Irreguläre Migration

Wie Abschiebungshäftlinge die Welt sehen
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. November 2018
  • |
  • 244 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7481-1520-5 (ISBN)
 
Prof. Dr. Monika Frommel: "Ihr Buch gefällt mir sehr."

Der Andrang irregulärer Migration führt in Europa und Deutschland zu politischen Abgründen, in denen weithin weltanschauliche Haltungen statt sachlicher Debatte die Auseinandersetzung bestimmen. Einige gebrauchen Beschimpfungen, Pöbeleien und Schlimmeres statt politischer Argumente. Von der sachlichen Betrachtung des Problems sind aber leider auch die Regierenden weit entfernt.
Martin Hagenmaier hat mit irregulären Migranten gesprochen und sie nach ihrer Sicht dessen gefragt, was wir irreguläre Migration nennen. Sie empfinden ihre rechtliche Situation so, als würden sie als Menschen zurückgewiesen, obwohl ihr Aufbruch nach Europa doch eigentlich ein Ausdruck des "Rechts" war, "ein Mensch zu sein". In ihrem Herkunftsland haben sie ihrem Empfinden nach eben auch kein "Recht, ein Mensch zu sein", weil ihnen aus verschiedenen Gründen wie Krieg, sonstige Waffengewalt, Terrorismus, Clanherrschaft, Korruption oder gesellschaftlichem Chaos die Möglichkeiten zum Leben fehlen. Bei ihrer Migration greifen sie jedoch auf Mittel zurück, die dem Chaos und der Korruption nicht nachstehen. Das System der irregulären Migration setzt Milliarden auf Kosten der Migrierenden um.
"Warum nehmt ihr uns auf, um uns dann wieder wegzuschicken?" So verstehen sie die Asylverfahren. Ihre Geschichten zeigen Menschen, die verzweifelt versuchen, einen Anschluss an das Leben in Europa mit all seinen Versprechungen zu finden und doch ihre Weltsicht nicht einfach ablegen können.
Kann da der nun bereits nahezu vier Jahrzehnte dauernde Versuch helfen, immer neue Gesetze zur Abwehr von irregulärer Migration zu formulieren? Sinnvoller wäre es, klare Regeln für Zuwanderung oder Reise zu finden und diese zu kommunizieren. Damit könnten auf die Dauer die Reiseagenturen der Schlepper und Schleuser überflüssig gemacht und durch regelgerechtes und viel preiswerteres Verhalten ersetzt werden.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,57 MB
978-3-7481-1520-5 (9783748115205)
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Martin Hagenmaier hat vierzig Jahre als Pastor der Nordkirche gearbeitet. Dabei war er über 20 Jahre mit Abschiebungshaft beschäftigt. Er ist Dr. theol, Kriminologe und Mediator in Strafsachen.

Vorwort


Eine Grundbedingung irregulärer Migration ist eine subjektive Interpretation der eigenen Wirklichkeit als anomisch in verschiedenster Hinsicht: "Gerechtigkeit" im Sinne von Chancen, Ressourcenverteilung, Zugang zu den Machtverhältnissen, Rechtssicherheit und Schaffung gefestigter Lebensgrundlagen durch Arbeit scheint nicht erreichbar. Menschen mit dieser Wirklichkeitsinterpretation unternehmen den Schritt, "innovativ" auf die Situation zu reagieren, indem sie die kulturellen Ziele, die im Umkehrschluss aus der Anomiebewertung entnommen werden können, unter Missachtung der vorgeschriebenen Mittel (Aus- bzw. Einreisegenehmigungen, Reisevorbereitungen anderer Art) zu erreichen suchen.

Die Wahrnehmung und Bewertung entsteht nicht nur in der Auseinandersetzung mit der umgebenden Sozialstruktur, sondern in Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ebenen der globalisierten Einordnung und Verteilung weltweit. Gerechtigkeit, Menschenrechte und Ressourcenverteilung gewinnen globalen Charakter für Individuen und lassen sich nicht länger nach nationalen, regionalen oder kulturellen Grenzen definieren.

Diese Wahrnehmung ist männlich dominiert, womit nicht behauptet werden soll, dass Frauen sie nicht in ähnlicher Weise machen. Frauen scheinen, wenn sie denn eine solche Lösung in Betracht ziehen, ihre Chancen und Möglichkeiten in der Radikallösung "irreguläre Wanderung" besser und zielstrebiger einschätzen und einsetzen zu können. Männlich dominiert bedeutet, dass Männer im System der "hegemonialen Männlichkeit" in andere Konkurrenzen geraten als Frauen. Sie nehmen daher auch andere Risiken, u.a. das der Marginalisierung, auf sich: Das männliche Risiko enthält keinen Rückzugsraum und setzt alles auf eine Karte.

Vorhandene Kontakte in die Ziel(Wunsch)länder lassen die Vorstellung von anderen Lebensverhältnissen realistisch aussehen, auch wenn sie mythische Züge annehmen. Medien und Netzwerke transportieren viele "Erzählungen" und Metaerzählungen, die das Leben leichter erscheinen lassen als in der heimischen Anomie und wirtschaftlichen Not. Berufliche Sozialisation, Familiengründung, Einordnung in die Welt der verantwortlichen Erwachsenen, also die Statusübergänge der jungen Erwachsenenzeit, sind in allen Kulturen Zeiten erhöhter Mobilität und mehr oder minder radikaler Identifikations- und Selbstfindungsvorgänge. Daher sind diese Zeiten auch die, in denen sich irreguläre Migration herausbildet. In früheren Lebensaltern handelt es sich bei irregulärer Migration um jugendliches "Abhauen" oder die Auswirkungen von Entscheidungen schützender bzw. verantwortender nahestehender Personen. In höheren Lebensaltern um die Einsicht, dass das nicht alles sein kann, was das Leben bietet. Insofern unterscheiden sich Entscheidungen in diesen Bereichen der Statusübergänge nicht von anderen Statusübergängen in öffentlich definierten und geregelten Verhältnissen.

Das bestehende irreguläre Migrationssystem erleichtert den Entschluss, den Versuch der Abwanderung zu unternehmen, zumal die Wege "gebahnt" erscheinen. Daran ändern auch die schlechten Erfahrungen in der Wirklichkeit (mit überfüllten Schrottbooten gegen teures Geld und unverschämten Schleusern, die Erfahrung des Todes auf der Wanderung durch die Sahara und auf halsbrecherischen Bootsfahrten auf dem Mittelmeer sowie Hunderttausende von Abschiebungen) nichts. Je früher die irreguläre Migration im Lebensalter beginnt, desto länger dauern die Wirrungen an und desto unlösbarer wird die Situation für alle Seiten. Im Alter von über dreißig Jahren sind die persönlichen Daten und Spuren so zahlreich, dass wenig Chancen bestehen, durch irreguläre Migration auf Dauer im Wunschland unterzukommen.

Irreguläre Migration bedeutet oft jahre-, wenn nicht jahrzehntelanges Herumirren im Dschungel von Paragrafen, weil die Zugangsländer durch umständliche bürokratische Verfahren das Bewohnen des Landes ohne Aussichten auf Zulassung und Eingewöhnung möglich machen. In der EU gebiert dieses Problem eine 'bürokratische Verwahrlosung', in der es darum geht, die Verantwortlichkeit durch Zuständigkeitsverteilung zu umgehen. Die Kräfte werden dadurch gebunden, dass niemand für die "irregulären MigrantInnen des anderen" zuständig sein möchte. Statt politischer Entscheidungen gibt es formalisierte Endlosschleifen. Der irreguläre Migrant lebt in verschiedenen Warteräumen verschiedener Länder, die aber genau als solche definiert sind.

Weltanschauliche Positionen in der Politik und in den Flüchtlingsbetreuungsorganisationen haben es bisher nicht zugelassen, die irreguläre Migration als ein Phänomen zu betrachten, das man mit den sonstigen soziologischen und soziostrukturellen Theorien erklären kann. Wenn ein Phänomen als unerklärlich dargestellt wird, kann man es nur mit vermeintlich voraussetzungslosen Glaubenssätzen hinzunehmen versuchen oder verleugnen. Oder aber es bilden sich Einfachstthesen wie die von "Wirtschaftsflüchtling" gegen "Menschrechtsopfer". Für beide Einfachthesen lassen sich genügend Beispiele anführen, dagegen ebenso. Daher verlangt die irreguläre Migration nach dem Anschluss an die allgemeine wissenschaftliche Wahrnehmungsweise über das Handeln von Menschen in gesellschaftlich - strukturellen Wirklichkeiten oder über die Konstruktion von Wirklichkeit in einer globalisierenden Welt.

Jede denkbare Situation im menschlichen Leben kann als Migrationshintergrund dienen. Selbst die 'klassische Flucht' ist eine aktive Handlung und keine bloße Reaktion. Die in dieser Studie aufgezeigten Gründe für irreguläre Migration sind Lebenslagen in schwierigen gesellschaftlichen und/oder persönlichen Verhältnissen, die ihre Brisanz aus der Dynamik einer globalisierten Wahrnehmung des eigenen Platzes in der Welt und nicht nur in der je eigenen gesellschaftlichen Wirklichkeit gewinnen. Sie müssen jedoch der eigenen Gesellschaft als "ungerecht", "gewaltsam" oder "bedrohlich" angelastet werden können. Nahezu jede dem Betroffenen unlösbar erscheinende Drucksituation gesellschaftlicher Art von lebensbedrohlichen Auseinandersetzungen politischer Art, undurchschaubarer Machtausübung durch den Staat, Bedrohung durch inoffizielle Machtanmaßung, Empfinden von Rechtsunsicherheit und Benachteiligung über wirtschaftlichen Misserfolg in Nachkriegs- oder im rapiden Wandel begriffenen Gesellschaften bis in Familienkonflikte bzw. Familienkonstellationen hinein kann u.a. auch zur irregulären Migration führen. Das wird durch die globalen Verkehrsstrukturen erleichtert.

Es sind mehrheitlich nicht die Lebenslagen von marginalisierten Gruppen, die den Entschluss zur irregulären Migration grundieren, sondern eher von Menschen, die eine Idee von "Verbesserung" durch Veränderung entwickeln können. Außerdem setzen sie Mittel aus verschiedenen Quellen ein. Der Anteil derer, die sich mit ihrem Migrationsversuch gegen Konflikte in bereits erreichten gesellschaftlichen Positionen zu wehren versuchen, ist relativ gering. Meistens handelt es sich um Übergriffe unklarer Art, Diskriminierung, das Unter-Druck-Geraten durch gewaltförmige und anomische Situationen, gegen die sich Betroffene unter dem Einsatz beträchtlicher Mittel zu wehren versuchen. Bisweilen nimmt sich dies als "Rettungsversuch" aus, besonders, wenn junge männliche Familienmitglieder unter hohem Einsatz außer Landes geschafft werden. Hier ist irreguläre Migration eine Handlung von Vätern oder (männlichen) Verwandten, die um ihre Kinder - meistens um die Söhne - fürchten. Manchmal aber ist es auch die Aussendung in das gelobte Land.

Eine weitere Quelle bildet die allgemeine Frustration der Erfüllung von Bedürfnissen, die alle Menschen teilen. Wer seine Situation als anomisch interpretiert, kann sich die Teilnahme an politischen und anderen Prozessen zur Verbesserung der Erfüllungsmöglichkeiten nicht vorstellen. Das würde den Einsatz von persönlichen Ressourcen unter der Gefahr des totalen Scheiterns erfordern. Scheitern bedeutet in anomischen Gesellschaften nicht nur, sich nicht durchzusetzen, sondern wie im Glückspiel alles zu verlieren. Der "Sieger" bekommt alles, der "Verlierer" nichts. Verlierer zu sein kann das Leben kosten. Vor dieser Erfahrung des Anomischen erscheint das Risiko erträglich, dass man vielleicht beim irregulären Migrationsversuch scheitern könnte. In den Erzählungen von der 'besseren Welt' hat nach dieser Version selbst der extreme Verlierer noch ein Leben, das von der Gemeinschaft einigermaßen garantiert wird.

Die Zuwanderungsländer versagen den irregulären Migranten genau diesen Schutz vor dem Status des extremen Verlierers. In der globalen Struktur gibt es den sozialen Ausgleich nicht, der mehr oder weniger Kennzeichen westlicher Gesellschaftstrukturen oder Systeme ist. Der Ausgleich betrifft Berechtigte, nicht Menschen allgemein. Irreguläre Migranten wollen den Status des Berechtigten erzwingen, wo sie lediglich...

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