Die Schwestern

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Februar 2017
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-17313-5 (ISBN)
 
Das große Jahrhundert-Epos geht weiter

In den politischen Wirren des Zweiten Weltkriegs gerät auch die Familie Lauritzen mehr und mehr in Bedrängnis. Während der Vater sich politisch zurückhält, sind seine beiden Töchter im Widerstand aktiv. Vor allem seine älteste Tochter Johanne, die zunächst als Kurier für den norwegischen Widerstand eingesetzt wird, findet im politischen Kampf ihre Berufung. Als sie bei einer Sabotage-Aktion lebensgefährlich verletzt wird und nur eine Notoperation sie retten kann, wechselt sie ihre Betätigung und schmuggelt fortan norwegische Widerstandskämpfer über die Grenze nach Schweden. Auch hier zeigt sie großes Geschick und wird schließlich von einer Spezialeinheit der britischen Armee rekrutiert. Damit gerät sie in die trügerische Welt der Geheimdienste, in der Angst, Gefahr und Bedrohung bald zum ständigen Begleiter werden.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,79 MB
978-3-641-17313-5 (9783641173135)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jan Guillou wurde 1944 im schwedischen Södertälje geboren und ist einer der prominentesten Autoren seines Landes. Seine preisgekrönten Kriminalromane um den Helden Coq Rouge erreichten Millionenauflagen. Auch mit seiner historischen Romansaga um den Kreuzritter Arn gelang ihm ein Millionenseller, die Verfilmungen zählen in Schweden zu den erfolgreichsten aller Zeiten. Heute lebt Jan Guillou in Stockholm.

 

II

DAS LEBEN MUSS WEITERGEHEN -

DER KRIEG TUT ES JA AUCH

Die Luft in der verstaubten Wohnung am Sveavägen war stickig. Selbst die Kakteen hatten unter der sieben Wochen anhaltenden Sommerhitze gelitten. Diese Zeit war jetzt vorüber, und etwas Durchzug würde an diesem kühlen Septembertag Wunder wirken.

Irgendetwas stimmte nicht. Beim Betreten der Wohnung war ihr als Erstes die zu manierlich gestapelte Post unter dem Briefkastenschlitz aufgefallen. Sie ließ sie jedoch liegen und öffnete alle Fenster in der Küche und in den beiden kleinen Zimmern.

Sie begann in der Küche. Sie stellte sich vor den Gasherd und sah sich um. Der Spüllappen hing ausgetrocknet über dem Kaltwasserhahn der Zinkblechspüle. Der Herd glänzte blitzsauber, alle Schränke waren geschlossen, und die beiden Stühle am Esstisch standen auf ihren üblichen Plätzen.

Sie öffnete einen Küchenschrank nach dem anderen. Alles schien in Ordnung zu sein. Sie war gespannt, wo sie Spuren von Eindringlingen finden würde. Oder umgekehrt, wo hätte sie in ihrer Küche nach Dokumenten oder Waffen gesucht, wenn sie selbst eine solche »extraordinäre Haussuchung«, wie ihre englischen Lehrer das nannten, durchgeführt hätte?

Zuerst einmal auf den Küchenschränken. Kurzerhand holte sie die unhandliche Leiter aus der Abstellkammer im Schlafzimmer und stellte sie leise fluchend auf. Ihre Befürchtungen bestätigten sich. Eine kreisende Hand hatte im Staub Spuren hinterlassen. Ihre Wohnung war also durchsucht worden.

Die SOE hatte ihr in den Schulungsräumen der Brantingsgatan viele mehr oder weniger abwegige Dinge beigebracht. Sie hatte sich eifrig alles zum Thema Einbrüche und Schlösser gemerkt, unter anderem eben auch, dass man die eigene Wohnung nach Spuren unwillkommener Besucher absuchen sollte, obwohl ihr das damals eher unsinnig vorgekommen war.

Sie wuchtete die Leiter in die Abstellkammer zurück, ging in die Diele, holte die Post und setzte sich an ihren Schreibtisch im Arbeitszimmer. Die Sendungen waren weitgehend uninteressant, Rundbriefe des Blauen Sterns, Briefe der Fakultät anlässlich ihrer weiteren Beurlaubung, Ansichtskarten von Kollegen, ein Brief von Großmutter Maren Kristine aus Norwegen mit Stempeln der Zensurbehörde, nichts Außergewöhnliches, nichts, was Misstrauen erwecken konnte.

Wer immer die Briefe möglicherweise an ihrem Schreibtisch gesichtet hatte, hatte anschließend alles fein säuberlich mit dem ältesten Poststempel zuunterst wieder zurückgelegt. So weit, so gut. Warum aber war der Stapel so ordentlich unter dem Briefschlitz deponiert und nicht einfach hingeworfen worden, um eine natürliche Unordnung vorzutäuschen?

Schwer zu sagen. Vielleicht war jemand im Treppenhaus vorbeigegangen, und der ungebetene Gast hatte keinen Lärm machen wollen?

Egal. Ihre Küchenschränke und Briefe waren untersucht worden.

Die Post konnte warten. Ihre Bücherregale, die bis an die Stuckatur reichten, überzogen eine ganze Wand in dem kombinierten Wohn- und Arbeitszimmer.

Daran hätte sie natürlich denken müssen. Seufzend kehrte sie zur Abstellkammer im Schlafzimmer zurück und wuchtete nochmals die Klappleiter hervor.

Rasch fand sie, womit sie gerechnet hatte. Die Bücher in der obersten Reihe, die sie nur selten aus dem Regal nahm und auf denen sich daher Staub angesammelt hatte, waren untersucht worden. Die Spuren waren eindeutig.

Ganz offensichtlich hatten die Besucher irgendwann aufgegeben, was wenig verwunderte, waren Bücherregale doch der Albtraum jeder Haussuchung. Mitteilungen und Dokumente ließen sich überall zwischen den Seiten verstecken, darum musste jedes Buch aus dem Regal genommen, durchgeblättert und hinterher so exakt wie möglich zurückgestellt werden. Einige tausend Bücher durchzusehen kostete nicht nur sehr viel Zeit, es ließ sich auch kaum durchführen, ohne Spuren zu hinterlassen. Da gaben viele auf.

Sie ließ die Leiter stehen, setzte sich an den Schreibtisch, warf die unwichtige Post weg und beantwortete alle Briefe, außer den ihrer Großmutter, in dem stand, dass sie netten Besuch von einem alten Fischer, einem Bekannten ihres Mannes, gehabt habe.

Großmutter hätte sich bestens als Mitarbeiterin für die Heimatfront geeignet! Sie teilte verschlüsselt mit, Geld und Dokumente seien abgeholt worden, allerdings viel später als erwartet. Jetzt war sie diese Sorge endlich los. Wie schön!

Als sie ihre Korrespondenz beendet und die drei Umschläge zugeklebt hatte, beschloss sie, diese sofort auf die Post zu bringen, um herauszufinden, ob sie beschattet wurde.

Sie konnte nichts Auffälliges feststellen. Zweimal machte sie auf dem Absatz kehrt und schlug, als hätte sie etwas vergessen, die entgegengesetzte Richtung ein. Sie fühlte sich an ihre ersten leichteren Übungen im Stadtteil Gärdet und an die schwierigeren im Zentrum erinnert.

Als sie in die Wohnung zurückkehrte, war neue Post eingetroffen.

Eine Ansichtskarte von einem unbekannten Verehrer, der mit »Ihr Freund Nusse« unterschrieben hatte. Der Text war mit Ausnahme der Telefonnummer 12 16 34, die seitlich mit Bleistift ergänzt worden war, uninteressant.

12 geteilt durch 2 bedeutete Treffpunkt 6.

16 34 bedeutete 16.30 Uhr, da die letzte Ziffer immer als Null galt.

16.30 Uhr minus 2 bedeutete 14.30 Uhr.

Die SOE hatte eine wichtige Besprechung am Treffpunkt 6 anberaumt, einer Wohnung in der Scheelegatan im Stadtteil Kungsholmen, zwei Tage nach dem Datum des Poststempels. Die SOE ließ nichts anbrennen, vermutlich würde sie dort den Nachfolger Malcolms, der ja offenbar ausgewiesen worden war, kennenlernen.

Am besten brachte sie es so rasch wie möglich hinter sich, damit es geklärt war. In einem Punkt würde sie keine Kompromisse eingehen. Sie würde keine Bombenanschläge auf schwedischem Territorium mehr verüben.

*

Sie ergriff die üblichen Vorsichtsmaßnahmen, stieg in die Straßenbahn Linie 4 Richtung Valhallavägen und wählte wie immer einen Stehplatz im Freien. Als die Straßenbahn wegen eines Bierkutschers mit wütendem Klingeln bremste, sprang sie ab, überquerte rasch die Straße und stieg in die Straßenbahn in die entgegengesetzte Richtung ein. Auf dem Odenplan stieg sie in die Eins um, fuhr Richtung Kungsholmen, stieg zwei Haltestellen vor Tegelbacken aus und fuhr in die Gegenrichtung. Nachdem sie ein weiteres Mal abgesprungen war, begab sie sich auf einer Seitenstraße der Sankt Eriksgatan zum Kungsholmsstrand. Dort wartete sie eine halbe Stunde auf einer Bank. Zu früh zu kommen hatte keinen Sinn, man hatte immer auf die Minute genau am vereinbarten Treffpunkt zu erscheinen. Der Führungsoffizier kam immer exakt fünf Minuten später. Konspirative Wohnungen verfügten über mindestens zwei Eingänge, und sie nahm den Haupteingang. Falls das Haus von der Hestapo überwacht wurde, war es besser, wenn sie und nicht der Führungsoffizier gefasst wurde. Dieser wählte stets einen anderen Weg, etwa durch das Nachbarhaus oder durch den Keller.

Sie hatten darüber gescherzt, wie praktisch es doch wäre, Deutsche zu sein, da diese von den Nachforschungen der neutralen Hestapo verschont blieben.

Sie klopfte, das vereinbarte Zeichen. Eine Frau in ihrem Alter, die sie nicht kannte und auch gar nicht kennen sollte, öffnete wortlos. Sie sagte: »Sunshine«, worauf die Frau ihr einen Schlüssel in die Hand drückte, nickte und rasch die Treppe hinunter verschwand.

Wie gewohnt war es eine trostlose Wohnung. Dicke Luft, überquellende Aschenbecher.

Die fünf Minuten kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. Sie bereute ein wenig, seit fünf Jahren nicht mehr zu rauchen, schließlich rauchten alle, sogar ihre sportlichen Cousins. Aber es schmeckte ihr ganz einfach nicht.

Überpünktlich klingelte es an der Tür, dreimal kurz und einmal lang. Eine beinahe beleidigend banale Begrüßung. Die Erkennungsmelodie der BBC, der Anfang der Schicksalssinfonie.

Als sie öffnete, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen. Der Mann, der ihr gegenüberstand, war perfekt als Schwede verkleidet: grauer Trenchcoat mit braunem Militärgürtel, brauner Hut und klobige Schuhe, alles offenbar von MEA.

»Hello, dear«, grüßte er, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. »I'm Peter. Peter Rennant, Malcolm's successor, very nice indeed to meet you, Blue Star. You don't mind if we speak English, do you? I'm afraid my Swedish is a bit rusty.«

Er sprach ohne Punkt und Komma und mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der er sich seines Mantels entledigte, ihn auf einen Sessel warf und sich auf das einzige Sofa im Zimmer fallen ließ.

»So is my English, I mean rusty«, sagte Johanne und nahm vorsichtig ihm gegenüber auf dem Sessel Platz.

»Nun, das scheint kein größeres Problem zu sein«, fuhr er in seinem perfekten Englisch fort, das sie als »Oxford« einstufte. »Es gibt ja einiges zu besprechen. Aber darf ich Ihnen zuerst einmal sagen, dass Sie strahlend aussehen. Der Aufenthalt in den Schären scheint Ihnen bekommen zu sein.«

»Vielen Dank. Solange ich die Baskenmütze schräg aufsetze, ist tatsächlich nichts mehr zu sehen.«

»Excellent! Wie gesagt, es gibt noch einige ungeklärte Dinge. Sie haben eine hervorragende Operation durchgeführt, insbesondere Ihr persönlicher Einsatz, die blitzschnelle Improvisation, hat die Situation gerettet. Gut gemacht! Ich hätte allerdings noch einige Fragen. Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?«

»Nein, natürlich nicht.«

Er nahm seine sehr schwedische Aktentasche aus...

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