Geliebte alte Frau

 
 
TWENTYSIX (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Januar 2018
  • |
  • 552 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7407-5674-1 (ISBN)
 
Sarah und der fünfzehn Jahre jüngere Marc treffen sich auf einer Party und werden in Höchstgeschwindigkeit ein Paar. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Sarah, die mit ihren vierzig Jahren immer nur Kurzbeziehungen geführt hat und unangenehmen Situationen gern aus dem Weg geht, muss sich umstellen. Und lernen, mit ihrer eigenen Skepsis und den ganzen gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich aus einer Liaison mit einem so viel jüngeren Mann im Alltag ergeben, umzugehen. Marcs beharrlich unnachgiebige, aber trotzdem liebevoll verständnisvolle Art stützt sie dabei. Und zwar in kürzester Zeit, da er neben seinen vielen positiven Eigenschaften nur sehr leidlich geduldig ist.
Eine Geschichte von Toleranz, Ängsten, dem übertriebenen Schönheitsselbstverständnis vieler Frauen, dem Problem mit dem Älterwerden und dem Mut, für seine eigenen Ziele zu kämpfen und auch mal unkonventionell zu sein und gegen den Strom zu schwimmen. Mal traurig, mal witzig, mal erotisch, ein Plädoyer für die Liebe.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,76 MB
978-3-7407-5674-1 (9783740756741)
3740756748 (3740756748)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Isabel Hahn hat Mathematik studiert und lebt heute als freischaffende Journalistin in der Nähe von Frankfurt.

1


Leise, aber eindringlich dringt die Stimme in ihr Bewusstsein. Lockt, bettelt in wunderschönem Portugiesisch, das sie eigentlich gar nicht verstehen kann. Trotzdem. Sie weiß genau, was der Sänger ihr mit seinem Lied sagen will. Die Melodie verrät Leidenschaft, verloren geglaubte Liebe, neue Hoffnung.

"Kitsch", schießt es ihr kurz durch den Kopf. Schnell verdrängt sie den Gedanken wieder. Die Beats werden immer lauter. Jedenfalls in ihrer Wahrnehmung. Sie kann sie nicht nur hören. Sie spürt jeden Schlag. Jeder Schlag ist eine Bewegung.

"Mein Körper tanzt beinahe von alleine", denkt sie amüsiert. Die Anspannung des anstrengenden Tages im Büro weicht allmählich von ihr, die Verkrampfungen lösen sich. Denken ist jetzt verboten, nur Empfinden zählt noch. Finger wandern auf ihrem Rücken hoch und runter, verweilen knapp oberhalb ihrer Hüfte, geben den Rhythmus an, den Rhythmus der Musik, den Rhythmus ihres Körpers. Sie lässt die Berührungen zu, sehnt sich geradezu danach. Ihre Hüfte schwingt vorwärts, seitlich, im Kreis - während ihr Tanzpartner ihren Körper zärtlich dirigiert und sie schließlich langsam in einer Hebefigur nach oben reckt.

"So müssen Drogen wirken. Ich schwebe", jubelt sie innerlich und lässt sich von den melodiösen Klängen um sie herum wie von einer Welle mitreißen. Fühlt sich wie in einem Rausch, in dem sie mehr und mehr versinkt und der sie für den Moment der Musik verschlingt.

Sarah ist vierzig Jahre alt. Seit dem 23. Juli, vor genau einer Woche. Und nur auf dem Papier, wie sie sich sagt.

Ihre Familie weiß natürlich Bescheid, ihre Freunde und der ein oder andere Bekannte.

Hier auf der wöchentlichen Kizomba-Tanzparty weiß es keiner. Hier ist sie nur das, was sie durch ihr Tanzen von sich preisgibt: ihre Emotionen, die sie dabei auslebt, ihr Gefühl, das sich in ihren Bewegungen ausdrückt. Sobald der DJ beginnt aufzulegen. Der rationale, zwar nicht übertrieben, aber dennoch ehrgeizige Teil der freischaffenden Zeitungsjournalistin ist daheim geblieben. Sie ist begehrt, tanzt mit wesentlich jüngeren, aber auch mit vielen älteren Männern.

Es ist ihr bewusst, dass ihre Beliebtheit nicht ausschließlich an ihrem hingebungsvollen Tanzen liegt. Dass sie so häufig aufgefordert wird, hat sie nicht nur ihrem tänzerischen Talent zu verdanken. Sie ist hübsch mit ihren langen blonden Haaren, den natürlich fallenden Locken und dem ebenmäßigen Gesicht.

"Die Vierzig nimmt Dir keiner ab", hat ihr ihre Mutter an eben diesem Geburtstag gesagt. Das schönste Geschenk, wie Sarah fand. Neben der riesigen dunklen Schokotorte, die ihr ihre Freunde auf einer für sie organisierten Überraschungsparty spendiert haben. "40 und eine Figur wie 20", stand da drauf. Sie hat sich sehr gefreut, auch wenn ihr ursprünglich gar nicht nach Feiern zumute war. Und obwohl sie ansonsten sehr großen Wert auf eine ausgewogene, gesunde wie auch kalorienarme Ernährung aus fast ausschließlich Biolebensmitteln legt, hat sie ein großes Stück der Torte verdrückt.

"Mir geht es gut", denkt sie. Okay, bis auf ein Pärchen, das demnächst allerdings nachziehen wird, sind alle ihrer Freunde inzwischen glücklich verheiratet, viele haben Kinder. Und sie ist Single.

"Dafür bin ich frei", sagt sie sich energisch. Kein Partner, der will, dass sie abends zu Hause bleibt, kein Kind, das dauernd ihre Aufmerksamkeit beansprucht. Kein Grund für Trübsal.

Länger als zwei Jahre hat eine Beziehung nie bei ihr gehalten. Dann wurde ihr langweilig. Das Besondere an dem jeweiligen Ihm, das ihr am Anfang so gefallen hatte, hörte auf besonders zu sein. Es blieb nichts davon übrig. Es war Zeit zu gehen.

Sie weiß genau, dass ihre Freunde sie deswegen bedauern und ihre Eltern sich um sie sorgen.

"Gibt es denn keinen, der Dir wirklich etwas bedeutet?", hat ihre Mutter vor kurzem erst gefragt. Und nachgeschoben: "Vielleicht suchst Du falsch. Schon als Kindergartenkind hast Du die merkwürdigsten und ausgefallensten Typen angeschleppt."

"Ich weiß, und wenn sie mein Zimmer verwüstet haben, wieder ganz schnell heimgeschickt", antwortete Sarah ihr lachend.

Ihr tut es ja selbst ein wenig leid, keinen Mann und somit auch kein Kind vorweisen zu können. Manchmal zumindest. Besonders bei größeren Familienfeierlichkeiten und bei Treffen mit ihren Freunden und deren Kindern. Ansonsten bedauert sie eigentlich mehr ihre Eltern als sich selbst. Sie spürt, dass die beiden gerne Enkel hätten. Und sie ist als Einzelkind die einzige, die dafür sorgen könnte.

"Wir haben doch uns", beruhigt sich Sarah dann immer und fühlt genau, dass ihre Eltern trotz all ihrer Wünsche und Sorgen schließlich doch genauso denken und einfach nur wollen, dass ihre geliebte Tochter glücklich ist. Sie ahnt, dass ihre Eltern sie tapfer gegen alle ihre Enkel versessenen Bekannten und Verwandten verteidigen, die mit Sicherheit hinter vorgehaltener Hand über Sarah und ihren Lebenswandel tuscheln: "Wenn man auf Facebook ihre Termine anschaut, muss sie jedes Wochenende bis in die Puppen weg sein. Habt Ihr mal gesehen, wie eng man dieses Kizomba tanzt? Und das in ihrem Alter. Sie ist doch keine zwanzig mehr. Kein Wunder, dass das kein Mann länger aushält!"

Sarah beschränkt ihren Kontakt mit diesen Leuten auf ein Minimum. Sie hat auf so einen Tratsch keine Lust und ist sehr froh, dass sie in Frankfurt und damit weit genug weg wohnt von ihrem ländlichen Heimatort, einer Kleinstadt nahe dem Odenwald. Das Gerede über ihre Person hautnah mitzubekommen, wäre ihr äußerst unangenehm. Und unangenehmen Dingen geht sie gern aus dem Weg. Genauso wie peinlichen Situationen.

Sie ist im Alltag eher ein ruhiger, zurückhaltender Mensch. Und auch wenn sie meistens das tut, was sie selbst will, durchaus selbstbewusst ist und sich nicht der Mehrheit anpasst, umschifft sie in der Regel gern offene und direkte Konfrontationen. Außer gegenüber ihren Eltern. Ihnen vertraut sie, ihnen zeigt sie sich in ihrer ganzen Verletzlichkeit.

Aber selbst wenn sie hier normalerweise keine Diskussion scheut, ist sie dankbar, dass ihre Eltern ihr wegen ihrer angeblich altersuntypischen Lebensweise keine Vorhaltungen machen. Die gelegentlichen Streitereien über ihre teure und doch so kleine Wohnung und das deswegen extern angemietete Büro, das sie sich mit einem ebenfalls selbstständigen Kollegen teilt, reichen ihr. Nach Meinung ihrer Eltern sollte sie sich besser die große Dachgeschosswohnung in deren eigenem Haus ausbauen und sich dort auch ein Arbeitszimmer einrichten. Zum Tanzen könne sie doch trotzdem nach Frankfurt fahren. Abends sei der Weg schließlich locker unter vierzig Minuten zu schaffen.

Sarah hat diesen eindringlichen Vorschlag bisher immer abgelehnt. Sie ist in Frankfurt nicht nur weit genug vom Dorfklatsch entfernt, sondern eben auch dicht dran am Partyleben der Metropole. Nahe an Kizomba.

Ihren Lieblingstanz hat sie vor drei Jahren entdeckt. Vorher hatte sie hauptsächlich Salsa getanzt. Als irgendwann die Kizomba-Welle von Portugal nach Deutschland schwappte, wurde auf jeder größeren Salsaparty auch ab und zu dieser Tanz gespielt. Und dann immer häufiger. Bald gab es reine Kizomba-Partys, auf denen ausschließlich diese eindringliche, rhythmische Musik aufgelegt wurde. Diese Musik, die Sarah von Anfang an so unter die Haut ging. Direkt ins Blut, um es leidenschaftlich in Wallungen zu bringen.

Am heutigen Abend hat Sarah wieder ausgiebig getanzt. Die meisten Leute auf der Party kennt sie vom Sehen. Es ist eine andere Welt als die ihrer Familie und ihrer Freunde. Man trifft sich, teilt eine Weile Nähe und innige Bewegung und trennt sich danach wieder.

Eine Beziehung ist bislang nie daraus entstanden. Das ist aber auch nicht Sarahs vorrangiges Ziel. Ihr geht es alleine ums Tanzen.

Und um die Aufmerksamkeit, die Berührung und das "Kuscheln im Stehen", wie ihr Vater letztens zynisch sagte.

Verliebt hat sie sich dabei nie. Wenn sie spürte, dass irgendjemand einen Tanz gar nicht mehr beenden zu wollen schien, tat sie es. Denn auch bei Kizomba war es wie bei ihren kurzen Beziehungen: Irgendwann kannte sie alle seine Figuren, irgendwann begann sie sich zu langweilen.

Wie gerade eben. Lächelnd hat sie eine Einladung zum Drink abgelehnt und ist mal kurz zum Abkühlen raus vor die Tür gegangen. Sollte der Typ erstmal jemand anderes zum Tanzen finden.

Jetzt steht sie alleine am Rand der schummrigen Tanzfläche, nippt an einer Saftschorle und schaut zu, wie sich die Paare in einer langsam wogenden Masse hin- und herschieben.

"So wirklich richtig verliebt habe ich mich eigentlich noch nie", fällt ihr plötzlich ein. "Naja, es gibt Schlimmeres." Sie liebt ihre Eltern, hat einen netten, großen Freundeskreis, einen Beruf, in dem sie es immer wieder mit interessanten Menschen zu tun bekommt und der sie schon so manches Mal zu Terminen in die verschiedensten Ecken Deutschlands geführt hat, sie hat ihre zwar kleine, aber sehr schöne...

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