Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne

Vom Sinn und Unsinn mit Kindern
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Januar 2018
  • |
  • 253 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-4988-7 (ISBN)
 
Andrea Harmonika leidet unter emotionaler Inkontinenz, faltet Jugendliche im Schwimmbad zusammen und zieht in ihrer Freizeit liebevoll Gemüse groß, das ihre Kinder dankend ablehnen. Manchmal fragt sie sich, ob aus ihnen wirklich verpimpelte Sitzpinkler werden, wenn sie auf jeden Kratzer ein Piratenpflaster klebt und findet, dass früher alles anders, und nicht besser war.

Brüllend komisch und mit schmerzlich hoher Treffsicherheit nimmt die 2-fache Mutter jeden noch so wunden Punkt ihrer Elternschaft aufs Korn. Ein Muss für alle Eltern und solche, die es werden wollen.

"Bei ihren Texten hat man oft Tränen in den Augen - meistens vor Lachen, manchmal vor Rührung, aber jedes Mal treffen sie mitten ins Herz."

Danielle Graf von "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn."
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Deine Mudda - ein Pressedrama


Neulich schrieb der dänische Familientherapeut Jesper Juul in der Huffington Post: »Um fruchtbare und tragfähige Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern aufzubauen, müssen die Erwachsenen die Führung übernehmen.« Er sprach von Gleichwürdigkeit und Fürsorge, von »dialogbasiertem Miteinander« und einer emphatischen Führungskultur, die idealerweise nicht nur in Familien, sondern auch in Kindergärten und Schulen, Sportvereinen und Unternehmen praktiziert werden sollte.

So weit, so wichtig, dachte deine Mutter, als sie den Artikel aufmerksam las. Im Gegensatz allerdings zur Huffington Post, die Juuls Artikel über Elternschaft in ihrer Facebook-Vorschau mit der Überschrift: »Renommierter Erziehungswissenschaftler rechnet mit Softie-Müttern ab« bewarb.

Überraschen tut das deine Mutter aber nicht. Immerhin werden schon seit Jahren auf ihre Kosten Klicks generiert. Aber warum nerven sie eigentlich ständig Gott, die Welt und andere Medien? Denn egal, was sie tut, ihr grottenschlechtes Image haftet an ihr wie Kinderkacke und Klischeekaffee.

»Schön is dit nich«, las sie zum Beispiel in der Taz, weil es überall, wo sie mit ihren Kindern auftaucht (»Eins im Wagen, eins am Wagen und eins im Bauch«), ungemütlich wird. Vor allem in Kaffeehäusern. Denn dort sitzt deine Mutter am liebsten und packt als Erstes ihre »Euter« und anschließend eine »Thermoskanne und Kekse fürs Kind« aus.

Und wenn deine Mutter dann doch mal was bestellt, dann ordert sie immer »Hackfleischsuppe ohne Hack« und droht Cafébesitzerinnen erst mit einem allergischen Schock und anschließend mit dem Anwaltsehemann.

Dem ist das egal, weil »der natürlich längst was anderes am Laufen hat«, während seine schäbige Jack-Wolfskin-Olle (»Wie die aussehen! Man könnte würgen, wer geht denn über so wat noch drüber?«) an ihrer Sojalatte nippt und sich fragt, welchen Kiez-Parkplatz sie als Nächstes in eine begrünte »Begegnungszone« umwandeln kann.

Deine Mudda ist so dumm, die schmeißt Spagetti an die Wand und hält sich für Spiderman.

Die Zuger Woche mag deine Mutter auch nicht. Allerdings nicht, weil sie den Prenzlauer Berg auf dem Gewissen hat, sondern weil sie zum Stillen immer zu Ikea fährt. Jeden Mittag hockt sich deine Mutter nämlich dort zur Primetime ins Restaurant, statt ihrem unappetitlichen Hobby auf der Toilette (oder im fensterlosen Stillzimmer neben der Kackwindeltonne) zu frönen.

Immer knöpft sie sich »demonstrativ ihre Bluse auf« und hält jedem, der bei drei nicht auf einem Pax-Korpus sitzt, ihre Köttbullar unter die Nase. Und natürlich ist sie immer gleich beleidigt, sobald anderen Leuten beim Anblick ihrer »Milchtüten« oder »tropfenden Nippelbretter«, wie es in den Kommentarspalten beim Stern so gerne heißt, das Mittagessen wieder hochkommt.

Des Weiteren verabredet sich deine Mutter ständig mit anderen Müttern, um dann mit »einer Armee aus Buggys, Zwillingswagen und Dreirädern den städtischen Fußgängerverkehr lahmzulegen«. Dabei könnte deine Mutter ihren Nachwuchs doch einfach bei einer »fürsorglichen Verwandten oder Nachbarin abgeben«, bevor sie aus dem Haus geht oder in die Stadt zum Shoppen fährt. Das würde nämlich, so die Autorin, »das Leben zwischen Müttern und allen anderen Menschen« erheblich vereinfachen.

Google Earth hat angerufen: Deine Mudda steht im Weg.

Als wäre die körperliche Präsenz deiner Mutter nicht bereits Thema genug. Zum Beispiel in der Bunten, die deine schwimmende Promi-Mutter nach 18 Goldmedaillen, vier Weltrekorden und zwei Söhnen so genüsslich auf ihre Waage gezerrt hat.

Oder aber in der Bild, wo eine berühmte »Neu-Mami« ihr erstes After-Baby-Body-Interview gab. »Wie schafft sie das nur?« wurde die schweizerisch-italienische Moderatorin gleich in der Überschrift gefragt. Allerdings ging es bei der Frage nicht, wie bei ersten After-Baby-Body-Interviews üblich, um Stuhlgang oder Dammnaht, sondern um die Tatsache, dass die prominente Wöchnerin bereits »vier Tage nach der Geburt unter ihrem pinkfarbenen Kleidchen nur noch ein winziges Mini-Bäuchlein« präsentierte.

Deine Mudda ist so fett, wenn die sich auf 'ne Waage stellt, zeigt die deine Handynummer an.

Die Zeitschrift Inside findet da schon deutlichere Worte. »Schenkel-Schande« nennt sie es, sobald deine Mutter nicht mehr für sich selbst in der Kinderabteilung bei H&M shoppen kann. Von »Wabbel-Wellen« und »Dellen-Drama« ist die Rede, und die ganz normale Falte, die sich beim Gehen über der Kniescheibe bildet, wird zur »Knie-Katastrophe« erhoben. Und wenn die Inside deiner Mutter nicht gerade ein »Furchen-Fiasko« diagnostiziert, dann warnt ihre Zeitschriftschwester im Geiste namens Shape sie eindringlich vor Stress beim Sex. Pardon, vorm Kopfkissen. Denn »Kissen sind unsere Feinde und haben beim Sex nichts zu suchen«, weil sie den schwächsten Punkt deiner beischlafenden Mutter offenbaren: ihr Doppelkinn.

Deine Mudda ist so hässlich, die arbeitet beim FBI als Blendgranate.

Deshalb staunte deine Durchschnittsmutter, die vier Tage nach der Geburt ein bisschen mehr als nur ein Doppelkinn auf die Bunte-Waage bringen würde, auch nicht schlecht, als der Stern ihr unterstellte, sie würde »mit forty-something am liebsten bauchfrei tragen«. Dass sie sich mehr Sorgen um ihre Taille als um die Gesundheit ihrer Kinder mache (»Ihre geringste Sorge ist, dass ihre Kinder zu dick werden. Die kommen mit Croissants über die Runden und meistens ohne Frühstück in die Schule, weil ihre schlanken Mütter auch erst am Mittag die Mikrowelle anwerfen.«)

Das wiederum macht deine Mutter stutzig. Immerhin weiß zu diesem Zeitpunkt doch bereits die halbe Welt (und die halbe Bild), dass sie von »schadstofffreien Lebensmitteln« besessen sei, dass sie alles über »böse Umweltgifte« und »ungesunde Tiefkühlkost« wüsste und »zum Kindergeburtstag nur noch Dinkelstangen« auftische.

Und wenn deine Mutter zum Einkaufen nicht gerade täglich zum »15 Kilometer entfernten Biobauern« radeln würde, dann stünde ein »vollgetankter SUV in der Garage«, mit dem sie ihre Kinder nachmittags in all jene Vereine fahren würde, von denen sie selbst als Kind nur träumen konnte.

Dafür habe sie schließlich auch jede Menge Zeit, denn: »Sie ist wieder da«, titelte der Spiegel. Die Hausfrau, ein »Lebensmodell, das plötzlich wieder ein Comeback feiert«. Und zwar ein recht unseliges, wie sich herausstellen sollte.

Deine Mudda heißt Zonk und wohnt in Tor 3.

Denn obwohl deiner hochqualifizierten Mutter »alle Türen offen« gestanden hätten, und sie aus einer »Fülle an Möglichkeiten« hätte wählen können, habe sie den »roten Teppich«, den ihr die Arbeitswelt nach der Geburt ihres Kindes ausgerollt habe, ausgeschlagen. Deine Mutter würde nämlich neuerdings lieber zu Hause bleiben, wo sie »Parkett verlegt« oder »selbstgemachten Ketchup in handbeschriftete Retro-Gläser« füllt. Schließlich sei das Leben »so viel schöner, wenn sich alles nur um Kindererziehung und gepunktete Servietten« drehen würde.

Da wundert sich deine Mutter beim Lesen aber schon, dass ihr Leben mit Trotzphasen und Tischdeko erfüllt sei. Vielleicht beginnt sie aber auch in ihrem Gedächtnis nach dem roten Teppich zu kramen, den man ihr angeblich ausgerollt habe, nachdem sie auf der Arbeit ihre Schwangerschaft gebeichtet hatte.

Vielleicht wundert sich deine Mutter aber auch, dass die permanent zitierte Hausfrau immer »eine promovierte Chemikerin« sein soll, »die zu Hause Frau Doktor am Herd spielt«, wie die Zeitschrift EMMA es nannte.

Immerhin sitzen die meisten Mütter, denen deine Mutter in ihrem Alltag begegnet, hinter der Anmeldung einer Arztpraxis. Oder sie schneiden gegen Mindestlohn Haare und binden Blumenkränze, mit denen andere dann ihr Eigenheim veredeln.

Deine Mudda steht vor KIK und schreit: »Ich bin billiger!«

»Dumm« sei deine Mutter, wetterten EMMA und Spiegel weiter, dass sie »nicht an ihre Rente« denken würde. Dabei hat deine Mutter ihre Rente doch gar nicht vergessen. Nur lässt es sich so schlecht Rente machen, wenn man nicht 60 Stunden die Woche außerhalb der eigenen vier Wände schuftet.

Dabei wäre das doch »alles kein Problem«. »Frauen, hört auf zu jammern«, wurde an deine Mutter appelliert, denn »das Zeitfenster, in dem eure Kinder ein Händchen zum Laufen oder einen Fahrdienst zum Seepferdchenkurs benötigen, ist doch verhältnismäßig klein.« Deine Mutter könnte doch locker nach »fünf, sechs Jahren Familienzeit den Fokus wieder verstärkt auf den Job legen«. Idealerweise mit »Mitte 40« in einem »30-Stunden-Job«.

Doch leider habe deine Mutter darauf einfach keine Lust, weil »das heißluftblasende Marketing, die trockene Jurawelt oder die moralisch schwer vertretbare Bankkundenberatung« für sie »in der heimeligen Familienblase« an Anziehungskraft verloren habe.

Deine Mudda ist so faul, dass sie Sätze nicht zu Ende

Ob deine Mutter wirklich »mit 60 eine Heimveredlerin im Ruhestand« sein wolle, fragt der Spiegel, und deine Mutter denkt: »Um Pinterests willen, nein!« Hochmotiviert springt sie vom Bauteppich auf und klopft sich - endlich wachgerüttelt - den...

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