Das japanische Desaster

Fukushima und die Folgen
 
 
Verlag Herder
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2011
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-451-33909-7 (ISBN)
 
Erdbeben, Tsunami und Reaktor-Gau - das hochtechnisierte Japan ist über Nacht in ein Katastrophengebiet verwandelt worden. Fukushima steht für die Unkontrollierbarkeit einer Risikotechnologie und hat tiefgreifende politische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse auch in Deutschland hervorgerufen. Das Schicksal und die Tapferkeit der japanischen Bevölkerung wecken weltweit größte Anteilnahme, der Wiederaufbau des Landes wird Jahre, Jahrzehnte andauern.

Johannes Hano befand sich zufällig in Japan, als Erdbeben und Tsunami das Land trafen, und hat über Wochen praktisch rund um die Uhr für das ZDF berichtet. Sein Buch ist einmal eine Chronologie der Ereignisse. Es beleuchtet aber auch die Hintergründe der Katastrophe und spricht über die zu erwartenden Folgen und die zukünftige Entwicklung. Denn entgegen der gegenwärtigen Nachrichtenlage ist bspw. die Situation in Fukushima noch immer hochgefährlich und wird es noch Monate, wenn nicht Jahre bleiben.

Johannes Hano erlebte viele bewegende Begegnungen und erschütternde Ereignisse, die sein Buch zu einem authentischen und packenden Bericht über eines der prägendsten Ereignisse des 21. Jahrhunderts machen.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,52 MB
978-3-451-33909-7 (9783451339097)
3451339099 (3451339099)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Johannes Hano, geb. 1963, Studium von Politikwissenschaft und Recht. Seit 1994 beim ZDF. Seit Januar 2007 ist er Leiter des ZDF -Studios Peking. Für seine Berichterstattung aus dem von Erdbeben, Tsunami und die Reaktorkatastrophe betroffenen Japan erhielt er 2011 den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus. Ebenfalls 2011 erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis ("Blauer Panther") für seine TV-Dokumentation Chinas Grenzen.
  • [Titelinformationen]
  • [Impressum]
  • Vorwort
  • Prolog
  • Freitag, 11. März 2011
  • 14:46 - 17:00 Uhr
  • 17:00 - 24:00 Uhr
  • Samstag, 12. März 2011
  • 00:00 - 07:00 Uhr
  • 07:00 - 16:00 Uhr
  • 16:00 - 00:00 Uhr
  • Sonntag, 13. März 2011
  • Montag, 14. März 2011
  • 00:00 - 11:00 Uhr
  • 11:00 - 24:00 Uhr
  • Dienstag, 15. März 2011
  • 00:00 - 08:00 Uhr
  • 08:00 - 00:00 Uhr
  • Osaka
  • Mittwoch, 16. März 2011
  • Wer ist Tepco?
  • Donnerstag, 17. März 2011
  • Was ist ein Sievert?
  • Freitag, 18. März 2011
  • Die Reisen in den Norden
  • Yamagata
  • Minamisanriku
  • Kesenuma
  • Tokio
  • Die Folgen
  • Fukushima
  • Iitate
  • Epilog
  • Danksagung
  • [Informationen zum Buch]
  • [Informationen zum Autor]

Prolog


ES IST DER 9. März 2011, sechs Uhr abends, Flughafen Narita, Tokio. Aufatmen. Frische Luft, Freiheit. Nach Japan kommen wir alle gerne, die wir in Peking leben und arbeiten. Keine lästigen Visaformalitäten, keine willkürlichen Festnahmen, keine Selbstkritiken, die man schreiben muss, keine Stasischläger, die die Mitarbeiter malträtieren, keine Zensur, die einem vorschreibt, was man lesen darf und was nicht. Seit die Diktaturen in Nordafrika fallen, sind sie in China besonders nervös, behindern unsere Arbeit, laden uns vor oder bestellen uns ein, um uns wie kleine Kinder zu behandeln, uns zu drohen oder uns Dinge zu erzählen, an die sie wohl selbst nicht wirklich glauben können. Und jetzt Japan. Welch ein Glück, dass ich auch hier ein Büro habe, ein sehr kleines, aber immerhin. Zufluchtsort, wenn es in China mal wieder besonders viele Probleme gibt, wenn ich Abstand brauche, damit meine Berichterstattung nicht unter meinem Ärger leidet. Raus aus dem Psychostress, entspannen, einfach mal einen schönen Film machen; über japanische Sumoringer zum Beispiel, und dabei der Frage nachgehen, was diese dicken Männer für die japanische Seele bedeuten. Gerade wurde unter viel öffentlicher Anteilnahme zum ersten Mal seit tausend Jahren ein großes Sumo-Turnier, das Haru-Basho, abgesagt. Heimliche Videomitschnitte hatten belegt, dass viele der großen Kämpfe gekauft sind, und zur Gewissheit gemacht, was viele schon immer wussten: dass nämlich die japanische Mafia, die Yakuza, den Sport beherrscht. Meine japanische Producerin Fuyuko Nishisato und meine Assistentin Lilo Ohgo hatten schon einige Dreh- und Interviewtermine organisiert, was in dieser zwielichtigen Welt nicht so einfach ist. Aber auf die beiden ist Verlass. Die nächsten Tage wollten wir in einer Sumo-Schule für Kinder drehen, ausgemusterte Ringer treffen, die uns helfen sollten, an die wirklich großen Jungs heranzukommen; die Ex-Ringer betreiben mittlerweile Restaurants, deren Ernährungsziel es kurz gesagt ist, gesund fett zu werden, um auf Wettkampfgewicht zu kommen. Wir wollten mit einem Shinto-Priester über die Geschichte und die kulturelle Bedeutung dieses, für uns Westler doch sehr merkwürdig anmutenden Sports sprechen. Einsteigen in eine andere Welt. Wie hatte ich mich nach dem Ärger in China darauf gefreut. Für den 11. März abends hatte ich dann noch eine Einladung der "Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens". Ich sollte dort meine Dokumentation zeigen, die ich im vergangenen Jahr produziert hatte - "Chinas Grenzen"; 20.000 Kilometer waren wir entlang der Grenzen Chinas gefahren und hatten dabei ein Land entdeckt, das die meisten Menschen so nicht kennen. Im Anschluss daran sollte dann noch eine Diskussion stattfinden mit Volker Stanzel, dem deutschen Botschafter in Japan und langjährigen Botschafter in China. Doch zu alldem kam es nicht.

Die folgenden Tage und Wochen wurden für meine Mitarbeiter und mich zu der größten körperlichen und psychischen Herausforderung unseres Lebens. Todesangst gehört in unserem Job, der uns oft in Kriegs- oder Krisengebiete führt, leider dazu. Und die meisten Kollegen, die im Laufe des März zur Verstärkung nach Japan geschickt wurden, kannten dieses Gefühl, das einen von innen aufzufressen droht; wenn man sich nicht mehr sicher ist, ob man seine Frau, seinen Mann und seine Kinder wiedersehen wird. Aber in den meisten Fällen hat man als Journalist zumindest die Illusion, dass man aus eigener Kraft der Gefahr, dem Tod entkommen kann. Wir sind es gewohnt, Risiken ein- und abzuschätzen und uns Informationen zu besorgen, die uns dabei helfen. Aber dieses Mal war alles anders.

Der Schlag traf Japan, uns alle, die wir da waren, so plötzlich, so unvorbereitet und so hart, dass uns nur noch ein letztes Hoffen blieb. Ausgeliefert, völlig machtlos warteten wir auf unser Schicksal, darauf, was der liebe Gott mit uns vorhat, ob das Hochhaus, in dessen 13. Stock unser Büro liegt, einstürzt oder nicht. Es waren vier, fünf Minuten voller Konzentration darauf, Angst und Panik nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, in dem Bewusstsein, dass wir es selbst nicht mehr in der Hand hatten, ob wir überleben. Unser Haus und die anderen Hochhäuser, die wir aus den Fenstern sehen konnten, bewegten sich wie Grashalme im Wind.

Kurz nach dem ersten Schlag dann die Tsunamiwarnung aus den Lautsprechern auf den Straßen und immer wieder schwere Nachbeben. Unsere Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Und das Schlimmste stand uns zu diesem Zeitpunkt noch bevor.

Etwa 250 Kilometer weiter nordöstlich begann sich - zunächst völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit - eine Katastrophe zu entwickeln, die bis heute anhält, die nach wie vor die Gefahr birgt, dass ganze Landstriche Japans Hunderte, vielleicht Tausende Jahre nicht mehr bewohnbar sein werden. Der nukleare Notstand, den die japanische Regierung am Abend des 11. März 2011 ausrufen musste, gab diesem Tag für mich eine religiöse Dimension: Da draußen ist etwas, das man nicht hören, riechen, fühlen oder sehen kann, das sofort tötet oder einem langsam und in vielen Jahren die Organe mit Krebs zerfrisst. Man weiß nicht, ob es erst kommt oder schon wieder gegangen ist. Das Schlimmste aber: Es pflanzt eine Angst, die droht, dich von innen aufzufressen, ohne dass es überhaupt bei dir war - es ist das absolut Böse.

Die Angst und Verunsicherung bei vielen Kollegen war so groß, dass wir es ihnen freistellten in Japan zu bleiben. Mehrere Kollegen nahmen das Angebot an, kaum in Tokio angekommen, in die Heimat zurückzufliegen. Viele internationale Unternehmen evakuierten ihre ausländischen Angestellten und deren Familien. Die Deutsche Schule wurde geschlossen, das Abitur in Deutschland gemacht, und die deutsche Botschaft verlegte sich bis Ende April komplett in das etwa 800 Kilometer südlich von Fukushima gelegene Osaka. Als am 15. März nach den Reaktorblöcken 1 und 3 auch noch die Reaktorblöcke 2 und 4 des Atomkraftwerkes Fukushima Daiichi explodierten, entschied ich, dass auch wir Tokio vorübergehend Richtung Osaka verlassen.

Zu diesem Zeitpunkt war völlig unklar, was eigentlich genau passiert war, wie groß die Schäden an den Reaktorkernen waren, ob es eine radioaktive Wolke geben würde, es zur Massenpanik kommen würde, zu Hamsterkäufen. Seit Beginn der Katastrophe und eigentlich bis heute gibt es immer wieder sich widersprechende Meldungen, deren Quellen meist die Betreibergesellschaft Tepco oder die japanischen Behörden sind und waren. Hieß es gleich zu Beginn, die Atomkraftwerke, auch die in Fukushima, seien nach dem schweren Beben planmäßig heruntergefahren worden, wurde noch am Abend plötzlich der nukleare Notstand ausgerufen. Mal hieß es, die Situation sei bei einem Reaktor außer Kontrolle, dann bei allen wieder unter Kontrolle. Es sei möglicherweise zu einer Kernschmelze gekommen, nein, doch wohl eher nicht, die Kühlsysteme würden versagen, aber die Notkühlung über Dieselgeneratoren würde wieder funktionieren, nein, doch nicht, und immer so weiter.

Wir rätselten, ob die Verantwortlichen wirklich nicht wussten und wissen, was sich gerade in den Reaktoren abspielt, und vieles spricht genau dafür, oder aber, ob sie auf jede schlechte Meldung ein paar gute folgen ließen, um die Menschen langsam auf den Super-GAU vorzubereiten, sozusagen daran zu gewöhnen. Viele Menschen, wenn nicht die meisten in Japan, hatten nämlich noch überhaupt nicht begriffen, was da auf sie zukam, waren ganz von den apokalyptischen Zerstörungen, die der Tsunami hinterlassen hatte, gefangen. Viele hatten Freunde, Verwandte, Angehörige oder Kollegen in den Fluten verloren, eine meiner Mitarbeiterinnen ihre beste Freundin. Die 25.000 Toten, die Städte und Dörfer, die komplett ins Meer gespült worden waren, wogen mehr als die paar Reaktoren, um die sich diejenigen kümmerten, die das am besten konnten und seit Jahrzehnten taten - dachten viele. Dass es sich bei der Betreibergesellschaft Tepco um eine Firma handelt, die in der Vergangenheit immer wieder Zwischenfälle runtergespielt oder verschwiegen und sogar Wartungsberichte gefälscht hatte, das war den meisten zu diesem Zeitpunkt gar nicht klar. Tepco, das war doch ein wichtiges Unternehmen, das gute, zivile Kernenergie lieferte, damit die japanische Wirtschaft wachsen konnte und in den schwül-warmen Sommermonaten die Klimaanlagen funktionierten. Für uns aber war relativ schnell klar, dass weder Tepco noch die japanische Regierung irgendetwas unter Kontrolle hatten - und dafür musste man kein Atomphysiker sein: explodierende Reaktorgebäude, hilflose Kühlversuche aus der Luft mit Hubschraubern, die entweder ihre Wasserlast überall abließen, nur nicht dort, wo sie gebraucht wurde, nämlich auf den Reaktoren, oder sich gleich ganz zurückziehen mussten, weil die Strahlung zu stark war. Dann Kühlversuche mit einem Wasserwerfer der Polizei, dem einzigen weit und breit, denn Demonstrationen oder gar gewalttätige Proteste gibt es in Japan so gut wie nicht. Und spätestens als die US-Navy ihre Schiffe, die sie zur Unterstützung der Rettungsmaßnahmen nach dem Erdbeben und dem Tsunami geschickt hatte, aus Angst vor radioaktiver Strahlung aus dem Gebiet abzog, klingelten bei uns alle Alarmglocken. Dass sich in den Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi der Super-GAU zumindest anbahnte, war für uns offensichtlich - alles deutete darauf hin, aber wir wussten mit Sicherheit eigentlich gar nichts. Wir mussten lernen, zwischen den Zeilen all der öffentlichen Verlautbarungen zu lesen und zu...

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