Magdalena

Eine Familiengeschichte
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97125-6 (ISBN)
 
»Nach meinem Tod«, sagte Maarten 't Harts Mutter oft, »kannst du über mich schreiben, was du willst, aber verschone mich, solange ich lebe.« Der Sohn, einer der berühmtesten europäischen Romanciers, hat sich daran gehalten. Er hat bislang nicht davon erzählt, wie ausgerechnet ein kaputter Hosenträger die Liebe zwischen seinen Eltern stiftete, hat verschwiegen, dass sein Vater im Grunde der Überzeugung war, man könne ein Pferd mehr lieben als eine Frau.
Nun aber, drei Jahre nach dem Tod der Mutter, erscheint »Magdalena«: ein Buch über das große Geheimnis, das sich Kindern hinter dem Zusammenhalt der Eltern zu verbergen scheint, ein ungeschminktes Zeugnis dessen, was der begnadete Erzähler 't Hart bislang alles nicht erzählt hat, und ein schmerzvoll schönes Buch über Mutter und Sohn.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman »Das Wüten der ganzen Welt«, der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.

Beginn


Meine Mutter, Magdalena van der Giessen, wurde am 30. Mai 1920 in Poeldijk, Gemeinde Monster, geboren. Sie war die älteste Tochter von Arie Adriaan van der Giessen, geboren am 1. August 1893 auf Rozenburg, und Magdalena de Winter, geboren am 15. August 1896 in Hoek van Holland. Vor meiner Mutter hatte das Paar einen Sohn bekommen, der am 8. August 1918 ebenfalls in Poeldijk das Licht der Welt erblickt hatte. Auf die beiden ältesten Kinder folgten in regelmäßigen Abständen von etwa zwei Jahren noch fünf Jungen und zwei Mädchen. In einem der wundersamen, mäandrierenden Monologe, die meine Großmutter hielt, sobald man in ihrem Gesichtsfeld erschien, enthüllte sie mir einmal, wie sie es geschafft hatte, die Kinderzahl auf lediglich neun zu begrenzen, und wie es sich erklären ließ, dass die neun im Abstand von zwei Jahren aufeinanderfolgten.

»Ich wollte unbedingt Kinder haben, am liebsten mehr als vier, aber ich wollte nicht jedes Jahr niederkommen, das war mir viel zu anstrengend, da geht man ja ganz schön auf dem Zahnfleisch, wenn man ein Kind bekommt, also stillte ich die Kinder so lange wie möglich, und solange man so ein saugendes Mündchen an der Brust hat, kann man so feurig sein wie ein Zaunkönig während der Mauser und muss dennoch nicht fürchten, wieder schwanger zu werden. Ich hätte Leen, Lena, Teun, Siem, Cor, Jan, Bep und Jaap gern noch länger gestillt, aber das funktionierte nicht, nach kaum mehr als einem Jahr hörten sie auf zu trinken, außer Aad, der hat es geschafft, zwei Jahre zu nuckeln, sodass Jan 1931 geboren wurde, während Aad von 1928 ist. Und nach Jaap war Schluss, danach kam zum Glück nichts mehr, obwohl ich damals gerade achtunddreißig war. Ja, das war schön, alles in allem, 1918 Leen, 1920 Lena, 1922 Teun, 1924 Siem, 1926 Cor, 1928 Aad, dann plötzlich eine Lücke von drei Jahren, 1931 Jan, 1933 Bep und 1935 Jaap. Gut gemacht, Lena de Winter, sage ich da zu mir selbst, denn glaube ja nicht, jemand anders würde mich dafür loben, was auch wiederum gut ist, denn sonst bildet man sich womöglich noch was ein, aber ich wollte nicht denselben Weg gehen wie die beiden Frauen meines Schwiegervaters Leen van der Giessen. Wie du weißt, hatte der dreizehn Kinder aus seiner ersten Ehe und elf aus der zweiten, und von den dreizehn Kindern aus der ersten Ehe wurden nicht weniger als zehn Kinder, immer im Abstand von einem Jahr, tot geboren, und das dritte hat auch nur ein paar Tage gelebt, und nach den zehn tot geborenen Kindern wurde auch Leens erste Frau zum Herrgott heimgeholt, und da war er plötzlich ein Witwer mit zwei Kindern, mein Mann Arie und seine ältere Schwester also, und Leen hat wieder geheiratet, und die zweite Frau hat elf Kinder zur Welt gebracht, insgesamt waren es also, wenn ich richtig rechne, vierundzwanzig Kinder - stell dir bloß einmal vor, vierundzwanzig Kinder, das wäre was gewesen, wenn die alle am Leben geblieben wären, mein Schwiegervater war Entenfänger auf Rozenburg, tja, von dem, was er damit verdiente, hätte er niemals vierundzwanzig Münder stopfen können, also war es nur gut, dass der Herrgott so viele zu sich nahm. Aber die Kinder aus der zweiten Ehe überlebten alle, sodass dein Großvater nicht weniger als elf Halbbrüder und -schwestern hatte. Und das in solch einem winzigen Deichhaus auf Rozenburg. Vierundzwanzig Kinder, das muss man sich mal vorstellen, einen so hitzigen Mann zu haben. Dein Großvater erzählte immer, dass sein Vater mittags stets nach Hause kam, und nach dem Essen stand er auf und versuchte, seine Frau zu schnappen. Die aber wollte sich nicht fangen lassen, und dann rannten die beiden hintereinander her um den Tisch, sechs, sieben Runden, es können auch acht gewesen sein, das weiß ich nicht so genau, und dann hatte Vater Leen Mutter Betje geschnappt, und all die Kinder sahen, wie ihre Mutter die Leiter zum Dachboden hochgezerrt wurde, und kurz danach hörten sie auf dem Dachboden gewisse Geräusche - ach, ach, ja, ja, dein Großvater war schon schwer geschlagen, der hat es schon als Kind alles andere als leicht gehabt, elf Brüder und Schwestern tot, Mutter tot und einen Vater, der seine zweite Frau jeden Tag um den Tisch jagte, weil er Lust hatte, immer nur Lust. Seine erste Frau wird er wohl auch um den Tisch gejagt haben, aber daran erinnert dein Großvater sich nicht, da war er damals noch zu klein für. Dennoch haben wir ihn, trotz all seiner Lust, lange erleben dürfen, denn er stammte aus dem Jahr 1869, und er ist erst 1960 gestorben. Na ja, das muss man ihnen lassen, den van der Giessens, wenn sie nicht schon in der Wiege sterben, und dafür gibt es eine ganze Menge Beispiele, dann werden sie durch die Bank sehr alt.«

Weil meine Großmutter an dieser Stelle ein kleine Pause in ihrem Monolog machte, konnte ich ihr erzählen, dass ich meinen Urgroßvater Leendert van der Giessen einmal auf der Insel Rozenburg besucht hatte, wobei ich davon ausgegangen war, es werde ihn gewiss freuen, einen seiner Urenkel zu sehen. Aber das ganz in Schwarz gekleidete, koboldartige Männlein, das hinter seiner Wohnstatt zum Vorschein kam, als ich den Deich hinab zu dem damit verwachsenen Häuschen ging, hatte mich fluchend und schimpfend von seinem Grundstück gejagt, obwohl ich ihm wiederholt zurief, ich sei ein Sohn seiner Enkelin Lena van der Giessen. Während ich den Deich wieder hinaufkletterte, verfolgte er mich sogar mit einer Mistgabel.

»Ja, ja«, sagte meine Großmutter, »das war kein angenehmer Zeitgenosse, mein Schwiegervater, aber er war dort drüben auf Rozenburg wirklich nicht der Einzige, der so wenig umgänglich war. Wundern muss man sich nicht, Rozenburg, nichts als Elend seinerzeit, nichts zu essen, nichts zu erleben, nichts zu verdienen, und immer nur die schlechtesten Pastoren, denn gute Prediger folgten nie einem Ruf nach Rozenburg. Merkwürdig aber ist, dass die van der Giessens dort auf der winzigen Insel, wo außer zur Erdbeerzeit nichts anderes auf den Tisch kam als Lehmkartoffeln und ein Strunk Endivien, alle steinalt wurden, wenn sie nicht schon in der Wiege starben. Ein Vetter von Vater Arie, oder war es ein Onkel, nein, es war ein Vetter, atmete einfach immer weiter, und auf einmal war er der älteste Mann auf Rozenburg. Und fast hätte man meinen können, er nehme an einem Wettlauf teil, denn eine Weile später, da war er der älteste Mann in der Provinz Südholland, und dafür hatte er wirklich keinen Schlag tun müssen, er musste nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, seine Konkurrenten schieden der Reihe nach aus, und von einem Tag auf den anderen war er dann plötzlich, im Alter von einhundertacht Jahren, der älteste Mann der Niederlande. Tja, schließlich starb er doch, und das Komische war, dass danach ein viel jüngerer Mann, ein Kerl von hundertvier, der älteste Mann der Niederlande wurde, aber das habe ich nie verstanden, wie kann das sein?«

»Das kann sehr gut sein, Oma«, sagte ich.

»Nun, dann erklär mir das mal, ich werd daraus nicht schlau.«

Doch ehe ich ihr darlegen konnte, dass man, wenn ein Hundertachtjähriger stirbt und es zu diesem Zeitpunkt keine Hundertsieben-, Hundertsechs- und Hundertfünfjährigen gibt, um dessen Nachfolge anzutreten, automatisch bei einem Hundertvierjährigen landet, stand sie auf und sagte: »Jetzt aber erst einmal einen Tee.« Und als sie den Tee aufgegossen hatte und sich wieder in ihrem Sessel niederließ, da fuhr sie mit ihrem Monolog fort: »Bei mir zu Hause waren die Umstände doch ein wenig besser als bei deinem Großvater. Wir waren nur zwölf Kinder, genau die Hälfte also, und von den Zwölfen sind auch nur zwei gestorben, einer meiner Brüder ist im Alter von neun Jahren ertrunken, und meine Schwester Suzanne, die genau vor mir geboren wurde, ist sehr jung gestorben, und da waren meine Eltern doch sehr froh über eine Nachfolgerin, auch wenn ich ganz offensichtlich ein Nachkömmling war. Zehn Mäuler zu stopfen, und mein Vater, Teun de Winter, halt . einen Moment . Ich muss dir etwas über meinen Vater Teunis de Winter erzählen, was du bestimmt nicht weißt. Eigentlich hatte er einen anderen Namen, er hieß Moses Rosenberg, er war der Sohn eines jüdischen Dienstmädchens, das bei der Familie de Winter arbeitete. Noch vor der Hochzeit wurde das Mädchen von ihrem Verlobten schwanger, einem jüdischen Burschen namens Rosenberg. Was für eine Schande, schwanger, aber noch nicht verheiratet. Also wurde das Ganze verheimlicht. Ihre Herrin aber war auch schwanger, und als die Kinder im Abstand von drei Tagen geboren wurden, da starb das Kind der Herrin, und daraufhin hat man das tote Kind mit dem lebenden vertauscht, und der kleine Rosenberg wurde auf dem Standesamt als Teunis de Winter angemeldet . das war 1850 . Nun, dieser Teunis de Winter, mein Vater also, hat sich im Selbststudium vom Landarbeiter zum Landvermesser hochgearbeitet und bekam in Hoek van Holland eine Stelle bei der Reichswasserwirtschaft, und in dieser Funktion hat er auf dem flachen Land und in den Dünen den ganzen Nieuwe Waterweg vermessen. Und dafür wurde er ja auch besser bezahlt als für die Arbeit im Gartenbaubetrieb, und deshalb ging es uns zu Hause etwas besser als deinem Großvater auf Rozenburg. Ach, ach, dein Großvater, mein Arie, das war so ein hübscher Bursche, er wurde einberufen, 1913, und er wollte gern zu den Grenadieren und den Jägern, und da haben sie ihn also in der Festung von Hoek van Holland zum Kellner in der Offiziersmesse gemacht, und so kam es, dass wir uns sonntags in der orthodox-calvinistischen Kirche sahen und uns hin und wieder einen Blick zuwarfen, bis er sich schließlich einen Ruck gab, und 1917 waren wir auf einmal verheiratet.

Aber um in der Zeit noch einmal einen Schritt zurückzugehen - meine Mutter Magdalena van Bodegom, nach...

»Fesselnd«, Freundin, 16.11.2016
 
»Ein schmerzvoll-schönes Buch über Mutter und Sohn.«, Stadtrundschau Linz (A), 03.11.2016
 
»diese grandios erzählte Familiengeschichte ist auch ein Statement zur eigenen Befindlichkeit und nicht zuletzt eine heftige Abrechnung mit dem Christentum. Ein Buch mehr, das 't Harts Position auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis festigen wird.«, Kölner Stadt-Anzeiger, 06.11.2015
 
»Ein schmerzvoll schönes Buch über die Beziehung von Mutter und Sohn.«, Beauté, 08.09.2015
 
»'t Hart gelingt eine meisterhafte Milieuschilderung mit kuriosen Momenten«, Bielefelder

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

10,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen