Roter Drache

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Februar 2017
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21574-3 (ISBN)
 
Hannibal Lecters erster Auftritt

Ein Killer verbreitet Angst und Schrecken in Florida. Er hat schon zehn Menschen umgebracht, und die Mordserie reißt nicht ab. Wer wäre besser geeignet, ein Psychogramm des Gesuchten anzufertigen, als der Psychiater und Massenmörder, den das FBI drei Jahre zuvor fassen konnte: Dr. Hannibal Lecter.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,18 MB
978-3-641-21574-3 (9783641215743)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Thomas Harris, 1940 geboren, begann seine Karriere als Journalist und schrieb hauptsächlich über Gewaltkriminalität in den USA und Mexiko. Danach arbeitete er als Reporter und Redakteur bei Associated Press in New York. Von Thomas Harris sind bislang fünf Romane erschienen, die sich weltweit über 30 Millionen Mal verkauft haben und allesamt verfilmt wurden. Sein größter Erfolg war »Das Schweigen der Lämmer«, das wochenlang die Bestsellerliste der New York Times anführte und als Verfilmung einen Oscar für den besten Film erhielt.

1. Kapitel


Will Graham ließ Crawford an dem Gartentisch zwischen dem Haus und dem Meer Platz nehmen und bot ihm ein Glas Eistee an.

Jack Crawford betrachtete das schöne alte Haus, dessen Holz in dem klaren Licht salzversilbert schimmerte. »Ich hätte dich besser in Marathon abfangen sollen, als du nach der Arbeit nach Hause fuhrst«, begann er. »Ich kann mir gut vorstellen, daß du hier nicht darüber sprechen willst.«

»Ehrlich gestanden, möchte ich nirgendwo über die Sache sprechen, Jack. Doch nachdem sich dies nun einmal leider nicht umgehen läßt, bringen wir es besser gleich hinter uns. Komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Fotos. Falls du welche mitgebracht hast, läßt du sie bitte in deinem Aktenkoffer. Molly und Willy werden nämlich gleich zurück sein.«

»Wieviel weißt du bereits?«

»Nur, was im Miami Herald und in der Times stand«, erwiderte Graham. »Zwei Familien, die im Abstand von einem Monat in ihren Häusern ermordet wurden. In Birmingham und Atlanta. Die Umstände waren sehr ähnlich.«

»Nicht nur ähnlich - vollkommen identisch.«

»Wieviele Personen haben sich bisher zu der Tat bekannt?«

»Heute nachmittag waren es achtundsechzig«, erklärte Crawford. »Lauter Irre. Keiner wußte über Einzelheiten Bescheid. Er hat die Spiegel im Haus zerschlagen und dann die Scherben verwendet. Keiner unter den angeblichen Tätern wußte das.«

»Welche Informationen habt ihr der Presse sonst noch vorenthalten?«

»Er ist blond, Rechtshänder und außergewöhnlich stark; hat Schuhnummer elf, versteht mit einer Buline umzugehen und hinterläßt keine Fingerabdrücke. Offensichtlich trägt er bei der Arbeit Handschuhe.«

»Das hast du bei deinem letzten Fernsehauftritt gesagt.«

»Mit Türschlössern hat er dagegen etwas Schwierigkeiten«, fuhr Crawford unbeirrt fort. »Beim letzten Mal ist er mit Hilfe eines Glasschneiders und eines Saughalters in das Haus eingedrungen. Ach ja, und seine Blutgruppe ist AB positiv.«

»Hat ihn denn jemand verletzt?«

»Nicht, daß wir wüßten; darauf konnten wir aufgrund der Untersuchung seines Spermas und seines Speichels schließen.« Crawford ließ seine Blicke über das ruhige Meer schweifen. »Will, ich muß dich etwas fragen. Du hast natürlich in der Zeitung darüber gelesen. Über den zweiten Fall wurde auch im Fernsehen ausführlich berichtet. Hast du eigentlich je in Erwägung gezogen, mich anzurufen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Über den ersten Vorfall in Birmingham wurden anfänglich kaum Einzelheiten veröffentlicht. Es hätte alles mögliche sein können - Rache, eine familiäre Auseinandersetzung.«

»Aber nach dem zweiten wußtest du doch, worum es sich dabei handelt?«

»Natürlich. Ein Psychopath. Ich hab' dich nicht angerufen, weil ich nicht wollte. Zudem weiß ich, wer diesen Fall bereits für dich übernommen hat. Ihr habt das beste Labor. Außerdem kannst du auf Leute wie Heimlich in Harvard zurückgreifen, oder auf Bloom an der University of Chicago -«

»Und auf dich, wenn du hier unten nicht diese verdammten Bootsmotoren reparieren müßtest.«

»Ich glaube nicht, daß ich dir in dieser Sache von allzu großem Nutzen sein könnte, Jack. Das ist für mich endgültig aus und vorbei.«

»Tatsächlich? Immerhin hast du doch zwei geschnappt. Die letzten zwei, derer wir uns annehmen mußten, hast du gefaßt.«

»Na und? Ich habe nichts anderes getan, als du und deine Leute auch getan hätten.«

»Das ist nicht ganz richtig, Will. Es ist deine Art zu denken.«

»Na, ich weiß nicht, was daran so Großartiges sein soll.«

»Du hast immerhin einige Schlüsse gezogen, die du uns nie erklärt hast.«

»Aber ihr hattet doch die Beweise vorliegen«, hielt Graham dem entgegen.

»Gewiß. Wir hatten die Beweise vorliegen. Eine ganze Menge sogar - aber erst danach. Doch zuvor hatten wir so wenig, daß wir nicht einmal ausreichend Gründe für einen Haftbefehl vorweisen hätten können.«

»Ihr habt durchaus fähige Leute, die das für euch erledigen werden, Jack. Ich glaube nicht, daß ich eine nennenswerte Verstärkung darstellen würde. Außerdem habe ich mich hierher zurückgezogen, um endlich von all dem loszukommen.«

»Ich weiß. Beim letzten Mal hast du erhebliche Verletzungen davongetragen. Ich muß jedoch sagen, daß du mittlerweile wieder einen blendenden Eindruck machst.«

»Mit mir ist alles wieder in Ordnung. Aber es ist nicht, weil es mich mal erwischt hat - das ist dir schon genauso passiert.«

»Mag sein, aber in dem Maß hat es mich keineswegs erwischt.«

»Trotzdem war das nicht der Grund aufzuhören. Plötzlich wollte ich einfach nicht mehr. Allerdings glaube ich nicht, daß ich das erklären kann.«

»Wenn du den Anblick nicht mehr ertragen könntest, ich könnte es, weiß Gott, verstehen.«

»Auch das ist es nicht. Das Hinsehen-Müssen ist immer schlimm, aber solange sie nur tot sind, schafft man das schon irgendwie. Die Krankenhausbesuche, die Gespräche - das ist wesentlich schlimmer. Man muß das von sich abschütteln und den Verstand weiter gebrauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich jetzt dazu in der Lage wäre. Ich könnte mich dazu bringen hinzusehen, aber ich würde mein Denken ausschalten.«

»Die sind alle tot, Will«, sagte Crawford so behutsam wie möglich.

Jack Crawford hörte den Rhythmus und die Syntax seiner eigenen Sprechweise in Grahams Stimme. Er hatte mehrfach schon die Erfahrung gemacht, daß Graham im Verlauf eines intensiven Gesprächs häufig die Sprechweise seines Gegenübers übernahm. Erst hatte Crawford gedacht, er täte dies absichtlich, als handelte es sich dabei um eine Art Trick, um einen engeren Kontakt mit dem Gesprächspartner herzustellen.

Doch später wurde Crawford bewußt, daß Graham dies unwillkürlich tat und daß er es manchmal sogar zu unterdrücken versuchte, jedoch ohne Erfolg.

Crawford griff in seine Jackentasche, holte zwei Fotos daraus hervor und schob sie mit der Bildseite nach oben über den Tisch.

»Alle tot«, bemerkte er dazu.

Graham starrte Crawford erst einen Moment lang an, bevor er nach den Fotos griff.

Es waren ganz gewöhnliche Schnappschüsse - eine Frau, die, gefolgt von drei Kindern und einer Ente, einen Picknickkorb das Ufer eines Teichs hinauftrug; und eine Familie, die sich um eine Torte gruppiert hatte.

Nach einer halben Minute legte er die Fotos auf den Tisch zurück. Er schob sie behutsam übereinander und ließ seine Blicke dann zum Strand hinunterschweifen, wo der Junge am Boden kauerte und irgend etwas im Sand beobachtete. Die Frau stand daneben und sah ihm dabei zu; eine Hand ruhte auf ihrer Hüfte, und die auslaufenden Wellen umschäumten ihre Fußgelenke. Dann beugte sie sich landwärts, um ihr feuchtes Haar von ihren Schultern zu schütteln.

Ohne seinem Gast die geringste Beachtung zu schenken, betrachtete Graham seine Frau Molly und den Jungen nun ebenso lange, wie er vorher die Fotos angesehen hatte.

Crawford war zufrieden. Mit derselben Sorgfalt, die er auf die Wahl ihres Treffpunkts verwendet hatte, verbot er nun auch seiner Zufriedenheit, sich in seiner Miene widerzuspiegeln. Er glaubte Graham am Haken zu haben. Jetzt galt es nur noch zu warten.

Drei bemerkenswert häßliche Hunde tappten auf sie zu und ließen sich um den Tisch herum zu Boden plumpsen.

»Mein Gott«, entfuhr es Crawford.

»Vermutlich sollen das Hunde sein«, erläuterte Graham. »Ständig setzen die Leute hier junge Hunde aus. Diejenigen, die ganz süß aussehen, kann ich in der Regel weggeben. Die weniger ansehnlichen bleiben uns dann und werden langsam größer.«

»Hunger zu leiden scheinen sie ja zumindest nicht.«

»Molly zieht herrenlose Hunde an wie ein Magnet.«

»Ein schönes Leben hast du hier, Will. Mit Molly und dem Jungen. Wie alt ist er eigentlich?«

»Elf.«

»Ein verdammt gut aussehender Bengel. Er wird sicher mal größer als du.«

Graham nickte. »Sein Vater war es ja auch. Es geht mir wirklich gut hier. Das sage ich mir immer wieder.«

»Ich wollte eigentlich Phyllis mitbringen. Florida. Mich schon mal nach einem schönen Plätzchen umsehen, wenn ich in Pension gehe und endlich mal aufhöre, ein Leben zu führen wie ein Grottenolm. Sie sagt, alle ihre Bekannten leben in Arlington.«

»Ich wollte mich eigentlich schon die ganze Zeit für die Bücher bedanken, die sie mir ins Krankenhaus geschickt hat, aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen. Übernimm du das bitte für mich.«

»Ich werd's ihr ausrichten.«

Zwei kleine bunte Vögel ließen sich in der Hoffnung, ein paar Brösel aufpicken zu können, auf dem Tisch nieder. Crawford beobachtete, wie sie eine Weile darauf herumhüpften und schließlich wieder davonflogen.

»Will, dieser Irre scheint so etwas wie mondsüchtig zu sein. Die Jacobis in Birmingham hat er am achtundzwanzigsten Juni, einem Samstag, bei Vollmond ermordet. Die Familie Leeds in Atlanta vorgestern nacht, am sechsundzwanzigsten Juli. Das ist ein Tag vor dem vollen Ablauf einer Mondphase. Wenn wir also Glück haben, bleiben uns etwas mehr als drei Wochen, bevor er das nächste Mal zuschlägt.

Ich kann mir nun beim besten Willen nicht vorstellen, daß du hier unten in den Keys einfach tatenlos zusehen wirst, Will, bis du im Miami Herald vom nächsten Mord liest. Ich bin ja nun, weiß Gott, nicht der Papst, um zu sagen, was du zu tun und zu lassen hast, Will, aber eines möchte ich dich doch fragen: Bist du einer Meinung mit mir, was meine Einschätzung der Lage...

»Der beste Psychothriller unserer Zeit.«
 
»Harris will uns schocken - und das kann er wie kein Zweiter.«

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