Schutz bot. Drinnen saß Erhard Polonka, der übergewichtige Besitzer mit roten Backen, einem gelben Pullunder und einer Lesebrille, die er an Bändern auf dem Bauch trug. Hier standen sie, die matten, schmutzigen Männer aus dem Bergbau, Schlosser, Automechaniker und ab und zu einer mit Krawatte. Ab achtzehn Uhr wurde Bier getrunken und geraucht bis etwa zwanzig Uhr, dann war Schluss. Also flott reinschütten. Manchmal wurde es laut.

Auch tagsüber waren Leute da, Kinder vor und nach der Schule, die sich für einen Groschen was Süßes gönnten, Rentner, die eine Zeitung kauften. Der Kiosk erschien mir bereits in jüngsten Jahren als eine Art Schaltstelle, ein Zentrum des Lebens. Hier war was los. Hier wollte ich später auch immer sein, schon mit zehn, als wir nur noch in den Sommerferien bei Oma in Duisburg waren. Merkwürdig - mit vier Jahren bin ich umgezogen worden, nach Bayern, in die tiefste Provinz aufs Land. Urlaub habe ich dann im grauen, lärmenden Duisburg gemacht. Viel Schönes gab es nicht in dieser Stadt. In den Ferien. Aber ich war immer gerne bei Oma.

Obwohl Oma sehr gemein sein konnte. Aber nur unserer Mutter gegenüber, wir hatten es gut. Ja, die Oma und die Mutter. Mami hat sehr früh geheiratet, war gerade einundzwanzig. Sie wollte weg von ihrer herrischen Mutter, die sie herumkommandierte und ständig zurechtwies. Nichts war gut genug und als sie dann noch mit meinem Vater ankam, stand das Urteil gleich fest. Werners Vater war ein Maler, Oma nannte ihn immer verächtlich »den Anstreicher«. Werner war Bühnenmaler. Eine Familie der Arbeiterklasse war unterste Schublade für Oma. Da kannst du ja gleich mit einem Pollacken ankommen. Oma war mal eine hochwohlgeborene Unternehmergattin mit Personal im Haushalt, also eine stolze Dame von Stand. Man sprach Französisch bei Tisch. Als Kind hatten Wörter wie Trottoir, Chaiselongue oder Parapluie etwas Magisches, eine Art Geheimsprache, die außer uns niemand verstehen konnte.

Es gab da wohl auch eine familiäre Verbindung nach Belgien, eine sehr begüterte Familie, die im Diamantenhandel tätig war und ein Juweliergeschäft betrieb. Welcher Natur diese Verbindung war, habe ich nie verstanden. Aber Oma musste im Krieg ordentlich Federn lassen, ihr Mann war mit seiner Druckerei pleitegegangen, wurde in den letzten Kriegstagen noch im eigenen Haus im Keller von einer Fliegerbombe erwischt.

Den Dünkel hat sie sich gerettet. Also war Werner natürlich eine sehr, sehr schlechte Wahl. Das hat sie ihn von Anfang an spüren lassen, ihre Tochter auch. Nur wir Kinder, wir waren in Ordnung, zumindest weitestgehend. Ja, da war noch ein Bruder, Frederik, zwei Jahre jünger als ich. Werner hat am Theater Duisburg gearbeitet und er fuhr einen Lloyd. Mami war beim Konsum beschäftigt, wurde dann im Westen Coop genannt. Im Osten der Republik blieb der Name für den Supermarkt bestehen.

Mami hatte einen Bruder, mein Onkel Bernd. Er war Professor für Kunst an der Akademie Köln und er malte auch. Bei ihm zu Hause in Köln roch es immer nach Ölfarben und nach Roth-Händle ohne Filter. Er und seine Frau Karin, eine exaltierte, stolze Vertreterin des Bildungsbürgertums und Lehrerin für Kunst und Basteln an der Hauptschule, die zwei hatten ein kleines Häuschen in Griechenland. Unglaublich. Natürlich war Karin auch ein Ziel des Spotts für Oma. Kunstgewerbelehrerin. Mit einer besonderen Verachtung auf dem Wort Gewerbe.

Onkel Bernd hatte sich in die Epoche der Romanik verliebt. Er mochte Putten in allen Formen, obwohl die ja eigentlich mehr in den Barock gehören. Er suchte gerne am Rhein nach Fundstücken. Eine Puppe am Strand des Flusses, der ein Bein fehlte, die Farbe ausgewaschen vom Wasser, ein paar Muschelstücke, ein rostiges kleines Drahtgitter, Sand und bunte Kieselsteine. Daraus entstand ein Diorama, eine Art kleiner Kasten mit Glasscheibe davor, eine Art 3-D-Stillleben. Ich habe es geliebt, oft stand ich vor den aufgehängten Exemplaren in Onkel Bernds Wohnung. In meiner Vorstellung begannen die Gegenstände immer zu leben, sich im Arrangement neu zu sortieren. In späteren Jahren habe ich zu Onkel Bernd eine bewundernde Beziehung aufgebaut, wurde das Gefühl aber nie los, dass von ihm da emotional nicht so viel zu erwarten wäre.

Die Familie von Werner ist schnell erklärt. Sein Vater Heinz, Maler von Beruf, seine Mutter Hausfrau. Sie hatte ich als Kind auf Anweisung von Werner und Mami ein paarmal besucht. Sie hatte Parkinson und lag damals schon nur noch im Bett. Sie ist früh gestorben. Opa Heinz war von begnadeter Ignoranz seiner gesamten sozialen Umgebung gegenüber. Er brauchte seine Zigarre und was Ordentliches zum Essen und fertig. Reden war nicht seins. Er war der große Schweiger, der meistens nur etwas Grunzen als nötig erachtete, um Zustimmung zu zeigen. Ablehnung pflegte er mit zwei, drei Worten zu begründen.

Bei Oma in der Holteistraße gab es eine Bäckerei. Die Vermeulens, natürlich Französisch mit »ö« ausgesprochen. Sie kamen aus Holland, an der Grenze zu Belgien. Vermeulen bedeutet so viel wie »die von der Mühle« und das passte ja ganz gut für einen Bäcker. Am Sonntag bin ich da immer hingelaufen, so zehn Minuten, ganz allein durch die ruhige Welt am Sonntagmorgen. Obwohl es hell war, war es mir unheimlich. Man sah nur wenige Leute auf der Straße. Man musste sich in der Schlange vor der Bäckerei anstellen und es dauerte schon ein wenig, bis man drankam. Der Bäcker selbst war ein lärmender, dicker und großer Mann mit noch größeren Händen. Er hatte etwas Furchteinflößendes an sich. Irgendwann ging das Gerücht herum, er habe sich an seinem Lehrmädchen vergriffen.

Ich war immer froh, wenn ich mit der Tüte voller warmer Brötchen wieder die Wohnung von Oma erreicht hatte. Im dritten Stock, sehr geräumig, so etwa neunzig Quadratmeter, vier Zimmer. Man betrat die Wohnung und befand sich zunächst in einem etwa dreißig Quadratmeter großen Vorraum, von dem aus es links in die Küche führte, die nächste Tür ins Schlafzimmer. Rechts als Erstes zu Bernds Zimmer, dann das Esszimmer. Obwohl es eine Mietwohnung war, hatte sie etwas Herrschaftliches. Ein Esszimmer mit einer riesigen Biedermeierkommode, einem Esstisch mit sechs Stühlen, einer Anrichte aus dunkler Kirsche und Nussbaum mit geschnitzten Säulen, Glastüren mit Gravur, damals waren das sehr teure Möbel. Das Schlafzimmer von Oma, alles aus der Jahrhundertwende, das Jugendzimmer von Onkel Bernd, vollgestopft mit Büchern und einem Bett, das meines war, wenn ich da war. In der Küche ein schwerer Gasherd aus Gusseisen und noch einmal ein Esstisch mit sechs Stühlen. Von dort aus ging es auf den Balkon nach hinten raus. Da war...

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