Mein Jahr in der Niemandsbucht

Ein Märchen aus den neuen Zeiten
 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Oktober 2018
  • |
  • 628 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76049-9 (ISBN)
 

Eine waldige Vorstadtgegend. Ein Jahrzehnt dort. Dann das Jahr. Sieben ferne Freunde. Eine verschwundene Frau. Wer? Wer nicht? Wo? Wo nicht? Der Bahnhofsplatz mit dem Baum, worin die Vögel schlafen. Die Bar der Reisenden. Die Jahreszeiten. Die Pilze. Die Wanderarbeiter. Die Nachbarn. Die Grillen, Kriege, Vulkanausbruch, heiße Quellen. Ein Steinmetz aus dem Mittelalter. Ein kleinlicher Prophet. Das Kind namens Vladimir. Die Fabel vom Lärmmacher, der gesteinigt wird von den Ureinwohnern. Die blaue russische Kirche am Waldrand. Und dann das Wiedersehensfest mit den Freunden in einer Winterrauhnacht kurz vor dem neuen Jahr.

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
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  • Deutschland
Suhrkamp
  • 3,14 MB
978-3-518-76049-9 (9783518760499)
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Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann.

Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr (1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013).

Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016).

Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy.

Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.«

2019 wurde Peter Handke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

 
 
 
 
 
Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren. Diese war mir davor ein bloßes Wort gewesen, und als sie damals anfing, nicht gemächlich, sondern mit einem Schlag, hielt ich sie zunächst für mein Ende. Sie traf mich als Todesurteil. Plötzlich fand sich an meiner Stelle kein Mensch mehr, statt dessen ein Auswurf, für den es, im Unterschied zu der bekannten Alt-Prager Groteske, nicht einmal die Flucht in die wenn auch noch so schrecklichen Bilder gab. Die Verwandlung kam über mich ohne ein Bild, als ein einziges Würgen. Zu einem Teil erstarrte ich. Zum anderen Teil tat ich mit meinem Tag weiter, als ob nichts wäre. So sah ich einmal einen Passanten, von einem Auto in die Luft geschleudert, jenseits des Kühlers auf beiden Füßen landen und mir nichts, dir nichts weitergehen, wenigstens für ein paar Schritte. So hielt einst mein Sohn, als seine Mutter bei Tisch zusammenbrach, gerade bloß für den Moment im Essen inne und kaute nach dem Abtransport des Körpers allein an der Tafel weiter, bis sein Teller leer war. Und ebenso ich, als ich im letzten Sommer von einer Leiter fiel: Sofort stieg ich wieder hinauf, oder versuchte es. Und ebenso wieder ich selber noch vorgestern: Nachdem die zurückspringende Messerklinge, in einem tiefen Schnitt, der mich kurz alle Fleischschichten bis auf den Knochen sehen ließ, mir fast den Schreibfinger abgetrennt hatte, putzte ich, während ich die Hand, auf das Blut wartend, in den Wasserstrahl hielt, mit der andern sorgsam die Zähne.

Jene Epoche meines Lebens wurde bestimmt von dem täglichen Hin und Her zwischen Auswegslosigkeit und seelenruhigem Weitermachen. Weder vorher noch nachher habe ich je Stunden einer solch vollkommenen Ruhe erlebt. Und indem die Tage andauerten und ich, ob panisch oder seelenruhig, bei der Sache blieb, erschien mit der Zeit immer kräftiger an der Stelle des zwischendurch mich weiterwürgenden »Ende« das Ding Verwandlung. Verwandlung wessen? Was für eine Verwandlung? Vorderhand weiß ich nur: Ich habe damals die Verwandlung erlebt. Sie hat mir gefruchtet wie nichts sonst. Viele Jahre schon zehre ich von jener Periode, mit immer frischem Appetit. Nichts kann mir jene Fruchtigkeit aus der Welt räumen. Durch sie weiß ich, was Dasein ist.

Aber seit einiger Zeit warte ich auf eine neue Verwandlung. Ich bin nicht unzufrieden mit dem Verlauf meiner Tage, und sogar froh darüber. Die Art meines Tuns wie meines Nichtstuns entspricht mir im großen und im ganzen, und ebenso auch meine Umgebung, das Haus, der Garten, die abgelegene Vorstadt, die Wälder, die Nachbartäler, die Zuglinien, die kaum sichtbare und um so spürbarere Nähe des großen Paris unten im Seinebecken hinter dem östlichen Hügelwald. In der feinen Stille hier möchte ich möglichst lang bleiben.

Auch mit meiner Arbeit, dem Schreiben, möchte ich, so lang wie ich kann, fortfahren, nur woanders damit ansetzen. Ins Juristentum, dem ich dankbar bleibe, daß mir seine Probleme oft den Kopf belebt haben und seine Denkweisen in vielem eine Vorzeichnung für den Weg in meinen Wunschberuf waren, werde ich nicht mehr zurückkehren, weder in den Wasserturm der Vereinten Nationen von New York noch in die Kanzlei meines Partners mit Blick auf die Weinberge an der österreichischen Südbahn.

Eher noch könnte es mir passieren, mit allem hier, dem Wohnen, Schreiben, Gehen, blindlings aufzuhören. Wie seit je bin ich versucht, von einem Moment zum nächsten nicht mehr weiterzutun, das Spiel abzubrechen und mich fallenzulassen, oder mit dem Kopf gegen eine Mauer zu rennen, oder den Nächstbesten in das Gesicht zu schlagen, oder keinen Finger mehr zu rühren und nie mehr ein Wort zu sagen.

Mein Leben hat eine Richtung, die ich für gut, schön und ideal halte, und zugleich ist das Bestehen eines einzelnen Tages überhaupt keine Selbstverständlichkeit geworden. Das Versagen, an mir, an andern, scheint sogar die Regel. Meine Freunde pflegten dazu zu sagen, ich nähme Kleines zu schwer und sei zu streng mit mir selber. Ich dagegen glaube, daß ich, hätte ich mein lebenslanges ständiges Versagen nicht jedesmal neu überspielt, sondern es auch bloß ein einziges Mal wahrhaben wollen, nicht mehr existieren würde.

Versagt habe ich schon seinerzeit als Junger, sooft ich mich jeweils vor der Zeit aus all den Gesellschaften verdrückte, auf die ich mich dabei doch im voraus gefreut hatte wie weit und breit kein andrer, und mein letztes Versagen kam aus der Idee, meine Arbeit und das Leben mit andern ? warum scheue ich vor dem Wort »Familie«? ? seien nicht nur vereinbar, sondern gehörten im Interesse meiner Tätigkeit auch zusammen. Inzwischen ist mein Haus wieder leer, wohl endgültig. Ich war mit dem Verlassenwerden einverstanden, und zugleich wollte ich mich selber bestrafen. Ich habe wieder einmal versagt, weil ich nicht wußte, oder vergessen hatte, wer ich bin. Bald sechsundfünfzig Jahre alt, kenne ich mich nicht. Und zugleich stieß gerade der Atlantikwind vor meinem Gartenzimmer ins nasse Wintergras.

Die neue Verwandlung möchte ich ohne Qual. Jenes jahrelange Würgen, mit überlichten Augenblicken dazwischen, vor zwei Jahrzehnten, soll sich nicht wiederholen. Mir scheint auch, es kommt dazu nur einmal in einem Leben, und der Betroffene geht daran entweder mit Haut und Haaren zugrunde, oder er verkümmert zum lebenden Toten, zu einem der nicht gar seltenen verzweifelt Bösen ? ich erkenne diese an ihrer Sprache, und sie sind mir nah ?, oder er wird dadurch eben verwandelt.

Zeitweilig dachte ich, mit mir sei damals all das zusammen passiert. Ich schmeckte nach jenem Jahr wie nie das Licht, und zugleich spürte ich den Körper nicht mehr, jedenfalls nicht als den meinen, und daneben erschreckte ich die Welt immer noch mit dem alten Wüten, im Unterschied zu früher jetzt unbarmherzig, zugleich haltlos.

Ich fürchtete, durch das zusätzliche Licht meine unbestimmte Liebe verloren zu haben. Zwar war ich, an der Hand der Stille, der Natur, der Bilder, der Bücher, des Windsausens ebenso wie der dröhnenden Autobahnen, und am stärksten an der Hand von gar nichts, für mich allein immer wieder begeistert, aber ich nahm, außer an den tausendjährigen Steinskulpturen, den zweitausendjahrealten Schreibbotschaften, dem Wehen der Zweige, dem Rieseln des Wassers, dem Sichwölben des Himmels, an nichts mehr so recht Anteil, jedenfalls nach meinem Gefühl viel zu wenig und gar zu selten.

Ich lebte kaum mehr mit meiner Zeit, oder ging nicht mit, und da mir nichts je so zuwider war wie die Selbstzufriedenheit, wurde ich zunehmend gegen mich aufgebracht. Welch ein Mitgehen hatte sich zuvor ereignet, was für eine grundandere Begeisterung war das gewesen, in den Stadien, im Kino, auf einer Busfahrt, unter Wildfremden. War das ein Daseinsgesetz: Kindliches Mitgehen, ausgewachsenes Alleingehen?

Ich freute mich an meinem Alleingehen und war doch bedürftig des Mitgehens; und füllte jene Freude mich einmal aus, entbrannte ich nach den Abwesenden: Ich sollte die Fülle, damit diese gelte, augenblicklich mit ihnen teilen und weiten. Die Freudigkeit in mir konnte nur heraus in Gesellschaft, freilich in welcher?

Indem ich für mich blieb, drohte ich zu verkümmern. Die neue Verwandlung wurde dringlich. Und anders als jene erste, die mich hinterrücks befallen hatte, würde ich sie diesmal selber in Gang setzen. Die zweite Verwandlung stand in meiner Macht. Nicht mit einer Verengung finge sie an, sondern mit meinem entschlossenen und zugleich bedachtsamen Mich-weit-und-weiter-Machen. Nichts Dramatisches wollte ich dabei, rein eine Schritt für Schritt bestimmende Stetigkeit.

Schwebte mir demnach nicht eher ein bloßes Öffnen vor? Sah ich nicht in der Vorstellung eine Folge von Türen, zwar geschlossenen, aber kindereinfach zu öffnenden? Nur: Auch leicht für mich Langjährigen?

Ein Kenner hat den Zustand gewisser Lebewesen an der Schwelle zu ihrer Verwandlung ungefähr folgend beschrieben: Sie hörten auf, zu fressen; suchten, sich zu verbergen; entledigten sich jeden Unrats; seien unruhig.

All das trifft, mehr oder weniger, seit längerem auf mich zu. Durcheinander und Schmutz im Haus fallen mich buchstäblich an; ich habe kaum Hunger mehr; mit dem Leben in der Verborgenheit spiele ich nicht mehr bloß, es erscheint mir für die kommende Zeit als das Gemäße. Insbesondere aber bin ich unruhig. Für das mühelose Türenaufmachen, das mir vor Augen steht, bin ich sonderbar...

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