Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte

Ein Familienroman
 
 
Penguin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Februar 2017
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-20049-7 (ISBN)
 
Schwäbisch Gmünd, 1987. In der Trattoria »Zum Krug« rufen die Gäste nach Weizenbier und Calzone. Tiziana, die Wirtin, ist im siebten Monat schwanger. Da passiert es: Papa Renzo kann gerade noch eine Tischdecke unter seine Frau schieben, und schon ist Jessica auf der Welt. Kaum geboren, gehört sie zur Einrichtung, und eine Zufallsgemeinschaft aus gemütlich-dicken Hausfrauen, Thekenleichen und warmherzigen Ami-Nutten wird ihre große Familie. Sie alle sind dabei, als Jessica laufen lernt, den ersten Kuss bekommt, wie sie Pesto mit Sahne kocht, so wie es die Deutschen mögen - und wie sie immer wieder darüber staunt, welch irrwitzige Wendungen das Glück im Leben so nimmt.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Penguin
  • 0,81 MB
978-3-641-20049-7 (9783641200497)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jessica Guaia, 1988 geboren, wuchs als Kind eines Sizilianers und einer Kroatin mit drei Muttersprachen in einem italienischen Restaurant in Schwäbisch Gmünd auf. Sie arbeitete als freie Journalistin bei der Gmünder Tagespost und machte eine Ausbildung zur Wirtschaftsassistentin, bevor sie Kulturwissenschaften sowie Bildende und Angewandte Kunst in Hildesheim und Thessaloniki studierte. 2016 schloss sie den Masterstudiengang Literarisches Schreiben ab. "Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte" ist ihr erster Roman.

I

Über die Entstehung einer Liebe,
einer Stadt, eines Restaurants und wie die Raketen
in die schwäbischen Vorgärten kamen

Geboren wurde ich also in einem Gasthaus. In Schwäbisch Gmünd, einer Stadt im Osten Baden-Württembergs. Auch im Osten: die Landeshauptstadt Stuttgart. Sie ist fünfzig Kilometer weit weg. Schwäbisch Gmünd ist sowohl einwohner- als auch flächenmäßig die größte Stadt im Remstal. Sie erstreckt sich über eine Fläche von 113,78 Quadratmetern. Am 27. Mai 1987 lebten 56?754 Menschen in Gmünd. Das ist den Gmündern wahrscheinlich nicht bewusst. Denn sie benehmen sich, als wohnten sie in einem Dorf. Sie kennen sich untereinander und sprechen miteinander und übereinander. Es gibt Schützenfeste und Knabenchöre, Jahrgangsfeste mit Rosen und Zylindern, und die Zeitungen schreiben über Auftritte von Kindergärten. Der Mittelpunkt Schwäbisch Gmünds ist der Marktplatz. Mein Mittelpunkt ist einige Meter vom Marktplatz entfernt. Links vom rosa Rathaus kommt man in eine kleine Gasse, die erst eine Linksbiegung und dann eine Rechtsbiegung macht. Die Ochsenbacher Gasse. Sie heißt so, weil die Ochsen, bevor sie verkauft wurden, schön aussehen mussten. Deshalb wuschen die Bauern sie im Bach und machten ihnen Zöpfchen. Mutter meint, der Name komme von einem Geschlecht, das im Mittelalter in Gmünd residierte. Die Herren von Ochsenbach. Jedenfalls wäscht heute hier niemand mehr Ochsen. Auch kein Geld. Nur noch Teller. In der Ochsenbacher Gasse steht die Trattoria Zum Krug. Es ist ein Fachwerkhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert. Es sieht aus wie jedes andere deutsche Gasthaus. Wie Zum Lamm. Oder Zur Krone. Nur riecht es nicht wie jedes andere deutsche Gasthaus. Es riecht ein wenig scharf: nach Basilikum. Und ein wenig sauer: nach Zitrone. Auch ein wenig süß: nach Pfirsich. Und eklig: nach Zigaretten. Und der Koch, Renzo Spada, mein Vater, spricht auch nicht wie jeder andere deutsche Koch. Er sagt zum Hubschrauber Flugschraube und zu mir Papa. Ich bin Papa, und er ist mein Papa. Die Haare von meinem Papa sind ein Helm. Kein Härchen steht ab. Wie in Stein gemeißelt sehen seine schwarzen Locken aus. Er hält sich auch für einen David. Nur das Bäuchlein passt nicht.

Mutter dagegen, die Wirtin Tiziana Spada, denkt nicht, dass sie die Venus sei. Obwohl sie ihr ähnlicher sieht als Vater dem David. Sie steht mit beiden Stöckelschuhen fest auf dem Boden. Der Gastraum wäre fremd ohne ihre Schritte auf den Fliesen. Die sind so rhythmisch. Schnell, aber nie gehetzt. Mutter lacht viel. Ich weiß nicht, warum, denn sie versteht keine Witze. Und sie ist auch nicht wie jede andere deutsche Wirtin. Was daran liegt, dass sie Italienerin ist.

Ich bin also auch Italienerin. Das steht in meinem Pass. Cittadinanza: Italiana. Nome: Jessica. Cognome: Spada. Dort hätte allerdings auch gar nichts stehen können, wenn Vater nicht mit sechzehn Jahren alleine nach Deutschland gekommen wäre, um sich ein Mofa zu kaufen. Vielleicht sollten wir also besser vor meiner Geburt mit der Geschichte beginnen.

In Italien erzählte man sich, dass die Gastarbeiter in Deutschland alle ein Mofa bekämen. Auch Vater kennt das Foto des Zimmermanns mit breitkrempigem Hut, Dreitagebart und seinem Mofa. Vater will es gar nicht geschenkt bekommen, er will es sich leisten können. Mutter sagt, dass das nicht der wahre Grund war. Ein Mofa, wie lächerlich. Sie meint, Vater hatte Hunger. Ich kann mir das gut vorstellen. Vater hat immer Hunger.

Als Vater also in Deutschland ist, merkt er, dass das nichts wird mit dem Gastarbeiter-Sein. Denn die Deutschen wollen nur Fachkräfte. Vater hat aber die neunte Klasse ohne Abschluss verlassen. So kommt er nicht weiter als zu den selbstständigen Italienern. Sie geben ihm Aushilfsjobs als Lackierer, Automechaniker, Pizzabäcker. Mit dreiundzwanzig Jahren kann er sich immer noch kein Mofa leisten. Eines Tages sitzt er auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer, schaut sich um und denkt, so erzählt er: »Wenn man hier . Nein, dumme Idee, aber wenn man hier eine Wand einschlägt, könnte eine Küche - und hier . Kein Geld für Stühle. Holz!«

Am nächsten Tag steht er auf und kündigt bei der Pizzeria Mamma Rosa, wo er als Pizzabäcker arbeitet. Die Pizzeria gehört seinem Cousin dritten Grades. Dieser sagte ihm auch, dass er nach Schwäbisch Gmünd ziehen solle. Eine Stadt voller Mofas. Voller Arbeit. Vater schlägt die Wand seines Bades ein, die nächsten Wochen sägt er Stehtische, schleift sie, baut sie zusammen und lackiert sie bei seinem alten Chef schwarz. Er kauft Hochstühle, die er mit gelbem Leder bezieht. Er schläft auf einer Plastikplane und träumt von den USA. Vor einem Jahr war er dort gewesen. Weil der Cousin dritten Grades aus der Pizzeria Mamma Rosa einen Bruder hat, der in New York auch eine Pizzeria Mamma Rosa besitzt und einen Pizzabäcker brauchte. Drei Monate lang machte Vater genau die gleiche Arbeit wie in Deutschland. Aber an seinem freien Tag sah er die Columbia bei ihrem Start. Mit so viel Getöse, mit großen Rauchschwaden und Feuer unterm Hintern würde Vater auch gerne abheben wollen. Als er in Deutschland dann auf seiner Plastikplane aufwacht, macht er aus Gips einen Columbia-Abdruck. Diesen hängt er an die freie Wand. Am 5. Mai 1983 ist die Eröffnung seines Imbisses.

So entstand das Columbia.

Währenddessen studiert Mutter klassische Archäologie in Tübingen. Sie ist aber nur drei Mal die Woche dort. Sie pendelt. Ausziehen wollte sie nicht, das ist bei Italienern nicht üblich. Obwohl Mutter sonst immer alles anders macht als üblich, stört sie sich nicht daran. Ihre Eltern müssen sowieso den ganzen Tag arbeiten. Und abends ist ihr Vater mit Bonanza-Schauen beschäftigt und die Mutter mit Vorkochen. Was sie aber stört, so sehr stört, dass eine Vene auf ihrer Stirn sichtbar wird: die Pershing.

Es ist der 25. November 1983. Nachts treffen die ersten Pershing-II-Raketenteile auf acht Sattelschleppern im Depot Mutlangen ein. Am 29. November um 3 Uhr 30 werden auf zwölf Sattelschleppern die restlichen Teile geliefert. Seit 1951 sind die amerikanischen Soldaten in Schwäbisch Gmünd. Jetzt werden sie noch länger in Gmünd bleiben. Die Gmünder bauten Baracken weit von der Stadt entfernt für die Soldaten. Doch trotzdem müssen sie sie immer sehen. Und besonders hören. Jeden Morgen bleiben einige Gmünder vor den Kasernen stehen und sehen den Amerikanern zu. Die Kinder schauen besonders aufmerksam. Manchmal winkt auch ein Soldat zurück. An drei Plätzen in Gmünd trainieren die Soldaten morgens. Sie tragen kanariengelbe Jogginganzüge und laufen immer zu zweit hintereinander her. Dazu singen sie in Reimen. »Your left, right, your left-right, left, right, you're 56th Field Artillery Command, you're outta sight! Your one, two, your three-four, what are you looking at me for?« Manche bekommen kaum Luft. Deshalb müssen sie auch dieses Training machen. Die Army-Führung ärgert sich über die nachlassende Kondition ihrer GIs. Denn einige GIs laufen weit hinter den anderen in Zeitlupe und versuchen vergeblich mitzuhalten.

Mutter demonstriert in einer hundertacht Kilometer langen Menschenkette händchenhaltend mit ihrem Professor für Assyriologie und Hethitologie. Nicht gegen die Soldaten ohne Kondition, sondern gegen die Pershing. Sie demonstriert mit Heinrich Böll und Günter Grass. Bis sie heiser ist, ruft sie: »Petting statt Pershing« und »Unser Mut wird langen, nicht nur in Mutlangen«. Sie ist neunzehn Jahre alt. Ihre Eltern wollen nicht mehr für ihr Studium zahlen, wenn sie den ganzen Tag demonstriert, statt zu lernen, obwohl Mutter ihre Bücher auf der Wiese der Mutlanger Heide liest. Deshalb arbeitet Mutter als Kellnerin im Columbia.

Sie verliebt sich in ihren Chef. In Vater. Weil er so quer, so anders ist, so gegen den Strom schwimmend. Auch wenn es nur im Kleinen ist. Zum Beispiel isst er die Käserinde mit, obwohl auf der Packung steht: »Nicht zum Verzehr geeignet« - der Alltagsrebell. Mutter stach, wie sie stolz erzählt, eine Nebenbuhlerin aus, die aber, wie Vater stets betont, nie eine Konkurrenz gewesen sei. Die Nebenbuhlerin arbeitete auch als Kellnerin im Columbia. Sie hatte riesige Wimpern. Aber Mutter hatte längere. Erzählt mein Vater die Geschichte, blinzelt er hundert Mal in dreißig Sekunden, bis er aussieht, als wäre ihm schwindlig. So versetzt er sich, sagt er, künstlich in die Situation zurück, als er das erste Mal meine Mutter sah.

Das Columbia ist klein. Es haben zwanzig Menschen darin Platz. Wenn man sehr quetscht, vierzig. Vor dem Imbiss steht eine Traube.

»Ihr müsst Schlange sein«, sagt Vater, der von der Küche aus den Andrang sieht, »wir sind hier doch in Deutschland.« Und obwohl wir das sind, spricht Vater nur schlecht Deutsch. Deshalb spricht er mit Mutter nur Italienisch, obwohl sie lieber Deutsch sprechen würde. »What is he sayin'?«, fragt einer, und »English please.«

»Si, si, Zuppa inglese«, sagt Vater.

»I thought you are an Italian American, because of the Columbia«, sagt ein anderer.

»Si, si, Americano«, sagt Vater.

»Stay in line please«, sagt Mutter, und: »Coke and Margherita. Next!« Sie steht an der Kasse, und bei jeder Pizza, die sie in Bestellung gibt, nennt Vater eine Zahl: Tausendvierhundertfünfundfünfzig. Tausendfünfhundert. Tausendfünfhundertzwanzig. Bei zweitausend Mark kommt er aus der Küche raus und streckt die Arme in die Luft und sagt: »Vi amo.« Mutter sagt, er soll es nicht übertreiben, aber er fängt schon an zu singen: »God bless America, land that I love.« Weil er nicht weiß, wie es weitergeht, singt er nur »Nanana«. Die Soldaten schauen...

»Detailliert und humorvoll lässt sie ihre Kindheit in der Trattoria der Eltern vor den Augen der Leser wieder auferstehen. Mit viel Situationskomik, Herz und Charme.«
 
»Ein junger Stern am Literaturhimmel.«
 
»Frisch im Geschmack, mit expressiven Aromen, charmant im Abgang. Wie ein guter Chianti. Und mit einer genre-untypischen Finesse.«
 
»Eine Mischung aus Schwäbisch-Italienischem: Ramazzotti trifft Weizenbier, gesetzlich geregelte Urlaubstage treffen >la dolce vita<, >I mog di< trifft >amore<.«

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen