Friesenherz

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juli 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10700-0 (ISBN)
 
Was einem das Leben vor die Füße spült

Zum Geburtstag bekommt die Lehrerin Maike von ihrem Mann einen Wellnessurlaub. Nicht gerade ihr Herzenswunsch, doch geschenkt ist geschenkt. Auf einer Nordseeinsel trifft sie die Performance-Künstlerin Ann. Die beiden verstehen sich nicht sofort, doch Gegensätze ziehen sich an. Bald kommen sie blendend miteinander aus. Bis sie feststellen, dass sie weit mehr miteinander verbindet, als ihnen lieb ist .

Eine sportliche Lehrerin mit Eigenheim und eine Performance-Künstlerin aus dem Szeneviertel - unterschiedlicher als Maike und Ann, die in einem Wellnesshotel an der Nordsee aufeinandertreffen, können zwei Frauen nicht sein. Maike hat den Urlaub zum Vierzigsten geschenkt bekommen, doch auch Ann, die ewig Jugendliche, ist schon bei der bösen Vier angelangt. So gegensätzlich sie auch sein mögen, für beide ist dieser Geburtstag ein Wendepunkt. Der Moment, sein Leben noch mal spürbar zu verändern. Was als Zwangsgemeinschaft beginnt - Maike versucht, sofort wieder abzureisen, doch ein Sturmtief verhindert dies -, wird bald der Beginn einer echten Freundschaft. Sei es das verlorene Gefühl einer jungen Liebe, das nun als Flirt mit einem jungen Wattführer neu erwacht, oder die Tatsache, schwanger zu sein und vom Vater fehlt jede Spur - es herrscht eine unvermutete Einigkeit bei der Suche nach dem neuen Ich. Bis eine Nachricht Ann und Maike trifft wie eine Bombe - und nichts mehr ist, wie es war .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,74 MB
978-3-641-10700-0 (9783641107000)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2

Eine Woche zuvor hatte ich noch ganz andere Probleme gehabt. Ich hatte am Fenster des Wellnesshotels »Ananda« gesessen, in den verregneten Novembernachmittag geblickt und über die Form meiner Augenbrauen nachgedacht.

Mit einem seitenlangen Fragebogen auf den Knien wunderte ich mich darüber, dass so viele Jahre vergehen konnten, ohne dass ich je einen Gedanken an diesen Körperteil verschwendet hatte. Ich wusste ja schließlich auch, wie mein Gebiss aussah, mit der winzigen Lücke zwischen den Schneidezähnen, und sogar meine eigenen Hände mit den kantigen Daumen hätte ich vermutlich wiedererkannt, wenn ich sie auf einem Foto gesehen hätte. Aber die Augenbrauen?

Ich blickte hinaus. Dort lag nichts als die glänzende dunkle Fläche des Wattenmeers, darüber ein verhangener Himmel, und die hölzernen Möwenaufstellerchen auf der Fensterbank sahen trübsinnig drein. Die wussten wohl auch keine Antwort.

Noch einmal las ich die drei Auswahlmöglichkeiten, Frage zehn auf Seite eins: dicht und buschig? Das klang nach CSU-Minister. Fein und unregelmäßig? FDP-Hinterbänkler. Dunkler als die Kopfhaare? Vielleicht, aber ich zögerte, bei c mein Kreuzchen zu machen. Denn wenn ich meine Antworten zusammenzählte, später, wollte ich vor allem eines nicht sein: der Kapha-Typ. Das waren diese dicklichen, phlegmatischen Typen, die vollkommen mit ihrem Leben zufrieden waren, solange es nur regelmäßig etwas zu essen gab.

Ich reckte den Kopf und blickte in den Spiegel, der über dem Schreibtisch in der anderen Zimmerecke hing. Meine Augenbrauen sahen aus, als hätte man jemanden gebeten, ein möglichst typisches Paar zu zeichnen. Nicht zu breit, nicht zu schmal, nicht zu hell, nicht zu dunkel. Keine besonderen Merkmale. Normal, dachte ich. Das ist mein Problem. An mir ist alles normal.

Ich griff wieder nach dem Fragebogen und machte ein entschlossenes Häkchen bei c. Auch wenn mich das der Auflösung näherbrachte, vor der ich mich am meisten fürchtete. Es nutzte nichts, man konnte nicht ewig vor der Wahrheit davonlaufen.

Frage zehn von fünfunddreißig. Wenn ich in dem Tempo weitermachte, musste die indische Ayurveda-Ärztin im ersten Stock noch bis heute Abend auf mich warten. Wobei sie das vermutlich nicht gestört hätte. Auf dem Foto im Hotelprospekt sah Frau Dr. Sidhoo aus wie Kapha in Reinform: klein und rund und gemütlich und durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

Ich blätterte die zusammengehefteten Seiten um und las die nächste Frage. Vata und Pitta konnten Hunger ertragen, Kapha nicht. Dann also doch a oder b. Ob ich möglicherweise der schmale, nervöse, hypersensible Typ war? Voll kreativer Einfälle und sprühender Energie? Man sah es mir zwar nicht an, aber das hatte nicht unbedingt etwas zu sagen. Und es hätte mir gefallen.

Bei Frage vierzehn stand ich auf, ging näher an den Schreibtischspiegel und streckte mir selbst die Zunge heraus. Eher gelb oder eher rosa? Eher nass oder eher trocken? Und waren Zungen nicht sowieso eher feucht, im Allgemeinen?

Ich trottete zurück zu meinem Rattansessel mit den blau-weiß gestreiften Kissen und ließ das Antwortfeld frei. Wie lösen Sie Probleme?, stand unter Punkt fünfzehn. Ruhig und analytisch, getrieben von unterdrückter Wut, vermeidend? Die machten es sich ganz schön einfach, diese Ayurveda-Inder. So einen Fragebogen konnte nur ein Naturheilkundler entworfen haben, der seit Jahren im Lendenschurz unter einem Banyan-Baum meditierte. Keiner, der Ahnung hatte vom wirklichen Leben. Uneindeutig, diese Frage war eindeutig uneindeutig. Was sollte ich da schon hinschreiben? »Kommt darauf an«?

Wenn ich vormittags vor meinem Bio-Profilkurs stand oder von Arbeitsgruppe zu Arbeitsgruppe schlenderte, war ich zum Beispiel ganz der luftige Vata-Typ: erläuterte geduldig, wie das Strukturmodell eines Zuckermoleküls beschaffen war, ließ Schüler laut denken und unterbrach erst, wenn sie das Ergebnis praktisch schon kannten, aber die letzten Zahnrädchen in ihren Köpfen noch nicht ineinandergriffen. Samstagabends, wenn ich Ronja nachsah, wie sie das Haus verließ, war ich eher Pitta. Voll unterdrückter Wut. Und voll schlechtem Gewissen darüber.

Eine Räubertochter hatte ich gewollt, und was hatte ich bekommen? Ronja hatte schon als kleines Mädchen lieber mit Barbies gespielt, als am Bach Staudämme zu bauen, und in den letzten Jahren war dieser Hang noch ausgeprägter geworden, bis Ronja sich schließlich zurechtmachte, als sei sie selbst eine lebende Plastikpuppe mit blauer Perücke und Petticoat. Dass sie zum Gartenfest an meinem Vierzigsten ausgerechnet diesen Maschinenbaustudenten angeschleppt hatte, mindestens zehn Jahre älter als sie, das hatte genau ins Bild gepasst. Ein Prinzesschen, das sich auf Händen durchs Leben tragen ließ.

Vielleicht hätte es mich als Mutter eher beruhigen sollen, dass ihr Freund so viel älter war als sie. Dass er vermutlich nicht betrunken Auto fahren würde, oder was Jungen in Ronjas Alter sonst so anstellten. Aber aus irgendeinem Grund war genau das Gegenteil eingetreten. Es beunruhigte mich. Und zwar sehr.

Was meinen eigenen Mann anging, nun, da neigte ich wohl zur Kapha-Kategorie. Vermeidend. Und, ganz ehrlich: Ich fand das auch nicht so verkehrt. Über die Jahre hatten Torge und ich diese freundliche Diplomatie erlernt, ohne die eine Beziehung auf Lebenszeit heute gar nicht mehr möglich war. Wir hatten ein gemeinsames Theater-Abo und ein Tandem, über dessen Tempo wir uns beim Treten wortlos verständigten. Sein Bart störte mich nicht beim Küssen, und Torge fasste mir auch nach so vielen Jahren immer noch gern selbstvergessen an den Hintern. Vielleicht nicht der Gipfel der Romantik, aber deutlich besser als das Schicksal vieler unserer Freunde, die das Scheitern ihrer Ehen in Einzimmer-Appartements büßen mussten, weil das gemeinsame Haus endgültig der Bank gehörte.

Nein, wir hatten es gut. Unterm Strich. Torge dachte für mich mit, mehr, als ich es bei den Männern meiner Freundinnen erlebte. Wenn ich Obst auf den Einkaufszettel schrieb, griff er nicht zu den geschmacklosen Äpfeln in der Tüte; wenn wir verreisten, hatte er immer eine Packung Blasenpflaster für mich dabei, falls ich unterwegs ein Paar neue Schuhe kaufte. Und hatte Torge mir nicht diesen Inselaufenthalt zum Geburtstag geschenkt, vollkommen selbstlos? Ein paar Tage ganz für mich, in meinen nächsten Herbstferien?

Zugegeben, im ersten Moment war ich ein bisschen enttäuscht gewesen. Eine Radwanderung an der Moldau hätte mir nämlich auch gut gefallen, und wir sprachen schon lange davon. Tschechische Burgen, tschechisches Bier, dazwischen gemütliche Etappen. Als ich Torges Umschlag öffnete, war ich beinahe sicher, dass Flugtickets nach Prag darin liegen würden. Stattdessen: Wellness.

Was sollte das? Bisher hatte sich die Kosmetikindustrie jedenfalls keine goldene Nase an mir verdient, und das hätte Torge in sechzehn Jahren Ehe schon einmal bemerken können. Und dann noch in Kombination mit ayurvedischer Lebensberatung. Ob Torge dachte, dass Frauen mit vierzig automatisch in die Midlife-Crisis schlitterten? Wollte er mir dabei helfen, diese Krise gleich im Keim zu ersticken?

Aber ich wollte auch nicht jammern. Von meiner Nachbarin wusste ich, dass ihr Mann ihr einen Stapel neue Badezimmerkacheln als Morgengabe zum Vierzigsten untergejubelt hatte. Dabei hatte sie ihm seit fünf Jahren in den Ohren gelegen, das spinatgrüne Siebziger-Jahre-Bad zu renovieren. Mein Blick fiel auf Frage einundzwanzig, und ich blickte mich um wie ertappt. Was mussten diese Inder jetzt auch noch nach meinem Liebesleben fragen? Häufig und ekstatisch, regelmäßig, unregelmäßig? Da half kein Drumherumreden, auch was Sex anging, war ich Kapha. Wenigstens in den letzten Jahren. Es war ja nicht immer so gewesen.

Aber das gehörte vermutlich nicht hierher.

Als ich von den Seiten aufblickte, war ich einen kurzen Moment irritiert, als ich wieder dieses Bild über meinem Bett entdeckte. Es passte so gar nicht zu diesem kleinen Hotel, den Vorhängen im Landhaus-Look, den Holzmöwen, den Badezimmerseifen in der knisternden Blümchenverpackung. Vielleicht wäre es in einer schicken Stadtwohnung gar nicht weiter aufgefallen, aber hier über dem Bett mit der englischen Tagesdecke wirkte es beinahe obszön: eine nackte Frau mit grünen Haaren, die mit weit gespreizten Beinen in die Luft sprang und deren Schamdreieck dreidimensional aus dem Bild herausstand. Die Künstlerin - und ich war sicher, dass solch ein Bild nur von einer Frau stammen konnte - hatte das aufgeklebte Schamhaar aus irgendeinem natürlichen Material nachgebildet, getrocknetes Seegras vermutlich, grün und krümelig, jedenfalls etwas, das man am Strand fand.

Ich fragte mich, ob das Bild immer hier hing oder ob seine Anwesenheit etwas mit dem Motto dieser Woche zu tun hatte: »Wellness, Watt und Weiblichkeit.« Ich stand auf, ging zum Bett, fasste vorsichtig an den Rahmen und nahm es von der Wand. Tatsächlich: Das dunkle Viereck auf der Tapete, dort, wo die Sonne das zarte Blütenmuster nicht ausgebleicht hatte, war kleiner als der Bilderrahmen. Dann hing also sonst etwas anderes dort, vielleicht ein Leuchtturm im Abendrot oder ein Stillleben mit Muschel und Hummer.

Ich zögerte einen Moment, dann hängte ich das Bild vorsichtig wieder auf. Es gehörte augenscheinlich zum Wellnesskonzept, unter dem Bild dieser Schamgestrüppfrau zu schlafen, und dann wollte ich dabei...

"Endlich ein Roman über das Leben jenseits der 40, der originell und lustig ist, ohne das Älterwerden billigem Gelächter preiszugeben."
 
"Ein Frauenbuch, das mehr kann als Sprüche klopfen."
 
"Vergnügliche Urlaubslektüre!"

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