Aurora

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Februar 2013
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10829-8 (ISBN)
 
Als der britische Historiker Kelso Einzelheiten über ein bislang unbekanntes Notizbuch Stalins zugespielt bekommt, wittert er eine Sensation. Kurze Zeit später wird der Informant ermordet, und es beginnt eine lebensgefährliche Jagd, die Kelso quer durch Russland führt.

Auf geniale Weise verbindet Robert Harris wie schon in "Vaterland" und "Pompeji" historische Fakten und Fiktion.


  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,76 MB
978-3-641-10829-8 (9783641108298)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Seine Romane »Vaterland«, »Enigma«, »Aurora«, »Pompeji«, »Imperium«, »Ghost«, »Titan«, »Angst«, »Intrige«, »Dictator«, »Konklave«, »München« und zuletzt »Der zweite Schlaf« wurden allesamt internationale Bestseller. Seine Zusammenarbeit mit Roman Polanski bei der Verfilmung von »Ghost« (»Der Ghostwriter«) brachte ihm den französischen »César« und den »Europäischen Filmpreis« für das beste Drehbuch ein. Die Verfilmung von »Intrige« - wiederum unter der Regie Polanskis - erhielt auf den Filmfestspielen in Venedig 2019 den großen Preis der Jury, den Silbernen Löwen. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire.

1. Kapitel


Olga Komarowa von der Rosarchiv, der Russischen Archivbehörde, drängte und scheuchte, einen zusammenklappbaren rosa Regenschirm schwingend, ihre erlauchten Gäste durch das Foyer des Ukraina auf die Drehtür zu. Es war eine alte Tür aus schwerem Holz und Glas, zu eng, um mehr als einen Menschen gleichzeitig aufzunehmen, also stellten sich die Wissenschaftler in der trüben Beleuchtung in einer Reihe auf, wie Fallschirmspringer über dem Zielgebiet, und wenn sie an ihr vorbeikamen, tippte Olga jedem von ihnen mit ihrem Schirm leicht auf die Schulter und zählte sie einen nach dem anderen ab, bevor sie in die eisige Moskauer Luft hinausbefördert wurden.

Franklin Adelman von der Yale University machte den Anfang, wie es ihm von Alters und Status wegen zukam. Ihm folgte Moldenhauer vom Bundesarchiv in Koblenz mit seinem albernen doppelten Doktortitel - Dr. Dr. Karl Moldenhauer -, dann die Neomarxisten, Enrico Banfi aus Mailand und Eric Chambers von der London School of Economics, dann der große kalte Krieger Phil Duberstein von der New York University, des weiteren Ivo Godelier von der École normale supérieure, gefolgt vom mürrischen Dave Richards vom St Antony's, Oxford - ein weiterer Sowjetologe, dessen Welt in Trümmern lag -, dann Velma Byrd vom Nationalarchiv der Vereinigten Staaten, darauf Alastair Findlay vom Department of War Studies in Edinburgh, der noch immer glaubte, die Sonne schiene aus Stalins Arschloch, dann Arthur Saunders von Stanford und schließlich der Mann, wegen dessen Verspätung sie zusätzliche fünf Minuten im Foyer hatten warten müssen  - Dr. C. R. A. Kelso, allgemein Fluke genannt.

Die Tür schlug hart gegen seine Hacken. Draußen hatte sich das Wetter verschlechtert, und es schneite ein wenig. Winzige Flocken, hart wie Sandkörner, peitschten über die breite graue Straße und landeten in seinem Gesicht und auf seinem Haar. Am unteren Ende der Vortreppe, in einer Wolke aus den eigenen weißen Abgasen zitternd, stand ein klappriger Bus bereit, um sie zum Tagungsort zu bringen. Kelso blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden.

»Großer Gott, Fluke«, rief Adelman fröhlich, »Sie sehen einfach grauenhaft aus.«

Kelso dankte mit schwach erhobener Hand. Er sah ein paar Taxifahrer in Steppjacken, die vor Kälte von einem Fuß auf den anderen traten. Arbeiter mühten sich damit ab, eine Rolle Blech von der Ladefläche eines Lastwagens herunterzuheben. Ein koreanischer Geschäftsmann mit einer Pelzmütze fotografierte eine Gruppe von zwanzig anderen, die alle ähnlich gekleidet waren. Aber von Rapawa keine Spur.

»Dr. Kelso, bitte, wir müssen schon wieder auf Sie warten.« Der Schirm schwenkte vorwurfsvoll in seine Richtung. Er beförderte die Zigarette in den Mundwinkel, schwang sich die Tasche auf die Schulter und bewegte sich auf den Bus zu.

»Ein ramponierter Byron« - so hatte eine Sonntagszeitung ihn genannt, als er seinen Lehrstuhl in Oxford aufgegeben hatte und nach New York gegangen war, und die Beschreibung war nicht ganz unzutreffend -, lockiges schwarzes Haar, zu lang und zu dicht, um gepflegt auszusehen, ein feuchter, ausdrucksvoller Mund, bleiche Wangen und der Widerschein eines gewissen Ruhms. Wenn Byron nicht in Missolunghi gestorben wäre, sondern die folgenden zehn Jahre damit verbracht hätte, Whisky zu trinken, zu rauchen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten und entschlossen jede körperliche Betätigung zu vermeiden, dann hätte er vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit mit Fluke Kelso gehabt.

Er hatte seine üblichen Klamotten an: ein verblichenes blaues Baumwollhemd, dessen oberster Knopf offenstand, eine nachlässig geknotete und leicht besudelte Krawatte, einen schwarzen Kordanzug mit einem schwarzen Ledergürtel, über den sein Bauch ein wenig hervorquoll, mit einem roten Baumwolltaschentuch in der Brusttasche, braune, leicht abgetragene Wildlederschuhe, einen alten blauen Regenmantel. Das war sozusagen Kelsos Uniform, an der sich seit zwanzig Jahren nichts geändert hatte.

»Junge« hatte Rapawa ihn genannt. Das Wort war für einen Mann in mittleren Jahren wie Kelso gleichermaßen absurd und dennoch seltsam zutreffend. Junge.

Die Heizung im Bus lief auf Hochtouren. Niemand redete viel. Er saß ziemlich weit hinten für sich allein und rieb auf der beschlagenen Scheibe herum, während sie die Zufahrt hinaufruckelten, um sich in den Verkehr auf der Brücke einzufädeln. Auf der anderen Seite des Ganges wedelte Saunders ostentativ Kelsos Rauch fort. Unter ihnen, im verdreckten Wasser der Moskwa, schlich ein Schlepper, auf dessen Achterdeck ein Kran montiert war, träge stromaufwärts.

Er wäre beinahe nicht nach Rußland gekommen. Das war der Witz an der Sache. Er wußte sehr genau, wie es sein würde: das schlechte Essen, das belanglose Gerede, die ganze verdammte Langeweile des akademischen Lebens - wo immer mehr über immer weniger geredet wurde. Genau deshalb hatte er Oxford den Rücken gekehrt und war nach New York gegangen. Aber irgendwie war aus den Büchern, die er eigentlich schreiben sollte, bisher nichts geworden. Und außerdem hatte er noch nie der Verlockung Moskaus widerstehen können. Selbst jetzt, in dem muffigen Bus im Mittwochs-Stoßverkehr, konnte er hinter der verdreckten Scheibe die Gewalt der Geschichte spüren: in den dunklen und umbenannten Straßen, den riesigen Mietskasernen, den gestürzten Denkmälern. Hier war sie stärker als an jedem anderen ihm bekannten Ort; sogar stärker als in Berlin. Das war es, was ihn immer wieder nach Moskau zog - die Art, wie die Geschichte zwischen den verrußten Gebäuden hing gleich Schwefel nach einem Blitzschlag.

Sie glauben, alles über den Genossen Stalin zu wissen, stimmt's, mein Junge? Aber ich kann Ihnen versichern: Sie haben nicht die geringste Ahnung.

Kelso hatte seinen kurzen Vortrag über Stalin und das Archiv am späten Nachmittag des Vortages gehalten, und zwar in seinem wohlbekannten Stil: ohne Notizen, eine Hand in der Hosentasche, wie aus dem Stegreif, provokant. Die russischen Gastgeber hatten erfreulich entsetzt dreingeschaut. Ein paar Leute hatten sogar den Saal verlassen. Also, alles in allem ein wahrer Triumph. Hinterher, als er, wie nicht anders zu erwarten, völlig allein dastand, hatte er sich dazu entschlossen, zu Fuß ins Ukraina zurückzukehren. Es war ein langer Weg, und es wurde bereits dunkel, aber er brauchte die frische Luft. Und irgendwann - er konnte sich nicht mehr erinnern, wo es gewesen war; vielleicht in einer der kleinen Straßen hinter dem Institut oder vielleicht auch später, auf dem Nowy Arbat -, irgendwann hatte er gespürt, daß ihm jemand folgte. Es war nichts Greifbares, nur der flüchtige Eindruck von etwas, das er schon zu oft erlebt hatte - das Flattern eines Mantels oder das Auftauchen eines Kopfes aus der Menge -, aber Kelso war in der schlimmen alten Zeit oft genug in Moskau gewesen, um zu wissen, daß man sich in diesen Dingen nur selten irrte. Man wußte immer, wenn ein Film nicht ganz synchron lief, und sei es nur um Bruchteile; man wußte immer, wenn jemand sich für einen interessierte, und sei es noch so unwahrscheinlich; und man wußte immer, wenn man von jemandem beschattet wurde.

Er war gerade in seinem Hotelzimmer angekommen und spielte mit dem Gedanken, die Minibar zu inspizieren, als man von der Rezeption anrief, um ihm mitzuteilen, daß ein Mann im Foyer warte, der ihn sprechen wolle. Wer? Er wollte seinen Namen nicht nennen, Sir. Aber er war überaus hartnäckig und wollte nicht gehen. Also war Kelso, wenn auch widerstrebend, hinuntergefahren und hatte Rapawa vorgefunden, in einem der Kunstledersessel des Ukraina vor sich hinstarrend, in einem papierdünnen blauen Anzug, aus dem die Unterarme wie dünne Besenstiele herausragten.

»Sie glauben, alles über den Genossen Stalin zu wissen, stimmt's, mein Junge...?« Das waren seine ersten Worte gewesen.

Und in dem Moment fiel es Kelso auch wieder ein, wo er den alten Mann zum ersten Mal gesehen hatte: bei dem Symposium, in der ersten Reihe der für das Publikum bestimmten Sitze, wo er über seine Kopfhörer aufmerksam die Simultanübersetzung verfolgt und bei jeder feindseligen Erwähnung von J. W. Stalin murmelnd heftigen Widerspruch eingelegt hatte.

Wer bist du? dachte Kelso, während er durch die schmutzige Scheibe schaute. Ein Spinner? Ein Schwindler? Die Antwort auf ein Gebet?

 

Das Symposium würde zur großen Erleichterung Kelsos mit dem heutigen Tag zu Ende gehen, Gott sei Dank. Es wurde im Institut für Marxismus-Leninismus abgehalten  - einem orthodoxen Tempel aus grauem Beton, in der Breschnew-Ära geweiht, mit Marx, Engels und Lenin in gigantischen Basreliefs über dem säulengeschmückten Eingang. Das Erdgeschoß war an eine Privatbank vermietet worden, die inzwischen pleite gegangen war, was den Eindruck der Verwahrlosung noch verstärkte.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von ein paar gelangweilt aussehenden Miliz-Leuten überwacht, fand eine kleine Demonstration statt - vielleicht hundert Leute, meist ältere, aber auch ein paar Jugendliche mit schwarzen Mützen und Lederjacken waren dabei. Es war die übliche Mischung aus Fanatikern und Schlechtmachern - Marxisten, Nationalisten und Antisemiten. Rote Fahnen mit Hammer und Sichel hingen neben schwarzen, mit dem Zarenadler bestickten Fahnen. Eine alte Dame trug ein Bild von Stalin; eine andere verkaufte Kassetten mit Marschliedern der SS. Ein älterer Mann, über den ein aufgespannter Schirm gehalten wurde, redete über ein Megaphon zu den Leuten; seine Stimme ein metallisch verzerrtes Plärren. Eine kostenlose Zeitung mit Namen Aurora wurde...

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