Die dunkle Horde

Ein Trolle-Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Dezember 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11340-7 (ISBN)
 
Dunkler, fieser, gefährlicher - Christoph Hardebusch erfindet die Trolle neu!

Vergesst alles, was ihr bislang über Trolle zu wissen glaubtet! In seinem gewaltigen neuen Epos dreht Christoph Hardebusch die Uhr weit in die Vergangenheit zurück und erzählt die finstere Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der mächtigen Trolle. In einer Zeit, als Dunkelheit noch das Antlitz der Erde bedeckt und Menschen ein fernes Gerücht sind, steigt ein Troll-Häuptling zu ungeahnter Macht auf. Sein Ziel: die Unterwerfung aller anderen Völker. Doch schon bald regt sich Widerstand, und ein alles vernichtender Krieg bricht aus.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,71 MB
978-3-641-11340-7 (9783641113407)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2

Ruk kannte den Tod. Er war ihm schon oft begegnet. Er hatte ihn über andere gebracht, auf der Jagd und im Kampf. Er hatte ihm ins Antlitz geblickt. Manchmal in das gefühllose von Naturgewalten, von Schnee und Eis, von Steinschlag und Unwettern, die selbst Berge erbeben ließen. Manchmal in das rasende von Feinden, von Beute, von Kriegern. Immer war die Fratze des Todes hässlich gewesen. Der Tod war ein alter Bekannter für Ruk, hatte den Troll sein Leben lang begleitet. Das war einfach Teil seiner Existenz, und er nahm es so hin.

Doch jetzt verspürte er Zorn in sich. Einen seltsamen, ohnmächtigen Zorn, den er so noch nie erlebt hatte. Nicht auf Feinde, sondern auf … worauf eigentlich? Es dauerte einen Herzschlag, bis es ihm bewusst wurde. Auf alles!

Es war dunkel in der Höhle, es schien gerade noch genug Licht von dem weit entfernten Eingang herein, dass Ruk die anderen Trolle sehen konnte. Er kniete zwischen ihren Leibern, und sein schneller werdender Atem war das einzige Geräusch. Er war der einzige lebende Troll.

Tief in seinem Innern wünschte er, dass sie im Kampf gefallen wären. Doch seinen Augen bot sich ein anderes Bild. Sie lagen zusammengekauert, hier und da noch die Gliedmaßen umeinandergeschlungen. Der Tod war langsam zu ihnen gekommen, hatte sich zwischen sie gelegt. Hunger, Kälte, Schwäche. Er hatte die Kraft aus ihren Armen gezogen und den Willen aus ihrem Geist. Bis sie sich schlafen legten, um nie mehr aufzuwachen.

Ruk kannte alle ihre Namen. Es war eine kleine Sippe gewesen, kaum ein Dutzend, mit kleinen Höhlen weit oben im Gebirge. Trad hatte ihr Anführer geheißen, der dort näher am Eingang halb zusammengesunken an die Wand gelehnt kauerte, fast so, als würde er jeden Moment aufstehen und Ruk begrüßen. Manchmal waren sie zum Handel in das Tal hinabgestiegen oder um einer Versammlung beizuwohnen. Er erinnerte sich an einen Scherz, den er mit ihnen geteilt hatte, eine Geschichte, die sie erzählt hatten. Das war nun alles, was von ihnen geblieben war.

Nur zwei von ihnen fehlten. Junge, starke Jäger. Sind sie ein letztes Mal auf die Pirsch gegangen? Sollten sie Hilfe holen? In Ruks Geist tauchte das Bild zweier weiterer Toter auf, irgendwo an der Flanke des Berges, halb unter Schnee begraben.

Ruks Zorn wuchs. Trolle sollten nicht so sterben!

Für einen Moment verharrte Ruk noch, dann erhob er sich. Es gab nichts, was er tun konnte. Die wenigen Vorräte hatte die Sippe aufgebraucht, und auch sonst besaß sie nichts von Wert, was er hätte tragen können. Die Leichen waren gefroren und ohnehin zu viele, als dass Ruk sie aus der Höhle hätte schaffen können, und er konnte sich nicht die Zeit nehmen, sie unter Steinen zu begraben.

»Sollte es wärmer werden, kehre ich zurück«, murmelte er ein Versprechen, von dem er jetzt schon ahnte, dass er es kaum würde halten können. Es war ihm, als ob die Toten seinen Worten lauschten. Vielleicht wussten sie, dass bis zum Frühling längst irgendein Aasfresser die Höhle gefunden haben würde. Oder auch nicht – hier oben gab es nicht mehr viel, und die Sippe würde alles erjagt haben, was sie entdecken konnte. Gäbe es hier noch Beute, wären sie nicht so gestorben.

Langsam schritt Ruk aus der Höhle. Er spürte die Blicke der Toten in seinem Nacken, ob verstehend oder anklagend, konnte er nicht sagen.

Obwohl die Sonne bereits tief stand und nur noch wenig Licht spendete, blendete sie seine Augen, die sich an das Dämmerlicht der Höhle gewöhnt hatten. Er verengte sie zu Schlitzen, auch weil es gegen den beißenden Wind half, der gnadenlos über die Berge pfiff.

Hoch über ihm thronte der Gipfel des Alten Scharfzahns, von dem Schnee in einer nie endenden Wolke in den Himmel geweht wurde. Aber wenigstens war der Himmel klar, abgesehen von wenigen dünnen, schnell ziehenden Wolken. Mit einem Unwetter war heute Nacht nicht zu rechnen, auch wenn das Wetter so weit oben in den Bergen schnell umschlagen konnte.

Kalt würde es dennoch werden, noch kälter als jetzt. Ruk konnte es bereits in seinen Knochen fühlen. Ihm stand ein langer, dunkler, einsamer Abstieg bevor, aber er wollte nicht in der Höhle mit den Toten bleiben, auch wenn das sicherlich die vernünftigere Entscheidung gewesen wäre.

Vor dem Tod hatte Ruk keine Angst; er kannte ihn gut. Aber er war dort drin gewesen, und wer wusste schon, ob er nicht noch dort lauerte? Ruk wollte ihn nicht herausfordern. Es war besser, die Höhle hinter sich zu lassen.

So machte der Troll sich auf den Weg.

Als die Sonne drei Nächte und Morgen später wieder hoch am Himmel stand, erreichte Ruk die ersten Ausläufer seines Stammesgebiets. Er hatte zu wenig geschlafen. Sich nur hier und da, verborgen in Felsspalten, einige Momente der Ruhe gegönnt. Eile schien ihm geboten, und er hatte sich gegen den eisigen Wind gestemmt, um schnell zu seinem Stamm zu gelangen. Die bittere Kälte nagte an ihm; sie war immer schlimmer, wenn man hungrig war. Aber nur noch ein paar tausend Schritt, und er würde an ein Feuer kommen, das die Kälte vertreiben würde. Fast noch wichtiger jedoch war, dass er seine Geschichte erzählen konnte, damit die Toten nicht mehr zentnerschwer auf seinem Geist lasteten.

Allein der Gedanke an Gesellschaft beschleunigte seine Schritte und ließ die Erschöpfung in den Hintergrund treten. Bald folgte er einem kleinen Bach, der nun schon einige Monde fast vollständig zugefroren war, bis er die Höhleneingänge als dunkle Schatten im Fels sehen konnte.

Dann bemerkte er die Trolle. Sie standen auf dem Plateau vor der großen Höhle. Ruk hob den Arm, wollte rufen, da fiel ihm auf, dass es viele waren. Zu viele. Er duckte sich und zählte. Es waren mindestens fünfzig, vermutlich mehr. Entweder waren alle Jagdtrupps zurückgekehrt, und so ziemlich alle Trolle seines Stammes hatten sich versammelt, oder dort waren Fremde.

Vorsichtig ging Ruk weiter. Es gab keine Kämpfe und keinen Lärm, der Anblick wirkte vorerst friedlich, aber er traute der Ruhe nicht. Erst als er Einzelheiten erkennen konnte und sah, dass viele aßen und tranken und redeten, schwanden seine Sorgen langsam.

»Ruk!«

Ksisa, eine junge Jägerin, hatte ihn als Erste bemerkt und hob den Arm. Er erwiderte den Gruß. Unvermittelt sahen fast alle zu ihm. Ruk ließ den Arm sinken und schob das Kinn vor. Unter den teils erwartungsvollen, teils prüfenden Blicken schritt er in die Mitte der Versammlung, wich keinem von ihnen aus, vor allem nicht jenen der Fremden. Er musterte sie ebenso wie sie ihn.

Es waren hauptsächlich junge Trolle, Jäger allem Anschein nach. Ein Geruch von blutigem Fleisch hing in der Luft, ließ seine Eingeweide vernehmlich rumpeln.

»Gut, dass du zurück bist. Hast du sie gefunden?« Akken trat vor. Der Anführer des Stammes war einen guten Kopf größer als Ruk, und auf seinem Leib zeugten viele Narben von seinen Jagden und Kämpfen. Bei einigen von ihnen war Ruk dabei gewesen, und er kannte die Kraft und Geschicklichkeit des älteren Trolls wie auch seine Schläue und Gerissenheit.

»Sie sind tot«, entgegnete Ruk leise. »Der Winter hat ihnen ein grausames Ende bereitet.«

Eigentlich hatte sich der Stamm Hilfe von der Sippe versprochen, dringend benötigte Vorräte, die das Überleben sichern würden, doch die schlechte Nachricht wurde seltsam ruhig aufgenommen.

Akken nickte, als habe er sie bereits erwartet. Er drehte sich um, bückte sich und hielt ein großes Stück frischen Fleisches in den Pranken, das er Ruk hinhielt, als er sich ihm wieder zuwandte. »Du musst hungrig sein. Iss, dann berichte uns genauer.«

Obwohl ihm das Wasser im Mund zusammenlief, hielt sich Ruk zurück. Das Fleisch glänzte verlockend in der Sonne, die für den Augenblick sogar die Kälte vertrieben hatte.

»Wer sind diese Trolle?«, fragte er leise.

Akken öffnete den Mund, doch an seiner statt antwortete eine fremde Stimme: »Ich bin Israk.«

Ein großer Troll trat aus der Menge hervor und hob die Hand. Er war nicht so groß wie Akken, aber größer als Ruk. Sein Haar war kurz geschoren, was ihn als Jäger auswies, und Ruk konnte ihm ansehen, dass er ein guter Jäger war. Aber da war noch mehr. Er schien aus der Schar der Trolle hervorzustechen, zog Ruks gesamte Aufmerksamkeit auf sich.

Israk nickte Ruk zu und deutete auf die fremden Trolle. »Das ist mein Stamm. Und du bist Ruk. Ich habe von dir gehört. Dein Stamm kann froh sein, dich zu haben.«

Ruk antwortete nicht, sondern nahm das Fleisch und hieb seine Hauer hinein. Der Geschmack war köstlich. Fast so gut wie die erste Beute, die er selbst erlegt hatte. Das letzte Mal hatte er vor vielen Nächten frisches Fleisch gehabt. Seitdem hatte sein Stamm nur noch Vorräte aufgebraucht und von den wenigen Flechten, Pilzen und Knollen gelebt, die sie noch gefunden hatten.

»Wir haben deinem Stamm Geschenke mitgebracht«, erklärte Israk, als Ruk sich mit dem Handrücken über den verschmierten Mund fuhr und das Blut von seiner Haut leckte.

Ruk schluckte einen großen Bissen kaum gekaut herunter und widerstand dem Drang, mehr Fleisch in sich hineinzustopfen. Stattdessen betrachtete er Israk genauer. Die Haut des Trolls war von einem hellen Grau, seine beiden Hörner nicht lang, aber ansehnlich gewunden. Ruk bemerkte einige Narben an seinen Armen. Lange, dünne Striemen, wie man sie nur selten sah. Möglicherweise von scharfen Waffen fremder Völker hervorgerufen. Israk bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, wie sie nur wenige Trolle ausstrahlten. Doch hinter der Ruhe nahm Ruk eine...

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