Der Andere

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Februar 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81104-9 (ISBN)
 
Vom Autor des Bestsellers "Schnee, der auf Zedern fällt" ein brillanter Roman über Freundschaft, über Jugend und Idealismus und die Kompromisse, die das Leben jedem abverlangt.

Als Jugendliche eint sie die Sehnsucht nach einem freien Leben in den riesigen Wäldern des amerikanischen Nordwestens, als Erwachsene trennen sie unterschiedliche Lebensentwürfe. Während Neil den amerikanischen Traum von Haus, Familie, Job lebt, kehrt John William der Gesellschaft den Rücken und sucht ein freies Leben in der Wildnis. Dabei zieht er Neil, auf dessen Unterstützung er angewiesen ist, in ein Gespinst aus Lügen und Geheimnissen.

Seattle 1972: Bei einem 800-Meter-Lauf treffen sich Neil und John William zum ersten Mal, zwei Teenager aus ganz unterschiedlichen Familien, und es beginnt eine außerordentliche Freundschaft. Während Neil eine Universitätskarriere anstrebt, schlägt der sensible und hochintelligente John radikale Wege ein: Er geht in die Wälder und bricht alle Kontakte ab - für ihn der einzige Weg, ein authentisches Leben zu führen. Aber er braucht Neil, um seinen Traum zu leben, der bald schon zum Alptraum wird - für beide Freunde.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,29 MB
978-3-455-81104-9 (9783455811049)
weitere Ausgaben werden ermittelt
David Guterson lebt mit seiner Frau und seinen Kindern auf Bainbridge Island im Puget Sound westlich von Seattle. Sein erster Roman Schnee, der auf Zedern fällt, für den er den Pen/Faulkner-Award erhielt, machte ihn weltberühmt. Zuletzt erschienen seine Romane Ed King (2012) und Der Andere (2013) sowie der Erzählband Zwischen Menschen (2013).

1 Kein Entkommen aus der Unglücksmaschine


Ich besuchte die Roosevelt (wie all die anderen Teddies, Teds oder Roughriders), eine Highschool im Norden von Seattle, mein Freund John William Barry war Schüler in Lakeside, Seattles Version einer Ostküsten-Eliteschule wie Phillips Exeter oder Deerfield. Abgesehen davon, dass ich den ganzen Tag zusammengesunken an meinem Platz hockte und in der Mittagspause im Cowen Park Gras rauchte, rannte ich die 880 Yards – inzwischen in 800-Meter-Lauf oder Halbe-Meile-Rennen umbenannt – in der Schulmannschaft. Für mich war das die richtige Nische. Man musste nicht schnell sein oder die Ausdauer eines Langstreckenläufers besitzen. Im Grunde brauchte man sich bloß in die Liste einzutragen. 1972, in meinem zweiten Jahr, war ich mit einer Zeit von 2:11.24 über 800 Meter gut genug, um für Roosevelt anzutreten. Zum Vergleich: Der Weltrekordhalter 1972 war Dave Wottle mit 1:44.30. Die beste Zeit für Roosevelt lief Chris Vasquez 1997 mit 2:01.23. Das Rennen führte zweimal um die rote Aschenbahn, die man hinter vielen Schulen findet. Man kann sich also vorstellen, dass ich beim Zieleinlauf etwa dreißig Meter hinter Vasquez zurückliege oder an der gegenüberliegenden Seite der Tribüne in die letzte Kurve gehe, während Dave Wottle mit erhobenen Armen die Ziellinie überquert. Beide Vorstellungen geben ein passendes Bild von mir ab, als jemandem, der mit dem Mittelfeld vertraut ist. Das hat seine Vor- und Nachteile.

An ein Rennen kann ich mich noch gut erinnern. Es ist das Jahr 1972. Nixon ist Präsident, obwohl er und die ganze übrige Welt von Seattle weit entfernt scheinen. Ich bin sechzehn, habe lange Haare wie der Sänger Peter Frampton und einen Schnauzbart wie der Leichtathlet Steve Prefontaine. (Wegen des Barts werde ich in der Schule manchmal »der Türke« genannt, nach dem Typen in der Camel-Werbung. Ich habe keine türkischen Wurzeln, aber der Vater meiner Mutter, dem ich nie begegnet bin, war einer jener dunkelhäutigen Iren, die die Leute »Black Irish« nennen, und vielleicht habe ich seinen Teint geerbt.) Ich trage hoch ausgeschnittene Satinshorts und ein Satintrikot mit dem Aufdruck Roughriders, und ich stehe mit sieben weiteren Läufern an der Startlinie, sechs davon mit besseren Qualifikationszeiten als ich. Dennoch glaube ich daran, dass ich heute gewinnen kann, gerade so wie in der Geschichte von der neunundneunzig Pfund schweren Mutter, die das Vorderteil eines Volkswagens hochhebt, um ihr darunter eingezwängtes Kleinkind zu befreien.

Ich erspare mir die Beschreibung des Wetters – ob es nun ein schwüler Nachmittag mit Schwärmen frisch geschlüpfter Eintagsfliegen über der Bahn oder ein windstiller Maitag war, der nach feuchter Erde und frisch gemähtem Gras roch, tut nichts zur Sache – und gehe buchstäblich in medias res: Alle acht verbissen sich quälenden jungen Läufer befinden sich in der dritten Kurve, bevor es auf die letzten 250 Meter geht. Ich laufe nach meinem üblichen Schema – am Anfang vorneweg und auf genügend Adrenalin hoffend, um mich an der Spitze zu halten, aber mit den anderen dicht auf den Fersen und sinkendem Mut, mit dem man unmöglich gewinnen kann. Ein Rennen ist ein Selbstgespräch, bei dem man sich selbst aufmuntert, bis ein anderer Läufer einen unterbricht und davonzieht. Dann wird es zu einer Übung, seine eigenen Grenzen zu erkennen. Geschlagen zu werden ist wie zu wissen, dass man in jener Filmszene, in der Tausende sterben und nur der Held überlebt, zu den Ausradierten gehört.

Alle acht Läufer sind dicht beieinander, was als »Rennen im Pulk« bezeichnet wird. Ich spüre den feuchten Atem eines Konkurrenten auf meiner Schulter. Mein rechter Ellbogen stößt bei jedem Zurückschwingen gegen den linken Unterarm eines anderen. Ein Läufer schiebt sich neben mich, wie ein Fahrer auf einer zweispurigen Straße, der dich zum Duell herausfordert, und mit ängstlichem Seitenblick wäge ich seine Chancen ab. Sein Atem geht ruhig, sein Schritt ist leichtfüßig, und er scheint gelassen auf seine Gelegenheit zu warten. Mit einem neuen Stoß Adrenalin verschaffe ich mir einen Viertelschritt Vorsprung, der mich allerdings meine letzten Reserven kostet.

Wer bei einem 800-Meter-Lauf zu Beginn die Führung übernimmt, gelangt selten als Erster ins Ziel. Dennoch möchte er die Erfahrung gemacht haben, vorne zu sein – das gehört dazu –, und hofft bei jedem Lauf, diesmal möge es beim Schlussspurt anders sein. Noch zu Beginn der dritten Kurve spüre ich diese Hoffnung, möglicherweise unentdeckte Reserven in den Beinen und Blutgefäßen mobilisieren zu können, von Willenskraft ganz zu schweigen, und das alles trotz meiner dunklen Vorahnung. Wie sich zeigt, behält meine Vorahnung recht. Am Scheitelpunkt der Kurve weiß ich, dass ich schlappmachen werde, und im selben Augenblick passiert es auch schon. Drei Läufer ziehen mit kraftvollen Schritten an mir vorbei.

Ich quäle mich mit Selbstvorwürfen. Warum habe ich keine andere Strategie, als, so schnell ich eben kann, vom Start bis zum Ziel zu rennen? Ich verschleudere meine Energie und habe dann nichts mehr zuzusetzen. Aber ich verstehe nichts von Planung. Ich laufe einfach, wie mein Trainer sagt, aufs Geratewohl los. Nach der Hälfte der Strecke, am Ende der ersten Runde, wenn wir lautstark von Freunden angefeuert und von Mannschaftskameraden mit guten Ratschlägen instruiert werden, vergrößern die anderen Läufer ihre Schritte und finden zu ihrem Rhythmus, während ich bereits gegen meine Erschöpfung ankämpfe. Ich falle auf den sechsten Platz zurück, das vertraute Gefühl der Niederlage wie Blei in den Beinen.

Auf der Gegengeraden versucht auch der Läufer auf Platz sieben noch an mir vorbeizuziehen. Für die Zuschauer mag es wie ein witzloses und sogar armseliges Ringen unter Verlierern erscheinen, aber für mich geht es um etwas Entscheidendes. Gegen jeden taktischen Rat, weil man dadurch nur noch langsamer wird, nehme ich erneut meinen Kontrahenten in Augenschein: die gleichen langen Haare, die gleiche feste Entschlossenheit und offenbar genau wie ich angetrieben von etwas, das man innere Überzeugung nennen könnte. Mit anderen Worten, dieser Läufer ist so etwas wie mein Doppelgänger.

Man kann jeden Leichtathletik-Trainer fragen. Der 800-Meter-Lauf ist etwas für eingeschworene Masochisten. Weder Kurz- noch Langstrecke, besitzt er von beiden die schlechtesten Eigenschaften. Außerdem handelt es sich nicht um eine besonders ruhmreiche Strecke. Viele Leute können einen oder zwei Sprinter nennen – Carl Lewis, zum Beispiel – oder einen berühmten Langstreckenläufer wie Roger Bannister, aber wer kennt auch nur einen einzigen 800-Meter-Läufer mit Namen? Der 800-Meter-Lauf ist ohne athletische Aura. Andere Läufer über 800 Meter zu besiegen ist weder eine legendäre noch überhaupt eine bemerkenswerte Leistung. Bei Leichtathletikwettkämpfen geht der 800-Meter-Lauf zwischen attraktiveren Disziplinen unter, ein Ereignis, bei dem die Zuschauer im Programmheft blättern oder die Toilette aufsuchen. Läufer, die an diesem Pausenfüller teilnehmen, suchen nach einer tieferen Agonie, als sie anderswo finden können. Sie wollen sich mit dem Leiden selber messen. Sie suchen das Trauma, die qualvolle Tortur. Zwei Minuten der Selbstdemütigung oder eigenen Kreuzigung. Alle 800-Meter-Läufer teilen eine Liebe zum Schmerz. Insofern ist dieser Lauf eine Andeutung und eine Eröffnung. In diesen zwei Minuten bekommt man einen Vorgeschmack.

Ich zumindest, an jenem besagten Nachmittag. Bei einem Wettlauf kann es zu einer Art Synchronizität kommen, und eben das passiert in diesem Augenblick. Wir laufen nebeneinander her, mein Doppelgänger und ich. Intuitiv passen wir unsere Schritte einander an. Ich taxiere ihn, so wie er zweifellos mich abschätzt, während wir uns gleichzeitig dem Schmerz entgegenwerfen, sodass es zwei Wahrnehmungen gibt, den Schmerz und die unmittelbare Nähe eines sich ebenfalls quälenden Läufers. Kopf an Kopf, ohne dass einer gegenüber dem anderen einen Vorsprung gewinnt oder zurückfällt, laufen wir fünfundvierzig Sekunden nebeneinander her, eine ungewöhnlich lange Zeit für einen Zweikampf bei einem 800-Meter-Lauf. Aufgrund des Sauerstoffmangels erscheint alles in einem grellen, überscharfen Licht, und ich sehe Dinge, die ich sonst vermutlich nicht sehen würde. Der Typ neben mir ist eine andere Version von mir selbst. Wir beide fühlen, auf eine geradezu romantische Art, dass unser Laufen die Realität transzendiert. Woher ich das weiß? Weil ich direkt neben ihm bin. Und weil ich den Vorteil nachträglicher Bestätigung besitze.

Vierunddreißig Jahre sind seither vergangen, aber ich erinnere mich noch genau, wie mein Double sich auf den letzten fünf Metern von mir löst – wie der Schatten in einem Zeichentrickfilm oder wie ein Spiegelbild im Traum – und mich mit einer Dreiviertelschrittlänge Vorsprung schlägt.

Ich stehe vornübergebeugt, die Hände nach dem Lauf auf die Knie gestützt, und starre keuchend atmend auf den Boden, als er zu mir kommt, um mir, wie ich zuerst glaube, mit übertriebener Herzlichkeit die Hand zu schütteln. Sein Handschlag ist kräftig, der Ausdruck seines von der Anstrengung geröteten Gesichts offen. Seine Haltung ist aufrecht und voller Selbstsicherheit. Es ist die Pose des großherzigen Siegers, und für einen Moment habe ich den Eindruck – auf seinem Trikot ist der Aufdruck Lakeside zu sehen –, als wollte er mich als...

»Nicht zuletzt ist der Andere ein philosophisches Buch, das die große Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. Ein anspruchsvolles Lesevergnügen.«
 
»Der Andere ist anspruchsvoll und tiefsinnig, ein interessantes Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft.«
 
»Ein Buch über Freundschaft und Verrat, über den amerikanischen Traum und seinen Preis, ein Meisterwerk des literarischen Regionalismus und zugleich eine Reflexion seiner literarischen Quellen.«
 
»David Guterson zeichnet in Der Andere das elegische Bild einer komplizierten Freundschaft.«
 
»Eine faszinierende Geschichte,
großartig geschrieben. Ein Textfluss, der an die Stromschnellen eines
Gebirgsbaches erinnert: schnell, sprunghaft, mitreißend«
 
»Dieser poetische, bewegende
Roman mit seinen präzisen Schilderungen lässt den Leser mit vielen offenen
Fragen zurück - und dem Gefühl, außergewöhnlichen Menschen begegnet zu
sein.«
 
»Einer der großen
Erzähler.«
 
»Herausragend!«
 
»Und nicht handlungsgetrieben,
sondern kontemplativ ist dieses Buch. Deshalb aber ein Gewinn für jeden, der
sich mit seinen eigenen Lebensentscheidungen auseinandersetzten
will.«
 
»Wie in seinem Debüt Schnee, der auf Zedern fällt beeindruckt Guterson auch in seinem sechsten Roman mit eindrucksvollen Naturschilderungen und psychologischer Spannung.«

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