Antoine de Saint-Exupéry

Der melancholische Weltenbummler. Eine Biografie
 
 
Orell Füssli Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. November 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-280-03806-2 (ISBN)
 
Ganz anders als Walt Disney zähmte er die Schwermut, anstatt sie zu vertreiben, thematisierte Angst und Freundschaft, Liebe und Tod. Bis heute begeistert Antoine de Saint-Exupéry ein millionenfaches Publikum mit Werken wie "Südkurier", "Wind, Sand und Sterne", "Flug nach Arras" und "Der kleine Prinz". Doch wer war der Mann, der am 31. Juli 1944 so plötzlich vom Flugzeughimmel verschwand?

Detailliert und einfühlsam zeichnet Joseph Hanimann in der bislang umfangreichsten literarischen Biografie das Leben und Denken des verträumten Abenteurers nach und präsentiert ihn als Humanisten einer ganz neuen Art.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 3,70 MB
978-3-280-03806-2 (9783280038062)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Joseph Hanimann , geb. 1952 in Chur, ist ein in Paris lebender Kulturkorrespondent und Essayist. Seine Artikel und Reportagen erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Heute schreibt er für die Süddeutsche Zeitung. 2011 erhielt er den renommierten »Berliner Preis für Literaturkritik«.
  • Cover
  • Kurztitel
  • Titel
  • Copyright
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Zauberland Kindheit
  • Irrwege
  • Wahlheimat Wüste
  • Neue Horizonte
  • Turbulenzen
  • Im Labyrinth der Politik
  • Unter Menschen und Sternen
  • Zur Front!
  • Exil
  • Ein Außerirdischer
  • Heimkehr in die Fremde
  • Sandfluten
  • Zwischenbilanz eines Erbstreits
  • Anmerkungen
  • Bibliografie
  • Rückseite

Zauberland Kindheit

Diese Welt der Kindheitserinnerungen in unserer Sprache und der erfundenen Spiele wird mir immer viel wahrer vorkommen als die andere.1

Zutraulicher Blick, verhuschte Langeweile hinter einer ziellosen Neugier, hellwache Zurückhaltung, herausfordernde Fügsamkeit. Etwas stimmt nicht in diesem Bild. Zwischen den Kinderfotos der frühen Jahre auf Schloss Saint-Maurice-de-Rémens und den nachträglichen Textschilderungen der Geschwister Saint-Exupéry zeigt sich ein Widerspruch. Läuft in den später niedergeschriebenen Erinnerungen den Kindern Antoine und Simone beim Spiel auf dem geheimnisvollen Dachboden oder im abenteuerlich weitläufigen Schlosspark die Zeit immer davon, ist sie auf den Fotos seltsam erstarrt. Auch wo sie nicht im Studio entstanden, wirken diese Bilder unter den hohen Linden, im Gras, am Parktor, auf der Schlosstreppe gestellt: herausgeschnitten aus dem Zeitfluss, der aus jahrhundertealter, standesbewusster Traditionsgewissheit Zukunft ganz selbstverständlich mit Vergangenheit verknüpfte. Das Geschlecht der Saint-Exupérys, das ursprünglich aus der Gegend des Limousin stammt, reicht bis in die Epoche der Kreuzzüge zurück und hat sich im sechzehnten Jahrhundert mit dem späteren Königsgeschlecht der Bourbonen gekreuzt. Die Familie de Fonscolombe, aus der Antoines Mutter kommt, war im achtzehnten Jahrhundert zum provenzalischen Amtsadel aufgestiegen. Wenn diese Adelsgesellschaft um 1900 sich der aufgekommenen Mode von Kinder- und Familienfotos hingab, tat sie dies mit einem unfreiwilligen Eingeständnis. Sie, die im Unterschied zu dem in Second Empire und Dritter Republik erst salonfähig gewordenen Bürgertum nichts mehr zu beweisen hatte, stellt sich auf diesen Bildern in der Pose ihres Abgangs dar. Alter Geist und neues Medium kommen nicht mehr zusammen.

Diese Diskrepanz bestimmte den Werdegang des Flugpiloten mit dem Kopf in den Sternen, des Mechanikers mit dem Schreibstift in der anderen Hand, des von Häuslichkeit träumenden Abenteurers, des humanistischen Märchenonkels mit Sturzhelm. Die schriftlich überlieferten Zeugnisse wissen von den ersten vierzehn Lebensjahren Antoine de Saint-Exupérys trotz dem frühen Tod des Vaters bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs fast nur von Glück zu berichten, vorab aus den langen Sommermonaten. Von Baumhütten ist da die Rede, von Erkundungstouren mit dem Fahrrad, Streifzügen zum Bach, von Dösen im Heuschober, Naschorgien im Obstgarten, Gesellschaftsspielen, Plauderstunden abends im Salon zwischen Onkeln, Tanten, Cousins im Anwesen von Saint-Maurice-de-Rémens, in der Gegend des Bugey nordöstlich von Lyon. Gemeinsames Zelebrieren von Muße. Das Zepter führte Antoines verwitwete Urgroßtante Gabrielle de Lestrange, Comtesse de Tricaud, eine 1833 geborene Dame mit einem halben Dutzend Dienstleuten um sich her.

Die fünf Geschwister Saint-Exupéry um 1907. Antoine ist der 2. von rechts.

Auf einem anderen Familiensitz, im südfranzösischen Château de La Môle mit den mittelalterlich anmutenden Rundtürmen, pflegte Charles Boyer de Fonscolombe, Baron de la Môle, Antoines Großvater mütterlicherseits, als pensionierter Inspecteur des finances sein Grundstück und seine Leidenschaft für die Musik. Die beiden Schlösser Saint-Maurice-de-Rémens und La Môle boten den Rahmen für Antoine de Saint-Exupérys erste Lebensjahre. Durch die posthum veröffentlichten Kindheitserinnerungen »Fünf Kinder in einem Park«2 von Antoines Schwester Simone de Saint-Exupéry wie durch die einschlägigen Stellen im Werk des Autors selbst klingt fast pausenlos ein Lachen, Spaßmachen, verspieltes Erkunden von Welt und Gesellschaft drinnen im Haus wie draußen in der Natur.

Wenn der Schriftsteller, gemäß seinem berühmt gewordenen Ausspruch, aus seiner Kindheit stammt »wie aus einem Land«3, dann sind die erhaltenen Fotos die entsprechenden Passbilder dazu: starre, stumme Zeugnisse dafür, wie da jemand gerade mal stillhält. Mit dem immer selben sauberen Matrosenhemd, dem keinem Kamm gehorchenden blonden Haarschopf, dem fragend am Objektiv vorbeischauenden Blick verrät hier ein Sechsjähriger schon einen undurchdringlichen Ernst hinter seinen Träumen, Märchen und Scherzen. Antoine de Saint-Exupéry wird als ein Mitbegründer einer neuen Lebenseinstellung seines Jahrhunderts in die Geschichte eingehen, die sich trotz Weltkriegen und anderen Katastrophen aus der Erfahrung des Tragischen verabschiedete und im Erwachsenen am liebsten das Kind ansprach - wenn auch ziemlich anders als mit der ständigen Heiterkeit, die aus den Kreationen eines Altersgenossen, des ein Jahr nach ihm geborenen Walt Disney, strahlt.

Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Entenhausen und dem Planetensystem des Kleinen Prinzen. Bei beiden sind Tiere allgegenwärtig, Menschen kennen weder Rassen- noch Kulturgrenzen, Götter bleiben abwesend, Wörter können nicht lügen, Pflanzen haben Gefühle und drücken Wahrheit aus. Wird Schwermut aber beim einen verscheucht, wird sie beim anderen eher gezähmt. Das lässt sich biografisch allein nicht erklären. Antoine de Saint-Exupérys Kindheit strahlte von Glück. Selbst der Tod, der dem Vierjährigen jäh den Vater und dem Siebzehnjährigen dann den einzigen Bruder raubte, wurde durch die umsorgende Gegenwart der Frauen - Mutter, Urgroßtante, Tanten, Ammen, Schwestern - aufgefangen und hinterließ im Werk wie in den Lebenszeugnissen des Schriftstellers nur vereinzelte Spuren.

Die Ehe von Antoines Eltern Jean de Saint-Exupéry und Marie Boyer de Fonscolombe wurde nach aristokratischer Sitte von der erwähnten Gabrielle de Lestrange, Gräfin von Tricaud, einer Großtante der Mutter, eingefädelt. Die stämmige Dame in Schwarz teilte seit dem Tod ihres Gatten ihr Leben zwischen der vornehmen Stadtwohnung in Lyon an der Place Belcour im Winter und dem Schloss Saint-Maurice-de-Rémens zwischen Jura und Rhônetal während den Sommermonaten. Ihre Großnichte Marie de Fonscolombe, Antoines Mutter, sollte standesgemäß eine gute Partie machen, obwohl sie aus ihrer Familie auf keine nennenswerte Mitgift zählen konnte. 1875 auf Schloss La Faurie in der Ardèche geboren, war sie im väterlichen Château de La Môle bei Saint-Tropez aufgewachsen, das ihr zwar keinen materiellen Reichtum, wohl aber Lebenslust, geistige Selbständigkeit, künstlerische Anregung geboten hatte und dessen Bäume sie, ihrem Erinnerungsbuch »J'écoute chanter mon arbre« nach zu schließen, noch im hohen Alter rauschen hörte. Die Fonscolombes, wie auch die Romanets de Lestrange, die beiden Stammlinien Maries, waren kulturinteressierte und kunstliebende Geschlechter, aus denen zwischen Provence und Mittelmeer seit dem achtzehnten Jahrhundert Musiker, Maler, Schriftsteller, Gelehrte, Kunstsammler hervorgingen. Maries Großvater Emmanuel Boyer de Fonscolombe war Kapellmeister in Aix-en-Provence, Komponist und Mitglieder der Academia di Santa Cecilia in Rom. Ihr Vater Charles Boyer de Fonscolombe, Baron de La Môle, komponierte ebenfalls und hielt seine Kinder zum Zeichnen, Musizieren oder Schreiben an.

Die Übersiedlung der elfjährigen Marie als Internatsschülerin ins Institut Sacré-Coeur in Lyon war eine Idee der Gräfin von Tricaud gewesen, die sich fortan des Mädchens annahm. So lag es nahe, dass die Großtante sich für die junge Frau dann auch nach einem geeigneten Gatten umschaute. Sie kam auf den 1863 geborenen Jean de Saint-Exupéry, einen jungen Mann mit Offiziersausbildung aus einem berühmten, ursprünglich in Zentralfrankreich angesiedelten Haus des Militär- und Besitzadels. Die Saint-Exupérys hatten sich im Lauf der Jahrhunderte nach Süden und Westen ausgebreitet, hatten alte Besitztümer verkauft und neue erworben. Die Französische Revolution brachte diese wie die meisten Adelsfamilien in materielle Bedrängnis. Jean-Baptiste de Saint-Exupéry, Antoines Urgroßvater, war Offizier unter dem Restaurationskönig Ludwig XVIII. und tauschte als geschäftstüchtiger Mann sein Schloss in der Nähe von Cahors gegen ein Weingut im Bordelais. Sein Sohn Fernand, Comte de Saint-Exupéry, hatte sich als Sous-Préfet im Zweiten Kaiserreich fürs Ancien Régime stark gemacht, was er damit bezahlen musste, dass die Dritte Republik nach dem Sturz Napoleons III. für ihn keine Verwendung mehr fand. Er übersiedelte nach Le Mans und wurde für die Versicherungsgesellschaft Le Soleil tätig. In diese Versicherung trat dann auch sein Sohn Jean ein, Antoines Vater, und für sie kam er in den neunziger Jahren als Inspektor nach Lyon.

Im Salon der Comtesse de Tricaud, der zu den angesehensten zählte in Lyon, lernte Jean die kaum zwanzigjährige Marie kennen. Die beiden gefielen einander, nicht zuletzt wohl deshalb, weil ihre Familien das so wollten. Das alte Offiziers- und Beamtengeschlecht der Saint-Exupérys aus dem Westen und der Kunstliebhaberclan der Fonscolombes aus dem Süden trafen sich...

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