Sprechende Männer

Das ehrlichste Buch der Welt
 
 
Karl Blessing Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 3. Oktober 2011
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06430-3 (ISBN)
 
Zwei typische Männer in einem untypischen Gespräch: Sie sagen, was sie bewegt, und hören sogar zu

Sie sind zwei Männer um die vierzig. Sie haben sich in ihren Leben eingerichtet. Maxim Leo mit Ehefrau, zwei Kindern und Eigentumswohnung. Jochen-Martin Gutsch mit seinem Job als Reporter, seinen Freunden, seinen flüchtigen Frauenbekanntschaften. Sie reden viel miteinander, aber selten über das Wesentliche. Als sie den Auftrag bekommen, ein Buch über das Leben als Mann zu schreiben, entsteht ein spannender Dialog mit offenem Visier. Welchen Sinn hat das Männerleben? Geht es darum, Verantwortung zu übernehmen, eine Familie zu gründen, etwas aufzubauen? Oder darum, kompromisslos zu leben, die Freiheit zu genießen? Was heißt das heute überhaupt: Männlichkeit? Jochen-Martin Gutsch und Maxim Leo machen sich auf die Suche. Sie beginnen eine Inventur ihres Männerlebens. Und das auf ungewöhnlichem Wege. Zwei Monate werden sie sich gegenseitig alle Fragen stellen dürfen und alles beantworten müssen, schriftlich und ohne Ausreden. Es geht um Liebes-Terror, die Pärchen-Glückswelt, Einsamkeit, Tanzkurse als Rebellion und um die Frage, ob zehn Sekunden Glück pro Woche einen akzeptablen Schnitt darstellen für einen Ehemann in Westeuropa. Was Männer dem Klischee nach nicht tun, hier müssen sie es: zuhören. Was Männer angeblich schlechter können als Frauen, hier ist es Pflicht: über sich nachdenken und sprechen.

Manchmal berührend, manchmal witzig suchen die Autoren nach Antworten auf die Frage: Wie lebe ich richtig? Sie streiten sich, sie kommen sich nahe, und wie der Leser lernen sie etwas über die Liebe und das Mannsein in unserer Zeit.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blessing
  • Breite: 118 mm
  • 0,85 MB
978-3-641-06430-3 (9783641064303)
3641064309 (3641064309)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Tag 5

An dem die Vor- und Nachteile des Erwachsenseins diskutiert werden und die Frage auftaucht, ob zehn Sekunden Glück pro Woche für einen Mann reichen

Lieber Jochen, ich möchte dir etwas sagen. Damit das ganz klar ist und du das auch verstehst, sage ich es ganz langsam: ICH BIN ZUFRIEDEN MIT MEINEM LEBEN. Manchmal bin ich sogar glücklich, vielleicht einmal pro Woche, was kein schlechter Durchschnitt ist. Wenn ich einmal pro Woche für, sagen wir, zehn Sekunden dieses schöne, warme Gefühl in mit spüre, das ich Glück nenne, dann habe ich am Ende meines Lebens wahrscheinlich mehrere Stunden in dem Zustand verbracht, dem die ganze Menschheit seit Tausenden von Jahren hinterherjagt. Mehr kann keiner verlangen.

Da ich davon ausgehe, dass du mit diesem Gefühl nicht ganz so vertraut bist wie ich, beschreibe ich es dir: Man spürt ein wohliges Blubbern, als sei das Herz in eine Champagnerflasche gefallen. Dieses Gefühl ist meist genauso schnell verschwunden, wie es gekommen ist. Man kann es auch nicht bewusst herbeiführen. Es macht, was es will.

Vor ein paar Tagen habe ich mit Catherine eine Regentonne durch den Garten unseres Wochenendhauses gerollt, weil wir Rasen gepflanzt hatten und die Erde planiert werden musste. Die Tonne war schwer, und es ging etwas bergauf. Irgendwann bin ich weggerutscht, klemmte mir den Fuß unter der Tonne ein, und Catherine bekam einen Lachanfall und fiel in den Schlamm. Ich sah Catherine lachend im Dreck liegen und spürte das Blubbern. Ich dachte in diesem Moment, dass es nur diese eine Frau gibt, mit der ich solche Sachen machen kann. Und dass es toll ist, dass ich sie gefunden habe. Dass sie mir gehört.

Du kannst jetzt natürlich sagen, es sei spießig, ein Wochenendhaus zu haben. Und mit seiner Frau im Garten rumzukriechen sei der Beginn des Frührentnertums. Meinetwegen. Aber ich bin lieber ein glücklicher Frührentner als ein Rumrenner, der es nicht wagt, mal irgendwo anzuhalten, vor lauter Angst, zu sich zu kommen und womöglich zu bemerken, wie leer sein Leben ist.

Du verkaufst mir dein Leben als großes Sinnsucherabenteuer, aber eigentlich hast du nur Angst davor, erwachsen zu werden. Du willst der kleine Jochen bleiben, der am Wochenende zusammen mit den anderen vierzigjährigen Kindern in den Club geht, mit Turnschuhen und Kapuzenpulli.

Ich kann es kaum ertragen, wie du dein Leben in diesen Warteschleifen verplemperst. Du sagst: Es gehe darum, stets neue Sachen zu entdecken. Ich sage: Es ist wichtig, das zu genießen, was man hat. Vorausgesetzt, man hat etwas. Du sagst: Ankommen sei ein öder Ort. Ich sage: Komm doch erst mal an. Du brauchst keine Angst zu haben, etwas zu verpassen. Weil du sonst dein ganzes Leben verpasst.

Ich würde dir das Gefühl gönnen, mal nicht mehr weiterzuwollen. Faust sagt: »Verweile doch, du bist so schön« und verliert seine Wette mit dem Teufel. Aber eigentlich gewinnt er sein Leben in diesem Moment zurück. Ich würde dir das Gefühl gönnen, eines Tages eine kleine Hand in deiner großen Hand zu halten, eine Gutenachtgeschichte vorzulesen und vor dem Einschlafen noch mal am Kinderbett vorbeizugehen, zusammen mit der Frau, die du liebst. Glaube mir, das ist geiler als diese ganze Ich-will-das Leben-spüren-Scheiße.

aw:

Lieber Maxim, schön, dass du deine Zufriedenheit in Großbuchstaben geschrieben hast, die FROHE BOTSCHAFT. Ich habe sie vernommen. Wir können uns Namen geben von nun an: Mr. Happy und Mr. Unhappy.

Ich finde, um dir diese Angst zu nehmen, dein Leben, dein Wochenendhaus, deinen Garten, deine Regentonne und auch alles andere überhaupt nicht spießig, auch wenn das Wort spießig in deinen Mails oft auftaucht, verbunden mit dem Hinweis: »Du findest es vielleicht spießig .« Das ist aber allein dein Problem, denn nichts finde ich so spießig, wie jemandem vorzuwerfen, er sei spießig.

Ich finde es schön, dass du mir das Gefühl »gönnen« würdest, mal nicht weiterzuwollen. Das ist nett. Und gönnerhaft.

Du schreibst, ich hätte Angst davor, erwachsen zu werden. Ja, in gewisser Weise hast du vollkommen recht. Ich habe Angst vor dem automatischen Reinrutschen in ein Lebensmodell. Erwachsensein wird ja meist nicht damit verbunden, eine Suche zu beginnen, sondern die Suche abzuschließen. Der Satz: »Du bist jetzt erwachsen« bedeutet meist nur: Du bist jetzt da. Aber nie: Jetzt kannst du losgehen. Erwachsensein wird verbunden mit: Vati, Mutti, Kind, Beruf, Haus, Urlaub - ein Jahr im Voraus gebucht. Das ist aber nicht Erwachsensein, Maxim, sondern erst mal nur Konformität.

Wer vermisst, bestimmt, legt fest, was erwachsen ist? Das ist ja der ewige Vorwurf, der ewige Spruch: Werd doch mal erwachsen! Weitergegeben von Generation zu Generation, unausrottbar. Aber er meint eigentlich nur: Leb doch endlich so wie wir alle. Keine Extrawurst. Aber warum? Für die zehn Sekunden Glück pro Woche, von denen du schreibst?

Auf zehn Sekunden komme ich auch. In guten Wochen sogar auf 30 Sekunden.

re:

30 Sekunden?

aw:

Problemlos. Lässig.

re:

Wie?

aw:

Mein letztes Glück entsprang einem Tor, das ich schoss. Ich schob den Ball ruhig links unten rein. Dabei tippte ich den Ball leicht an, drehte das Fußgelenk zur Seite, 35 Grad vielleicht, unsichtbar für den Torwart, der auf dem rechten Bein verharrte wie eine angeschossene Ente. Anschließend jubelte ich zwanzig Sekunden, blickte nach oben Richtung Gott, dann lief das Spiel weiter, aber das Gefühl hielt an, auch noch am nächsten Morgen. Ich will es mal so sagen: Ein Tor ist ein Glück, das man nur schwer ermessen kann. Orgastisch in vielerlei Hinsicht, mit dem Vorteil, dass man sich an einen Orgasmus in zehn oder 15 Jahren nicht mehr erinnert. Niemand sagt: An den Orgasmus im Oktober 1997 bei Inge im Bett gegen 23.40 Uhr muss ich manchmal denken. Er füllt mein Herz mit viel Freude und Wärme, selbst heute noch im Frühjahr 2011.

Das ist das Gute an Toren: Sie werden mit den Jahren immer besser, schöner.

Über welche Sache auf dieser Welt lässt sich Ähnliches sagen?

re:

Jochen: Ich spreche von Glück. Nicht vom Amateurfußball in der Kreisliga B. Zweiter Versuch: Was war dein vorletztes 30-Sekunden-Glück?

aw:

Mein vorletztes 30-Sekunden-Glück erwuchs aus dem fleischlichen Mühen der Autoerotik.

re:

Auto-Erotik? Verchromte Auspuffe?

aw:

Autoerotik. Nicht Auto-Erotik. Mit anderen Worten: Wichsen. Ein-Mann-Party. Fräulein Faust bemühen. Die Gurke schälen. Kapiert?

re:

Okay, kapiere.

aw:

Keulen. Rütteln. Kloppen. Den Kasper schnäuzen. Stangentraining. Sich einen von der Palme wedeln.

re:

Kapiert!

aw:

Die Pfeife ausklopfen. Den Jürgen würgen. Mütze-Glatze spielen.

re:

Kapiert!! Ich habe jetzt eine ungefähre Vorstellung. Du bist Profi.

aw:

Ich glaube, es gibt mehr Begriffe für die männliche Selbstbefriedigung als für »Baum«, »Kind«, »Auto«, »Frau«, »Liebe«, obwohl sich Männer ja auch für Baum, Kind, Auto, Frau und Liebe interessieren. Aber anscheinend nicht so sehr wie für Autoerotik. Faszinierend.

re:

Ich begreife, dass hier einer deiner Kompetenzkernbereiche liegt. Ich habe eine Frau. Du hast eine Hand. Aber was mich viel mehr interessiert als deine Freude an der Autoerotik: Warum sprichst du von »Liebesterror« und »Pärchenzwang«? Was stört dich an den Pärchen, dass du ihnen irgendeine Art von Zwanghaftigkeit unterstellst?

aw:

Jeder, der in einer Beziehung oder Ehe lebt, und ist sie noch so beschissen, denkt, er wäre besser dran als jemand, der allein lebt. Es gibt anscheinend keine größere Angst, als nicht irgendwann im Pärchen aufzugehen, zu zweit zu sein, doppelt. Egal um welchen Preis.

re:

Der »Pärchenzwang« liegt in unseren Genen. Es ist unsere Bestimmung, uns fortzupflanzen. Früher, bei den Urmenschen, waren es die Kranken und die mit dem Mundgeruch, die sich nicht paaren konnten und deshalb für immer aus der Menschheitsgeschichte ausschieden. Heute sind es die Singles, die auf die Weitergabe ihres Erbgutes verzichten. Aber was ist die Folge? Die von dir so beklagte Mentalität des Ankommens wird weiter wachsen, wenn deine rebellischen, hedonistischen, kreativen Spermien nicht den Weg zu einer schnuckeligen Eizelle finden. Eigentlich musst du, Jochen, schon allein deshalb eine Familie gründen, um Leuten wie mir nicht die Entscheidung über das Schicksal der nächsten Generationen zu überlassen.

Your spirit must survive!

aw:

Lieber Maxim, mein Erbgut hängt unter dem Schreibtisch zwischen meinen Beinen. Es ist, das hast du sicherlich nicht anders erwartet, ein einigermaßen gefülltes Säckchen, lauter athletische Chromosomen, die manchmal drängeln und ungeduldig von X nach Y laufen. Aber man darf sich vom Erbgut nicht unter Druck setzen lassen.

Vom Pärchenzwang auch nicht. Pärchenzwang liegt nicht in unseren Genen, Maxim. Nur die Fortpflanzung, der Zeugungsakt. The ten minutes of happiness. Dem Pärchenzwang liegt die Pärchenideologie zugrunde, wonach man unglücklich wird, einsam und sexuell verlottert in einem beziehungslosen Leben. Die Pärchenideologie ist die herrschende Ideologie unserer Zeit, und ich frage mich, warum ständig alle von den christlich-jüdisch-abendländischen Wurzeln der Gesellschaft sprechen und nicht von den Pärchenwurzeln unserer Gesellschaft.

Ich glaube nicht, dass alle Singles unglücklich sind, sie müssen sich nur immer wieder anhören, dass sie das sind. Was ermüdend ist. Gern gestellte Fragen sind: Na, schon jemanden gefunden? Na, mal wieder jemanden kennengelernt? Na, gibt es privat was Neues? Na, immer noch allein? Na, gibt's was...

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