Irre Verständlich

Menschen mit psychischer Erkrankung wirksam unterstützen
 
 
Psychiatrie Verlag
  • 3. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. August 2017
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-88414-923-2 (ISBN)
 
Wie gehe ich damit um, wenn jemand Stimmen hört? Was muss ich tun bei Selbstverletzungen? Woher weiß ich, ob jemand krank oder einfach nur unmotiviert ist? Dieses Buch liefert die Antworten.
Wer mit psychisch kranken Menschen arbeitet, wird häufig mit Verhaltensweisen oder Symptomen konfrontiert, die fremd wirken und nur schwer zu verstehen sind. Das kann verunsichern und überfordern. Die Autoren vermitteln Hintergrundwissen, das uns die Logik psychischer Krankheiten verstehen lässt. Sie erklären, wie psychische Störungen entstehen und welche Bedingungen ihre Genesung beeinflussen. Wir erhalten das Handwerkszeug, das für den Umgang im Alltag hilfreich ist und erfahren, welche Selbsthilfestrategien wirksam sind.
Diese Krankheitsbilder werden u. a. behandelt:
- Psychosen
- Depressionen
- Bipolare Störungen
- Persönlichkeitsstörungen
- Angst- und Zwangserkrankungen
Umfangreiches Download-Material hilft beim Lernen und unterstützt bei der praktischen Arbeit.
3. Auflage 2015
  • Deutsch
  • Sozialarbeiter, Sozialpädagoginnen, Heilerziehungspfleger, Ergotherapeutinnen oder Arbeitserzieher, Pflegekräfte, Berufsbetreuer, ehrenamtlich Tätige
  • 3,83 MB
978-3-88414-923-2 (9783884149232)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Dr. Matthias Hammer arbeitet, nach langjähriger Tätigkeit in den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie und Rehabilitation psychisch kranker Menschen, heute als Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Stuttgart. Er führt Seminare und Weiterbildungen durch. Zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Stress, Achtsamkeit und Umgang mit psychischen Erkrankungen. www.matthias-hammer.de

Informationen zu Psychosen


Vordergrund

Typisch ist ein Verlauf in Phasen.

Unter dem Begriff Psychose versteht man eine ganze Gruppe von Erkrankungen, die sehr umfassend das Denken und Fühlen, die Wahrnehmung, den Antrieb und Willen sowie das Erleben einer Person beeinflussen und verändern. Die Erkrankung verläuft meistens in Phasen, es gibt akute Phasen und weitgehend symptomfreie Zeiten, die in der Regel deutlich überwiegen. Die meisten Patienten erleben immer wieder akute Phasen und Rückfälle. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen bleibt es aber bei einer einzigen akuten Episode. Die meisten Betroffenen erholen sich zwischen den akuten Phasen vollständig, bei etwa 20 bis 30 Prozent bleiben jedoch auch außerhalb akuter Phasen Einschränkungen zurück. Beispielsweise sind Konzentrationsvermögen, Ausdauer oder Antrieb nicht mehr so gut wie vor der Erkrankung. Man spricht dann von einem Residualzustand, was so viel bedeutet wie anhaltender Schwächezustand.

Frühwarnzeichen

Die Erkrankung beginnt meist mit eher unspezifischen Veränderungen, den sogenannten Frühwarnzeichen. Die akute Phase schließt sich an, wenn die Erkrankung voranschreitet und nicht rechtzeitig gegengesteuert werden konnte. Dabei stehen zunächst sogenannte Plussymptome (oder Positivsymptome) im Vordergrund, die auf ein Übermaß an Energie und Wahrnehmungsoffenheit hinweisen (BÄUML 2008). Nach Abklingen der akuten Phase, teilweise aber auch schon währenddessen treten dann die sogenannten Minussymptome (oder Negativsymptome) auf, die umgekehrt das Fehlen von Energie und Antrieb beschreiben. In der folgenden Abbildung 10 ist der phasenhafte Verlauf einer Psychose dargestellt.

Frühwarnzeichen können dazu genutzt werden, eine akute Phase abzuwenden.

ABBILDUNG 10

Phasenhafter Verlauf einer Psychose (nach BÄUML 2008, mit freundlicher Genehmigung von Springer Science and Business Media)

Typische Frühwarnzeichen vor einer Psychose sind (nach RIECHER-RÖSSLER 2007):

Plussymptome

Während Frühwarnzeichen also eher unspezifisch sind, d. h. auch im Zusammenhang mit einer anderen psychischen Erkrankung auftreten können, sind Plussymptome deutliche Anzeichen für eine akute Psychose. Man spricht von Plussymptomen, wenn zum üblichen Durchschnittserleben etwas hinzukommt, was für Außenstehende nicht oder schwer nachvollziehbar ist. In psychiatrischen Fachbüchern werden die Plussymptome auch oft als Positivsymptome oder produktive Symptome bezeichnet.

Denkstörungen

Erregung und Anspannung

Wahnerlebnisse und Wahnstimmung

Halluzinationen

Ich-Störungen und Fremdbeeinflussungserlebnisse

BEISPIEL

Sarah sitzt in einem Eiscafé, mitten auf einer belebten Einkaufsstraße. Sie genießt das warme Wetter und ihr Eis. Allerdings bemerkt sie genau, dass die meisten Passanten sie komisch mustern. Immer wieder meint sie zu hören, wie jemand leise ihren Namen sagt. Sarah kennt das schon. Sie weiß, dass die vielen Reize dazu führen, dass wieder einige Plussymptome auftreten. Sie beschließt, nach Hause zu gehen und sich ein wenig auszuruhen. Auf dem Weg zur Bahn hört sie plötzlich mehrfach ganz laut ihren Namen. Nun ist sie doch etwas beunruhigt. Sie hätte nicht gedacht, dass die Stimmen in ihrem Kopf so laut werden würden. Plötzlich berührt sie jemand am Arm. Ihre Freundin Jessica steht neben ihr, ganz außer Atem: »Ich habe dich doch gerufen, hast du mich nicht gehört?« ×

Das Beispiel macht deutlich, dass Menschen mit einer Psychose immer wieder ihre Wahrnehmungen überprüfen und an der Realität messen müssen. Am besten gelingt dies im Gespräch mit anderen. Für viele ist es beunruhigend, ihren Wahrnehmungen nicht mehr vollständig vertrauen zu können. Es ist dann sehr entlastend, mit einer Vertrauensperson sprechen zu können und gemeinsam zu überlegen, ob eine Wahrnehmungsveränderung ein ernst zu nehmendes Frühwarnzeichen ist oder einfach ein eher alltägliches Zeichen von Überlastung oder gar eine ganz normale Reaktion.

Minussymptome

Nach Abklingen der akuten Psychose, teilweise aber auch schon währenddessen treten dann die Minussymptome auf. Diese weisen auf einen Mangel, ein »weniger« im Vergleich zu gesunden Tagen hin. In psychiatrischen Fachbüchern werden sie auch als Negativsymptomatik bezeichnet.

  • Verlangsamung des Gefühlslebens,
  • innere Leere,
  • Niedergeschlagenheit und Depression: sich nicht mehr richtig freuen können,
  • Mut- und Hoffnungslosigkeit,
  • Minderwertigkeitsgefühl,
  • Antriebslosigkeit,
  • fehlende Spontaneität,
  • Rückzugsverhalten und Kontaktverarmung.

Minussymptome direkt im Anschluss an eine akute Psychose sind in der Regel für Betroffene und ihre Umgebung gut verstehbar als Folge der akuten Erkrankungsphase, die viel Kraft gekostet hat. Es ist klar, dass sich eine längere Erholungsphase anschließen muss. Allerdings ist die Dauer der Phase mit ausgeprägten Minussymptomen sehr unterschiedlich. Es können Wochen sein, aber auch viele Monate, teilweise sogar Jahre. In manchen Fällen werden die Minussymptome nie ganz verschwinden, man spricht dann von einem Residualsyndrom. Es ist für die Betroffenen sehr quälend, nicht genau zu wissen, wie lange es dauern wird, bis sie wieder ihr früheres Leistungsniveau erreicht haben. Gerade bei ausgeprägten Minussymptomen fällt es sehr schwer, Antrieb und Energie zu mobilisieren und die Hoffnung nicht aufzugeben. In dieser Phase ist es daher besonders wichtig, verständnisvolle und vor allem hoffnungsvolle Menschen um sich zu haben. Professionelle Helfer und Angehörige sollten wissen, dass auch Minussymptome zum Krankheitsbild der Psychose gehören. Zwar erscheinen sie zunächst alltäglicher als die Plussymptome. Die meisten Menschen haben noch nie Stimmen gehört, auch das Gefühl der Beeinflussung von außen ist den meisten fremd. Im Gegensatz dazu kennt fast jeder die morgendliche Antriebslosigkeit, auch Niedergeschlagenheit, Müdigkeit oder Minderwertigkeitsgefühle sind den meisten Menschen vertraut. Es ist deshalb wichtig zu wissen, dass das Ausmaß dieser eher alltäglichen Beschwerden nicht vergleichbar ist mit der Minussymptomatik. Die Antriebsminderung ist umfassender, die Freudlosigkeit globaler, die Hoffnungslosigkeit größer, als die meisten Menschen dies je erlebt haben. Auch wenn die Phase mit ausgeprägter Minussymptomatik sehr lange dauert, ist es deshalb wichtig, keinen Druck auf die Betroffenen auszuüben und die Hoffnung nicht zu verlieren, dass sie irgendwann vorbei sein wird.

Diagnostik und Häufigkeit

Wenn jemand kurzfristig seltsame Wahrnehmungserlebnisse hat, wird man deshalb sicherlich nicht gleich von einer Psychose sprechen. Die Probleme müssen über längere Zeit bestehen und ein gewisses Ausmaß haben.

Welchen Sinn haben die Diagnosesysteme ICD und DSM?

Bei einer schizoaffektiven Psychose gibt es in akuten Phasen neben Plus- und Minussymptomen auch sehr ausgeprägte Stimmungsschwankungen und affektive Symptome, viel stärker, als dies normalerweise bei einer Psychose der Fall ist.

Wie oft kommen Psychosen vor?

  • Etwa 1 Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens.
  • Das Verhältnis Männer zu Frauen ist insgesamt 1 : 1, bei den unter 40-Jährigen erkranken doppelt so viele Männer wie Frauen, bei den über 40-Jährigen doppelt so viele Frauen wie Männer.
  • Das Ersterkrankungsalter liegt bei Männern zwischen 18 und 23 Jahren, bei Frauen zwischen 23 und 28 Jahren.
  • Psychosen kommen ähnlich häufig wie die Zuckerkrankheit vor.
  • Es gibt keinen Unterschied in der Häufigkeit zwischen verschiedenen Völkern und keine Zunahme in den letzten Jahrzehnten.
  • 2 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund erkranken.
  • 10 Prozent der Kinder erkranken, wenn ein Elternteil betroffen...
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