Das Gewicht des Himmels

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10703-1 (ISBN)
 
Die Liebe eines Künstlers lenkt das Schicksal zweier Schwestern

Ein langer Sommer in Neuengland. Die Schwestern Alice und Natalie begegnen dem geheimnisvollen Maler Thomas Bayber. In jenen Tagen entsteht ein Porträt, dessen tragische Bedeutung erst Jahrzehnte später ans Licht kommen wird. Denn die Begegnung zwischen Alice und Thomas ist der Beginn einer tiefen Liebe und zugleich einer Lüge, die mehr als ein Leben zerstört .

Am Ende seines Lebens beauftragt der gefeierte Maler Thomas Bayber seinen engen Vertrauten Dennis Finch, ein bisher unbekanntes Gemälde aus dem Jahr 1963 zu verkaufen. Der Kunstprofessor steht vor einem Rätsel, glaubte er doch bisher, das Gesamtwerk des Malers zu kennen. Aber beim Anblick des Gemäldes ahnt er, dass es um weit mehr geht als um das Bild selbst. Denn die beiden jungen Frauen auf dem Porträt scheinen für Thomas eine größere Rolle zu spielen, als er zugibt. Kurz darauf erkrankt Thomas schwer, und für Dennis Finch beginnt eine Suche, die ihn auf die Spur zweier völlig unterschiedlicher Schwestern, einer tragischen Liebe und einer Lüge mit verheerenden Folgen führen wird.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Diana
  • 1,14 MB
978-3-641-10703-1 (9783641107031)
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1

August 1963

Alice spazierte am moosigen Waldrand entlang. Immer wenn sich ihr ein schattiges Plätzchen bot, verweilte sie kurz. Sie wartete auf das Motorengeräusch seines Austin-Healy und darauf, dass er wenige Sekunden später den Wirtschaftsweg heruntergerast kam - den Weg, der das Naturschutzgebiet von den Blockhäusern am See trennte. Doch sie hörte nur das Geschnatter der Indigofinken in der Blätterkathedrale über ihr. Die strahlend blauen Männchen stoben tiefer in den Wald hinein, wenn Alice ihr »Tziet-tziet-tzu-tzu-tziet-tziet« nachahmte. Während sie sich langsam durchs Unterholz arbeitete, streiften die hellgrünen Köpfe der Kiefernsämlinge ihre Hosen. Sie hatte sich so zurechtgemacht, dass sie mit dem Wald verschmolz; ihr Haar war unter einer Schildmütze hochgesteckt und ihre Kleidung graubraun und unauffällig. Da endlich, sein Auto! Sie duckte sich hinter einige Birken und machte sich so klein wie möglich, kauerte sich in eine flache Grube voll mit Farnen und Laub. Ihr Vogelbeobachtungsheft und die Gedichtsammlung balancierte sie auf den Knien, während sie Rinde von den Birkenstämmen riss und beobachtete, wie er auf den Schotterparkplatz seines Anwesens einbog.

Er schaltete den Motor aus, blieb aber noch in seinem Cabrio sitzen. Genüsslich zündete er sich eine Zigarette an, die er mit geschlossenen Augen so langsam rauchte, dass sie sich schon fragte, ob er vielleicht eingenickt oder in seine typische Trance gefallen war. Als er sich dann endlich aus dem engen Vordersitz gezwängt hatte, stand er so aufrecht und schmal da wie die dunklen Baumstämme hinter ihm, die seinen Schatten schluckten. Alice bewegte sich, denn ihr linker Fuß war eingeschlafen und prickelte. Die Blätter unter ihr raschelten. Das Geräusch hätte genauso gut von einem kleinen Tier stammen können, aber er drehte sich sofort zu ihrem Versteck um und starrte auf einen Punkt über ihrem Kopf. Sie hielt den Atem an.

»Alice«, flüsterte er in die warme Luft hinein. Sie konnte das Zischen gerade noch hören, gerade noch sehen, wie seine Lippen sich bewegten. Aber sie war sich sicher, dass er ihren Namen gesagt hatte. Ja, das hatten sie gemeinsam: Beide beobachteten gern, wenn auch auf verschiedene Art.

Er nahm eine Papiertüte vom Beifahrersitz und drückte sie beinahe liebevoll an die Brust. Da sind Flaschen drin, wusste sie und dachte an ihren Vater; daran, wie oft er zwischen dem Auto und ihrem Sommerhäuschen hin- und hergelaufen war, um den mitgebrachten Alkohol hereinzuholen: einen Monatsvorrat an Toasts und Schlummertrunken und Katerkiller-Drinks. Die verdammten Einheimischen erhöhen die Preise, sobald die Sommergäste auftauchen, hatte ihr Vater gesagt. Warum soll ich zweimal für etwas bezahlen, was ich bloß einmal trinken kann? Ihn haute niemand übers Ohr. Alles hatte er dabei: Rot- und Weißwein, Champagner, Galliano und Orangensaft für die Wallbanger ihrer Mutter, Wodka und Gin, ein paar alkoholfreie Getränke zum Mischen, eine Flasche erlesenen Wodka und einige Sixpacks Bier. Und er hatte es genauso sorgsam ins Haus getragen wie Thomas Bayber jetzt seine Flaschen.

Sie wartete, bis er die kurze Steintreppe hochgegangen war und die Fliegengittertür hinter sich zugeknallt hatte, bevor sie es wagte, sich zu rühren. Sie setzte sich auf den mit Kiefernnadeln übersäten Boden und kratzte sich an einem Mückenstich. Dann schlug sie den Gedichtband auf. Mrs. Phelan, die Bibliothekarin, hatte ihn für sie zur Seite gelegt, als er gerade frisch eingetroffen war.

»Mary Oliver. Ich bleibe und andere Gedichte. Meine Schwester hat mir das aus London geschickt, Alice. Ich dachte, du wärst vielleicht gerne die Erste, die es liest.« Mrs. Phelan fächerte die Seiten auf und zwinkerte Alice verschwörerisch zu. »Es riecht noch ganz neu.«

Alice hatte sich das Buch für den See aufgehoben. Sie wollte die Gedichte erst lesen, wenn sie sich in einer genau passenden Umgebung befand. Am Morgen hatte sie an der Bootsanlegestelle ein Handtuch ausgebreitet, das noch etwas feucht war und nach Algen roch. Auf dem Bauch liegend, die Ellenbogen aufgestützt, blätterte sie in dem Buch. Das helle Sonnenlicht, das vom weißen Papier zurückgeworfen wurde, machte ihr Kopfschmerzen, aber sie rührte sich nicht vom Fleck, und bald hatte die Hitze ihre Haut zartrosa gefärbt. Sie las immer weiter, hielt den Atem an, wenn eine Strophe vorbei war, konzentrierte sich auf die Sprache, die genaue Bedeutung der Wörter. Es war schade, dass sie nur ungefähr ahnte, was die Dichterin ausdrücken wollte, dass sie die Verse nicht bis ins Letzte verstand. Inzwischen war die Seite mit dem Gedicht »Ich bleibe« zerknittert, übersät mit Sandkörnern, versehen mit Alices feuchtem Daumenabdruck in der Ecke. . liege ich wie verbrauchtes Land, wenn der Frühling kommt . In den Zeilen lagen Geheimnisse, die sie nicht ergründen konnte.

Wenn sie Thomas darum bat, würde er ihr das Gedicht erklären, ohne diese typisch vage Erwachsenensprache zu gebrauchen oder Unwissen vorzutäuschen. Aber wenn sie mit Thomas zusammen war, lernten sie voneinander. Er schulte sie in Jazz, Bossa nova und Bebop und spielte ihr, während er malte, seine Lieblingsmusiker vor: Slim Gaillard, Rita Reys, King Pleasure und Jimmy Guiffre. Dabei stach er jedes Mal, wenn er sie auf eine wichtige Stelle aufmerksam machen wollte, mit dem Pinsel in die Luft. Im Gegenzug zeigte sie ihm die neuesten Seiten aus ihrem Vogelbeobachtungsbuch: Skizzen der Sumpfohreule, der Nordamerikanischen Pfeifente, des Zedernseidenschwanzes und des Waldlaubsängers. Sie erklärte ihm, dass der harmlos aussehende Louisianawürger seine Beute tötete, indem er ihr in den Hals biss und dabei das Rückenmark durchtrennte. Dann konnte er das Opfer auf Dornen oder Stacheldraht aufspießen und es in Stücke reißen.

»Um Himmels willen«, sagte er schaudernd. »Das ist ja ein wahrer Horrorvogel!«

Sie vermutete, dass er sich durch ihre Besuche nur zu gern von der Arbeit abhalten ließ, brachte ihn aber mit ihren Beschreibungen der Einheimischen gerne zum Lachen: Tamara Philson, die ihre lange Perlenkette ständig trug, selbst am Strand, seit sie von einem Einbruch in der Nachbarstadt gehört hatte. Die Sidbey-Zwillinge, deren Eltern sie immer genau gleich anzogen, bis hin zu den Haarspangen und Schnürsenkeln. Auseinanderhalten konnte man sie nur durch einen lilafarbenen Punkt, den Mr. Sidbey einer der beiden aufs Ohrläppchen gemalt hatte. Alice, hatte Thomas gesagt, du bist das beste Mittel gegen Langeweile.

Sie spähte durch die Birkenstämme zum hinteren Teil des Hauses hinüber. Wenn sie zu lange wartete, bis sie anklopfte, hatte er vielleicht schon angefangen zu arbeiten. Dann riskierte sie, ihn dabei zu stören, und er wäre schroff und kurz angebunden. In solchen Momenten kam er ihr vor wie ein wildes Tier, wie die Katzen zu Hause, die sie hinter den Holzstapel lockte, um sie einzufangen. Niemals hätte sie sich getraut, uneingeladen vorbeizukommen (er hatte zwar eine Einladung ausgesprochen, aber nur eine ganz vage); darum näherte sie sich ihm lieber ganz vorsichtig.

Kommt doch mal vorbei, hatte er am ersten Tag im Kreis ihrer Familie gesagt, nachdem er sich vorgestellt hatte. Er war plötzlich aus dem Wald aufgetaucht, um seinen Hund zurückzuholen. Das Tier sprang aufgeregt um ihn herum, während sie miteinander am Anlegeplatz standen. Aber er hätte sich kaum vorzustellen brauchen - sie wussten genau, wer er war.

»Dieser Künstler«, so bezeichnete ihn ihr Vater. Im selben Ton hätte er auch »diese Schwuchtel« oder »dieser Axtmörder« sagen können. Alice saß auf ihrem geheimen Beobachtungsposten oben an der Treppe, von dem aus sie die Unterhaltungen ihrer Eltern heimlich belauschte, und zwar schon lange, ehe sie zum ersten Mal an den See fuhren.

»Myrna findet, dass er Talent hat«, hatte ihre Mutter gesagt.

»Na klar, sie kann das bestimmt beurteilen, mit ihrer Erfahrung auf dem Gebiet der . was macht er noch mal?« Ihr Vater klang so aufgebracht wie immer wenn man ihn mit Myrna Restons Erfahrung auf unendlich vielen Gebieten konfrontierte.

»Du weißt ganz genau, was er macht. Er ist Maler. Sie sagt, er hat ein Stipendium der Royal Academy bekommen.«

Ihr Vater schnaubte unbeeindruckt. »Maler! Das heißt, die Leute bezahlen ihn dafür, dass er ihren Schnaps trinkt und ihren Töchtern schöne Augen macht und den Rest der Zeit auf einem Stuhl sitzt und an einem Pinsel lutscht. So einen Job hätte ich auch gern.« Alice konnte direkt vor sich sehen, wie ihr Vater die Augen verdrehte.

»Du brauchst nicht sarkastisch zu werden, Niels.«

»Ich bin nicht sarkastisch. Ich will bloß nicht, dass meine Familie so einem Künstler in den Arsch kriecht. Wir haben schon genug am Hals mit .« Eine Pause entstand, und dann war nur noch Geflüster zu hören. Alice wusste, dass sie über Natalie redeten. Dann dröhnte die Stimme ihres Vaters wieder durchs Haus, und sie zuckte zusammen, dort oben auf ihrer Treppenstufe. »Warum ausgerechnet jetzt, nach so vielen Sommern, die das Haus verwaist war? Es sollte lieber so bleiben, wie es ist .«

Die Mutter unterbrach ihn. »Ob sie das Haus benutzen oder nicht, geht uns nichts an. Dich regt nur auf, dass eins der Boote von den Baybers dauernd fehlen wird, wenn er da ist. Aber das kannst du dem jungen Mann wohl kaum vorwerfen.«

Der Vater atmete hörbar aus - das Zeichen seiner Niederlage. »Versuchen kann ich's jedenfalls.«

An einem Samstagabend vor drei Wochen waren...

"Toller Schmöker über Liebe und Malerei!"
 
"Eine Mischung aus Familiensaga und Liebesgeschichte und ein perfektes Buch für alle, die es gerne geheimnisvoll mögen."
 
"Große Gefühle im Stil eines Detektivromans!"
 
Tracy Guzeman ist eine großartige Entdeckung!
 
Die fesselnde Geschichte der Schwestern Alice und Natalie wird Sie von der ersten Seite in ihren Bann ziehen - ein grandioser Roman!
 
Ein überwältigendes Debüt!
 
Ein wunderschönes Debüt!
 
Meisterhaft geschrieben, wunderschön, einfach großartig!
 
Ein vielschichtiger Roman über zwei Schwestern, eine tiefe Liebe und eine verhängnisvolle Intrige.

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