Gewalt entsteht im Kopf

 
Michael Günter (Autor)
 
Klett-Cotta (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 25. Juli 2011 | 173 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-10194-2 (ISBN)
 
Die großen Mythen, Märchen und Erzählungen aller Kulturen - fast alle handeln von Gewalt. Gewalt kann aus Leidenschaft entstehen;
oft hat sie mit Rache-, Schuld- oder Schamgefühlen zu tun.
Der Autor erläutert anhand von Filmen - Batman, Uhrwerk Orange, Spiel mir das Lied vom Tod, Terminator, Krabat, Sleepers - und Falldarstellungen aus der eigenen Praxis, wie die psychischen Mechanismen der Gewalt funktionieren.
Und welche Rolle Lebenserfahrung, psychische Disposition, soziale und situative Einflussfaktoren spielen.
1., Aufl. 2011
Deutsch
Deutschland
3,76 MB
978-3-608-10194-2 (9783608101942)
3608101942 (3608101942)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Michael Günter, Dr. med., Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Studium der Medizin, Kunstgeschichte und Empirischen Kulturwissenschaft in Tübingen und Wien, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und Lehranalytiker (DPV/IPA), Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart, Leiter des Weiterbildungscurriculums Psychodynamische Psychotherapie der Universität Tübingen. Mitherausgeber der Zeitschrift Kinderanalyse.
Gewalt - ein menschliches Grundproblem   9
1 Gewalt aus Leidenschaft
Oder was Gewalt mit Rache-, Schuld- und Schamgefühlen zu tun hat
Spiel mir das Lied vom Tod 20

2 Faszinosum Gewalt

Macht und magische Kräfte

Krabat 36

3 Die Lust an der Macht und die Herrschaft des Schreckens

Uhrwerk Orange 50

4 Gewalt als letzter Ausweg in der Not

Batman - The Dark Knight 64

5 Drei Gesichter der Gewalt

Batman - The Dark Knigh t 85

6 Angst, Aggressivität und Sexualität

Warum sie zusammengehören

Terminator 100

7 Gewalt und Entwicklung

Flexible und fixierte Gewaltidentifikationen

Sleepers   119

8 Wie Männer und Frauen mit Gewalt umgehen

Gewalt nach außen - Gewalt nach innen 139

9 Gewalt als soziales Ereignis

Wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen Gewalt auslösen 147

10 Warum wir gewalttätig werden und was wir dagegen tun können 159

Literatur 168

Abbildungsnachweis 172

Über den Autor 173
Gewalt - ein menschliches Grundproblem

Wie kommen Menschen dazu, Gewalt auszuüben? Warum beschäftigen sie
sich in ihrer Fantasie mit Gewalt? Was sind das für Menschen, die
unvermittelt einen anderen einfach zu Tode treten? Warum findet jemand
Freude daran, andere zu quälen, vielleicht sogar zu töten? Was lässt
Menschen Spaß empfinden an sexueller Gewalt gegen Kinder, an einer
Vergewaltigung? Wie ist so etwas überhaupt möglich? Handelt es sich bei
diesen Menschen einfach nur um Monster, oder lassen sich selbst bei
solch extremen Verhaltensweisen ein Motiv bzw. bestimmte seelische
Voraussetzungen für die Gewalt ergründen?

Wie Gewalt im Kopf, wie Fantasien über Gewalt entstehen, wie es dazu
kommt, dass sie schließlich in die Ausübung von Gewalt münden - darum
soll es in diesem Buch gehen. Dabei wird das komplizierte Zusammenwirken
vorangehender, oft prägender Lebenserfahrungen, psychischer
Dispositionen und sozialer und situativer Einflussfaktoren aus
unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.

Der Leser wird in verständlicher Weise über das in menschlichen
Gesellschaften allgegenwärtige Phänomen Gewalt aufgeklärt. Durch ein
umfassenderes Verständnis des Problems und der psychischen Mechanismen,
die Gewalt bedingen, soll er in die Lage versetzt werden, zu einer
rationaleren Diskussion in der Öffentlichkeit beizutragen. Es besteht
nämlich beim Thema Gewalt immer die Gefahr, dass es uns ebenso ängstigt
wie fasziniert und wir emotional so ergriffen werden, dass vernünftige
Überlegungen, wie der Gewalt zu begegnen sei, von Angst, Wutgefühlen,
Rachebedürfnissen und Vergeltungswünschen über lagert werden.

Trotz des schwierigen und komplexen Themas soll dieses Buch nicht
trocken und zu theoretisch ausgerichtet, sondern interessant und
spannend zu lesen sein und dem Leser auch mögliche praktische
Anwendungen aufzeigen, wie Gewalt wirksam begrenzt werden kann. Diesem
Ziel dient folgende Vorgehensweise: Zum einen werden die wichtigsten
Gewaltmechanismen anhand populärer Filme dargestellt und erläutert. Zum
zweiten illustrieren in den meisten Kapiteln Fallbeispiele aus der
beruflichen Tätigkeit des Autors die diskutierten Probleme. Schließlich
werden am Ende jedes   Kapitels die wichtigsten Überlegungen
zusammengefasst und daraus Konsequenzen für den Umgang mit Gewalt
abgeleitet: Wie kann das Verstehen der zugrundeliegenden Mechanismen zu
einem wirksamen Begrenzen der Gewalt im Einzelfall führen? Und wie kann
es vor allem konkrete und umsetzbare Hinweise auf notwendige
Veränderungen in der gesellschaftlichen Diskussion und Praxis geben?

Zunächst zu den Filmen: Sie ergreifen uns affektiv und lassen uns die
Gefühle der dargestellten Protagonisten miterleben. Im Vergleich zu
Werken aus der Literatur oder der bildenden Kunst und Fotografie
entfalten sie eine besondere Wucht, indem sie Bild, Bewegung, Sprache
und Musik kombinieren, sodass ein dichtes Gewebe von Sinneseindrücken
entsteht, denen sich unsere Psyche oft kaum entziehen kann. In Filmen
ist es außerdem möglich, unsere innere Welt der Fantasie, unsere
Phantasmen, in sichtbarer Form in der Außenwelt abzubilden und uns für
einen Moment fast vergessen zu lassen, dass sie nicht zur Realität
geworden sind. Als Artefakte, vom Menschen gemacht, erlauben Filme eine
Vereinfachung der Verhältnisse, und häufig arbeiten sie damit, dass die
Protagonisten holzschnittartig in ihrer Psychologie in Szene gesetzt
werden. Das mag zuweilen plump wirken, wenn es jedoch gut gemacht ist,
werden die zugrundeliegenden psychischen Mechanismen umso schärfer und
eindrucksvoller herausgearbeitet. Dies ist einer der Gründe, weswegen
ich mich in meinen Überlegungen zu den psychischen Mechanismen der
Gewalt vielfach auf sehr erfolgreiche Filme beziehe. Viele meiner Leser
werden diese Filme kennen und können das, was ich erläutere, aus eigener
Anschauung beurteilen.

Filme sind trotz einer gigantischen Werbeindustrie, die die großen
Kinoereignisse populär macht, nur dann erfolgreich, wenn es ihnen
gelingt, die Gefühle vieler Menschen anzusprechen. Dies setzt voraus,
dass die über die Geschichten transportierten Affekte bei den Zuschauern
bereitliegende Gefühle abrufen. Wenn es dem Drehbuchautor, dem
Regisseur, den Schauspielern und den Kameraleuten gelingt, intuitiv
etwas davon einzufangen und in Szene zu setzen, wie wir Menschen Gefühle
erleben und verarbeiten, funktioniert der Film. Diese Korrespondenz
zwischen dem intuitiven Erfassen seelischer Mechanismen, ihrer
grandiosen Inszenierung im Film und der Resonanz im Zuschauer geschieht
weitgehend jenseits rational gesteuerter Prozesse, also zu großen Teilen
unbewusst. Der Erfolg eines Filmes sagt allerdings nicht unbedingt
etwas über seine künstlerische Qualität aus. Ich bin jedoch davon
überzeugt, dass Filme nur dann erfolgreich sind und von vielen Menschen
gesehen werden, wenn sie auf irgendeiner Ebene Menschen in ihren
seelischen Prozessen zu berühren und zu faszinieren vermögen.

Filme eröffnen uns den Zugang zu einem 'Zwischenreich der Fantasie', wie
Freud dies ausdrückte (1916 - 1917), bzw. einem Zwischenbereich
zwischen innerer Erlebniswelt und realer äußerer Welt, einem
'intermediären Bereich', wie es der berühmte englische Kinderarzt und
Psychoanalytiker Donald W. Winnicott 1971 formulierte. Reinhart Lempp,
der sich intensiv mit jugendlichen Gewalttätern beschäftigte, sprach
2003 in diesem Zusammenhang von der 'Nebenrealität'. Er wies darauf hin,
dass wir alle, Kinder noch stärker als Erwachsene, zunehmend durch die
Bildmedien der modernen Welt in unseren Nebenrealitäten geprägt werden.
Diese Nebenrealitäten haben eine entlastende Funktion, da sie uns
zeitweise von der Mühsal des Alltags befreien und unsere Abwehr gegen
diffuse Ängste in einer zunehmend komplexeren Welt unterstützen. Sie
können aber auch gefährlich werden, wenn sie übermächtig werden und die
Hauptrealität zu verdrängen beginnen.

Dies wirft natürlich die Frage auf, inwieweit Kinder und Jugendliche,
aber auch Erwachsene durch Gewaltdarstellungen in den Medien in Richtung
eines gewalttätigen Verhaltens beeinflusst werden. Nicht nur die Rolle
der sogenannten Egoshooter bei der Auslösung von Amokläufen (siehe
Kapitel 9) wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert, sondern
generell die Gewaltdarstellungen und Gewaltfilme. Aus soziologischer
Perspektive tendiert die Forschung derzeit zu der Einschätzung, dass der
Einfluss umso größer ist, je realistischer die abgebildete Gewalt
dargestellt wird und je positiver deren Darstellung erscheint. Michael
Kunczik und Astrid Zipfel argumentieren anhand einer Studie (2006), dass
die in Comic-Serien dargestellte Gewalt als recht unproblematisch
einzuschätzen ist, da sie eindeutig als Fiktion erkannt wird. Dagegen
können Thriller mit gewalttätigen Helden, die als Identifikationsfiguren
angeboten werden, vermutlich gewaltbereite Kinder und Jugendliche in
eine entsprechende Richtung stimulieren.

Befunde aus der neurowissenschaftlichen Hirnforschung legen nahe, dass
der Konsum von Gewalt in Bildmedien, also in Filmen und in
Computerspielen, das kindliche und jugendliche Gehirn so prägt, dass
einerseits eine Abstumpfung gegen Gewalt eintritt und andererseits die
Hemmschwelle erniedrigt und eine entsprechende Handlungsbereitschaft
erhöht wird. Außerdem entsteht dadurch, so stellte Manfred Spitzer
(2005) fest, ein verstärkter Appetit auf mehr Gewalt in den Medien, aber
genauso im realen Leben.

Diese Theorien sind jedoch in ihrer Bedeutung für das reale Verhalten
von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen umstritten. Man kann
allerdings feststellen, dass es einen zwar geringen, aber doch messbaren
statistischen Zusammenhang zwischen dem Konsum von gewalttätigen Video-
und Computerspielen auf der einen Seite und realer Gewaltanwendung auf
der anderen Seite gibt. Ältere Untersuchungen gingen davon aus, dass
dieser Zusammenhang wahrscheinlich vor allem bei Jugendlichen besteht,
bei denen mehrere Risikofaktoren für aggressives Verhalten
zusammentreffen, die bereits zuvor aggressive Handlungsdispositionen
aufwiesen und die sich über das exzessive Spielen von Gewaltspielen in
eine soziale Isolation brachten. Neuere Studien und zusammenfassende
Analysen mehrerer Studien legen jedoch nahe, dass unabhängig davon der
Konsum gewalthaltiger Videospiele einen kausalen Risikofaktor für eine
Zunahme aggressiven Verhaltens, aggressiver Gedanken und aggressiver
Affekte und für eine Abnahme von Empathie und sozialen Verhaltensweisen
darstellt (Anderson et al. 2010, Barlett et al. 2009).

Psychologisch gesehen kommt die Gefährdung durch eine mögliche Induktion
von Gewalt wohl dann zustande, wenn die Betreffenden sich immer weiter
in derartige Nebenrealitäten einspinnen und reale soziale Bezüge mehr
und mehr vernachlässigen bzw. sich von ihnen ausgeschlossen fühlen. Dann
werden realistische Filme mit grausamem Charakter   aufgrund der Macht
der Bilder, ihrer permanenten Verfügbarkeit und ihres potentiell
antisozialen Sogs gefährlich (man kann solche Videos problemlos
stundenlang Tag für Tag alleine   anschauen). Diese Gefährdung
entspringt einer komplexen psychosozialen Problemlage, bei der
exzessiver Gewaltkonsum aus Filmen oder Computerspielen nur einen Faktor
darstellt und betrifft daher vermutlich nur eine kleine Minderheit. Es
ist dennoch zu fragen, ob nicht die Gefährdung dieser kleinen Gruppe und
die potentielle Gefahr, die von ihr und ihrem Konsum gewalttätiger
Filme ausgeht, Anlass geben müsste, über eine erheblich restriktivere
Handhabung von Gewaltdarstellungen in Fernsehen, Film und Computermedien
ernsthaft nachzudenken.

Um ein mögliches Missverständnis gleich auszuschließen: Die im Folgenden
verwendeten Filmbeispiele sollen das, was ich aus wissenschaftlicher
Sicht zum Thema Gewalt entwickeln werde, anschaulich darstellen und für
den Leser nachvollziehbar machen. Sie sind jedoch nicht dazu da, meine
Überlegungen zu beweisen.

Fallbeispiele aus meiner klinischen Arbeit erfüllen die Argumentation
mit Leben. Dabei habe ich aus Diskretionsgründen die Namen der
Betroffenen und ihre biografischen Details verändert. Die meisten
Falldarstellungen sind so entstanden, dass ich mehrere meiner Patienten,
die in ihrer Biografie vergleichbare Probleme aufwiesen, in der
Darstellung miteinander kombiniert habe. So konnten nicht nur die
Anonymität und Privatsphäre der Betreffenden gewahrt, sondern auch
typische Elemente besser herausgearbeitet werden.

Grundsätzlich ist festzuhalten: Gewalt beschäftigt uns Menschen über
alle Zeiten hinweg. Sie entsteht zunächst im Kopf. Die großen Mythen der
Menschheit handeln zu großen Teilen von Mord und Totschlag, Kriegen und
tödlichen Gefahren. Das erste bedeutende Epos des Abendlandes, Homers
'Ilias', der Krieg zwischen den Griechen und Trojanern, der durch den
Raub Helenas ausgelöst wurde, handelt nahezu ausschließlich von meist
exzessiver Gewalt. Auch die Bibel lässt die Menschheitsgeschichte mehr
oder weniger mit der Ermordung Abels durch Kain beginnen, nachdem Gott
das Opfer Abels dem des Kain vorgezogen hatte. Der Ödipus-Mythos handelt
von Gewaltverhältnissen, Angst und Neid: Ödipus wurde aufgrund der
Weissagung, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde,
als Kind von seinen Eltern auf einem Berg ausgesetzt. Seine Füße wurden
zusammengebunden und durchstochen. Daher der Name Ödipus, 'Schwellfuß'.
Schließlich begegnete er seinem Vater auf dem Weg und erschlug ihn, als
dieser nicht weichen wollte, heiratete seine Mutter und blendete am Ende
sich selbst.

Gewalt vermag, wie wir Tag für Tag in den Medien feststellen können, die
meisten von uns zu faszinieren. Sie erregt Angst in uns, die uns
Schauer über den Rücken jagt, dann jedoch genussvoll erlebt werden kann,
wenn es die begründete Zuversicht gibt, dass am Ende doch alles gut
ausgeht. Dies macht den Reiz von Gewalt in der Fiktion aus: im Mythos,
im Theater, im Märchen, im Roman und heutzutage in den modernen
Bildmedien Fernsehen, Film und Computerspielen.

Gewalt wird allerdings nicht immer nur als böse Macht dargestellt und
erlebt, sondern sie wird auch - wie immer man im Einzelfall dazu stehen
mag - dazu eingesetzt, Gerechtigkeit, Sicherheit und Freiheit von Angst
wiederherzustellen, dem Recht und der Freiheit Geltung zu verschaffen.
Der Gewaltexzess vor Troja einigte die Griechen und verschaffte ihnen
eine kulturelle Identität, ein Wir-Gefühl, auf dem sich die klassische
griechische Kultur aufbauen ließ.

Gewalt also als Gründungsmythos der abendländischen Kultur, man könnte
sogar sagen als Kitt, der überhaupt erst eine bestimmte Gesellschaft
mit einer von anderen abgegrenzten Identität entstehen ließ. Diese
Möglichkeit, Gewalt zu verstehen, arbeitete der Tübinger
Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer (2004) heraus. Gewalt ist
daher in unserem Erleben womöglich noch schillernder als alle anderen
psychischen Phänomene, die uns beschäftigen. Die Beschäftigung der
Menschen mit Gewalt ist ebenso allgegenwärtig wie ihre
Auseinandersetzung mit der Frage nach Gut und Böse und nach Leben und
Tod. Gewalt ist nicht nur in ihren realen Erscheinungsformen - Mord und
Totschlag, Gewaltkriminalität, Krieg, Terrorismus, Folter, Staatsterror,
Todesstrafe, Verfolgung bis hin zur rechtsstaatlich abgesicherten
Bekämpfung der Gewalt mit Gewaltmitteln und Naturgewalten - eines der
zentralen, wenn nicht das zentrale Thema in allen Medien, in Literatur,
Film und Unterhaltungsindustrie. Gewalt ist auch etwas, was uns in
unserem Fanta sie leben ständig beschäftigt, ebenso fasziniert wie
beunruhigt und erschreckt. Bewusst lehnt die Mehrzahl der Menschen
Gewalt ab und verknüpft sie mit Abscheu und Ekel. Dennoch konsumieren
wir gerne Kriminalromane oder Krimis im Fernsehen, Actionthriller oder
Psychothriller, und wir sehen Nachrichten, die von Gewaltereignissen nur
so strotzen. Nicht wenige lesen als erstes in der Tageszeitung die
Berichte über Verbrechen. Viele von uns sehen gerne   Boxkämpfe,
Autorennen oder Fußballspiele, bei denen uns ab gemilderte, sublimierte
Formen der Gewalt unterhalten sollen.

Gerne distanzieren wir uns allerdings von Gewalt und schieben sie
anderen zu. Nicht wir sind es, die die böse Tat begehen, um unsere
Interessen durchzusetzen, sondern die anderen sind die Bösen. Nicht wir
neigen zu Gewalt, sondern die anderen, und wir müssen uns schließlich
zur Wehr setzen. Die Bernwardstüre im Hildesheimer Dom, eine romanische
Bronzetüre von 1015, zeigt eindrücklich diesen Mechanismus der
Projektion anhand der Verurteilung Adams und Evas durch Gott. Nachdem
Eva durch die Schlange verführt wurde und Adam und Eva den Apfel vom
Baum der Erkenntnis gegessen haben, zeigt Gott mit seinem Finger
vorwurfsvoll auf Adam. Der wiederum hält sich mit der linken Hand ein
Feigenblatt vor die Scham und zeigt unter seinem Arm hindurch mit der
rechten Hand auf Eva, die sich ebenfalls ein Feigenblatt vor die Scham
hält und mit dem Finger auf die Schlange zeigt. Auf diese Weise
entlasten wir uns durch Projektion der bösen Tat und der bösen Gedanken
auf die anderen. Die Jugendlichen sind es, die Gewalttaten ausüben, die
arabischen Terroristen oder der gewaltgeneigte frühere amerikanische
Präsident Bush, wir haben jedoch keine Affinität zur Gewalt.

Es bleibt also festzuhalten: Unsere Kultur und alle uns bekannten
Kulturen hatten und haben sich mit dieser menschlichen Grundproblematik
der Gewalt auseinanderzusetzen. Aggression und ihr Ausfluss, die Gewalt,
scheinen zur Grundausstattung des Menschen zu gehören. Kultur hat also
die Aufgabe, denkbare Lösungen für dieses beunruhigende Phänomen, das
die menschliche Entwicklung ebenso wie das gesellschaftliche
Zusammenleben kennzeichnet, zu entwickeln (Günter 2008).

Gewalt verstehe ich dem heutigen Sprachgebrauch entsprechend in ihrer
negativen Bedeutung als die unrechtmäßige Ausübung von psychischem oder
physischem Zwang auf Menschen. Durch Gewalt werden andere Menschen
vorsätzlich geschädigt und in ihren Rechten beeinträchtigt. An diesen
Gewaltbegriff angelehnt ist auch der Begriff der strukturellen Gewalt,
bei der gesellschaftliche und institutionelle (Herrschafts-)Strukturen
dazu führen, dass Menschen in ihrer Entwicklung und der Verwirklichung
ihrer legitimen Rechte eingeschränkt werden. Derartige Gewaltstrukturen
verwirklichen sich ebenfalls durch menschliches Handeln, wobei jedoch
die gesellschaftlich-institutionell-ideologische Einbindung des
Gewaltausübenden gegenüber seiner individuellen Motivation zur Gewalt in
den Vordergrund tritt.

Der Begriff der Aggression unterstreicht die subjektive Seite von
Gewalt. Er bezeichnet ein affektbedingtes Angriffsverhalten, betont also
die emotionalen Reaktionen und das Verhalten des betreffenden Menschen.
Destruktivität bezeichnet in dem Zusammenhang zerstörerische
Aspekte aggressiven menschlichen Verhaltens. Sie kann sich bis zur Lust
an der Zerstörung steigern.

In der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion stehen sich im
Kern zwei Positionen gegenüber: Die einen sehen Aggressivität und
Destruktivität als eine menschliche Grundeigenschaft. Die Argumente
dafür stammen aus unterschiedlichen Disziplinen, können biologisch,
ethologisch, ethisch, philosophisch oder religiös hinterlegt sein.
Berühmt geworden ist Thomas Hobbes (1588 - 1679) durch seine Überzeugung
'Homo homini lupus' (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf), auf dieser
Erkenntnis begründete er seine Staatslehre. Die Gegenposition sieht
menschliche Destruktivität vor allem als Reaktion auf Traumatisierungen,
in der klassischen Formulierung als Frustrationsaggressionshypothese
der Yale-Schule oder aktuell im Zuge der Diskussionen über die Rolle
traumatischen Erlebens für die Entwicklung aggressiver
Handlungsbereitschaften. Ich selbst halte prinzipiell beide Positionen
für richtig. Dabei gehe ich davon aus, dass uns Menschen ein aggressives
Potential zu eigen ist. Dieses aggressive Potential ist für unsere
Entwicklung notwendig. Bei einer günstigen Entwicklung kann es
konstruktiv eingesetzt bzw. in seinen destruktiven Aspekten weitgehend
in der Fantasie gehalten werden. Bei Traumatisierungen kann es zu einem
Rückgriff auf primitive aggressive Funktionsmuster kommen.

Gewalt beginnt im Kopf. Unsere Fantasien, unsere Mythen, unsere
Erzählungen, die von Gewalt handeln, eröffnen aber ebenso wie die
Bilder, die uns mit Gewalt zu beeindrucken vermögen, auch die
Möglichkeit, Gewalt sozial verträglich zu machen. Ihre Darstellung kann
auch als Versuch verstanden werden, sich über dieses zutiefst
beunruhigende Thema in einer Gesellschaft zu verständigen. Nicht immer
allerdings wird das Ergebnis günstig sein, sondern es ist davon
auszugehen, dass jede Beschäftigung mit Gewalt zwiespältige Gefühle und
Reaktionen erzeugt. Die Auseinandersetzung mit Gewalt wird uns daher
auch in diesem Buch mit den Ambivalenzen unseres Gefühlslebens
konfrontieren. Sie wird uns bewusst machen, in welchem Ausmaß wir die
Möglichkeit zur Gewalt in uns tragen. Ein weiteres Anliegen dieses
Buches ist es, Wege aufzuzeigen, mit Hilfe derer das Umsetzen von Gewalt
in Handlungen wirksam zu begrenzen ist.

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