So viele Hähne, so nah beim Haus

Erzählungen
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. Mai 2019
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99339-5 (ISBN)
 
Maarten 't Hart gehört zu den herausragenden niederländischen Schriftstellern unserer Zeit. Sein Erzählungsband »So viele Hähne, so nah beim Haus« bringt seine Kunst des pointiert Anekdotischen zum Leuchten: Da ist die Studentin Letitia, die schamlos ihre Reize einsetzt, um gleichzeitig promovieren und ihr Haus renovieren zu können; da ist der sture Bäckergehilfe im Warmond der Fünfzigerjahre, den auch das Bestechungsgeld von 1000 Gulden bei der für seinen Bäcker unangenehmen Wahrheit bleiben lässt, oder die musikalische Rate-Runde, deren Abende empfindlich durch den aufdringlichen Hund eines ihrer Mitglieder gestört wird. Maarten 't Harts Kosmos bevölkern skurrile Figuren, die uns mit ihren allzu menschlichen Schwächen entgegentreten.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 3,67 MB
978-3-492-99339-5 (9783492993395)
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Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman »Das Wüten der ganzen Welt«, der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.

Die Stieftöchter von Stoof


1


Wieder einmal besuchte ich das Städtchen, in dem ich geboren wurde. Ich stieg die steile Deichtreppe hinauf, ging an der Mühle »De Hoop« vorüber, ließ das Haus des Doktors hinter mir und kam am Pumpwerk vorbei. Mein Weg führte mich zu jener Bäckerei, in der ich seinerzeit reformiertes Graubrot gekauft hatte. Die Bäckerei sah jetzt vollkommen anders aus. Der schmale Laden hatte sich in eine Backwarenboutique verwandelt. Als ich daran vorbeiging, schob sich geräuschlos eine Glastür in Richtung Mühle, und es entstand eine Öffnung, durch die man einfach so den Laden betreten konnte. Bevor ich jedoch der Einladung der Glasscheibe folgte, schaute ich zuerst kurz nach oben, um zu sehen, ob das große Schild Hoflieferant dort noch hing. Dem war so. Schelvischvanger, Bäcker und Konditor, seit 1517.

Ich ging hinein. Hinter der Ladentheke tummelten sich drei junge Frauen, die drei identische braungelbe Latzhosen trugen. Sie hatten drei identische braungelbe Baseballkappen auf dem Kopf, unter denen drei identische Pferdeschwänze hervorschauten.

»Womit kann ich dienen?«, fragte mich eine der jungen Frauen.

»Eigentlich mit nichts«, erwiderte ich, »ich wollte nur mal schauen, ob ich hier noch jemanden treffe, den ich von früher kenne.«

»Ich sag der Chefin kurz Bescheid«, sagte die junge Frau.

Sie ging zur Gegensprechanlage und drückte auf einen Knopf: »Chefin, hier möchte Sie jemand sprechen, ein Vertreter oder so.«

Sogleich kam sie zu mir zurück und sagte: »Die Chefin kommt sofort.«

Ich schaute mich um, und mir war nicht gleich klar, wie der Laden so groß hatte werden können. Doch dann dachte ich: Man hat nicht nur das ehemals hinter dem Verkaufsraum gelegene Wohnzimmer hinzugenommen, sondern offenbar auch das Nachbarhaus gekauft, um in der Breite wachsen zu können.

Auf einer Wendeltreppe stieg aus der Tiefe (befand sich dort immer noch die Backstube?) eine kräftige, große Frau herauf. Auch sie trug die recht plumpe, braungelbe Latzhosenuniform. Zum Glück fehlten die Kappe und der Pferdeschwanz. Während sie langsam nach oben kam, bewegte ich mich auf der Kundenseite des Verkaufstresens zu der Stelle, wo sie den Laden betreten würde. Als wir auf gleicher Höhe waren, rief ich: »Nein, tatsächlich, Dina, du bist es! Ist das denn die Möglichkeit!«

Sie sah mich misstrauisch an, dann lächelte sie plötzlich und erwiderte: »Jetzt weiß ich, wen ich vor mir habe. Mensch, hast du dich verändert, all deine schönen Locken sind verschwunden.«

»Du hast dich überhaupt nicht verändert«, sagte ich, »kein bisschen. Du siehst immer noch toll aus, hätte ich dich damals doch bloß in den Zure Vischsteeg gezogen, um dich zu küssen.«

»Hätte ist ein armer Mann«, erwiderte sie. »Haben ist für den, der's kriegen kann.«

»Der Laden ist ja wirklich riesig geworden.«

»Ja, ja, Schelvischvanger, Bäcker und Konditor, seit 1517.«

»Du bist keine Schelvischvanger.«

»Ich nicht, aber meine drei Stiefschwestern.«

»Sind sie die Eigentümerinnen?«

»In gewisser Weise, aber ich bin auch Teilhaberin, oder wie du es auch immer nennen willst. Ach, wenn du wüsstest, wie das alles gelaufen ist . wie wir haben kämpfen müssen . Aber ich habe dir damals schon gesagt: Wir haben zwei Trümpfe in der Hand, wir sind wunderschön und wir sind viele . All meine Schwestern und Stiefschwestern haben sich anständige Kerle geangelt, und mit ihrer Hilfe . ach, jetzt finde ich es auf einmal schade, dass wir das Wohnzimmer für den Laden geopfert haben, dort würde ich jetzt gern noch eine Weile mit dir sitzen, du auf der Zwiebacktonne mit einem Windbeutel in der Hand und einer Tasse Kaffee . wie du die Windbeutel verputzt hast . zwischen zwei Schlägen der Turmuhr, drei große Bissen und weg.«

2


Die gute alte Zeit! Man musste das Haus nicht verlassen. Alles wurde geliefert. Um halb acht klingelte der Milchmann. Um zehn fuhr mit Pferd und Wagen der Gemüsehändler vor. Kurz nach elf erklang die dissonante Schalmei des Petroleumhändlers. Außer Petroleum verkaufte er auch Waschmittel, Briketts, Streichhölzer und Sunlight-Seife. In unerwarteten Momenten vernahm man auch das Knattern des Einachsschleppers, mit dem der Scherenschleifer umherfuhr. Aus allen Wohnungen tauchten sogleich Hausfrauen mit nicht mehr gut schneidenden Brotmessern und stumpfen Kartoffelschälmessern auf, nicht selten gefolgt von ihren Ehemännern, die ramponierte Putzspachtel und verschlissene Meißel in den Händen hielten. Und exakt um eine Minute nach halb drei bog unser Bäcker Stoof Schelvischvanger psalmensingend in unsere Straße ein. Er gehörte zu unserer Kirche. Allen Reformierten brachte er Brot und Konditoreiwaren ins Haus. In unserer Straße belieferte er noch eine andere reformierte Familie. Bei uns klingelte er zuerst, schlurfte dann summend zu seinem Karren zurück und holte einen Milchwecken und ein Graubrot heraus. Die brachte er uns (»am Samstag bezahlen«), und danach fuhr er weiter zur Familie Marchand, die jedes Mal acht Weißbrote bekam.

War es gesund, immer nur dieses gräuliche Weißbrot zu essen? Wir stellten uns diese Frage nicht. Auch in der Familie Marchand wurde diese Frage nicht gestellt, obwohl Vater Marchand nach seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag Probleme beim Schlucken bekam. Er klagte über Schmerzen in der Brust, machte sich Sorgen wegen des Herzens und begab sich zu unserem reformierten Hausarzt Dr. Collet. Der sagte ihm, es sei nicht unklug, einmal die Speiseröhre untersuchen zu lassen. Dazu musste Marchand ins Holy-Krankenhaus. Der Zustand seiner Speiseröhre veranlasste die Internisten dort dazu, ihn gleich dazubehalten.

Unser Bäcker hatte Mitleid mit der bekümmerten Ehefrau. Er drehte die Lieferreihenfolge um. Zuerst brachte er sieben Weißbrote zur Familie Marchand (offenbar verputzte Vater Marchand jeden Tag ein ganzes Weißbrot!), und erst danach bekamen wir unser Graubrot und unseren Milchwecken.

Weil Stoof zwar stets um genau eine Minute nach halb drei in unsere Straße einbog, der Zeitpunkt, an dem er an unserer Tür klingelte, jedoch immer weiter in den Nachmittag hineinwanderte, wurden wir mit der Nase auf die Tatsache gestoßen, dass er sich immer länger bei der Familie Marchand aufhielt.

»Seit Neuestem geht er zu ihnen hinein, wenn er seine Weißbrote abliefert«, sagte meine Mutter.

»Ach, was ist er doch für ein guter Kerl«, erwiderte mein Vater. »Er trägt die schweren Brote für Clazien in die Küche.«

»Ich glaube, er setzt sich auch jedes Mal kurz hin und trinkt eine Tasse Tee mit ihr«, meinte meine Mutter. »Er bleibt nämlich oft sehr lange dort.«

»Ach«, sagte mein Vater, »Stoof hat ein Herz aus Gold, ich denke, er schneidet ihr das Weißbrot gleich in der Küche auf. Demnächst wird das nicht mehr notwendig sein. Ich habe neulich in der Zeitung gelesen, dass sich ein Bäcker nach dem anderen so eine wahnsinnig teure Schneidemaschine zulegt. Dann können sie ihren Kunden das Brot geschnitten verkaufen.«

»Oh, wie schrecklich«, erwiderte meine Mutter, »vorgeschnittenes Brot, wozu soll das gut sein? Dann vertrocknet es im Handumdrehen. Das schmeckt doch schon am nächsten Tag nicht mehr.«

»Ist aber bequem«, sagte mein Vater, »und für Stoof wäre es auch nicht schlecht, denn dann müsste er das Brot nicht mehr bei Clazien in der Küche schneiden.«

»Ob das am Schneiden liegt, dass er immer mit hochroten Wangen wieder aus dem Nachbarhaus kommt?«, fragte sich meine Mutter.

»Vielleicht nimmt er sich auch gleich ihre Kartoffeln vor«, sagte mein Vater, »und verpasst hin und wieder einer der Töchter einen Klaps. Man hat's nicht leicht, wenn man als quasi alleinstehende Frau eine solche Bande von lauter ungestümen Mädchen im Zaum halten soll.«

An einem warmen Sommertag, es war schon fast halb fünf, brachte Stoof in Hemdsärmeln unsere Brote ins Haus. Ich kam gerade aus der Schule und sah, wie er zu seinem Karren zurückging und einen Milchwecken und ein Graubrot herausnahm. Als meine Mutter die Brote in Empfang nahm, sagte sie: »Du kommst aber spät, Stoof. Und darf ich dich vielleicht darauf aufmerksam machen, dass hinten ein Hosenträgerknopf los ist?«

»Oh«, sagte er, »damit lauf ich dann wohl schon den ganzen Tag herum und mach mich zum Narren. Ich habe nichts bemerkt, und bisher hat mich auch niemand darauf angesprochen. Selbst komme ich da nicht ran. Würdest du mir vielleicht den Knopf kurz zumachen?«

Meine Mutter knöpfte die Hosenträger fest. Am nächsten Tag war wieder ein Knopf seiner Hosenträger los, und wieder half ihm meine Mutter.

»Warum sind Stoofs Hosenträger neuerdings immer lose?«, fragte ich eines Abends meinen Vater.

»Wenn er in Frau Marchands Küche all die Weißbrote schneidet, beugt er sich weit vor, und dann rutscht der Knopf heraus«, erwiderte mein Vater.

»Weißbrote«, sagte mein Mutter, »wer's glaubt. In letzter Zeit hat er immer öfter keinen Milchwecken mehr, wenn er an unserer Tür klingelt. Und weißt du, wieso? Weil er ihr all seine Milchwecken gibt anstatt der einfachen Weißbrote. Und ich glaube, sie bezahlt dafür nur den Weißbrotpreis.«

»Vielleicht muss sie überhaupt nicht mehr bezahlen«, gab mein Vater zu bedenken.

»Könnte durchaus sein«, meinte meine Mutter.

Ich wunderte mich über die Hosenträger und die kostenlosen Milchwecken.

Dann verstarb an einem sonnigen, warmen Septembertag unser Nachbar Marchand im Krankenhaus.

»Ich könnte schwören«, sagte mein Vater, als meine Eltern vom Begräbnis nach Hause kamen, »dass sie wieder schwanger...

»Spannende, ja schwungvolle Kurzgeschichten zu schrieben ist ein Kunst, die Maarten´t Hart meisterhaft beherrscht, Er erzählt aus seinem Leben - mal nachdenklich, mal traurig, mal schalkhaft, aber immer sehr dicht. Und vor allem: Er bringt jede Geschichte zielsicher auf den Punkt.«, SWR2 lesenswert Kritik, 02.05.2019

 
»Maarten `t Harts Erzählungen kommen mal nachdenklich, mal traurig, mal schalkhaft, aber immer sehr dicht daher. Er erzählt aus seinem Leben, und ob nun wahr oder erfunden - er bringt jede Geschichte auf den Punkt.«, WDR5 "Lesefrüchte", 10.05.2019

 
»Wie schön das Gewesene, auch wenn es schmerzend war oder Schrecken barg, sich in Maarten´t Harts Erinnerung zu etwas Wohligem formt, wie beruhigend er davon zu erzählen weiß.«, Badische Zeitung, 25.05.2019

 
»Mit dem Schalk im Nacken und einer ordentlichen Portion Chuzpe plaudert der Autor aus dem Nähkästlein.«, Aalener Nachrichten, 01.06.2019

 
»In >So viele Hähne, so nah beim Haus< erzählt Maarten´t Hart aus seinem Leben - mal nachdenklich, mal traurig, mal schalkhaft.«, Neue Rhein Zeitung, 14.06.2019

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