Bonaparte

1769-1802
 
 
Suhrkamp Verlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 9. Oktober 2017
  • |
  • 1296 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-518-75208-1 (ISBN)
 

An Biographien über Napoléon herrscht kein Mangel. Die neue umfangreiche Schilderung seines Lebens von Patrice Gueniffey unterscheidet sich fundamental von den bisherigen Darstellungen.

Sie rückt Bonaparte in den Zusammenhang der Moderne. Für Gueniffey ist diese historische Gestalt beispielhaft für die Neuzeit: Er repräsentiert jenen Typus, der seiner Meinung nach selbst die widrigsten Umstände bezwingen kann, vorausgesetzt, er hat die entsprechende Begabung, Energie und Tatkraft. Diese Vorstellung des modernen Menschen ist, wie diese Biographie für Bonaparte belegt, mit den historischen Gegebenheiten nicht vereinbar: Sie deckt hinter den Intention von Bonaparte die Selbstlogik unabhängiger Prozesse wie die Initiierung solcher angeblich historischen Abläufe die Spuren subjektiven Handelns auf.

Bonaparte zeigte sich in relativ kurzer Zeit in vielen, voneinander abweichenden, Rollen: er war unter anderem korsischer Patriot, (während der Französischen Revolution) Verfechter des Jakobinismus, Thermidorianer, ein "Feldherr", er war Diplomat, Schöpfer eines neuen Rechts, republikanischer Diktator, Begründer einer Erbmonarchie: Die vorliegende Biographie widmet sich in aller Ausführlichkeit und Genauigkeit diesen Positionen: von der des jungen Napoléon bis zur Selbstermächtigung als Konsul auf Lebenszeit im Jahre 1802. Damit macht Patrice Gueniffey, verständlich, unterhaltsam, anhand neuer Forschungsergebnisse und überraschender Einblicke und Synthesen, nachvollziehbar, warum Bonaparte zu Napoléon wurde.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 10,59 MB
978-3-518-75208-1 (9783518752081)
3518752081 (3518752081)
weitere Ausgaben werden ermittelt
<p>Patrice Gueniffey ist Historiker und arbeitet am Pariser L’École des Hautes Études en Sciences Sociales.</p>


Einführung


An jenem Tag im Jahr 1816 sprach Napoleon lange mit Las Cases über die Politik Englands und seine Heirat mit Marie-Louise. Plötzlich verstummte er und, als hätte er die Anwesenheit seines Gesprächspartners vergessen, stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte: »Was für ein Roman doch mein Leben ist!«[1]1 Ein berühmter, oft zitierter Satz - und sehr zutreffend. Doch so romanhaft Napoleons Leben auch war, es scheint sich noch mehr für die Musik zu eignen. Als der Autor von Clockwork Orange, Anthony Burgess, einen Roman über Napoleon zu schreiben beschloss, gab er ihm den Titel Napoleonsymphonie2 und teilte den Roman sogar entsprechend den Sätzen jener Sinfonie auf, die Beethoven Buonaparte genannt hatte, bevor er sie später nach langem Zögern in Sinfonia eroica per festeggiare il sovvenire di un gran Uomo umbenannte.3 Die Spielanweisung zu Beginn des ersten Satzes gibt das Tempo dieses außergewöhnlichen Schicksals vor: Allegro con brio.

Manch einer wundert sich über die Vielzahl - das ist noch euphemistisch ausgedrückt - von Werken über Napoleon: Es sind mehrere Zehntausend, und die Liste wird jeden Tag länger. Doch man sollte sich eher über diese Verwunderung wundern, denn nie gab es in so kurzer Zeit eine solche Fülle unerhörter Ereignisse, gigantischer Umwälzungen und gewaltiger Erschütterungen, und vielleicht wird es dies auch nie wieder geben. Nur ein Vierteljahrhundert trennt den Beginn der Französischen Revolution - durch die Napoleon möglich und vielleicht sogar notwendig wurde, wie Nietzsche sagte4 - vom Ende des Kaiserreichs. Vom Zusammentreten der Generalstände bis zur Abdankung des Kaisers schreitet die Geschichte nicht voran, sie rennt. Napoleon durchquert sie wie ein Meteor: Zwischen seinem ersten Auftritt 1793 und dem 18. Brumaire liegen nur sechs Jahre, drei zwischen der Eroberung der Macht und der Proklamation des Konsulats auf Lebenszeit, zwei zwischen dieser und dem Beginn des Kaiserreichs.

Jacques Bainville schreibt:

Knapp zehn Jahre später kehrt Ludwig XVIII. zurück. [.] Zehn Jahre, und dabei sind kaum zehn Jahre verstrichen, seit er aus der Dunkelheit auftauchte, nicht mehr als zehn Jahre, und schon ist alles zu Ende! [.] Mit fünfundzwanzig Jahren noch ein kleiner Offizier, ist er mit fünfunddreißig wie durch ein Wunder Kaiser geworden. Die Zeit packt ihn an den Schultern und schiebt ihn vor sich her. Doch seine Tage sind gezählt. Schnell wie im Traum schwinden sie dahin, ausgefüllte Tage, fast ohne Ruhepausen, gleichsam begierig, rascher bei der Katastrophe anzulangen, und so voller grandioser Ereignisse, dass die eigentlich nur kurze Herrschaft ein Jahrhundert gedauert zu haben scheint.5

In dieser kurzen Zeitspanne hat Napoleon alle Rollen gespielt: die eines korsischen Patrioten, eines jakobinischen Revolutionärs (aber nicht allzu sehr), eines gemäßigten Republikaners (nicht lange), eines Thermidorianers (zugleich verteidigte er die Erinnerung an Robespierre), die Rolle eines Eroberers, Diplomaten, Gesetzgebers, »Held, Imperator, Mäzen«,6 eines republikanischen Diktators, Erbsouveräns, Königsmachers und -stürzers und 1815 sogar die eines konstitutionellen Monarchen (sofern man die während der Hundert Tage geschaffenen Institutionen ernst nimmt). Es liegt etwas Taschenspielerisches, auch Fregolihaftes darin. Je nach den Umständen wechselte er nicht nur die Rolle und das Kostüm, sondern auch den Namen, ja das Aussehen. Zunächst hatte er einen merkwürdigen Vornamen, dessen Schreibung und Aussprache zumindest unsicher waren: Nabulion, Napolione, Napoléon, Napulion? Wie auch immer, er entschied sich bald für seinen Familiennamen, den er von Buonaparte zu Bonaparte französisierte. In Italien behaupteten manche, dieser Name sei so wenig authentisch wie sein seltsamer Vorname. Er mochte sich Cousins aus San Gimignano erfinden, seine Höflinge mochten sich phantastische Stammbäume für ihn ausdenken, die Skeptiker behaupteten steif und fest, seine Vorfahren hätten nicht Buonaparte, sondern Malaparte geheißen. Zum Beweis führten sie seine Geschichte an: Mala-parte sei er sehr oft, Buona-parte höchst selten gewesen. Fabeln, gewiss, doch sie inspirierten viel später den jungen Curzio Suckert dazu, sich Malaparte zu nennen, vielleicht auf den Rat Pirandellos, der Interesse an sich überkreuzenden Biographien und Namen hatte.7 1804 wurde der zum Kaiser gekrönte Bonaparte wieder zu Napoleon. Da dieser Vorname nun den Begründer einer Dynastie bezeichnete - schließlich nannte man die Könige und Fürsten, die er schuf, »Napoleoniden« -, musste man ihm etwas von seiner Merkwürdigkeit nehmen. In Rom, wo man es sich nicht mit dem Vater des Konkordats verderben wollte, durchforstete man die Märtyrerlegenden, und da kein heiliger Napoleon zu finden war, stöberte man einen heiligen Neopolis oder Neapolis auf, dessen Existenz kaum weniger zweifelhaft war, doch der das Problem lösen konnte: War »Neapolis« nicht nah an »Napoleo« und »Napoleo« nicht nah an Napoleon? So erhielt der Kaiser einen Namenstag, der auf den 15. August festgelegt wurde. Es ist sein Geburtstag - und Mariä Himmelfahrt.8 Änderte Joséphine, die ihn immer Bonaparte genannt hatte, nun ihre Gewohnheit? Er jedenfalls unterzeichnete seine Briefe seither mit Np, Nap, Napo, Napole .

Michel Covin hat ein faszinierendes Werk9 über die Veränderungen seines Aussehens verfasst. Er erinnert an einen Satz von Bourrienne, Napoleons Sekretär: »Es gibt kein wirklich ähnliches Porträt des großen Mannes.« Das ist sicher fast generell bei Porträts der Fall. Einige sind nur etwas ähnlicher als andere; sie erfassen besser, was der Maler Antoine-Jean Gros »den Charakter der Physiognomie«10 nannte. Keines gibt das Gesicht Napoleons genau wieder. Ein auf die Darstellungen des Kaisers spezialisierter Historiker bemerkte das schon vor langer Zeit: »Die meisten Porträts von Bonaparte [später Napoleon] sind dem Mann mit den geheimnisvollen Gesichtszügen sehr unähnlich.«11 Die Fülle von Bildnissen ist daran nicht ganz unschuldig: Allein die Kupferstichsammlung der Bibliothèque Nationale in Paris besitzt mehr als fünftausend.12 So verschwimmen die Züge des Kaisers ein wenig, auch wenn man ihn stets auf den ersten Blick erkennt. Der konventionelle Charakter der meisten Porträts macht die Sache nicht besser. Die Kunst - Malerei wie Skulptur - machte sich schnell einen »Regierungsstil« zu eigen, der sich mehr darum bemühte, das Amt darzustellen als den Mann, der es ausübte.13 Sollte man deshalb den Werken seiner Zeit die späteren Darstellungen vorziehen, wie Michel Covin empfiehlt? Zugegeben, die großen Gemälde von Gérard, Isabey, David oder Ingres, die Bonaparte als Ersten Konsul oder Napoleon als Kaiser darstellen, können uns kaum die Begeisterung Hegels begreiflich machen, der, unter die Menge gemischt, »die Seele der Welt« an sich vorbeiziehen sah, oder die Goethes, der das Privileg eines Gespräches genoss. Also Delaroche statt David, Philippoteaux statt Ingres? Soll man glauben, dass in den Werken reiner Phantasie mehr Wahrheit liegt? Michel Covin hält viel von dem düsteren Porträt Saint Helena, The Last Phase, das James Sant Anfang des 20. Jahrhunderts malte. Was weiß man über das Aussehen Napoleons in seinem letzten Exil? Er hatte sich sehr verändert und zugenommen, er rasierte sich nicht mehr, Montholons Frau erwähnt sogar den »langen Bart«, mit dem er nicht wiederzuerkennen sei. Ganz anders als die frommen Bilder des Gefangenen auf Sankt Helena, der einen Hut trägt und über das traurige Schicksal des Sklaven Toby sinniert, stellt Sant ihn dar, wie es ihm die Lektüre der Berichte aus der Gefangenschaft nahelegt: ernst, traurig, niedergeschlagen, physisch und moralisch erschöpft. Obwohl es sich auf keine überprüfbaren Fakten stützt, ist das Porträt plausibel, ja wahrscheinlich. Wäre eine Photographie aussagekräftiger gewesen? Das ist ungewiss. Es gibt mehrere. Man sieht darauf einen Mann, der nicht Napoleon ist, sondern sein Bruder Jérôme, aufgenommen während des Zweiten Kaiserreichs kurz vor dessen Tod.14 Diese Daguerreotypien faszinierten Roland Barthes: »Ich sehe die Augen, die den Kaiser gesehen haben«, meinte er, als er sie...

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