Mellerts Fälle 3

Der weiße Wal
 
 
BookRix (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. November 2019
  • |
  • 318 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7487-2062-1 (ISBN)
 
Die altgediente DC2 tanzte in der Thermik wie eine wildgewordene Wespe, als sie die Nordseeküste anflogen. Es war eben Ebbe. Unter ihnen breitete sich das Wattenmeer aus, durchzogen von unzähligen mäandernden Kanälchen, die das abfließende Wasser fleißig zu jeder Tide neu anlegte. Die Passagiere, wenn sie denn aus dem Fenster sahen und nicht mit dem Füllen gewisser Tüten beschäftigt waren, erkannten den großen Kanal der Maas bei Hoek van Holland vor Rotterdam in dem sich die Sonne spiegelte. Mellert sah auf. Ihm schmerzten Hintern und Rücken von den harten Bänken auf denen sie sitzen mussten, und der Kopf von dem sonoren Gebrumm der Flugzeugmotoren. Aber schließlich saßen sie in einer Militärmaschine, bei der es eher darauf ankam, dass sie in der Luft blieb, wenn es nötig war und die Passagiere nur kurz in ihr verweilten. Es war das dritte Mal seit 1933, dass er nach Deutschland reiste.
  • Deutsch
  • 1,59 MB
978-3-7487-2062-1 (9783748720621)

Ende Oktober 1946 - Mellert


 

Die altgediente DC2 tanzte in der Thermik wie eine wildgewordene Wespe, als sie die Nordseeküste anflogen. Es war eben Ebbe. Unter ihnen breitete sich das Wattenmeer aus, durchzogen von unzähligen mäandernden Kanälchen, die das abfließende Wasser fleißig zu jeder Tide neu anlegte. Die Passagiere, wenn sie denn aus dem Fenster sahen und nicht mit dem Füllen gewisser Tüten beschäftigt waren, erkannten den großen Kanal der Maas bei Hoek van Holland vor Rotterdam in dem sich die Sonne spiegelte. Mellert sah auf. Ihm schmerzten Hintern und Rücken von den harten Bänken, auf denen sie sitzen mussten, und der Kopf von dem sonoren Gebrumm der Flugzeugmotoren. Aber schließlich saßen sie in einer Militärmaschine, bei der es eher darauf ankam, dass sie in der Luft blieb, wenn es nötig war, und die Passagiere nur kurz in ihr verweilten. Es war das dritte Mal seit dem Ende dieses Krieges, dass er nach Deutschland reiste. Das erste Mal, im Mai 45 war er mit Epsteiner auf "Anschauungsreise" in Berlin gewesen. Das taten damals die alliierten Offiziere gerne, wenn sie es sich leisten konnten. Jeder war neugierig, wie der Hort des Bösen aussah, nachdem der ganze Nazispuk untergegangen war. Im Anschluss fuhren sie sogar zu ihrem ehemaligen Chef, Kriminalrat Gebbert, in der Hoffnung, wieder einmal ein bekanntes Gesicht zu sehen. "Kommen Sie zurück?", fragte sie Gebbert. Sie hatten nichts versprochen, sich nur angesehen und mit den Schultern gezuckt. Wer weiß, was aus diesem Trümmerhaufen wird, hatten sie unausgesprochen nur mit den Augen gesagt und waren seltsam berührt zurückgeflogen. Der eine wieder nach England, der andere, Mellert, an die belgische Grenze, zu seinem Stützpunkt. Im September 45 wurde die Abteilung ganz nach Berlin verlegt. In dieser Woche schleppte er Akten und Möbel in ein unversehrtes Haus in Zehlendorf, das die Army in Beschlag genommen hatte. Bei der Gelegenheit besuchte er ihr Haus in der Nähe und nahm es ebenfalls in Beschlag. Es stand sowieso leer, weil der zwischenzeitliche Bewohner im April 45 Selbstmord begangen hatte.

Bevor der Flieger startete, zog ihn der Pilot zur Seite und erklärte, dass sie bis Arnheim fliegen würden und von dort, nach zwei Stunden Aufenthalt, er blickte dabei stolz auf seine nagelneue Beute-Armbanduhr, weiter nach Hannover. Er müsse dann zusehen, wie er nach Berlin weiterkäme. Mellerts Drei-Sterne-General hatte breit gegrinst, ihm auf die Schulter geschlagen und gemeint, dass er es, wie er Mellert kenne, schon schaffen würde.

Colonel Mellert sah wieder aus dem Fenster. Der Flieger machte eben einen Satz, schien in der Luft zu verharren und fiel dann etliche Meter in die Tiefe, wo er sich wieder abfing. Ein paar dünne Wölkchen flogen am Fenster vorbei. Sein Gegenüber, ein Major, erbrach sich zum fünfundzwanzigsten Male in die Tüte. Mellert befürchtete, dass beim nächsten 'Ausbruch' mehr als nur Magensäure in der Tüte landen würde. Der Major war schon grün im Gesicht. Zum Glück war es in der Militärmaschine so laut, dass er die unangenehmen Geräusche des Reihers nicht hören musste. Er lenkte sich ab, in dem er sich auf das konzentrierte, was von oben zu erkennen war. Und das erfreute Mellert ganz und gar nicht.

In der niedrigen Oktobersonne sah alles leicht vergoldet aus. Der Hafen von Rotterdam zog jetzt unter ihnen vorbei. Er sah Hafenanlagen, Frachter, die entladen wurden oder gerade ein- oder ausliefen. Schlepper dampften emsig auf dem Kanal und Barkassen brachten Docker und Kranführer an ihre Arbeitsplätze. Es war wieder Frieden, und es gab viel zu tun. Die Ruinen des Hafens waren beiseite geräumt, aber die Spuren der Bombardements waren immer noch zu sehen. Langsam näherten sie sich Rotterdam oder dem, was davon übrig geblieben war. Die gesamte Innenstadt war ein einziger grauer Trümmerhaufen, aus dem der mächtige Turm der Laurenskerk und das Het Schielandshuis trotzig herausragten. Mellerts Herz krampfte sich zusammen. Was er in den Wochenschauen und auf seinen Fahrten hinter der Front in Frankreich und Luxemburg gesehen hatte, sah er nun von oben in seiner ganzen Ausdehnung und Brutalität. Wie mag es erst in Deutschland und Berlin aussehen, fragte er sich und gleichzeitig, was will ich eigentlich dort? Er nahm einen Schluck Whiskey aus einem Flachmann, den er immer mit sich trug, wie sein Notizbuch und eine Leica. Er bot ihn auch seinem Gegenüber an, doch der winkte hektisch mit beiden Händen ab und kotzte ein paar Gramm Magenflüssigkeit in die Tüte. Mellert atmete auf. Dann eben nicht! Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und ließ die letzten Jahre wie einen Film vor sich ablaufen.

Oh ja, sie hatten Glück gehabt! Einen riesigen Haufen Glück! Er und Marie und seine beiden Kinder! 1933 waren sie auf Kuba gelandet, als "Erste Klasse Passagiere". Ein "Kaufmann aus Köln" mit seiner Familie auf "Geschäftsreise". Woher die Papiere stammten, wollte Mellert gar nicht wissen, sie waren echt, nur die Personen dahinter nicht. Dann wurden sie "Erste Klasse Flüchtlinge" aus Hitlers Deutschland. Die internationalen Beziehungen Hollaenders, Maries Galeristen, halfen, sie abzuklopfen, auf die Frage, ob sie ihnen nutzen könnten. Und das taten sie dann auch. Mellert wollte irgendetwas tun und so kam er über einen Bekannten Hollaenders zur Fremdenpolizei. Er half bei der Registrierung der Flüchtlinge aus Deutschland, derer es von Tag zu Tag mehr wurden. Alles war dabei; politische und rassisch Verfolgte; Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Künstler, Wissenschaftler, Intellektuelle, Juden. Vor allem Juden, die weiterwollten in die gesegneten USA oder nach Palästina. Mellert registrierte, hörte die Geschichten, die seiner ähnlich waren, er hörte von Verfolgung und Pogromen. Und obwohl er sich nicht vorstellen konnte, wie der Unterdrückungsapparat lief, schätzte er sich glücklich, rechtzeitig dieses Deutschland verlassen zu haben. Es war wirklich nicht mehr sein Land, seine Heimat. Aber hin und wieder fragte er sich, was seine damaligen Kollegen jetzt wohl taten, insbesondere Gebbert. Drei Jahre arbeitete er für die Polizei Kubas, sprach endlich fließend spanisch und lernte nebenbei englisch. Marie malte, Anna-Maria und Paul verzauberten die Nachbarn, mit ihrer offenen Art, den blonden Haaren und ihrem merkwürdig witzigem Spanisch. Eines Abends, kurz vor Feierabend, klopfte es und ein Mann trat in sein Büro. Mellert hatte eben seine Utensilien im Schreibtisch verstaut und den Stapel Flüchtlingsakten bereitgelegt, um ihn an die nächste Stelle weiterzugeben. Er mochte keine Unordnung auf seinem Schreibtisch. Die kubanischen Kollegen zogen ihn gerne damit auf. Ein Deutscher eben! Und lachten freundlich und anerkennend.

"Buenas noches."

Mellert sah unkonzentriert auf. Er war einfach nur müde und wollte nach Hause. Ein kurzer Blick genügte: Das ist kein Flüchtling! Der Mann sah viel zu satt und zufrieden aus, und er verströmte etwas von - genau! Den Typ des Geheimdienstlers, den Mellert schon in Deutschland kennengelernt hatte. Achtung signalisierte sich der Inspektor, Gefahr! "Sie wünschen?", fragte er reserviert, "Wir haben schon Büroschluss."

"Weswegen ich auch bin hier." Der Mann sprach gut Deutsch, aber mit einem starken amerikanischen Akzent. Er setzte sich auf den Stuhl vor Mellerts Schreibtisch, schlug die Beine übereinander, schob seinen Hut, dessen schlichtes grau zu dem ebenfalls in schlichtem grau gehaltenem Anzug passte, in den Nacken. Er trug eine gestreifte Krawatte, den obersten Knopf des Hemdkragens hatte er geöffnet, und einige Schweißtropfen liefen ihm über den Hals. Die Schuhe waren extrateure in einem dezenten braun. Den Typ und den Akzent hatte Mellert in den verschiedenen Restaurants und Bars, die Mellert und Marie gelegentlich besuchten, wenn sie denn Zeit und einen Babysitter hatten, kennengelernt. Es lebten viele Amerikaner in Kuba; Geschäftsleute, Outsider, windige Typen und Gangster. Und natürlich Geheimdienstleute. So viele, wie Gangster! Mellert lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Das hatte er immer so gemacht und es war gut so gewesen. Er schwieg, sah sein Gegenüber gelassen an und - wartete. Der Ventilator blies warme Luft von einer Ecke in die andere. Der Mann holte ein goldenes Zigarettenetui aus der Jacketttasche und steckte sich eine Zigarre in den Mund. "Isch darf doch?", und brannte sie sich umständlich an. Und dann bekam Mellert ein Angebot, von dem er gedacht hätte, dass es das nicht gibt und er nicht wusste, ob er es annehmen konnte.

"Ich muss drüber nachdenken."

"No Problem. Rufen Sie an, wenn Sie es sich haben übergelegt." Eine Visitenkarte wuchs über den Tisch.

 

"Du hast doch noch nicht zugesagt?", fuhr Marie ihn an.

"Nein. Noch nicht."

"Noch nicht? Und DAS willst Du nicht ernsthaft tun?"

"Ich weiß nicht, hilf mir beim Nachdenken."

So war es immer. Er wusste, dass Marie es hasste, wenn er allein eine Entscheidung traf. Nicht einmal, wenn es darum ging, Essen zu gehen oder in ein Tanzlokal oder ins Kino. Er hatte gelernt, dass es besser war, sich vorher mit Marie abzustimmen, oder noch besser, sie...

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