Das Mädchen Jannie

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25235-9 (ISBN)
 
Vom Großvater an Miro verkauft, zieht die elternlose Jannie mit einigen Frauen bettelnd über Land. Sie weiß nicht, ob sie zehn oder schon elf Jahre alt ist, aber sie weiß von Kindern, die in feinen Häusern arbeiten müssen, weil sie für den Straßenstrich zu jung sind. Während Kommissar Klinkhammer sich bemüht, Licht ins Dunkel um sieben verscharrte Kinderleichen zu bringen, gelingt Jannie die Flucht. Sie wird von Dieter auf seinem einsamen Hof aufgenommen und kümmert sich liebevoll um dessen Mutter. Die alte Frau liegt gelähmt und stumm im Bett, mit Augenzwinkern versucht sie Jannie begreiflich zu machen, in welcher Gefahr sie schwebt. Doch Jannie kennt keine Morsezeichen .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 1,20 MB
978-3-641-25235-9 (9783641252359)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Petra Hammesfahr erobert seit Jahrzehnten mit ihren Spannungsromanen die Bestsellerlisten. Die Bücher werden mit Preisen ausgezeichnet und verfilmt, wie auch »Die Sünderin«. Der Roman wurde unter dem Titel »The Sinner« mit Jessica Biel in der Hauptrolle als erfolgreiche US-Fernsehserie produziert und läuft derzeit weltweit auf Netflix.

TEIL 2

Jannies Geschichte

Puzzleteile 9

Klinkhammer hatte sich für elf Uhr mit Grabowski auf dem Parkplatz verabredet, der für Spaziergänger und Wanderer angelegt worden war. Zwar interessierte er sich auch für den beschwerlichen Schleichweg den Hang hinauf. Aber zuerst wollte er die Lichtung in Augenschein nehmen.

Als er auf den Platz fuhr, wartete Grabowski bereits neben seinem Auto und sah aus, als hätte er letzte Nacht nicht viel Schlaf bekommen. Fahle Gesichtshaut, die Augen von dunklen Schatten umrahmt, aber unübersehbar erleichtert, als Klinkhammer ausstieg. Er empfing ihn mit einem festen Handschlag und den Worten: »Als hätte ich es geahnt.«

»Was?«, fragte Klinkhammer. »Dass noch eine Leiche auf der Lichtung abgelegt wird?«

»Das nun nicht.« Grabowski atmete durch. »Aber dass es höchste Zeit wurde, Sie anzurufen. Mit dem Gedanken habe ich schon vor Wochen gespielt, mich nur nicht getraut.«

»Warum nicht?«, fragte Klinkhammer. »Vor drei, vier Wochen hätte ich mehr Zeit gehabt. Und wir beide sind doch immer gut miteinander ausgekommen.«

»Da saßen Sie aber auch noch nicht in Düsseldorf«, erwiderte Grabowski. »Ich wollte nicht den Eindruck wecken, dass ich unser gutes Einvernehmen ausnutze. Vielleicht wollte ich mir auch nicht das Armutszeugnis ausstellen, dass ich mit meinem Latein am Ende war. Ich weiß es nicht. So eine Sache liegt einem wie ein Stein auf der Seele, wenn man damit nicht weiterkommt.«

Er setzte sich in Bewegung. Klinkhammer schloss sich an. Zwei massive Betonpoller verhinderten, dass man mit Autos in den Wald hineinfahren konnte. »Die standen letzten Oktober noch nicht hier«, sagte Grabowski, bevor Klinkhammer eine Bemerkung machen konnte. »Da gab es nur einen Absperrpfosten, der immer am Boden lag. Hatte ich erwähnt, oder?«

»Den Pfosten nicht«, antwortete Klinkhammer. »Aber dass der Weg letztes Jahr befahrbar war.«

»Die Forstarbeiter hatten Schlüssel für den Pfosten. Es war ihnen nur zu mühsam, ihn jedes Mal flachzulegen und wieder aufzurichten. Die Poller habe ich auch erst gestern gesehen, als ich hier ankam. Die KTU-Leute waren stinksauer, weil sie ihren Kram schleppen mussten. Bis zur Lichtung sind es gut und gerne achthundert Meter. Der Bestatter war ortskundig und hatte wohlweislich eine Karre für den Sarg mitgebracht.«

Gemeint war das Bestattungsinstitut, das den Leichentransport zum Rechtsmedizinischen Institut nach Köln übernommen hatte. Klinkhammer fragte sich, ob der Mörder der jungen Frau ebenfalls eine Karre dabeigehabt hatte. Einen blutigen Körper in einer Decke zu transportieren war kein Zuckerschlecken, auch nicht, wenn man zu zweit war. Und davon war auszugehen, zwei Träger. Einen Mörder im rechtlichen Sinne gab es nämlich nicht.

Grabowski nutzte die Strecke, um Klinkhammer über die bisherigen Erkenntnisse der forensischen Untersuchung zu informieren und sich seinen Schock von der Seele zu reden. Der vollständige Obduktionsbefund stand noch aus, aber es gab ein vorläufiges Ergebnis, wie Carmen Rohdecker es versprochen hatte. Und diesem Ergebnis nach war es eben kein besonders scheußlicher Mord gewesen, obwohl Grabowski es immer noch so bezeichnete und es auf den Fotos so ausgesehen hatte.

»Kaiserschnitt«, sagte Grabowski und klang dabei, als würge ihn jemand. »Post mortem ausgeführt von einer Person mit rudimentär vorhandenen medizinischen Kenntnissen, so drückte die Ärztin es aus. Es gab zwei sogenannte Probeschnitte mit einem nicht allzu scharfen Instrument, vermutlich einem Küchenmesser.«

Gestorben war die junge Frau wahrscheinlich am Donnerstagabend oder in der Nacht zum Freitag. Weil niemand sagen konnte, unter welchen Umgebungsbedingungen der Tod eingetreten und wann die Leiche ins Freie geschafft worden war, gab es bezüglich der Zeit nur eine grobe Schätzung. Todesursache war ein massiver Blutverlust, der zum Herzversagen geführt hatte.

»Sie war wohl noch keine zwanzig und hatte eine Fehlstellung der Hüfte«, sagte Grabowski und atmete tief durch, ehe er weitersprach. »Auf normalem Weg hätte sie gar nicht entbinden können. Dem Anschein nach lag das Baby auch noch in Steißlage. Die Person mit rudimentär vorhandenen medizinischen Kenntnissen hat wohl zuerst versucht, es mit den Händen rauszuholen. Ob es dabei oder schon vorher zu einer Ablösung der Plazenta gekommen ist, steht noch nicht fest. Das erfahren wir frühestens am Montag. Ob das Baby lebend zur Welt gekommen ist, kann man auch nicht sagen. Aber davon gehe ich aus, sonst hätten wir gestern wohl zwei Leichen gefunden.«

Klinkhammer hatte schweigend zugehört und fühlte sich in seiner ursprünglichen Einschätzung bestätigt, dass man es mit einer Sippe oder Großfamilie zu tun hatte.

»Wir haben also drei verschiedene Todesarten«, fasste er zusammen. »Krankheit im letzten Juli, ein Gewaltexzess im vergangenen Oktober, jetzt eine Geburt mit Todesfolge. Zweimal hätte man ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen können, tat es aber nicht. Wenn es eine Person mit medizinischen Kenntnissen in der Gruppe gibt, vertraut man offenbar darauf.«

Grabowski nickte nur.

»Die beiden Kuhlen waren Stümperarbeit«, fuhr Klinkhammer fort. »Bei den Totengräbern dürfte es sich um junge, unerfahrene Burschen handeln. Es müssen nicht jedes Mal dieselben gewesen sein. Das Grab des Mannes zeugt von Ehrerbietung, er genoss vermutlich ein gewisses Ansehen in der Gruppe. Ihn hätte auch einer alleine bestatten können. So einen ausgemergelten Körper legt sich ein kräftiger junger Kerl über die Schulter. Bei den Frauen gehe ich von zwei Trägern aus.«

»Ich auch«, sagte Grabowski. Er hatte sich wieder gefangen. »Eine Leiche mit offenem Leib in einer blutigen Decke bis zur Lichtung schleppt nicht einer allein. Einer vorne, einer hinten, jeder mit zwei Deckenzipfeln in den Händen. Aber warum haben sie die Frau einfach abgelegt? Die Oktoberfrau haben sie immerhin unter die Erde gebracht, wenn auch ohne Ehrerbietung. Haben die Burschen die Kinderschüppe verschlampt? Oder hatten sie einfach keine Lust, noch eine Kuhle auszuheben, weil wir die ersten beiden geöffnet und den Inhalt mitgenommen haben?«

»Vielleicht wurden sie gestört, ehe sie sich an die Arbeit machen konnten«, meinte Klinkhammer. »Sonst hätten sie die Leiche wahrscheinlich mit Laub oder Zweigen bedeckt, wenn sie keine Lust hatten, noch eine Mulde auszuheben. Um die Tote nur abzulegen, hätten sie sie nicht so weit schleppen müssen.«

Das leuchtete Grabowski ein, er nickte, äußerte sich jedoch nicht. Klinkhammer fuhr fort: »Den Mann und die Oktoberfrau werden sie nachts hierher geschafft haben. Die beiden dürften ohne größeres Spektakel gestorben sein. Aufgrund der Kopfverletzungen der Frau gehe ich davon aus, dass sie nicht viel Zeit hatte, Nachbarn oder sonst wen auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. Eine Geburt dagegen zieht sich hin und geht nicht geräuschlos über die Bühne. Eine schwere Geburt schon gar nicht, es sei denn, man knebelt die Mutter oder betäubt sie. Es könnte Ohrenzeugen gegeben haben. Gehen wir mal davon aus, dass die Frau in den frühen Morgenstunden starb und ihre Leiche schnell weggeschafft werden musste. Dann waren die Burschen womöglich in Eile, wollten es aber trotzdem richtig machen.«

Er schaute sich das Grünzeug rechts und links vom Weg an. Es gab mehr als eine Möglichkeit, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen. Von frei zugänglichen Stellen konnte man allerdings nicht sprechen. Um eine Leiche loszuwerden und darauf zu vertrauen, dass sie nicht schon eine Stunde später gefunden wurde, waren die Bedingungen bereits weit vor der Lichtung gut.

Es gab auch keinen erkennbaren Zugang zur Lichtung, nur einen Trampelpfad, der bei der gestrigen Bergung der Leiche entstanden war. Klinkhammer war schon daran vorbeigegangen, als Grabowski sagte: »Da geht's rein.« Er deutete nach rechts und ging voran, wobei er ständig nasses Gesträuch beiseite drücken musste. In der Nacht hatte es heftig geregnet.

Klinkhammer folgte dichtauf und bemühte sich gar nicht erst, den Tropfen auszuweichen, die von zurückschnellenden Zweigen spritzten. Er schützte nur sein Gesicht vor den Zweigen und versuchte abzuschätzen, wie lang der Trampelpfad war. An die fünfzig Meter mindestens. Luftlinie mochten es vierzig sein, der Pfad verlief dem Bewuchs angepasst in Schlangenlinien. Als sie die Lichtung erreichten, war vom Wanderweg nicht einmal mehr etwas zu erahnen. Man konnte mit Fug und Recht von einem versteckten Platz sprechen.

»Und eins können wir als gegeben voraussetzen«, sagte Klinkhammer. »Dass die Burschen sich hier verdammt gut auskennen. Wenn mir jemand den Weg vom Parkplatz hierher beschrieben hätte, ich hätte es trotzdem nicht gefunden.«

Die Schmusewiese war kleiner, als die Fotos glauben gemacht hatten. Etwa achtzehn Meter im Durchmesser, hatte Klinkhammer einem Polizeibericht entnommen. Eine nicht kreisrunde, sondern leicht ovale Fläche, dicht umstanden von Büschen und Laubbäumen, deren Blätterdach im Sommer wohl die gesamte Fläche beschattete, deshalb wuchs hier nur Moos. Jetzt waren die Baumkronen noch weitgehend unbelaubt.

»Ein lauschiges Plätzchen«, sagte er. »Wie schade, dass es aus der Mode gekommen ist, sich an solchen Orten für ein Rendezvous zu treffen.«

»Mit Mode hat das nicht viel zu tun«, erwiderte Grabowski. »Die Lichtung steht seit Jahrzehnten in einem schlechten Ruf und wird von den Einheimischen gemieden. Hatte ich das nicht gesagt?«

»Doch.« Klinkhammer fielen die Gerüchte ein, die Grabowski am Telefon erwähnt, bei denen...

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