Enigma

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Februar 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10830-4 (ISBN)
 
England im März 1943. In Bletchley Park wird fieberhaft daran gearbeitet, die Wunder-Chiffrier-Maschine Enigma, die den Funkverkehr der deutschen U-Boote verschlüsselt, zu knacken. Eine nahezu unlösbare Aufgabe für den Secret Intelligence Service, der seine letzten Hoffnungen in den genialen Kryptoanalytiker Tom Jericho setzt. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, der plötzlich sogar in den eigenen Reihen sabotiert zu werden scheint.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 1,27 MB
978-3-641-10830-4 (9783641108304)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Seine Romane »Vaterland«, »Enigma«, »Aurora«, »Pompeji«, »Imperium«, »Ghost«, »Titan«, »Angst«, »Intrige«, »Dictator«, »Konklave«, »München« und zuletzt »Der zweite Schlaf« wurden allesamt internationale Bestseller. Seine Zusammenarbeit mit Roman Polanski bei der Verfilmung von »Ghost« (»Der Ghostwriter«) brachte ihm den französischen »César« und den »Europäischen Filmpreis« für das beste Drehbuch ein. Die Verfilmung von »Intrige« - wiederum unter der Regie Polanskis - erhielt auf den Filmfestspielen in Venedig 2019 den großen Preis der Jury, den Silbernen Löwen. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire.

1


Cambridge im vierten Kriegswinter: eine Geisterstadt.

Ein unaufhörlicher eisiger Wind, den über tausend Meilen hinweg nichts hatte aufhalten können, peitschte von der Nordsee herein und fegte über die flache Landschaft. Er ließ die Wegweiser zu den Luftschutzbunkern in Trinity New Court klappern und hämmerte gegen die mit Brettern vernagelten Fenster der King's College Chapel. Er strich durch die Innenhöfe und Treppenhäuser und zwang die wenigen verbliebenen Lehrer und Studenten, in ihren Zimmern zu bleiben. Am Spätnachmittag waren die engen, mit Kopfstein gepflasterten Straßen menschenleer. Als die Nacht hereinbrach, lag die Universität, in der kein Licht zu sehen war, in völliger Dunkelheit, wie sie es seit dem Mittelalter nicht mehr erlebt hatte. Es hätte nur noch eine Prozession von Mönchen gefehlt, die auf ihrem Weg zur Abendandacht über die Magdalene Bridge zog.

In der kriegsbedingten Verdunkelung verlor man jedes Gefühl für die Zeit.

In diesen düsteren Flecken im Flachland Ostenglands kam Mitte Februar 1943 ein junger Mathematiker namens Thomas Jericho. Die Verwaltung seiner Schule, des King's College, hatte nicht einmal einen Tag Zeit, sich auf seine Ankunft einzustellen. Es reichte gerade, um seine Zimmer wieder herzurichten, sein Bett zu beziehen und den Staub von mehr als drei Jahren von den Regalen und Teppichen zu kehren. Und sie hätten sich nicht einmal diese Mühe gemacht - schließlich war Krieg und Personal äußerst rar -, hätte nicht der Rektor höchstpersönlich in seinem Büro einen Anruf von einem ihm unbekannten, aber hochrangigen Beamten des Außenministeriums erhalten. Dieser äußerte die Bitte, man möge »sich um Mr. Jericho kümmern, bis er soweit wiederhergestellt ist, daß er seiner Arbeit nachgehen kann«.

»Natürlich«, hatte der Rektor erwidert, der mit dem Namen Jericho beim besten Willen kein Gesicht verbinden konnte. »Natürlich. Wir freuen uns, ihn wieder bei uns zu haben.«

Noch während des Gesprächs schlug er das College-Register auf und blätterte darin, bis er auf den Namen stieß: Jericho, T. R. G.; immatrikuliert 1935; Jahrgangsbester in Mathematik 1938; Junior Research Fellow mit einem Jahresgehalt von 200 Pfund; seit Ausbruch des Krieges nicht mehr an der Universität gesehen worden.

Jericho? Jericho? Für den Rektor war er bestenfalls eine vage Erinnerung, der verschwommene Fleck eines jungen Mannes auf einem Collegephoto. Früher hätte er sich vielleicht an den Namen erinnert, aber der Krieg hatte den gleichmäßigen Rhythmus von Immatrikulation und Abschlußprüfung durcheinandergebracht, und alles lag im Chaos - der Pitt Club war jetzt ein Britisches Restaurant, im Park von St. John wuchsen Kartoffeln und Zwiebeln ...

»Er hat in letzter Zeit an Dingen von größter nationaler Wichtigkeit gearbeitet«, fuhr der Anrufer fort. »Wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn man ihn ungestört ließe.«

»Selbstverständlich«, sagte der Rektor. »Selbstverständlich. Ich werde veranlassen, daß er seine Ruhe hat.«

»Haben Sie vielen Dank.«

Der Beamte legte auf. Dinge von größter nationaler Wichtigkeit, bei Gott ... Der alte Mann wußte, was das bedeutete. Er legte den Hörer auf die Gabel und betrachtete ihn einen Augenblick lang nachdenklich, dann machte er sich auf die Suche nach dem Verwalter.

 

Ein College in Cambridge ist ein Dorf mit der Klatschsucht eines Dorfes, zumal dann, wenn dieses Dorf zu neun Zehnteln leersteht. Daher löste die Rückkehr von Jericho beim Personal des Colleges stundenlange Spekulationen aus.

Da waren als erstes die Umstände seiner Ankunft, nur wenige Stunden nach dem Anruf beim Rektor, spät an einem verschneiten Abend. Er saß, in eine Reisedecke gehüllt, auf dem Rücksitz eines höhlenartigen Dienst-Rovers, der von einer jungen Frau in der dunkelblauen Uniform der Marinehelferinnen gefahren wurde. Kite, der Pförtner, der sich erboten hatte, das Gepäck des Gastes in dessen Wohnung zu tragen, berichtete, Jericho habe seine beiden ramponierten Lederkoffer umklammert und sich geweigert, sie aus der Hand zu geben, und das, obwohl er so blaß und mitgenommen aussah, daß Kite bezweifelte, ob er es schaffen würde, ohne Hilfe die Wendeltreppe hinaufzukommen.

Dorothy Saxmundham, die Aufwartefrau, sah ihn als nächste, als sie am folgenden Tag zum Saubermachen erschien. Er lag gegen die Kissen gelehnt und starrte hinaus in den Schneeregen, der über den Fluß hinwegpeitschte, und er drehte nicht einmal den Kopf, sah sie nicht ein einziges Mal an, schien überhaupt nicht zu wissen, daß sie da war, der arme Mann. Dann war sie im Begriff, einen seiner Koffer beiseite zu schieben, und er fuhr hoch wie der Blitz - »Bitte, rühren Sie den nicht an, vielen Dank, Mrs. Sax, vielen Dank« - , und fünfzehn Sekunden später stand sie wieder draußen auf dem Flur.

Er hatte nur einen Besucher: den Collegearzt, der zweimal zu ihm kam, jeweils ungefähr eine Viertelstunde blieb und dann wortlos wieder verschwand.

In der ersten Woche nahm er sämtliche Mahlzeiten in seinem Zimmer ein - nicht, daß er viel aß, wie Oliver Bickerdyke, der in der Küche arbeitete, berichtete; er brachte ihm dreimal täglich ein Tablett hinauf, nur um es eine Stunde später nahezu unberührt wieder abzuholen. Bickerdykes großer Coup, der für mindestens eine Stunde Gesprächsstoff am Kohleofen in der Pförtnerloge lieferte, bestand darin, daß er den jungen Mann bei der Arbeit an seinem Schreibtisch überraschte, mit einem Mantel über dem Schlafanzug, einem Schal und Handschuhen. Normalerweise hielt Jericho die schwere äußere Eichentür seines Arbeitszimmers fest geschlossen  - er hatte höflich darum gebeten, sein Tablett draußen abzustellen. Aber an diesem speziellen Morgen, sechs Tage nach seiner dramatischen Ankunft, stand sie einen Spaltbreit offen. Bickerdyke klopfte ganz bewußt so leise an, daß kein lebendes Wesen, vielleicht mit Ausnahme einer grasenden Gazelle, es hätte hören können, und schon war er über die Schwelle und bis auf einen Meter an seine Beute heran, bevor Jericho sich umdrehte. Bickerdyke hatte gerade noch Zeit, Stapel von Papieren wahrzunehmen (»mit Zahlen und Schaltplänen und griechischen Buchstaben und so«), bevor die Arbeit hastig zugedeckt und er hinausgescheucht wurde. Von da an war die Tür immer verschlossen.

Als Dorothy Saxmundham am nächsten Nachmittag Bickerdykes Geschichte hörte, wollte sie sich nicht übertrumpfen lassen und fügte ein eigenes Detail hinzu. Mr. Jericho hatte eine kleine Gasheizung in seinem Wohnzimmer und einen Kamin in seinem Schlafzimmer. In diesem Kamin, den sie am Morgen saubergemacht hatte, war offensichtlich Papier verbrannt worden.

»Könnte die Times gewesen sein«, meinte Kite dazu. »Ich lege ihm jeden Morgen ein Exemplar vor die Tür.«

Nein, erklärte Mrs. Sax. Es war nicht die Times. Die Zeitungen lagen noch gestapelt neben dem Bett. »Er scheint sie nicht zu lesen, soweit ich sehen konnte. Er löst nur das Kreuzworträtsel.«

Bickerdyke meinte, er könnte Briefe verbrannt haben. »Vielleicht Liebesbriefe«, fügte er mit anzüglichem Grinsen hinzu.

»Liebesbriefe? Der? Kann ich mir nicht vorstellen.« Kite nahm seinen uralten Bowler ab, inspizierte die abgeschabte Krempe und setzte ihn bedächtig wieder auf seinen kahlen Kopf. »Außerdem hat er keine Briefe bekommen, keinen einzigen, seit er hier ist.«

Und so sahen sie sich zu dem Schluß gezwungen, daß das, was Jericho im Kamin verbrannt hatte, seine Arbeit war - so geheime Arbeit, daß niemand auch nur Bruchstücke ihres Abfalls sehen durfte. Mangels eindeutiger Fakten wurden nun endlose Vermutungen angestellt. Er war ein Wissenschaftler im Dienst der Regierung, entschieden sie. Nein, er arbeitete für den Geheimdienst. Nein, nein - er war ein Genie. Er hatte einen Nervenzusammenbruch. Seine Anwesenheit in Cambridge war ein Staatsgeheimnis. Er hatte Freunde in hohen Positionen. Er war von Mr. Churchill empfangen worden. Er war vom König empfangen worden ...

Und mit all diesen Spekulationen lagen sie absolut und vollkommen richtig, nur hatten sie nicht das Glück, es zu erfahren.

 

Drei Tage später, am Freitag morgen, dem 26. Februar, erhielt das Geheimnis neue Nahrung.

Kite sortierte die Morgenpost und verteilte einen kleinen Haufen von Briefen auf die wenigen Fächer, deren Besitzer noch im College wohnten, als er auf nicht nur einen, sondern drei Umschläge mit der Aufschrift T. R. G. Jericho Esq. stieß, die ursprünglich c/o The White Hart Inn, Shenley Church End, Buckinghamshire, adressiert und an das King's College nachgesandt worden waren. Einen Augenblick lang war Kite verblüfft. War der merkwürdige junge Mann, für den sie sich eine so exotische Identität ausgedacht hatten, in Wirklichkeit der Geschäftsführer eines Lokals? Er schob sich die Brille auf die Stirn, hielt den Umschlag auf Armeslänge von sich und schaute blinzelnd auf den Poststempel.

Bletchley.

An der hinteren Wand der Pförtnerloge hing eine alte Karte des dicht besiedelten, von Cambridge, Oxford und London begrenzten Dreiecks von Südengland. Bletchley war ein Eisenbahnknotenpunkt genau in der Mitte zwischen den beiden Universitätsstädten, und Shenley Church End war ein winziges Nest ungefähr sechs Kilometer nordwestlich davon.

Kite betrachtete den interessantesten der drei Umschläge. Er hob ihn an seine knollige, von blauen Äderchen durchzogene Nase. Er roch daran. Er hatte mehr als vierzig Jahre lang Post sortiert und erkannte die Handschrift einer Frau auf dem ersten Brief: klarer und säuberlicher, schwungvoller und weniger kantig als die eines Mannes. Auf dem Gaskocher hinter dem Ofen...

»Die intelligente Maschine und ihre noch intelligentere Überlistung - ein Thriller der Extraklasse!«
 
»Brillant konzipiert und ausgeführt.«

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