Jahreszeitengeschichten - Jahreszeitengedichte

aus dem Unterricht an Waldorf-Förderschulen
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2021
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-1809-4 (ISBN)
 
Das Buch enthält Beispiele für Erzähl- und Rezitationsinhalte zu Jahreszeiten und Jahresfesten für alle Altersstufen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,51 MB
978-3-7534-1809-4 (9783753418094)
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Der Bäcker und der Teufel


Bäcker Paulys Brote und Butterkuchen waren so beliebt, dass die Kunden schon um sechs Uhr in der Frühe sein kleines, altmodisches Ladenlokal stürmten.

Qualität hat aber seinen Preis. Schon um Mitternacht musste Meister Pauly seinen alten Steinofen "anwerfen". Danach setzte er die Teige für Brot und Kuchen an. Nebenher bestückte er in regelmäßigen Abständen seinen Ofen mit Brennholz.

Um vier Uhr wurde die Glut aus dem Ofen entfernt und eine Lage mit Butterkuchen eingeschossen. Fünf Minuten später war der Kuchen fertig.

Dann folgten die Brötchen. Die waren nach 10 Minuten braun gebrannt.

Wenig später kamen die Weizenbrote an die Reihe. Sie brauchten eine halbe Stunde. Danach konnten die Roggenbrote in aller Ruhe garen, bevor das Schwarzbrot bis zum frühen Mittag die Restwärme verzehrte.

Am frühen Nachmittag war der Ofen ausgeräumt, und Meister Pauly konnte sich aufs Ohr legen, während seine Frau im Laden den Verkauf regelte. Am Abend wachte der Bäcker auf, um sich nach einer gemütlichen Vesper auf die Arbeit in der Backstube zu freuen.

So hätte es bis zum seligen Erdenabschied des Meisters weitergehen können, wenn sich nicht eines guten Morgens ein merkwürdiger Fremder im Ladenlokal der Bäckerei eingefunden hätte. Seine Erscheinung war so gruselig, dass sich kein weiterer Kunde zu ihm gesellen mochte.

"Grüß Gott!", rief die Bäckersfrau beherzt. Weil der Fremde bei diesen frommen Worten heftig zusammenzuckte und nichts erwiderte, fragte sie:

"Was wünschen Sie?" Der Kunde aalte sich in seinem dunkelgrünen Lodenmantel und erwiderte:

"Ich hätte gern alles, was Ihr Mann an diesem Tag aus dem Backofen birgt."

Frau Pauly runzelte ihre Stirn.

"Hatten Sie denn etwas vorbestellt?"

"Nein. Ich kaufe alles, jetzt und hier. Ich zahle dafür jeden Preis."

"Moment mal", erwiderte Frau Pauly. "Da muss ich erst einmal in die Backstube gehen und meinen Mann fragen, wie er sich das vorstellt."

"Tun Sie das!" Der Kunde lehnte seinen rechten Ellenbogen gegen die Glasfront der Theke und wartete. Frau Pauly eilte in die Backstube und berichtete ihrem Mann vom Angebot des Fremden. Der Meister schüttelte seinen Kopf.

"Kommt nicht in die Tüte!"

"Er zahlt aber einen guten Preis. Das sollten wir uns nicht entgehen lassen."

Meister Pauly zog seine Schultern hoch.

"Unsere Kunden gehen vor. Die halten uns seit Jahrzehnten die Treue. So etwas ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen."

"Na gut. Und wie soll ich den Fremden abspeisen?"

"Sag ihm, dass ich eher über die Glut aus meinem Ofen laufe, als dass ich ihm unsere Backwaren verkaufe." Frau Pauly eilte in das Ladenlokal und erklärte dem Fremden:

"Mein Mann läuft lieber durch die Glut, die er heute Morgen aus seinem Backofen gezogen hat, als dass er Ihnen die Ware überlässt - für welchen Preis auch immer."

"Das geht in Ordnung", erwiderte der Fremde, "dann soll er die Glut auf dem Boden ausbreiten und einmal längs drüber laufen."

"Gut! Ich sag's meinem Mann." In der Backstube angekommen, erklärte sie dem Meister:

"Du, Männe, der Fremde meint, das mit dem Über-die-Glut-Laufen ginge in Ordnung." Bäcker Pauly war für einen Augenblick ratlos. Dann aber blitzte es in seinen Augen auf, und er entgegnete:

"Bitte den Fremden in die Backstube. Er soll sehen, wie ich über die Glut laufe." Frau Pauly eilte kopfschüttelnd zurück in das Ladenlokal.

"Kommen Sie mal mit. Mein Mann läuft Ihnen was vor." Der Fremde folgte ihr in die Backstube. Der Bäcker beäugte den seltsamen Kunden eingehend und meinte:

"So hab ich ihn mir vorgestellt." Dann schüttete er die heiße Glut, die er in einer großen Blechtonne aufbewahrt hatte, auf den Boden der Backstube.

Eine Höllenhitze stieg auf, so dass die Bäckersfrau drei Schritte zurückwich.

Der Fremde aber schien sich daran zu ergötzen. Er rückte sogar einen Schritt vor, um den Duft und die Hitze in sich aufzunehmen. Der Bäckermeister stieg in zwei Eimer, die zur Hälfte mit Sand gefüllt waren und grinste den Fremden an.

"Was soll das werden?", fragte der.

"Das sind meine Schuhe!" Pauly zog die Eimer an den Henkeln hoch, so dass die Füße darin einen festen Stand hatten. Dann lief er gemütlich über die Glut. Der Fremde rief wutentbrannt:

"So war das aber nicht gemeint!" Der Bäcker zog seine Schultern hoch.

"Wie du das gemeint hast, kann ich mir schon vorstellen. Ich habe es aber so gemacht, wie es mir behagt." Mit diesen Worten packte der Bäckermeister den Fremden am Kragen und warf ihn hinaus. Der aber rief:

"Solange du lebst, Pauly, hast du Ruhe vor mir. Wenn du aber stirbst, ist mir deine Seele sicher! Dann hole ich dich hier in der Backstube ab."

Meister Pauly dachte zwar: 'Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter', aber mit den Jahren, die auf das denkwürdige Ereignis folgten, wurde es ihm immer mulmiger zumute. Als er schließlich alt und wackelig geworden war, erklärte er eines guten Tages seiner Frau:

"Ich spüre, dass meine Zeit abgelaufen ist. Nun muss ich mich, wohl oder übel, dem Teufel stellen."

"Tu das. Je schneller du Gewissheit darüber bekommst, ob du mit ihm in der Hölle braten musst oder nicht, desto besser geht es dir."

Nun hatte Meister Pauly in seiner Backstube eine große Mehlkiste. Morgens war sie randvoll, am Nachmittag so leer, dass selbst eine Maus kein Mahl mehr davon hätte zusammenstellen können. An diesem Morgen hatte Meister Pauly aber nicht alles Mehl verbacken, sondern einen Rest zurückbehalten. Er legte sich in die verstaubte Kiste, seine Frau schlug den Deckel über ihm zu, und so warteten die Bäckersleute auf den Beelzebub.

Wenig später stellte der sich in der Backstube ein und fragte:

"Na, Meisterin, wo finde ich deinen Mann?"

"Wo soll er schon sein? Er liegt im Bett und versucht, seine Seele auszuhauchen." Der Herr im grünen Lodenmantel schüttelte lachend seinen Kopf.

"Nein, Frau Pauly! Er liegt woanders. Das rieche ich. Und er wird heute noch an meiner Seite zur Hölle fahren. Ich hole ihn mir - gleich wo er sich versteckt hat."

"Gut", erwiderte die Meisterin und wies auf die Mehlkiste. "Er liegt schon im Sarg und freut sich auf die Reise." Der Grünfrack bedankte sich bei Frau Pauly, klemmte die Mehlkiste unter seinen rechten Arm und verschwand damit durch das Kellerloch.

Als er in der Hölle angekommen war, wurde er von seinen Kindern, Geschwistern, Onkeln und Tanten mit großem "Hallo" gefeiert; denn eine Mehlkiste als Sarg hatten sie noch nie gesehen.

"Schlag auf!", befahl einer der Oberteufel, und der Grünfrack öffnete den Deckel. Heraus stieg der reichlich mit Mehlresten bestäubte Bäcker Pauly.

"Gott zum Gruße!", rief er mit so lauter Stimme, dass alle Teufel einen Schritt zurückwichen.

"Was bist du denn für einer?", fragte die Großmutter des Teufels, und beäugte den Fremden misstrauisch. Der Bäcker schlug den Mehlstaub aus seinen Kleidern und erklärte dem höllischen Publikum:

"Ich bin schon so alt, dass ich ein wenig Schimmel angesetzt habe." Das Großmütterchen spie vor Ekel ein gerüttelt Maß Galle auf den Höllenboden und wandte sich kopfschüttelnd ab.

Ihr Enkel ließ sich aber nicht beirren.

"So!", schnarrte er. "In der Hölle herrschen meine Regeln. Deshalb stehen hier auch keine Sandeimer herum!" Und er schüttete einige Schaufeln Glut vor die Füße des Bäckermeisters.

"Nun kannst du vor unser aller Augen deine Künste zeigen." Bäckermeister Pauly warf eine Handvoll Mehl auf die Glut, und zum Schrecken der ringsum Versammelten stieg eine prasselnde Stichflamme auf. Die verpuffte aber genauso schnell, wie sie entstanden war.

"Das war der Einstand!", erklärte Meister Pauly dem staunenden Volke.

"Nun will ich, wie es euer Obermeister verlangt, über die Glut laufen." Der Bäcker zog Schuhe und Socken aus, spie Speichel in seine Hände, vermischte ihn mit Mehl und pappte den Brei unter seine Füße. Dann stolzierte er in aller Seelenruhe über die glühenden Kohlen. Unter seinen Sohlen brutzelte es zwar mächtig, doch blieben die Füße durch den Mehlbrei unversehrt. Meister Pauly lächelte schelmisch:

"Na, mein alter Höllenmeister? Wollt Ihr noch ein weiteres Kunststück aus meinem reichhaltigen Repertoire bewundern?"

"Es reicht!", schrie der Teufel. Er stopfte den Bäcker in die Mehlkiste, schlug sie zu und trug sie...

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