Unter uns Pastorentöchtern

Aufwachsen an einem Ort, der stark und mutig macht
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. November 2019
  • |
  • 317 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-7998-3 (ISBN)
 
Blühender Flieder klettert ins Fenster hinein. Die Zugehfrau verteilt großzügig Klosterfrau Melissengeist an die Kinder. Und der Pfarrer vergisst eine Hochzeit in seiner Kirche. Atmosphärisch dicht beschreibt Claudia Hagge ihre Kindheit in einem norddeutschen Pfarrhaus. Früh steht sie im Fokus der Dorfgemeinschaft, ist Projektionsfläche für Neid und Spott. Gleichzeitig bestimmen Werte wie Toleranz, Konfliktfähigkeit und innere Freiheit ihren Alltag. Ein faszinierendes Memoir, das zeigt, warum Pastorentöchter wie Angela Merkel, Jane Austen oder Katy Perry so oft Erfolgskinder sind.
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Claudia Hagge ist seit 33 Jahren als Journalistin, Autorin und Medienberaterin tätig. Sie hat für alle großen Zeitungsverlage in Deutschland gearbeitet. Sie war Reporterin, Autorin und Ressortleiterin bei BILD. Sie schrieb für das People-Magazin BUNTE. Sie war Chefredakteurin der ersten Zeitschrift für Frauen 50plus, die sie entwickelt und erfolgreich auf den Markt gebracht hat. Heute arbeitet sie selbständig als Journalistin und schreibt Bücher. Sie lebt in der Nähe von Hamburg.

1. EIN NEST IM PARADIES


Ich bin vierzehn. Und es ist mein Tag. Die Glocken im Kirchturm schlagen so laut, dass ich mein eigenes Wort nicht verstehe. Ihr Klang ist ein wenig hart und metallisch. Und die Wucht des Geläuts legt sich unerklärlich schwer auf meine Brust.

Es ist wie immer, wenn ich den Arbeitsplatz meines Vaters betrete und die vielen unbekannten Menschen wahrnehme, die ihn und uns als Familie genau beäugen. Mich überfällt Unbehagen. Ich bin in der Pubertät. Ich mag nicht beglotzt werden. »Guckt doch nicht so .« - aber nein, so etwas Unhöfliches würde mir nie über die Lippen kommen, wenn ich es auch einige Male schon gedacht habe. Ich werde die Contenance wahren. Darauf bin ich als Pastorentochter geeicht. Und natürlich an diesem Sonntag in ganz besonderem Maße.

Es ist der 7. Mai 1972, und ich feiere Konfirmation. Ich weiß, dass dies ein Fest ist, das nach einem ganz festen Reglement über die Bühne geht. Aber ich habe mir vorgenommen, es so zu zelebrieren, wie ich es mir vorstelle. Zumindest, was meine äußere Erscheinung betrifft. Auf keinen Fall möchte ich ein so spießiges schwarzes Kostüm tragen, wie es zu diesem Anlass üblich ist. Es verwandelt junge Mädchen urplötzlich in eine »Madame«. Nein, das will ich nicht. Ich würde mich verkleidet fühlen und in eine Rolle gedrängt, die ich nicht ausfüllen möchte. Zu brav, zu ordentlich, zu alt, zu sehr in eine Norm gepresst.

Es hat zu Hause Diskussionen gegeben. Papa sagte: »Dein Kleid muss würdig sein.« Mama meinte: »Wir fahren nach Hamburg und lassen uns inspirieren. Ich möchte, dass du dich wohlfühlst und ein gut gemachtes Teil findest.« Ich habe mich für ein knöchellanges graues Leinenkleid mit bunt bestickten Ornamenten entschieden. Für einen Edel-Hippie-Look sozusagen, wie es zu dieser Zeit gerade en vogue ist. Nur die Loafers aus schwarzem Lackleder, sehr schmal und elegant, sind mein Zugeständnis an die ungeschriebene Kleidervorschrift und an den lieben Gott. Beides haben wir am Jungfernstieg gefunden, in einem Modegeschäft mit einem südlich klingenden Namen und in dem angesagtesten Schuhgeschäft der Stadt, nur eine Autostunde von unserem Zuhause in Kiel entfernt.

An einem langen schwarzen Samtband baumelt ein Kreuz, das Mama schon zu ihrer Verlobung trug. Ich sähe »fein« aus, sagt meine Großmutter Martha mit anerkennendem Blick. Das ist ihr viel wichtiger als »hübsch« oder »schön«, wenn auch diese Attribute keineswegs ohne Bedeutung für sie sind. Aber »fein« ist ein Wort, das für höchstes Lob in unserer Familie steht. Mein schulterlanges Haar hingegen, frisch gefönt, weht ziemlich »unfein« durcheinander im kühlen Frühlingswind. Das ärgert mich. Und ich friere, doch ich verdränge es, weil ich kichernd mit meinen Mitkonfirmanden in die Kirche einziehe.

An der Spitze voran schreitet mein Vater, wie immer mit beschwingtem Schritt im wallenden schwarzen Talar. Auf seinem Gesicht liegt ein feierlich-freudiger Ernst, den Pastoren wohl kraft ihres Berufes bei jeder amtlichen Gelegenheit spazieren tragen. Aber er spiegelt natürlich auch den Respekt dieses Augenblicks wider: Wir Teenies sollen heute in die Gemeinde der erwachsenen evangelischen Christen aufgenommen werden. Wie eine Nobilitierung kommt es mir vor, als uns Papa vorbei an unzähligen Reihen von Gläubigen führt und mit einer galanten Handbewegung dazu auffordert, in den ersten beiden Reihen ganz vorn vor dem Altar Platz zu nehmen.

Das Wispern auf den Kirchenbänken kriecht förmlich in mich hinein. Wie so oft starrt die Gemeinde auf mich, natürlich diesmal, weil mein Outfit vollkommen aus dem Rahmen fällt. Gott sei Dank sehe ich die neugierigen Blicke nicht. Wir gackern jetzt etwas leiser - oder bekommen wir etwa schon feuchte Augen, weil mit voller Macht das einsetzende Orgelspiel wie ein brachialer Gewitterregen über uns niedergeht? Der klirrende Schall aus den Kupferpfeifen oben auf der Empore hat eine fast tyrannische Gewalt über meinen noch unfertigen und wankelmütigen Empfindungs-Zyklus. Ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn der Organist loslegt. Nur wenn er aus Versehen die falschen Register zieht, löst dies bei mir einen Lachanfall aus. Aber diesen Gefallen tut er mir in dieser Sekunde nicht.

Eng gedrängt mit den anderen Mädchen, die Jungs haben eine eigene Reihe, sitze ich auf der harten Holzbank in meinem dünnen Tuch und zittere. So fühlt es sich also an, wenn man nicht mehr zu den Kleinen, sondern zu den Großen zählt. Ich schaue auf meine sehr kalten blassen Hände, die ein Büchlein halten, darüber Stiele von Maiglöckchen. Sie duften schön und vertraut in dem sonst so kerzenschweren stickig-geistlichen Dunst. Immer wieder schnuppere ich daran, wenn ich von dem laut vorgetragenen Predigttext mal wieder wegtauche.

Durch den fast zweistündigen Gottesdienst trägt mich die Vorfreude auf mein schönstes Geschenk an diesem Tag: ein Fläschchen Diorissimo, mein erstes Eau de Toilette. Es riecht nach Maiglöckchen. Es ist die Lieblingsblume des Modeschöpfers Christian Dior - und meiner Mutter. Gleich am Nachmittag nach dem Festessen will ich mir ein wenig davon hinter die Ohren und aufs Handgelenk tupfen. Mami hat es mir auf den reich bestückten Gabentisch gelegt. Es ist ihr Signal an mich, dass ich jetzt »dazugehöre«. Ich darf ihren Duft benutzen, um den ich sie schon lange beneide. Wir lieben beide eine milde Frische, die wir uns in allen Variationen fast süchtig in die Nase ziehen. Aber es ist noch viel mehr als nur der Spaß an einem tollen Duft. Und dies wird mir ausgerechnet an diesem Vormittag bewusst: Diorissimo ist mein Synonym für meine Herkunft. Ein gesprühter Tropfen genügt, und ich bin wieder dort, woher ich komme, wo ich geboren bin und meine ersten Schritte gemacht habe.

An diesen Platz wandern meine Gedanken in dem Moment, als mein Vater dazu ansetzt, meinen Konfirmationsspruch vorzulesen, und ich mich bibbernd vor Aufregung und Kälte an meinen »Maieresli« festhalte .

*

In einem kleinen Dorf siebenundzwanzig Kilometer südlich von Flensburg wachse ich auf. Es ist ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase »Gute Nacht« sagen. Eine Oase des Nichts. Nur siebenhundert Einwohner. Ein Fluss, die Treene. Und da ist auch noch ein kleiner Bach, in dem ich Stichlinge fange, wo ich Löwenzahn zupfe und Pusteblumen küsse. Wie willkürlich dahingeworfene Farbkleckse liegen die Bauernhöfe auf Äckern bis zum Horizont verstreut. Im Ortskern eine Schule, ein kleiner Bahnhof. Zwei Gaststätten. Ein Kaufmann. Ein Arzt. Eine kleine Apotheke in einem winzigen Ladenraum mit knarzender Registrierkasse und einer schrillen Glocke, die jeden Kunden anmeldet, sobald er eintritt.

Ein überschaubares Gemeinwesen ist dieser schleswig-holsteinische Fleck in den Fünfzigerjahren, den niemand auf der Agenda hat. Es ist tiefste Provinz, die sich mein Vater als erste Pfarrstelle ausgesucht hat. So weit abgelegen von den pulsierenden Stätten des beginnenden Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Und in meiner Wahrnehmung vollkommen unberührt von Gefahren oder Geschehnissen, die man Schicksal nennt. Hier darf ich Kind sein. Und mein Refugium ist so schön wie das biblische Eden. Ich fühle mich sehr beschützt, und ich lebe in der Gewissheit, unverwundbar zu sein.

Ich bin ein glückliches Mädchen auf diesem platten einsamen Land, denn ich darf in einem wahren Paradies aufwachsen. Trete ich vor die Tür, schenkt mir jede Jahreszeit ein anderes Parfum. Versprüht der Teppich aus Schneeglöckchen im Januar ein grünes Aroma, so kündigt ein Hauch von Vanille aus dem Nektar der Märzenbecher den nahenden Frühling an. Und wenn lila Veilchen im samtweichen Moosbett eine feine Süße verströmen, dann ist der Frühsommer zum Greifen nah. Wenn Natur verführen kann, ist sie hier auf unserem Pastorats-Grundstück ein Casanova. An der Hand meines Vaters streife ich vorbei an wildem Jasmin und nicht frisiertem Immergrün. Mit dem Spazierstock pflückt Papa baumhohe Zweige vom Fliederwall, nicht ohne sich dabei eine weiße Blüte ans Revers zu heften.

Die prägendste Erinnerung an meine ersten zwölf Lebensjahre ist der Zauber verwunschener Gärten. Auf einem Gobelin aus Tausendschönchen halte ich Picknick mit meinen Freundinnen und spreche mit meinen Puppen. Ich atme eine Luft, die schwanger ist mit sattgrünem frisch gemähten Gras. Birken und Buchen halten die Schaukeln, mit denen ich und meine vier jüngeren Geschwister hoch und immer höher fliegen. Unter einer rosafarbenen Blüten-Kirsche lerne ich Lesen und Schreiben. Und beim Malen an Papas selbst gezimmertem Holztisch neben Himbeer- und Stachelbeersträuchern finde ich Trost nach einem Sturz mit meinem Fahrrad. Auf dem weißen Kiespfad im japanischen Rundgarten, den meine Eltern kurz nach ihrer Hochzeit angelegt haben, führe ich wackelig auf Mamas hohen Pumps ein langes Spitzenkleid vor und spiele Braut. Ich bin noch zu klein, um zu wissen, was Romantik und Freiheit und Geborgenheit bedeuten, aber von allem bin ich beschenkt im Übermaß.

Mein lebenslanges Sinnbild für Behütetsein ist das sandfarbene Backsteinhaus mit seinen dunkelgrünen Fensterläden, in dem wir eine liebende Familie sind. Es ist ein Zuhause, so großzügig und gemütlich wie Skandinaviens Gutsherren-Domizile, die sich ganz in unserer Nähe in die weiten jütländischen Dünenlandschaften schmiegen. Die Räume erzählen von Menschen, die ich nie kennengelernt habe. Aber die Geschichten der Vorbewohner scheine ich zu fühlen. Wenn es auf dem Holzfußboden knackt oder ohne Grund die Tür zur Abstellkammer aufspringt, sehe ich Geister und rede mit ihnen. Besonders nah sind sie mir nachts, wenn ein hell schimmernder Mond in mein...

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